„Vergebliches Opfer“ – Kain und Abel
Predigtreihe 2022 „Bucklige Verwandtschaften“

von Pfarrer Thomas Abraham, Stadtkirchen-Gemeinde Durlach

1. Mose (Gen) 4,1-16
Adam schlief mit seiner Frau Eva.
Sie wurde schwanger und brachte Kain zur Welt.
Da sagte sie:
»Mithilfe des Herrn habe ich einen Sohn bekommen.«
Danach brachte sie seinen Bruder Abel zur Welt.
Abel wurde Hirte und Kain wurde Ackerbauer.
Eines Tages brachte Kain dem Herrn
von dem Ertrag seines Feldes eine Opfergabe dar.
Auch Abel brachte ein Opfer dar:
die erstgeborenen Tiere seiner Herde und ihr Fett.
Der Herr schaute wohlwollend auf Abel und sein Opfer.
Doch Kain und sein Opfer
schaute er nicht wohlwollend an.
Da packte Kain der Zorn,
und er blickte finster zu Boden.
Der Herr fragte Kain:
»Warum bist du so zornig,
und warum blickst du zu Boden?
Ist es nicht so:
Wenn du Gutes planst,
kannst du den Blick frei erheben.
Hast du jedoch nichts Gutes im Sinn,
dann lauert die Sünde an der Tür.
Sie lockt dich, aber du darfst ihr nicht nachgeben!«
Kain sagte zu seinem Bruder Abel:
»Lass uns aufs Feld gehen!«
Als sie auf dem Feld waren,
fiel Kain über seinen Bruder Abel her und erschlug ihn.
Da sagte der Herr zu Kain:
»Wo ist dein Bruder Abel?«
Kain antwortete: »Das weiß ich nicht.
Bin ich dazu da, auf meinen Bruder achtzugeben?«
Der Herr entgegnete ihm:
»Was hast du getan?
Das Blut deines Bruders schreit vom Ackerboden zu mir.
Verflucht sollst du sein,
verbannt vom Ackerboden,
den deine Hand mit seinem Blut getränkt hat!
Wenn du ihn bearbeitest,
wird er dir künftig keinen Ertrag mehr bringen.
Du wirst ein heimatloser Flüchtling sein
und von Ort zu Ort ziehen.«
Kain erwiderte dem Herrn:
»Die Strafe ist zu schwer für mich.
Du verjagst mich jetzt vom Ackerland
und verbannst mich aus deiner Gegenwart.
Als heimatloser Flüchtling
muss ich von Ort zu Ort ziehen.
Jeder, dem ich begegne, kann mich erschlagen.«
Der Herr antwortete: »Das soll nicht geschehen!
Wer Kain tötet,
an dem soll es siebenfach gerächt werden.«
Der Herr machte ein Zeichen an Kain.
Niemand, der ihm begegnete, durfte ihn töten.
Kain zog fort, weg vom Herrn,
und ließ sich im Land Nod nieder.
Das liegt östlich des Gartens Eden.

Liebe Gemeinde!

1) Eine Brüdergeschichte – eine Menschheitsgeschichte
Kain und Abel – die Geschichte zweier Brüder.
Eigentlich geht es dabei nur um Kain.
Abel spielt praktisch keine Rolle.
Und genau darin liegt das Problem:
Für Kain geht es nur um ihn selbst.
Für ihn zählt nur die eigene Anerkennung, der eigene Status. Für ihn spielt Abel keine Rolle.
Er hat keinen Blick für Abel –
nur einen grimmigen, neidischen Blick.

Das gehört zur Realität des Lebens. Manchmal haben wir nur Augen für die eigenen Belange.
Brüder gehen nicht immer brüderlich miteinan-der um. Es gibt Situationen, da ist die Bluts-verwandtschaft keinen Pfifferling wert.

