Predigt im Ordinationsgottesdienst, 6. März 2022,
über 2. Korinther 6,1-10 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Landesbischof Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh
mit Video des Gottesdienstes

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. 2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; 4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

Liebe Festgemeinde, liebe Ordinandinnen und Ordinanden!

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Was für eine Überschrift über eine Ordination in diesen Tagen!

I

Es herrscht Krieg mitten in Europa. Russland versucht, die Ukraine zu besetzen. Es fallen Bomben. Menschen sterben. Viele fliehen. Angst breitet sich aus.

Sie haben es sicher schon erlebt in ihren neuen Gemeinden: Sie sind gefragt in diesen Tagen, liebe Ordinandinnen und Ordinanden. Was hat der Glaube jetzt zu sagen? Jetzt muss er sich bewähren!

Sie sind gefragt, so persönlich, wie wohl auch Paulus damals gefragt war; nicht nur von denen, die fast jeden Sonntag in der Kirche sind, sondern der Stadtteil, das ganze Dorf fragt Sie: Was kann uns trösten? Was macht uns Mut? Welche Wege sollen wir gehen?

Ganz schnell sind Sie mittendrin in Ihrem Auftrag, glaubwürdig öffentlich für die Seelen der Menschen vor Ort zu sorgen. Auch wenn viele von Ihnen sich wahrscheinlich vorgenommen hatten, sich erst einmal vorsichtig zu orientieren, Besuche zu machen, sich vorzustellen; jetzt sind Sie gleich mittendrin: bei den Menschen, die Ihnen anvertraut und zugemutet sind, mit dem Glauben und der Botschaft, die allen Getauften anvertraut ist, für deren öffentliche Präsenz Sie aber ab heute eine besondere Verantwortung tragen.

Ich bin sicher: Sie werden zeigen, dass wir uns von der Logik der Macht und den Bedrohungen des Lebens nicht die Hoffnung nehmen lassen, sondern auf Christi Liebe vertrauen, die uns mutig und frei und zuversichtlich macht, uns an ihr auch in dieser Situation des Krieges auszurichten. Der Glaube gibt uns Trost und Kraft, macht uns aber auch handlungsfähig: Menschen aufnehmen, Hilfe bringen, das Unrecht nicht akzeptieren.

II

Auf der Ordinationsrüste haben Sie davon erzählt, wie Sie sich auf diesen heutigen Tag freuen; wie lange Sie sich vorbereitet haben; welche Wege und Umwege Sie gegangen sind; wer Sie begleitet hat, wem Sie dankbar sind. Ihr Glaube hat sich verändert auf diesem Weg – bis heute! Er wird sich auch weiter verändern in den Herausforderungen, die nun vor Ihnen liegen. Wer den Glauben weitergeben will, hat ihn ja nicht so wie ein kleines Päckchen, das man einfach weitergeben kann; er ist keine Fertigsuppe, die man aufbrüht und sie schmeckt überall gleich.

Der Glaube beginnt mit Geschichten; mit biblischen Geschichten, mit Lebensgeschichten, in die Sie sich irgendwann mal haben verstricken lassen. In diesen Tagen gewinnt die Geschichte von Kain und Abel neue Aktualität; der Metropolit von Kiew verweist, obwohl er zum Moskauer Patriarchat gehört auf sie, nennt den Krieg Sünde und fordert: Stoppt den Krieg! So wie auch mutige russisch-orthodoxe Priester, die viel risikieren, wenn sie ihren Gemeinden zurufen: Stoppt den Krieg! Was können uns David und Goliath in dieser Situation erzählen?

Sie werden in Ihrem Dienst (fast) jeden Tag neue (Lebens-) Geschichten hören und sie mit Ihrer eigenen und den biblischen Geschichten – und immer wieder werden Sie wie Paulus zurückfragen nach der einen
Geschichte Gottes mit unserer Welt: Die Liebe Christi hat unsere Welt grundlegend verändert. Sie hat uns versöhnt mit Gott und unseren Mitmenschen. Sie hat uns frei gemacht von der Furcht vor den Mächten des Todes. Sie drängt uns, diese versöhnende und friedensstiftende Bewegung, die von Gott ausgeht, aufzunehmen und sie auszubreiten.

III

Diese Bewegung Gottes in unsere Welt führt Christus nicht in eine heile Sonderwelt, sondern mitten hinein in das Leben dieser Welt und der Menschen, die auf ihr leben. Ja, der Tag des Heils, die willkommene Zeit sind Feiertage, aber sie führen mitten ins Leben mit seiner Freude und seiner Not:

Wir leben unseren Glauben in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, so wie die ukrainischen Menschen in diesen Tagen und alle, die sich gegen diesen Krieg wehren; wir leben ihn in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, so wie die vielen Menschen, die sich jetzt für die Menschen in der Ukraine und gegen den Krieg engagieren: durch die Aufnahme von Flüchtlingen, durch Spenden und Sammlungen von Hilfsgütern. Hier bei uns, aber vor allem auch in unseren Partnerkirchen in Polen, Ungarn, Rumänien.

