Predigt am Ostersonntag, 17. April 2022,
über Markus 16,1-8 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Markus 16,1-8

1Als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala,
Maria, die Mutter von Jakobus,
und Salome wohlriechende Öle.
Sie wollten die Totensalbung vornehmen.
2Ganz früh am ersten Wochentag kamen sie zum Grab.
Die Sonne ging gerade auf.
3Unterwegs fragten sie sich:
»Wer kann uns den Stein vom Grabeingang wegrollen?«

4Doch als sie zum Grab aufblickten, sahen sie,
dass der große, schwere Stein schon weggerollt war.
5Sie gingen in die Grabkammer hinein.
Dort sahen sie einen jungen Mann.
Er saß auf der rechten Seite
und trug ein weißes Gewand.
Die Frauen erschraken sehr.

6Aber er sagte zu ihnen:
»Ihr braucht nicht zu erschrecken!
Ihr sucht Jesus aus Nazaret, der gekreuzigt wurde.
Gott hat ihn von den Toten auferweckt,
er ist nicht hier.
Seht: Hier ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten.
7Macht euch auf!
Sagt seinen Jüngern, besonders Petrus:
Jesus geht euch nach Galiläa voraus.
Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.«
8Da flohen die Frauen aus dem Grab und liefen davon.
Sie zitterten vor Angst und sagten niemandem etwas,
so sehr fürchteten sie sich.

 

Liebe Gemeinde!
Sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich. Das soll das Ende „des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ sein? Da fehlt doch wohl etwas. Wo bleiben da der Jubel und die Fröhlichkeit? So kann die Geschichte doch nicht aufhören?!
Den Gedanken hatten schon die ersten Leserinnen und Leser des Markusevangeliums. Deshalb hat man schon bald noch einen anderen Abschluss angefügt. Auch der hat seinen guten Sinn – die anderen Evangelisten haben es dann ebenso gehalten. Aber der Evangelist Markus lässt sein Evangelium genau so enden, wie wir es gehört haben: Sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.

Für Maria Magdalena und Maria, die Mutte von Jakobus und Joses und Salome ist Ostern noch nicht fröhlich geworden. Es ist noch sehr früh. Die Sonne geht gerade erst auf. Der neue Tag und ihr weiteres Leben liegen noch im Zwielicht – überlagert von den Schatten des Todes.

Jubel und Fröhlichkeit gibt es nicht auf Kommando – nicht an jenem Ostermorgen bei den drei Frauen in Jerusalem an dem Grab, in das der Leichnam von Jesus von Nazareth gelegt worden ist; nicht in den Straßen von Butscha oder Borodjanka, wo die Leichen der Erschossenen über Wochen auf den Straßen gelegen haben. Zittern und Entsetzen hier wie da. Die Worte fehlen oder bleiben im Halse stecken. Angst und Trauer sind die bestimmenden Gefühle. Fliehen bleibt als einziger Ausweg.

Markus erzählt sehr nüchtern vom Ostermorgen. Keine berauschten „Jesus-lebt“-Gesänge, kein applaudierendes Händeklatschen, kein triumphierendes Gejohle. Von charismatischem Gemeindeaufbruch oder Erweckungsstimmung ist hier am leeren Grab wenig zu spüren. Diese Erzählung zeigt eher die unscheinbaren Knospen des aufkeimenden Lebens als dessen leuchtende Blüten. Sie drängt auf eine Fortsetzung durch die, die sie lesen.

Der Sabbat ist vergangen. Etwas Neues hat begonnen, aber die Drei haben es noch nicht realisiert. Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden oder besser: er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Zur Totenehrung hatten sie sich auf den Weg gemacht. Sie wollten hingehen und ihn salben. Den sterblichen Überresten sollte ihre Fürsorge gelten. Und dann stoßen sie auf einen Jüngling in einem langen weißen Gewand – offenbar ein Engel, ein Bote von Gott. Der sagt zu ihnen: Ihr sucht den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Die Suche am leeren Grab muss ins Leere laufen, weil Kreuz und Grab nicht der Endpunkt der Wege Gottes ist. Gott ruft ins Leben – wie schwer auch die Last des Kreuzes wiegen mag. Das Grab des Gekreuzigten, das Symbol seines Todes – das ist nicht der Ort seiner bleibenden Gegenwart.

Ihr sucht den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Sind unseren Kirchen falsch konzipiert, wenn – wie hier in der Stadtkirche – ein Kreuz im Mittelpunkt unseres Blickfeldes steht? noch dazu ein Kreuz mit der Darstellung des Gekreuzigten? Manch einer stört sich daran, dass so eine Darstellung von Gewalt und Brutalität im Zentrum der Kirchenarchitektur und im Zentrum des christlichen Glaubens steht. Stellt der Evangelist Markus das etwa auch in Frage mit seiner Botschaft am Grab: Ihr sucht den Gekreuzigten. Er ist nicht hier? Suchen auch wir Gott an der falschen Stelle?

