Audio-Gottesdienst: Sonntag, 26. April 2020

„Verzicht bedeutet Leben“ (1 Petr 2,21-25)

Audio-Gottesdienst zum Sonntag Misericordias Domini, 26. April 2020
von Pfrin. Dr. Judith Winkelmann
Musik:
Johannes Blomenkamp – Orgel
Kantoreiquartett
Sprecherin:
Judith Winkelmann
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Glockengeläut
J. S. Bach: Jesu bleibet meine Freude, aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“
Begrüßung
Lied EG 116, 1-3 „Er ist erstanden“

1. Er ist erstanden, Halleluja!
Freud euch und singet, Halleluja!
Denn unser Heiland hat triumphiert,
all seine Feind gefangen er führt.

Kehrvers:
Lasst uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!

2. Er war begraben drei Tage lang.
Ihm sei auf ewig Lob, Preis und Dank;
denn die Gewalt des Tods ist zerstört;
selig ist, wer zu Jesus gehört.

Kehrvers

3. Der Engel sagte: „Fürchtet euch nicht!
Ihr suchet Jesus, hier ist er nicht.
Sehet, das Grab ist leer, wo er lag:
er ist erstanden, wie er gesagt.“

Kehrvers

Psalm 23
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Gebet
Lied EG 115, 1+2+5 „Jesus lebt, mit ihm auch ich“

1. Jesus lebt, mit ihm auch ich!
Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Er, er lebt und wird auch mich
von den Toten auferwecken.
Er verklärt mich in sein Licht;
dies ist meine Zuversicht.

2. Jesus lebt! Ihm ist das Reich
über alle Welt gegeben;
mit ihm werd auch ich zugleich
ewige herrschen, ewig leben.
Gott erfüllt, was er verspricht;
dies ist meine Zuversicht.

5. Jesus lebt! Ich bin gewiss,
nichts soll mich von Jesus scheiden,
keine Macht der Finsternis,
keine Herrlichkeit, kein Leiden.
Seine Treue wanket nicht;
dies ist meine Zuversicht.

Predigt zu 1 Petr 2, 21-25

Liebe Gemeinde,

welche Hirten brauchen wir derzeit?

Welche Hirten leiten uns gut durch die Coronakrise?

Da gibt es die ganz Unbeschwerten. Eine Corona-Erkrankung ist für sie nicht weiter als eine kleine Grippe, nicht der Rede wert, um dadurch eine ganze Nation zum Stillstand zu bringen. Wirtschaftliche Interessen haben Vorrang. Prävention, Vorsorge gilt ihnen als Zei-chen der Schwäche.

Dann gibt es solche, die uns schon mitten im Krieg wähnen. Wir kämpfen gegen einen unsichtbaren Feind. Verbal wird hochgerüstet, Maßnahmen drastisch verschärft, die Polizei durch das Militär ergänzt. Sie appellieren nicht an unsere Vernunft, sondern an unsere Angst. Doch Angst war noch nie ein guter Ratgeber.

Aber es gibt auch die Besonnenen. Das sind all jene, die weder dramatisieren noch verharmlosen. Das sind all die, die keinen Sünden-bock suchen für die Ursachen, sondern mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Sie anerkennen, wie verletzbar wir sind, als Menschen, als Gesellschaft. In der Anerkennung dieser Schwäche zeigt sich die eigentliche Stärke. Denn wir haben gute Zahlen in Deutsch-land. Der Reproduktionsfaktor sinkt, die Verdoppelungsrate steigt, die Todeszahlen sind im Verhältnis gering.

Ja, es hat sich als gut erwiesen, dass wir unsere Verletzlichkeit anerkannt haben, dass wir uns zurückgenommen, auf Kontakte verzichtet haben. Verzichtet haben, obwohl wir gesund sind, obwohl wir eine wirtschaftlich florierende Nation sind, obwohl wir ein gutes Gesund-heitssystem haben. Obwohl ...

