Kanzelrede_2021-10-03_Lieberknecht

Politischer Gottesdienst am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober 2021

Kanzelrede „Vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat“ (Psalm 103,2)

von Christine Lieberknecht


BNN (Ausgabe vom 4. Oktober 2021)
Christine Lieberknecht auf der Kanzel in der Statdtkirche-Durlach
Foto: Rake Hora

Unerwartet friedliche Revolution*

Die CDU-Politikerin Christine Lieberknecht hält die Kanzelrede zum 3. Oktober

Sie war evangelische Pastorin in der DDR und hat die friedliche Revolution von 1989 hautnah miterlebt. Nach der Wende hat sie sich in Thüringen politisch engagiert, bis hin zur Ministerpräsidentin von 2009 bis 2014. Sie sagt von sich, sie sei zuerst Christin, dann Demokratin, dann CDU-Mitglied. Christine Lieberknecht hat am Sonntag auf Einladung der Durlacher evangelischen Stadtkirche und der Karlsruher Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) die Kanzelrede zum Tag der Deutschen Einheit gehalten. Sie führte die Zuhörer durch eine Zeitreise von den 1970er Jahren über die Ereignisse der ausgehenden 1980er Jahre bis hin zur gegenwärtigen Entwicklung in Ostdeutschland.

Ihre Rede stand unter dem biblischen Motto „Vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat!“ aus Psalm 103. Und sie nahm damit eine Bemerkung von Günter Frank auf, dem Vorsitzenden der ACK in Karlsruhe. Frank hatte davon gesprochen, dass die total friedlich gebliebene Revolution von 1989 ein göttliches Wunder gewesen. sei. Wobei Lieberknecht anmerkte, dass Gott dazu auch sein „irdisches Personal“ gebraucht habe. Für sie ist es auch heute, in der Nachschau nach über 30 Jahren, ein Wunder, dass Hunderttausende samt und sonders friedlich geblieben seien. Und sie zitierte ein Wort aus dem Politbüro der SED, wonach man andere Dinge erwartet habe als Kerzen und Gebete. Auch habe es dort mit Blick auf das wenig zuvor stattgefunden Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens geheißen, dass China nicht so weit entfernt sei, wie es nach dem bloßen Blick auf die Landkarte erscheine.

Die damalige Friedlichkeit haben die Menschen laut Lieberknecht jahrelang in den Kirchen als einzig möglichen Orten für solche Zusammenkünfte eingeübt. Als bestes Beispiel für ihre These nannte sie die Leipziger Nicolaikirche.

Und sie erinnerte an Papst Johannes Paul II, der in seiner polnischen Heimat bereits 1979 den Menschen zugerufen habe, sie sollten im Hinblick auf die Gewerkschaft Solidarnosc keine Angst haben.

Dass Christus bei den Demonstranten war, davon ist Christine Lieberknecht heute noch überzeugt. Denn „wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich dabei“, habe Jesus gesagt Und das, so Lieberknecht, gelte auch wenn sehr viele Menschen in seinem Namen beisammen seien.

Dass die Landschaften noch nicht überall so blühen wie es einst Helmut Kohl vorausgesagt hatte, liegt für die Kanzelrednerin vor allem daran, dass sich für die große Mehrheit der Menschen in der ehemaligen DDR rundweg alles verändert hat.

Der ehemalige ARD-Korrespondent Hermann Vinke hatte in den frühen 1990er Jahren geschrieben: „Ein Volk steht auf – und geht zum Arbeitsamt“ Dies ist für Lieberknecht noch immer nicht ganz überwunden, die Betroffenen drückten ihren Frust direkt nach der Wende durch Wahl der Linken und heute durch Kreuze für die AfD aus.

Seit 20 Jahren, so Pfarrer Thomas Abraham, veranstalten die Durlacher Stadtkirche und die ACK den politischen Gottesdienst.

*) von Rüdiger Homberg, BNN (Ausgabe vom 4. Oktober 2021)