Sonnenglanz und Brunnengrund
Predigtreihe 2022 „Bucklige Verwandtschaften“

von Pfarrer Johannes Kurz, Luther-Melanchthon-Gemeinde

Hinführende Lesung

Wir hören aus dem ersten Buch Mose, der Genesis,
im 37. Kapitel die Verse 1-14
– heute in der Übersetzung der Basisbibel:

Jakob, der mit Ehrennamen Israel heißt,
wohnte in demselben Land, in dem schon sein Vater als Fremder gelebt hatte: dem Land Kanaan.
Das ist die Geschichte von Jakob und seiner Familie:

Josef war 17 Jahre alt
und hütete mit seinen Brüdern die Schafe und Ziegen.

Er half den Söhnen von Bilha und Silpa,
den Nebenfrauen seines Vaters.

Josef erzählte seinem Vater,
dass man schlecht über seine Brüder redete.

Israel liebte Josef mehr als seine anderen Söhne,
weil er ihn im hohen Alter bekommen hatte.
Deshalb ließ er ihm ein prächtiges Gewand machen.

Seine Brüder sahen,
dass ihr Vater ihn lieber hatte als sie alle.
Daher hassten sie Josef und konnten kein friedliches Wort mehr mit ihm reden.

Einmal hatte Josef einen Traum
und erzählte seinen Brüdern, was er geträumt hatte.
Da hassten sie ihn noch mehr.

Er sagte zu ihnen:
»Hört euch an, was ich geträumt habe!
Wir banden Weizen zusammen zu Garben auf dem Feld.
Plötzlich richtete sich meine Garbe auf und blieb stehen. Eure Garben stellten sich um meine Garbe herum
und verneigten sich tief vor ihr.«

Da sagten seine Brüder zu ihm: »Willst du etwa unser König werden und über uns herrschen?«
Ihr Hass auf ihn wurde noch größer,
weil er so etwas träumte und sagte.

Josef hatte noch einen anderen Traum
und erzählte seinen Brüdern davon.
Er sagte:
»Hört zu! Ich hatte noch einen Traum.
Ich sah, wie sich Sonne, Mond und elf Sterne
tief vor mir verneigten.«

Als er seinem Vater und seinen Brüdern davon erzählte,
fuhr sein Vater ihn an und sagte
»Was ist das für ein Traum?
Sollen wir etwa kommen – ich, deine Mutter und deine Brüder – und uns tief vor dir verneigen?«

Seine Brüder wurden eifersüchtig auf ihn,
und sein Vater behielt die Sache im Gedächtnis.

Josefs Brüder gingen nach Sichem,
um dort die Schafe und Ziegen ihres Vaters zu hüten.

Da sagte Israel zu Josef:
»Deine Brüder sind auf den Weiden bei Sichem.
Nun geh! Ich sende dich zu ihnen.«

Er antwortete: »Ja, ich bin bereit.«

Sein Vater sagte zu ihm: »Geh hin und sieh nach,
ob es deinen Brüdern und dem Vieh gut geht.
Dann gib mir Bescheid.«

Und er ging hin.

Antwortspruch

Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen
und Freude den aufrichtigen Herzen.
Halleluja.

EG 666,1 „Wie ein Fest nach langer Trauer“

Predigtimpuls:
Sonnenglanz und Brunnengrund

Liebe Gemeinde.
Den Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ kennen einige von ihnen sicherlich als Ausdruck für den besonderen familiären Zusammenhalt.
Wenn es aber familiär mal nicht so läuft,
dann wird schon mal von der „buckligen Verwandtschaft“ gesprochen.
Davon weiß auch die Bibel, insbesondere im ersten Buch, der Genesis, einiges zu berichten.