Es ist grausam und falsch, was Kain hier tut.
Sein Beispiel soll zeigen, wohin das führt,
wenn wir nur Augen für uns selbst haben.
Das macht verführbar.
Wer nur an den eigenen Status
und die eigenen Ansprüche denkt,
der lebt gefährlich
und der wird schnell zur Gefahr für andere.
Wer sich selbst an die erste Stelle setzt, der wird leicht zur Beute für die Macht der Sünde.

2) Ungleichheit ist eine Zumutung des Lebens
Kain ist der Erstgeborene.
Sein Name wird besonders hervorgehoben:
Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. (Patriarchat pur?).
Die beiden Brüder üben unterschiedliche Berufe aus: Abel wurde ein Schäfer,
Kain aber wurde eine Ackermann.

Er hat Landbesitz, er ist sesshaft,
er hat eine „gesicherte Existenz“.
Nach damaliger Einschätzung
hat er die bessere Position von den beiden.
Diese Ungleichheit gegenüber seinem Bruder macht ihm nichts aus.

Wenn ein anderer etwas bekommt,
was ich auch gerne hätte, dann
fordere ich lautstark „gleiches Recht für alle“. Wenn ich aber stolz bin,
weil ich etwas Besonderes
zustande gebracht habe,
dann will ich gefälligst auch
besonders dafür gelobt oder belohnt werden.

Kein Mensch ist wie ein anderer.
Kein Mensch erlebt dasselbe wie ein anderer – auch Geschwister nicht.
Und ja:
Nicht alle ernten denselben Lohn für ihre Mühe.

Diese Unterschiedlichkeit
gehört zu den Zumutungen des Lebens,
mit denen wir so umzugehen haben,
dass wir miteinander leben können.

3) Gnade ist Geschenk, sie widerfährt Kain doppelt:
Beide bringen ein Opfer für Gott dar.
Sie geben etwas vom Ertrag ihrer Arbeit –
Kain von den Früchten des Feldes,
Abel von den Erstlingen seiner Herde.
Das Opfer ist ein Zeichen des Dankes.
Wer etwas vom Ertrag seiner Arbeit opfert,
sagt damit: „Ohne den Segen Gottes
wäre das nicht möglich gewesen.
Ihm verdanke ich, was ich habe.“
Das Opfer ist eine Antwort
auf den erfahrenen Segen
und ist damit in sich genug –
wenn es aufrichtig als Dank gemeint ist.

Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer,
aber Kain und sein Opfer
sah er nicht gnädig an.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht,
aber ich denke sofort: „So eine Ungerechtig-keit!
Beide tun doch mit den Mitteln,
die ihnen zur Verfügung stehen, dasselbe;
aber Gott macht einen Unterschied.
Sind vor Gott nicht alle Menschen gleich?“

Und schon tappe ich in dieselbe Falle wie Kain:
Er hat ein Opfer dargebracht
als Zeichen des Dankes;
aber das genügt ihm auf einmal nicht mehr.
Er vergleicht sich mit seinem Bruder.
Er beginnt, aus seinem Dank
einen Anspruch abzuleiten.

Kains (und mein) Missverständnis ist,
dass es beim Opfer gar nicht
um Lohn für erbrachte Leistung geht.
Abel wird gnädig angesehen.
Jetzt rechnet Kain damit,
dass auch er gnädig angesehen wird.
Das steht ihm doch wohl zu.
Aber bei der Gnade gibt es nichts zu rechnen und zu erwarten.
Es gehört gerade zum Wesen der Gnade,
dass ich keinen Rechtsanspruch darauf habe.

Zuerst rechnet Kain mit der Gnade;
er hat sie doch verdient – so sein Kalkül –
mindestens so sehr wie sein Bruder Abel.
Da bleibt sie ihm versagt.
Aber im Lauf der Geschichte wird deutlich,
dass Gott sich auch Kain gnädig zuwendet – und zwar gleich zwei Mal.
Beide Male stellt sich Gott gegen die Rache und will Leben erhalten und fördern.
Das ist – bei allen Rätseln und offenen Fragen – die klare Linie, die Gott verfolgt.