Die Antwort müsste „Ja“ lauten, wenn wir mit dem Kreuz einen Gott der Brutalität und des Blutvergießens verehren würden – einen, der sich an den Schmerzen der Menschen weidet. Aber das Gegenteil ist der Fall: In diesem Mann am Kreuz lässt sich Gott selbst zum Opfer von Gewalt und Brutalität machen. Er steht auf der Seite der Leidenden – und nicht auf der Seite der dröhnenden Soldatenstiefel. Er lässt sein Blut vergießen; aber er heißt nicht das Blutvergießen gut. Das Kreuz ist ein Mahnmal für die gewaltlose Solidarität mit den Opfern von Gewalt und Brutalität. Das ist angesichts der Schrecken des Krieges in der Ukraine hochaktuell und notwendig.

Und dennoch gilt (in unserer Kirche und in dieser Zeit): Ihr sucht den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Es ist gut und richtig, dass das Kreuz nicht das einzige ist, was es da im Chorraum zu sehen gibt. Dahinter und daneben fällt von außen Licht durch die Fenster an jedem Morgen, wenn die Sonne aufgeht. Gott lässt kein Kreuz auf dieser Erde im Dunkel. Er lässt das Licht seiner Liebe und seines Lebens über ihnen aufgehen. Er hört die Rufe der Klagenden: Er ist auferweckt worden. Er wird euch begegnen – mitten in Eurem Leben.

Gott gibt sich mit dem Sterben nicht zufrieden. Gott drängt ins Leben. Und Gott ruft ins Leben. Das Licht des in den Himmel erhobenen Christus rückt das Kreuz ins rechte Licht. Mose hält die Tafeln mit den Zehn Geboten in der Hand. Zu sehen sind die Gebote, die ein gutes Leben der Menschen miteinander ermöglichen wollen: Die Eltern ehren – und damit eingestehen, dass ich nicht aus mir selbst heraus leben kann und es also auch nicht immer nur um mich gehen kann. Und eben ganz unmissverständlich: Du sollst nicht töten.

Der Bote im Grab schickt die Frauen zurück ins Leben. Geht und sagt seinen Jüngern, dass er – der zu einem neuen und ganz anderen Leben auferweckte Jesus Christus – vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Dort hatte Jesus gewirkt. Dort hat er Gott den Menschen nahegebracht. Dort hat er sie spüren lassen: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“. Jesus hatte die Liebe Gottes in ihr alltägliches Leben gebracht. Er hatte sie dadurch zu neuem Leben erweckt. Und das wird er auch weiterhin tun – nicht mehr nur für die engsten Vertrauten, sondern für Menschen aus allen Völkern. Nicht im Grab ist er zu finden, sondern dort wo sich Menschen begegnen und Freude und Leid miteinander teilen – auch den Schmerz und die Ohnmacht; wo sie sich von ihrer Sehnsucht und von ihrer Hoffnung erzählen; wo sie sich gegenseitig trösten. Da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Das leere Grab alleine weckt bei den drei Frauen keine Hoffnung auf ein neues Leben. Es ist für sich genommen nutzlos. Das leere Grab taugt nicht zum Beweis für Gottes lebensspendende Kraft. Dort brauchen wir ihn nicht suchen. Die Ostersonne geht für die drei Frauen dort auf und verbreitet ihren strahlenden Glanz, wo sie mit den anderen Jüngern nach Galiläa gehen – zurück in das vertraute Leben; belebt von der Kraft, die Gott ihnen dafür schenkt. Gott lässt sie zurückfinden in ihr abhanden gekommenes Leben. Darin wird es für sie Ostern. Der Gekreuzigte – der Liebesbringer Gottes, der alles Leid der Menschen mit ihnen teilt bis in den Tod hinein – er ist auferweckt worden und ihr werdet ihn sehen.

Noch mag das Zwielicht über dem Tag liegen. Noch mögen Zittern und Entsetzen und Furcht den Mund verstummen lassen wie bei den drei Frauen am Grab. Aber dabei wird es nicht bleiben. Gottes Geschichte mit den Menschen endet nicht in der Leere des Grabes. Gott führt auch die ins Licht, deren Leichnam in den Gräbern bleibt. Gott steht an der Seite derer, die schon darüber froh sind, wenn sie ihre Lieben würdevoll in einem Grab beisetzen können. Da ist kein Raum für Jubel, allenfalls für Klage. Da liegt der Weg noch im Zwielicht. Vielleicht ist das nüchtern-tastende Osterevangelium gerade für Menschen wie sie geschrieben: Für Menschen, die im Augenblick vom Entsetzen erfasst sind; denen Gott aber Lebenskraft und Stärke schenken will für den Weg, der vor ihnen liegt. Geht hin. Ihr werdet ihn sehen – vielleicht nicht hier, vielleicht nicht heute. Aber ihr werdet ihn sehen. Und vertraut darauf: Gott sieht Euch schon hier und heute. Gott weiß, was Euch bedrückt und belastet. Gott begleitet Euch und lässt die Sonne über Euch aufgehen. Und der Friede Gottes, … Amen.