Heute sehen wir uns Josef und seine Familie näher an.
Auch in der besten Familie herrscht nicht immer eitel Sonnenschein.
Da läuft manches daneben.
Was zum Beispiel, wenn eines der Kinder bevorzugt wird und sich auch entsprechend aufführt?
Was, wenn in einer Familie nicht einfach nur Liebe, sondern Vergeltungsgedanken dann eine Rolle spielen?
Den ersten Teil unseres Predigttextes haben wir bereits in der Lesung gehört. (1.Mose 37,1-14 nach der Basisbibel)

Was ist ihnen dabei durch den Kopf gegangen?
Da ist der Vater Jakob. Er ist reich gesegnet.
Er hat zwölf sehr verschiedene Söhne.
Er liebt sie alle.
Aber einen von ihnen bevorzugt er;
Josef, unsere Hauptfigur.

Jakob hat Josef erst spät noch bekommen.
Von Ruth, seiner Lieblingsfrau.
Und die Bibel berichtet es hier ganz offen:
Josef ist Jakobs Lieblingssohn.
Von ihm erfährt der Vater,
was bei seinen Söhnen alles so abläuft,
auch das Schlimme.

Manche würden den jungen Josef deshalb wohl als ‚Petze‘ bezeichnen. Und als „verhätscheltes Kind“.
Denn er wird privilegiert behandelt,
bekommt ein besonders schönes Kleid.
Dass seine Brüder ihn hassen,
ja dieses harte Wort wird mehrfach genannt,
daran ist auch Jakob schuld.
Er hat Josef derart verwöhnt,
dass dieser überhaupt kein ‚Gespür‘ mehr dafür hat,
was man tut und was nicht.

So prahlt er vor Brüdern und Vater mit seinen Träumen.
Und es erstaunt uns da auch nicht, dass in diesen Träumen selbstverständlich er, Josef, der Beste ist:
Er ist die Garbe,
vor der sich die anderen Garben verneigen
Ja sogar Sonne, Mond und 11 Sterne verneigen sich vor ihm.
Allen Beteiligten war klar, dass er sich damit als die Nummer 1 sieht.

Klüger wäre es wohl gewesen,
Josef hätte solche Träume für sich behalten.
Doch keinen Moment zögert er.

Wenn ich das so höre und bedenke,
dann finde ich:
die Geschichte von Josef und seiner Familie ist wie ein Spiegel.
Und ich frage mich:
Wo und wie komme ich in dieser Geschichte vor?
Wie bin ich als Vater und Mutter?
Wie sehe ich meine Kinder und wie sehen sie mich?
Wie steht es mit meinen Eltern, meinen Geschwistern?

Bei den meisten sind die Kinder schon ausgeflogen.
Sicher sind sie einverstanden:
Wir lieben unsere Kinder immer noch!
Aber – habe ich wirklich alle gleich gern?
Oder muss ich mir eingestehen,
dass mir eines besonders nahe ist?
Dass es schwierig ist, alle gleich gerne zu haben…

Es ist nicht einfach, Vater und Mutter zu sein.
Gerade in der Pubertät erleben wir das besodners.

Als der jugendliche Neffe von Mark Twain sich bei ihm einmal mehr über seine blöden Eltern beschwert,
und dass diese so unmöglich sind und nichts wirklich verstehen, da sagt ihm Mark Twain tröstend:
Keine Sorge, vertrau mir,
das legt sich in ein paar Jahren!

In all diesen Erziehungs- und Beziehungsfehlern hilft es,
ehrlich zu sein und den Humor und die Geduld nicht zu verlieren.

Vielleicht hat ja der besonders schwierige Sohn, die sehr abgrenzende Tochter meine Liebe besonders nötig?
Das ist eine Herausforderung.

Ein Kollege wies mich darauf hin,
dass er selber es gar nicht so negativ sieht, dass Jakob seinen Sohn Josef derart offensichtlich liebt und bevorzugt.
Es ist unser Verständnis, dass Liebe und Gerechtigkeit immer zusammengehören müssen, meint er,
die uns das Verstehen manchmal schwer macht.

Und schreibt:
Da schneidet die Mutter Kuchen
und die kleine Tochter schaut zu:
„Wie? bekommen ich nur ein so kleines Stück?“
„Nein das ist für deinen Bruder.“
„Was? Bekommt der ein so großes Stück?“

So tönt es von klein auf und setzt sich fort bis ins Alter.
Man hat immer wieder das Gefühl, man komme zu kurz.
In allen Variationen.