3a) Gott warnt den Zornigen vor Schuld
Beim ersten Mal sagt Gott zu Kain: Wenn du fromm bist (Gutes tust), so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Mit anderen Worten:
„Wenn Du nicht mehr in den Spiegel gucken und anderen nicht ins Gesicht sehen kannst, dann nimm Dich in Acht. Du bist kurz davor, ei-nen großen Fehler zu machen.
Scheinbar zwangsläufig musst Du Dich rächen. Aber Du hast eine andere Handlungsmöglich-keit. Du musst nicht Deiner Wut folgen.“

Gott mutet uns zu,
den Kampf mit der Sünde zu kämpfen.
Und er traut uns zu, nicht einfach nur dem Neid oder den Rachegelüsten zu gehorchen.
Was Kain hier nicht gelingt, das gelingt
Gott sei Dank so und so oft eben doch.
Und wenn es gelingt,
dann bin ich auch mit mir selbst im Reinen.
Die Sünde lauert vor der Tür,
und nach dir hat sie Verlangen;
du aber herrsche über sie.

Kain geht stattdessen
mit seinem Bruder aufs Feld und schlägt ihn tot.
Gott macht ihn dafür verantwortlich.
Das Herumdrucksen und Ausreden-suchen, das dann folgt – es ist auch uns nicht fremd, wenn wir auf Fehler angesprochen werden.
Wo ist dein Bruder Abel? fragt Gott
und Kain antwortet ihm: Ich weiß nicht.
Klassischer Fall von sündhaftem Gedächtnis-schwund.
Dann startet er zum patzigen Gegenangriff: Soll ich meines Bruders Hüter sein?
Soll ich mich vielleicht um alles kümmern?

3b) Gott bewahrt den Schuldigen vor der Todesstrafe
Gott verkündet die
nach damaliger Rechtspraxis übliche Strafe:
Kain hat mit seinem Brudermord den
Frieden der Gemeinschaft gravierend gestört. Deshalb wird er daraus ausgeschlossen.
Ihn erwartet ein Leben auf der Flucht.
Wer mich findet, wird mich totschlagen.
Damit rechnet Kain –
auch wenn es unerträglich ist.
Meine Strafe ist zu schwer,
als dass ich sie tragen könnte
(Luther 2017).
Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt: Meine Schuld ist zu groß,
sie kann nicht aufgehoben werden.

Bereut Kain hier seine Schuld
oder lamentiert er nur darüber,
dass er die Konsequenzen so hart sind?
An Gottes Gnade jedenfalls
scheint er hier nicht zu denken.
Aber genau die widerfährt ihm:
Der Herr machte ein Zeichen an Kain,
dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

Wir erfahren nicht,
wie wir uns das vorstellen sollen.
Aber Gottes Linie ist klar:
Er stellt sich der Rache entgegen
und fördert Leben.

Und Kain?
Der ging hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte … jenseits von Eden – vertrieben aus dem Paradies wie seine Eltern / wie wir.
Das offene Ende der Geschichte
gibt uns die offenen Fragen mit auf den Weg:

Kann ich der Schwester und dem Bruder
den Segen gönnen, der auf ihrem Tun liegt?
Ertrage ich die Unterschiede auch dann,
wenn andere Gnade erfahren und ich nicht?

Ist mein Dank aufrichtig oder
erwarte ich von Gott eine Gegenleistung dafür?
Erhebe ich einen Anspruch auf seine Gnade?

Kann ich bei meinem Handeln
in den Spiegel sehen?
Übernehme ich Verantwortung für mein Tun?

Gott schenkt seine Gnade aus freien Stücken und nach seinem Ermessen.
Sie lässt sich nicht kaufen.
Opfer sind vergeblich, wenn sie kalkuliert sind. Aber Gott rückt nicht von seiner Gnade ab.
Er drängt nach Leben
und wünscht sich Menschen,
die frei ihren Blick erheben können.