Paulus weiß darum, dass wir aus dieser Spannung nicht herauskommen. Wir leben unseren Gauben in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. In Zweifel und Vertrauen, mutig, aber auch in Sorge, ob wir das Richtige tun. Dieses Leben im Vertrauen auf Christi Liebe und zugleich im (Mit-) Leiden mit dieser zerrissenen Welt zeichnet unseren Glauben aus.

IV

Ab heute tragen Sie den Glauben an diese große Versöhnungsgeschichte als Ordinierte in die Welt, in Ihre Welt vor Ort. Dort muss sie sich bewähren. Gerade auch in diesen Tagen. Es ist Gottes Friedensbewegung, an der wir Anteil haben. Dieser Friede Gottes ist höher als unsere Vernunft. Deshalb sind wir skeptisch gegen alle Absolutheitsansprüche, die meinen, ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen zu können.

Anteil haben an der Friedensbewegung Gottes heißt, das Unrecht benennen, das Menschen angetan wird und für die Würde jedes Menschen einstehen. Deshalb protestieren wir gegen diesen Krieg, der Menschen aus ihren Häusern vertreibt, in dem sie verletzt, ja getötet werden. Deshalb fordern wir Freiheit: Menschen und Länder müssen über ihren eigenen Weg frei bestimmen können. Aber wir sind auch skeptisch gegen alle Versuche, Frieden mit Gewalt und Waffen zu sichern; sie können vielleicht helfen, dem Bösen wehren, aber eine
nachhaltige und gerechte Friedensordnung können sie nicht schaffen.

Deshalb ist unser Auftrag: Spannungen auszuhalten und Ambivalenzen zu gestalten; Unrecht und Hass zu wehren, Feindschaft zu überwinden. Menschen im Gespräch zu halten. Vertrauen zu schaffen. Das ist unsere Aufgabe, die Ihnen vor Ort im Kleinen in Familien und Nachbarschaften begegnen wird, die uns aber zurzeit so schrecklich im Großen bedrängt.

V

Am Ende seiner langen Liste über das Schwere und über die Kraft, in der Sie Ihren Dienst tun, steht in unserem Predigttext ein wichtiger Satz. Er macht deutlich, dass am Ende nicht wir es sind, die die Ambivalenz und die Spannungen aufheben, in denen wir leben, sondern der dreieinige Gott.

Am Ende wird Christus uns alle um einen Tisch versammeln. Wir alle, und Sie als Ordinierte in besonderer Weise sind eingeladen, dabei mitzuhelfen, ihn zu decken: Als die, die nichts haben und um ihre Grenzen wissen; und die doch die Liebe Christi freigiebig und großzügig austeilen.

X

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Mitwirkende

Landesbischof Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh
Synodalpräsident Axel Wermke
Seminardirektorin PD Dr. Doris Hiller
Pfr. Thomas Abraham

Musik

Kantor Johannes Blomenkamp
Durlacher Bläserensemble

Ordinandinnen, Ordinanden und Ordinationsassistierende

Laura Adler
mit Ordinationsassistierenden Tobias Adler und Pfarrer Gero Albert

Marcel Brenner
mit Ordinationsassistierenden Dekanin Angela Heidler, Vikarin Lydia Holm und Dekanin Regine Klusmann

Wolfram Theo Dünkel
mit Ordinationsassistierenden Dr. Friedemann Kuttler und Annette Weippert

Tobias Mangold
mit Ordinationsassistierenden Ursula Stix und Lukas Altvater

Octavia Freifrau Roeder von Diersburg
mit Ordinationsassistierenden Conrad von Roeder und Lydia-Marie Enßle-Kastenhuber

Dorothea Schulz
mit Ordinationsassistierenden Alexander Muth, Pfrin. Heike Helfrich-Brucksch und Sabine Kirsch

Anna-Maria Semper
mit Ordinationsassistierenden Pfr. Christian Brost und Pfr. Thomas Abraham

Johannes Vortisch
mit Ordinationsassistierenden Max Bühler und Ruth Weida

Grußwort

Pfr. Dr. Stefan Royar

Die Kollekte hat die Gruppe der Ordinandinnen und Ordinanden dem Bundesverband Kinderhospiz e.V. gewidmet. Das ist der Dachverband der ambulanten und stationären Kinderhospize in Deutschland. Geld kann lebensbegrenzende Erkrankungen und den Tod nicht aufhalten. Geld hilft aber der Hospizarbeit mit Kindern: Eltern zu unterstützen und zu entlasten und in der verkürzten Lebenszeit Augenblicke der Freude zu schaffen.

Sie können Ihre Spende an das Konto der Stadtkirchen-Gemeinde Durlach mit dem Verwendungszweck „Bundesverband Kinderhospiz“ überweisen. IBAN: DE13 6619 0000 0056 5368 09
Wir danken Ihnen für jede Spende.