Am Anfang ist es vielleicht ein Stück Kuchen.
Später der Beruf, die Partnerin, das Erbe …

Die Josefsgeschichte kann uns lehren:
Niemand kommt zu kurz.
Ganz anders als wir es ganz Kleinkinder-like aufrechnen,
kann wahre Liebe manchmal auch eine andere Gerechtigkeit beinhalten.

Sie wiegt nicht immer genau ab,
damit ja immer alle gleichviel bekommen.
Zur Liebe kann auch die Freiheit gehören,
sich in einer konkreten Situation ganz besonders um einen bestimmten Menschen zu kümmern.
So wie Josef hier der Liebe seines Vaters gewiss sein kann und dies ihm Kraft gibt für all die Widrigkeiten, die ihm begegnen werden.

In der Bibel gibt es erstaunlicherweise viele Beispiele, wo sich Liebe speziell Einzelnen zuwendet – konkret sich auf jene konzentriert, die sie auch besonders brauchen.

Denken wir nur an Jesu Gleichnis vom verlorenen Schaf:
Da lässt Gott als der gute Hirte 99 Schafe zurück,
um das Eine in Not zu finden.

Oder als die Frommen und Schriftgelehrten – gekränkt wie Josefs Brüder hunderte Jahre früher – Jesus fragen, warum er sich ausgerechnet denen zuwende, die als unrein und aus der Gesellschaft ausgestoßen gelten: Den Zöllnern und Sündern, den Aussätzigen und Invaliden.
Da antwortet Jesus klar: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken (Lk. 5,31)
Man könnte den Beginn der Josefsgeschichte also auch ganz anders einordnen:
Der Familienfriede zerbricht nicht so sehr wegen Jakobs grobem Erziehungsfehler.
Sondern daran, dass es die anderen, erwachsenen Söhne nicht ertragen,
dass Liebe sich manchmal um jemanden besonders kümmert…

Hören wir, wie es weitergeht (1.Mose 37,18-28):

Die Brüder sahen Josef schon von Weitem kommen.
Noch bevor er bei ihnen war,
beschlossen sie, ihn zu töten.
Sie sagten zueinander:
»Seht! Da kommt er ja, der Meisterträumer.
Auf, wir erschlagen ihn! Dann werfen wir ihn in eine Zisterne und behaupten:
›Ein wildes Tier hat ihn gefressen.‹
Dann werden wir ja sehen,
was aus seinen Träumen wird.«
Als Ruben, der Älteste von ihnen, das hörte,
wollte er Josef vor ihnen retten.
Er dachte: »Wir können ihn doch nicht umbringen!«
Zu seinen Brüdern sagte er:
»Vergießt kein Blut!
Werft ihn in die Zisterne da in der Steppe.
Aber tastet sein Leben nicht an!«
Das sagte er, um Josef vor ihnen zu retten und ihn zum Vater zurückzubringen.
Als Josef bei seinen Brüdern ankam,
rissen sie ihm sein prächtiges Gewand vom Körper.
Sie packten ihn und warfen ihn in die Zisterne,
die leer und trocken war.
Danach setzten sie sich hin, um zu essen.
Als sie aufblickten,
sahen sie eine Karawane von Ismaelitern.
Die kamen aus Gilead.
Ihre Kamele trugen kostbare Harze
und sie waren auf dem Weg nach Ägypten.
Da sagte Juda zu seinen Brüdern:
»Was haben wir davon, wenn wir unseren Bruder erschlagen und den Mord verheimlichen?
Kommt, wir verkaufen ihn an die Ismaeliter,
statt ihn umzubringen.
Er ist doch unser Bruder – unser Fleisch und Blut.«
Seine Brüder hörten auf Juda.
Und als die ismaelitischen Händler herankamen
zogen die Brüder Josef aus der Zisterne.
Sie verkauften ihn für zwanzig Silberstücke an die Ismaeliter, die ihn nach Ägypten mitnahmen.

Unvorstellbar!, liebe Gemeinde.
Den eigenen Bruder derart behandeln
– das können nur Menschen tun,
die von Hass erfüllt sind.

Unter Hass verstehen wir im Deutschen eine Gesinnung.
Man liebt oder hasst jemanden – länger dauernd.
Im Hebräischen haben Liebe und Hass eine andere Bedeutung:
Sie sind wie ein gespannter Bogen. Jederzeit kann der Pfeil losschnellen …
Hass – das meint da eine drohende Spannung in der Luft. Wie das laute Ticken einer Uhr
… wie ein Damokles-Schwert … Und über kurz oder lang schnellt der Hass los … und trifft …
Josef wird von seinen Brüdern aufs Schlimmste verprügelt, sie reißen ihm das Kleid weg, werfen ihn in eine Zisterne verkaufen ihn für 20 Silberlinge – da klingelt es bei manchen und sie erinnern sich an den Judaslohn bei der Verehaftung Jesu – und Josef wird in die Sklaverei nach Ägypten verschleppt.

Hier möchte noch ein wenig ‚neugierig‘ machen auf die Folgegeschichte.
Manches läuft ungerecht im Leben von Josef.
Aber er übersteht nicht nur den Verkauf in die Sklaverei und das Gefängnis, in das er zu Unrecht geworfen wird,
sondern er konnte Jahre später dies alles vergeben und seinen Brüdern mit Liebe begegnen.
Dazu hat ihm sein Vertrauen in Gott geholfen.

Josefs Brüder bekommen ebenfalls die Chance,
ihren guten Kern zu zeigen
und eine neue Beziehung zu ihrem Bruder aufzubauen.
Sie werden nach einigen Wirren erleben:
Nur dank Josefs besonderer Stellung als rechte Hand des Pharaos in Ägypten, wird unsere ganze Großfamilie vom Hungertod bewahrt.
So erweisen sich die damaligen Träume von Josef als Wahrträume.
Gott hat wirklich mit ihm und seiner Familie etwas Besonderes vorgehabt.
Nicht nur Josef wird überleben.
Die ganze Familie wird dank ihm überleben.
Und auch Ägypten wird dank ihm überleben.

Erinnern wir uns: Niemand kommt zu kurz…

So ist die Josefgeschichte zwar auf den ersten Blick unfair, aber sie macht gleichzeitig Mut:
Denn am Schluss steht Versöhnung.
Josef sagt nach dem Tod ihres Vaters zu seinen Brüdern:
„Ihr zwar habt Böses mit mir geplant,
Gott aber hat es zum Guten gewendet.“
(1. Mose 50,20)
Trotz allem, was in dieser Familie schief gelaufen ist,
ist es zuletzt gut gekommen.
Offensichtlich hat noch ein anderer seine Hand über diese Familie gelegt.
Gott aber hat es zum Guten gewendet.

Ich lade sie ein, das in Anspruch zu nehmen für die Familiensituation, in der sie stehen:
Selbst wenn es noch so ‚bucklig‘ zugehen mag und gewisse Dinge alles andere als perfekt laufen,
heißt das nicht, dass damit alles verloren ist.

Und wenn wir als Einzelne, Ehepartner und Familien gefordert sind, nicht durch Ungerechtigkeit und Hass, sondern durch andere Probleme und Krankheit:
Gott kann es zum Guten wenden!

Halten wir daran fest, selbst wenn wir vielleicht im Moment noch im Dunkel der Zisterne sitzen.
Brunnengrund und Sonnenglanz – beides gehört zu unserem Leben. Und Gott will es zum Guten wenden.
Amen.

Das nun folgende Lied stammt aus dem Pop-Oratorium „JOSEF“ von Johannes Nitsch und Jürgen Werth.
Es bezieht sich auf die Versöhnungsszene zwischen den Brüdern.
Lasst uns singen:
EG 666,2-3 Wie ein Fest nach langer Trauer

 

Mehrere Hände zeigen ein rotes Herz