Predigt am Sonntag Reminiszere, 13. März 2022,
über Matthäus 26,36-46 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

36Dann kam Jesus mit seinen Jüngern zu einem Garten,
der Getsemani hieß.
Dort sagte er zu seinen Jüngern: »Bleibt hier sitzen.
Ich gehe dort hinüber und bete.«
37Er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit.
Plötzlich wurde er sehr traurig,
und Angst überfiel ihn.
38Da sagte er zu ihnen:
»Ich bin verzweifelt und voller Todesangst.
Wartet hier und wacht mit mir.«
39Jesus selbst ging noch ein paar Schritte weiter.
Dort warf er sich zu Boden und betete:
»Mein Vater, wenn es möglich ist,
dann erspare es mir, diesen Becher auszutrinken!
Aber nicht das, was ich will, soll geschehen –
sondern das, was du willst!«

40Jesus kam zu den drei Jüngern zurück und sah,
dass sie eingeschlafen waren.
Da sagte er zu Petrus:
»Könnt ihr nicht diese eine Stunde
mit mir wach bleiben?
41Bleibt wach und betet,
damit ihr die kommende Prüfung besteht!
Der Geist ist willig,
aber die menschliche Natur ist schwach.«

42Dann ging er ein zweites Mal einige Schritte weg
und betete:
»Mein Vater, wenn es nicht anders möglich ist,
dann trinke ich diesen Becher.
Es soll geschehen, was du willst.«
43Als er zurückkam, sah er,
dass seine Jünger wieder eingeschlafen waren.
Die Augen waren ihnen zugefallen.
44Jesus ließ sie schlafen.
Wieder ging er weg und betete ein drittes Mal
mit den gleichen Worten wie vorher.
45Dann ging er zu den Jüngern zurück
und sagte zu ihnen:
»Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus?
Seht: Die Stunde ist da!
Jetzt wird der Menschensohn
in die Hände der Sünder ausgeliefert.
46Steht auf, wir wollen gehen.
Seht: Der mich verrät, ist schon da!«

 

Liebe Gemeinde!

Die Nacht im Garten konfrontiert uns mit der dunklen Seite des Lebens und mit der dunklen Seite des Glaubens. Das Bild von dieser Zwischenstation vor der Verhaftung und der darauffolgenden Hinrichtung ist in düsteren Farben gemalt: Die Freunde schlafen und Gott schweigt.

Matthäus knüpft an den Anfang seines Evangeliums an. In seiner „Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“, wie er das überschreibt, folgt auf die Geburt, die Flucht nach Ägypten, die Rückkehr von dort und die Taufe durch Johannes am Jordan dann die Geschichte von der Versuchung in der Wüste durch den Teufel an. Auch da gibt es drei Gesprächsgänge: Steine zu Brot werden lassen, von der Zinne des Tempels auf Engelsflügeln herabstürzen und alle Reiche der Welt als Lohn für die Anbetung des Teufels.
Jesus widersteht dem Teufel jeweils mit dem Hinweis auf den Willen Gottes – mündend in der Weisung „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen“.

Auch in Gethsemane geht es um die Versuchung, den Willen Gottes hinter dem zurückzustellen, was man selber will. An den Jüngern kann man gut erkennen, dass sich den wortreichen Verlockungen des Teufels möglicherweise leichter widerstehen lässt als der eigenen Schläfrigkeit. Petrus hat gerade erst vollmundig angekündigt, dass er im Zweifel auch mit Jesus sterben würde – übrig bleibt nur eine gähnende Müdigkeit. Es wird einsam um Jesus.

Für ihn ist das ein Wendepunkt. Bis dahin hat er jeweils das Geschehen bestimmt. Aber hier im Garten Gethsemane willigt Jesus ein in das, was er nicht will. Er will nicht gekreuzigt werden. Er wünscht sich das Leiden nicht. Er drängt sich nicht danach, einen heldenhaften Tod als Märtyrer für irgendeine Sache zu sterben. Er will leben. Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Das ist keine Todessehnsucht, sondern purer Lebenswille. Es gibt nur eines, was für Jesus über diesem Lebenswillen steht: Der Wille Gottes. Nicht wie ich will, sondern wie du willst. „Dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden.“ Vom aktiv Handelnden wird Jesus zu einem, der sich in den Willen Gottes passiv duldend einfügt. Er beugt sich dem, dass seine Handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Er steigt gerade nicht vom Kreuz, wie einer der an seiner Seite Gekreuzigten es vom Sohn Gottes erwarten würde.

Was heißt es für uns in diesen Tagen des Krieges, Jesus Christus auf seinem Weg nachzufolgen?

