Lot und seine Töchter
Predigtreihe 2022 „Bucklige Verwandtschaften“

von Pfarrerin Kira Busch-Wagner, Trinitatisgemeinde Aue

Liebe Gemeinde,
die Geschichte von Lot und seinen Töchtern im Buch der Genesis, im 1. Buch Mose, hat niemand im Kindergottesdienst gehört. Mit gutem Grund. Denn so wie sie dasteht, ist die Geschichte von Lot und seinen Töchtern unsäglich. Vielleicht kennen am ehesten Kunstgeschichtler das Motiv, weil schöne Frauen und angedeutete Sexszenen immer ein Thema sind. Die Krimiautorin Elizabeth George nimmt in einem ihrer Bücher die Geschichte als Hintergrund für einen Mord. Ein seine Töchter missbrauchender Vater hatte seine Gewalttaten legitimiert, indem er auf die Bibel verwies. Doch was für ein grauenhafter Trugschluss, aus jedem Satz der Schrift abzuleiten, es genauso auch zu machen, so handeln zu dürfen!

In diesen Tagen nehmen wir in den Kirchen in erschreckender Weise wahr, welche sexuellen Gewalttaten durch wichtige Vertrauenspersonen und Repräsentanten begangen wurden. Nichts kann das fehlende Interesse dafür über Jahre entschuldigen.

Die Geschichte von Lot und seinen Töchtern ist keine Geschichte von einzelnen Personen. Keine historische Begebenheit, wie sie in der Zeitung stehen könnte. Ich bin überzeugt, dass damit aus den Büchern der Bibel, aus Israel heraus Jahrhunderte, nachdem angeblich die Geschichte spielt, die Nachbarvölker beschimpft und diffamiert werden. Kinderschänder! Nachbarn, von denen man zugleich festhält: sie gehören zur eigenen buckligen Verwandtschaft. Sie gehören sogar mit in die Rettungstaten Gottes. Ich gebe zu: alles sehr verwirrend.

Lesung I: Gen 12, 1-4a … und Lot zog mit ihm
Der Herr sagte zu Abram:
»Verlass dein Land, deine Verwandtschaft
und das Haus deines Vaters!
Geh in das Land, das ich dir zeigen werde!
Ich will dich zum Stammvater
eines großen Volkes machen.
Ich will dich segnen
und deinen Namen groß machen,
sodass du ein Segen sein wirst.
Ich werde die segnen, die dich segnen.
Wer dir aber Böses wünscht, den werde ich verfluchen.
Alle Völker der Erde
sollen durch dich gesegnet werden.«
Da ging Abram los,
wie der Herr es ihm befohlen hatte.
Lot ging mit ihm.

Wenn wir heute die Geschichte von Lot und seiner Familie hören, dann fängt sie hier an. Wie das babbige Gutsel hängt Lot bei Abraham dran. Ist das gut? Ist das schlecht? Die Schrift bewertet nicht. Auch bei anderen Gelegenheiten hängen Menschen sich an: „Viel Volks“, als Israel aus Ägypten auszieht. Heute gibt es die Auslegung, ob da in gewisser Weise nicht solche wie wir Christen zu sehen sind. Mit dabei beim Volk Israel, auch wenn nicht eigentlich gemeint. Nicht aus der Luft geholt. Auch der Prophet Sacharja sieht es kommen (8,23): 10 Männer hängen sich an den Gewandzipfel eines aus Juda: „Wir wollen mit euch gehen. Weil wir gehört haben: Gott ist mit euch“. Wie war das bei Lot? Er hatte gute Gründe bei Abraham zu bleiben. Warum – erzählen wir uns gegenseitig im Lied.

EG 311, 1+3 Abraham, Abraham

Lot und Abraham können dann doch nicht zusammenbleiben. Es gibt Streit zwischen den Hirten. Abraham überlässt es Lot zu wählen, auf welche Seite er ziehen will. Lot wählt die Gegend von Sodom und Gomorrha, damals noch – so die Geschichte – grün und fruchtbar.

Abraham seinerseits bekommt Gottes Zusagen: Land und Nachkommen. Eigens tauchen drei Männer, drei Boten Gottes, drei Engel – oder gar Gott selbst? – bei Abraham auf, um ihm schließlich die Nachkommenschaft zu bestätigen. Lot ist zu diesem Zeitpunkt längst Vater geworden, Vater zweier Töchter. Fast sieht es so aus, als stünde er besser da als Abraham. Die drei Boten wollen, müssen nach ihrer Freudenbotschaft für Abraham dann allerdings weiterziehen zu Lot. Sie sollen ihn aus dem dem Untergang geweihten Sodom rechtzeitig herausholen. Abraham stemmt sich dagegen, verhandelt mit Gott. Bei – 50, 40, schlimmstenfalls nur zehn Gerechten in der Stadt – würde Gott Sodom stehenlassen.

EG 366, 1+2 Wenn wir in höchsten Nöten sein

Beim Propheten Jona gibt es eine ähnliche Geschichte. Ninive soll untergehen wegen seiner Tage. Doch in Ninive werfen sich König wie Bürger in Sack und Asche. Nichts davon in Sodom. Stattdessen: die beiden Gottesboten, ja, die ganze Familie des Lot wird pogromartig bedroht. Die Leute von Sodom werden ihrem üblen Ruf gerecht, drohen mit Vergewaltigung der Männer. Wohl um das Gastrecht zu schützen, bietet Lot seine Töchter an. Doch damit ist die biblische Geschichte nicht einverstanden. Nicht einmal diese Erzählung in patriarchaler Umwelt, wo Gastrecht fast über alles geht, nicht einmal die hält sowas aus. Mit einem Wunder retten die Gottesboten die Töchter, sich selbst und den Rest der Familie vor dem Pogrom. Und vor Lots grauenhafter Idee. Weiterhin sind sie bereit, Familie samt künftigen Schwiegersöhnen aus Sodom zu führen.