Unser christlicher Glaube kennt für dieses „obwohl“ ein Bild. Es ist das Bild des ungerecht leidenden Christus. Ich habe Ihnen ein solches Bild mitgebracht. Als mein Mann und ich am Ostersonntag mit dem Motorrad durch den Südschwarzwald gefahren sind, haben wir entdeckt. Es zeigt den leidenden Christus. Dieses Leiden wird her-vorgehoben durch die Marterwerkzeuge: den Kelch, den er trinken musste, den Stab mit dem Schwamm aus Essig, die Würfel, mit denen die Soldaten um seinen Rock gelost haben, die Geißel, mit der er ausgepeitscht worden ist, Hammer, Zange, Leiter, Seile, um ihn ans Kreuz zu schlagen und die Lanze, mit der in seine Seite gestoßen wurde.

In all dem zeigt sich bildlich, was der Verfasser des ersten Petrusbriefes in Kap. 2 in Worte fasst:

Dazu hat er euch nämlich berufen.
Denn auch Christus hat für euch gelitten.
Er hat euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr ihm in seiner Fußspur nachfolgt.
Er hat keine Schuld auf sich geladen
und aus seinem Mund kam nie ein unwahres Wort.
Wenn er beschimpft wurde,
gab er es nicht zurück.
Wenn er litt,
drohte er nicht mit Vergeltung,
sondern er übergab seine Sache dem gerechten Richter.
Er selbst hat unsere Sünde
mit seinem eigenen Leibe hinaufgetragen an das Holz.
Dadurch sind wir für die Sünde tot
und können für die Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt.
Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten.
Aber jetzt sei ihr zu Eurem Hirten und Beschützer zurückgekehrt.

Johann Pachelbel: Der Herr ist mein getreuer Hirt

Der Verfasser des Petrusbriefes sieht auf den leidenden Christus. Verzicht ist sein Markenzeichen. Verzicht auf Vergeltung, Verzicht auf die Suche nach einem Schuldigen, Verzicht auf ein eigenes Urteil. Dabei hätte er allen Grund gehabt, sich zu wehren, hatte er sich doch nichts, aber auch gar nichts zu Schulden kommen lassen.

Als der Autor diesen Text geschrieben hat, hatte er die Sklaven im Blick. Sklaven, die ungerecht leiden. Er hatte die Christen im Blick, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt und drangsaliert wurden. Mit all dem will er sagen: Ja, es gibt Situationen, in denen wir ungerecht leiden. Viele empfinden auch die Corona-Pandemie wie ein unge-rechtes Leiden. Ich soll verzichten, ohne dass ich etwas verbrochen habe. Ich soll verzichten, ohne dass ich zur Risikogruppe gehöre. Stumm, in mich gekehrt habe ich hinzunehmen, was ich nicht ändern kann.

Ich möchte diesem Gefühl der Ohnmacht etwas entgegensetzen. Ich glaube, dass wir in der Pandemie im österlichen Sinne neu werden. Denn wir lernen, dass Verzicht stark macht. Verzicht bedeutet Le-ben, neues Leben. Nicht nur in Corona-Zeiten.

Marshall B. Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation hat dies in zahlreichen Beispielen belegt. Einmal wurde er in an sehr schwierige Schule gerufen. Die Schüler verweigerten das Lernen, die Schulleitung reagierte mit Strafen, die Gewalt an der Schule eskalierte. Als Rosenberg als Vermittler in eine Klasse gerufen wurde, wurde er von den SchülerInnen angefeindet. Doch Rosenberg verzichtet darauf, sich zu verteidigen. Er verzichtete darauf, sich provozieren zu lassen. Er verzichtete darauf, die SchülerInnen zu verurteilen. Nach jedem aggressiven Vorwurf antwortete er, in dem er die Gefühle ansprach, die er hinter den Äußerungen der SchülerInnen vermutete. So wahrgenommen konnten die Schüler nach einer Weile ihre Bedürfnisse formulieren: Sie konnten sich nicht konzentrieren. Er fragte sie, was sie bräuchten: einen Nichts-Tun-Raum, in dem sie sich aufhalten könnten, ohne zu lernen. Rosenberg nahm sie ernst und bat die Schulleitung um einen solchen Nichts-Tun-Raum. Danach veränderte sich das Klima an der Schule. Die, die lernen wollten, saßen im Klassenzimmer. Die anderen kamen aus jenem Raum zurück, sobald sie sich konzentrieren konnten. Der Verzicht auf Strafe eröffnete eine neue Sicht auf das Leben. Die Schüler und Schülerinnen hatten gelernt, dass ihre Konzentrationsschwäche kein Makel war. Und dass sie selbst ihr Lernen schützen konnten.

Verzicht bedeutet Leben. Jetzt in der Corona-Krise lernen wir das. Ich wünsche mir, wir könnten aus auch in anderen Bereichen so schnell lernen: Verzicht um unseres Klimas willen, Tempolimit 130 statt freie Fahrt für freie Bürger. Verzicht auf das Fliegen, und Bahnpreise, die mit dem Fliegen konkurrieren können. Verzicht auf jede Menge Fleisch, stattdessen entdecken wir wieder den Sonntagsbraten. Es gäbe viele Bereiche, in denen Verzicht Leben bedeutet, unser aller Leben.

Doch dazu brauchen wir Hirten, die sich getrauen, diesen Verzicht um des Lebens willen auch einzufordern. Der Schreiber des Petrusbriefes hat nicht die weltlichen Hirten, sondern Christus als Hirten im Blick. Ihn denkt er ganz irdisch als ein Vorbild. In seinem irdischen Verzicht liegt ein Muster, das lohnt, nachgeahmt zu werden, ein Muster, an dem wir unsere weltlichen Hirten messen können. Handeln sie aus Eigennutz? Handeln sie aus ökonomischen Interessen? Oder richten sie ihr Handeln an dem aus, was wir als Menschen brauchen, um auch in Zukunft gemeinsam auf dieser Erde, in diesem Land, in dieser Stadt leben zu können. Konkret heißt das: Sind sie bereit, wie Christus zu akzeptieren, dass wir Menschen verletzlich sind, dass unser Leben verletzlich ist und dass es gilt, genau dieses verletzliche Leben zu schützen.

In Christus will Gott als der gute Hirte für uns da sein. Er will uns stärken, damit wir verzichten, um leben zu können. Aber auch, damit wir zu unserer Verletzlichkeit stehen können, sie annehmen und dadurch stark werden.

Wir sind nicht alleine. Gott ist mit uns. Wie einen Regenbogen spannt er seine schützende Liebe über uns. Die Kinder vom Oberlinkindergarten haben damit einen Schaukasten dekoriert und dazu geschrieben: alles wird gut So sei es. Amen.

Fürbittgebet mit Zwischengesängen des Kantorei-Quartetts

Gerd Peter Münden: Wie ein guter Hirte (Auszug)

Vaterunser

Vater unser im Himmel;
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Hinweise

Ich danke Ihnen, die Sie zugehört haben. Wenn Sie möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar. Wir freuen uns über Rückmeldungen.

Am nächsten Sonntag, den 3. Mai finden Sie auf unserer Homepage den nächsten Audio-Gottesdienst mit Pfr. Thomas Abraham.

Und ich danke Herrn Blomenkamp, dem Kantoreiquartett, Herrn Haake und Herrn Eggenberger, die an diesem Gottesdienst mit den je eigenen Gaben und Begabungen mitgewirkt haben.

Ihnen und denen, die mit Ihnen sind, wünsche ich einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

Lied nL 146 „Gottes Segen behüte dich nun“

1. Gottes Segen behüte dich nun,
Gottes Frieden in all deinem Tun.
Geh gesegnet, getröstet, gestärkt und geliebt
in der Freude, die Gott dir heut gibt.

2. Que la grace de Dieu soit sur toi
pour t’aider à marcher dans ses voies!
Recois tout son pardon et sa benediction.
Va en paix dans la joie, dans l’amour!

3. May God’s blessing sorround you each day
as you trust Him and walk in His way.
May His presence within guard and keep you from sin,
go in peace, go in joy, go in love.

Segen
Thomas Riegler: Osterwalzer
Glockengeläut