Die Freunde schlafen und Gott schweigt. Manch einer in der Ukraine wird sich in diesen Tagen genau so fühlen. Der Ruf nach Unterstützung ist mehr als verständlich und er findet ja – Gott sei Dank – durchaus auch Gehör: Hilfsgüter werden gesammelt und in die Ukraine transportiert. Menschen spenden für die Unterstützung vor Ort und für diejenigen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, um Leib und Leben vor der den Bomben zu retten, die in großem Ausmaß auch Zivilisten treffen, ihre Wohnungen zerstören und selbst vor Krankenhäusern nicht Halt machen.
Aber es ist immer wieder zu spüren und zu hören, dass sich die Menschen in der Ukraine auch militärische Unterstützung erhoffen gegen den Angriff Russlands, das ihm militärisch weit überlegen ist und dessen Präsident ganz offensichtlich vor keinem Unrecht zurückschreckt. In einem Beitrag in einer Nachrichtensendung vor einigen Tagen sagte eine verzweifelte Frau auf der Flucht: „Wir werden angegriffen und die ganze Welt schaut zu“.

Ich bin kein Militärstratege und kein Politiker. (Ich bin froh, dass ich die Last solcher Entscheidungen in diesen Tagen nicht zu treffen habe. Umso wichtiger ist es, dass wir die Entscheidungsträger in unser Gebet einschließen.) Es spricht einiges dafür, dass ein militärisches Eingreifen der Nato zur Eskalation und einer noch viel größeren Katastrophe führen würde – oder wäre es womöglich doch die einzige Antwort, die Putin verstehen und die ihn zum Einlenken bewegen würde? Ich traue mir kein Urteil darüber zu. Ich möchte aber auch gar keine militärstrategische Antwort geben, sondern Orientierung aus dem Blick auf den Weg Jesu suchen.

Jesus willigt ein in das, was er nicht will. Er hält das aus, dass seine Handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Er begehrt nicht mit allen Mitteln gegen das Unrecht auf. „Wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen“ sagt er noch in Gethsemane bei seiner Verhaftung zu dem Jünger, der ihn gegen die Folterknechte verteidigen will. Jesus mahnt seine Jünger, das „Nichts-Tun“ auszuhalten und sich nicht am Unrecht zu beteiligen. Er will nicht gekreuzigt werden; aber er nimmt diesen Kelch in Kauf, anstatt die Spirale der Gewalt weiter zu drehen. Der Griff zum Schwert als „ultima ratio“ / als letztes Mittel, wenn sonst nichts mehr hilft – das ist für ihn gerade keine Option.

Man mag antworten: „Das können wir hier aus sicherer Entfernung leicht sagen.“ Und richtig ist: Es ist nicht unser Leben, das vom Morden in der Ukraine bedroht. Aber wir müssen die Entscheidung treffen, die wir verantworten können. Und wir werden keine Entscheidung treffen können, bei der wir uns nicht auch in irgendeiner Weise schuldig machen. Es geht ja auch nicht darum, dass wir am Ende mit weißer Weste dastehen und unser Gewissen beruhigen. Es geht darum, dass wir uns für das entscheiden, womit den Menschen am meisten gedient wird – und zwar nicht nur im Augenblick, sondern auch darüber hinaus. Und da habe ich schon den Eindruck, dass wir uns eben nicht militärisch beteiligen sollten. Wir sollten daran festhalten, dass Krieg kein akzeptables Mittel der Auseinandersetzung ist. Mit Krieg ist nichts zu gewinnen. Diejenigen, die selbst Krieg erlebt haben, wissen das um vieles besser als ich. Beim Krieg gibt es am Ende (und nicht erst am Ende, sondern schon von Anfang an) nur Verlierer – auf allen Seiten: Menschen verlieren ihre Heimat. Sie verlieren geliebte Menschen. Sie verlieren ihr eigenes Leben.
Und wenn ich sage: „Wir sollten uns nicht militärisch beteiligen“ – dann heißt das auch: Wir sollten diesen von Putin geführten Krieg nicht länger mitfinanzieren, indem wir unser Öl und unser Gas aus Russland beziehen. Da haben wir als Freunde bisher geschlafen und haben uns schon schuldig gemacht. Wir haben bei der Energieversorgung nur danach gefragt, was für uns das günstigste ist. Ein Embargo wird uns selbst treffen. Aber das darf nicht das entscheidende Argument sein. Das Morden mitbezahlen, weil das billiger ist – das ist Sünde. Nicht wie ich will, sondern wie du willst.

Jesus geht den Weg ans Kreuz – den Weg ins Leid und an die Seite derer, die leiden. Das Kreuz steht dafür, dass wir selbst im tiefsten Moment der Verlassenheit (wenn die Freunde schlafen und Gott schweigt / von ihm nichts mehr spürbar ist) dass auch dann Jesus Christus an unserer Seite ist. Christus bleibt da und wacht mit uns. Er steigt nicht vom Kreuz herab, um dem eigenen Leid zu entgehen, sondern er stellt sich und uns an die Seite der Leidenden. Die Botschaft der Liebe stemmt sich gegen Hass und Gewalt. Auch wenn sie ohnmächtig erscheint ist sie doch der einzige Weg, der zum Leben führt. Sie stellt uns an die Seite der Menschen, die leiden.

Bleiben, wachen und beten – das ist der Auftrag Jesu an seine Jünger. Ausharren, dem Bösen widerstehen. Wachsam sein, die Augen vor dem Leid nicht verschließen. Dem Ewigen das Unsagbare sagen. Und in alldem den Menschen in ihrem Leid Freundin oder Freund sein. Und der Friede Gottes, … Amen.