Lesung II: Gen 19, 14d – 22 Die Rettung von Lots Familie aus Sodom.
Doch seine Schwiegersöhne hielten das für einen Scherz.
Als der Morgen dämmerte,
drängten die Engel Lot zur Eile.
Sie sagten: »Brich auf! Nimm deine Frau
und deine beiden Töchter, die bei dir sind!
Sonst kommst du um, wenn die Stadt bestraft wird.«
Als er noch zögerte, ergriffen sie ihn,
seine Frau und seine beiden Töchter bei der Hand.
Denn der Herr wollte ihn verschonen.
Sie führten Lot und seine Familie hinaus
und ließen sie erst draußen vor der Stadt wieder los.
Als sie im Freien waren, sagte der eine:
»Rette dein Leben!
Schau nicht zurück und bleib nirgendwo stehen!
Rette dich ins Gebirge, sonst kommst du um!«
Aber Lot sagte: »Ich habe eine Bitte, mein Herr!
Ich habe doch Gnade bei dir gefunden.
Dein Knecht hat deine Güte erfahren,
denn du hast sein Leben bewahrt.
Ich kann mich nicht rechtzeitig ins Gebirge retten,
bevor das Verderben mich einholt und ich sterbe.
Aber siehst du die kleine Stadt hier in der Nähe?
Dort kann ich mich in Sicherheit bringen.
Lass mich doch dorthin fliehen!
Es ist nur ein kleiner Ort.
Aber da bleibe ich am Leben.«
Darauf antwortete er Lot:
»Gut, ich erfülle dir auch diese Bitte.
Ich werde die Stadt nicht vernichten,
von der du sprichst.
Beeil dich und rette dich dorthin!
Denn ich kann nichts tun,
bevor du dort angekommen bist.«
Deswegen nennt man die Stadt Zoar,
das heißt: kleiner Ort.

Wir haben den Vater Lot kennengelernt als einen schwierigen Charakter. Obwohl er die Stadt Zoar dem Gebirge vorgezogen hatte, entscheidet er sich noch mal um. Jetzt doch Gebirge. Höhle. Einsamkeit. Abgeschiedenheit. Was aber ist mit den Töchtern? Was ist mit ihrer Hoffnung auf Nachkommenschaft, mit jener Zukunftshoffnung, die sich prägend durch das ganze erste Buch der Schrift zieht? Hat Lot verstanden, was er macht?

Ja, am Ende haben auch seine Töchter Nachkommen. Auf sie – so die Bibel – gehen die Nachbarvölker der Moabiter und Ammoniter zurück.

Die aber mögen wir hier in Israel nicht, sagt die Geschichte. Und wir wissen warum. Das sind die reinsten Kinderschänder und sind die Kinder von Kinderschändern. Was soll man von denen schon erwarten. Haltet euch fern!

Sind das reale Erfahrungen? Ist das böser Leumund? Die biblischen Worte geben dazu keine Auskunft.

Lesung III: Gen 19,36-38 Moab und Ammon
So wurden die beiden Töchter Lots
schwanger von ihrem Vater.
Die Ältere brachte einen Sohn zur Welt
und gab ihm den Namen Moab,
das heißt: vom Vater.
Er gilt bis heute als Stammvater der Moabiter.
Auch die Jüngere bekam einen Sohn,
den sie Ben-Ammi nannte,
das heißt: Sohn meines Verwandten.
Er gilt bis heute als Stammvater der Ammoniter.

Irgendwann in der christlichen Tradition der Bibelauslegung wird Lot als fromm bezeichnet. Nichts ist er weniger als das. Das wissen selbst die archaischen Texte. Bewusst sind sie eingeordnet lange vor der Gabe der Thora am Sinai, lange vor den Geboten und Weisungen Gottes. Mitgeschleppt – und eben nicht ausgeschieden! – hat man das Wissen: wir sind verwandt selbst mit denen, von denen wir das Schlimmste annehmen. Wir unterscheiden uns kaum.

Das aber, liebe Gemeinde, ist der Boden, auf dem eine Ethik wachsen kann, die nicht nur die eigenen Leute betrifft, sondern universale Geltung hat. Das ist der Boden, auf dem unsere Menschenrechte heute stehen. Wir alle hängen zusammen.

Das ist auch der Boden, auf dem Selbstkritik und Buße möglich wird.

Eben nicht zu denken: ich bin die Mitte, der Nabel der Welt, bei mir liegt das Recht. Schreckliches existiert ganz weit außerhalb meiner selbst. Schreckliches existiert abgespalten von mir.

Die Schrecken da draußen haben mit mir selbst auch zu tun.

So eben nicht.

Eine Anfechtung bleibt: dass Gott sogar solche rettet, die wir keineswegs dessen würdig halten. Rettet Gott die falschen? Oder grade die, die es am Nötigsten haben? Geschichten wie die von Lot deuten drauf hin, dass Hölle leer sein könnte.

Und zum dritten: gut, dass es so viele Geschichten, ja, so viele Bücher in der Bibel gibt. Ausgerechnet aus der Lotfamilie Moab kommt diejenige nichtjüdische, heidnische Frau, der ein ganzes biblisches Buch sich widmet. Die Ahne des Königs David wird und schließlich im Stammbaum Jesu zitiert wird: Rut, die Moabiterin. Was wäre gewesen, wenn der Bezug zur buckligen Verwandtschaft abgerissen wäre? Nicht auszudenken.

Und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

EG 662, 1+4 Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut