Geschwister im Dreierpack
Predigtreihe 2022 „Bucklige Verwandtschaften“

von Pfarrer Markus Wittig, Evangelische Kirche in Grötzingen

4. Mose (Num) 16
Mirjam und Aaron redeten schlecht über Mose. Der hatte eine Frau aus einem fremden Volk geheiratet. Sie stammte aus dem Land Kusch. Die beiden sagten: »Hat denn der Herr nur mit Mose geredet? Hat er nicht auch mit uns geredet?« Der Herr hörte das. Mose aber war sehr fromm. Er übertraf darin alle Menschen auf der Erde. Sogleich sagte der Herr zu Mose, Aaron und Mirjam: »Ihr drei, geht hinaus zum Zelt der Begegnung, (zur Stiftshütte)!« Das taten sie. Da stieg der Herr in einer Wolkensäule herab und stellte sich vor das Zelt. Er rief: »Aaron und Mirjam!« Die beiden traten vor. Der Herr sagte zu ihnen: »Hört, was ich sage! Wenn es bei euch einen Propheten gibt, erscheine ich ihm in einer Vision. Oder ich rede durch einen Traum mit ihm. Anders bei meinem Knecht Mose: In meinem ganzen Haus gibt es keinen, der so zuverlässig ist wie er. Darum rede ich von Angesicht zu Angesicht mit ihm, klar und nicht in Rätseln. Er darf sogar mich, den Herrn, selbst sehen. Warum habt ihr euch nicht gescheut, schlecht über meinen Knecht Mose zu reden?« Dann ging der Herr weg, so zornig war er auf sie.
Als die Wolke über dem Zelt verschwunden war, konnten es alle sehen: Mirjam hatte Aussatz bekommen, der aussah wie Schnee. Aaron drehte sich nach Mirjam um und sah den Aussatz. Da sagte Aaron zu Mose: »Bitte, mein Herr, leg uns diese Sünde nicht zur Last! Wir haben uns dumm verhalten und Unrecht getan. Mirjam soll doch nicht sein wie ein totgeborenes Kind! Wenn es aus dem Mutterleib herauskommt, ist sein Fleisch schon halb verwest.« Da schrie Mose zum Herrn: »Ach, Gott, mach sie wieder gesund!« Der Herr antwortete Mose: »Wenn ihr Vater ihr ins Gesicht gespuckt hätte, müsste sie sich doch sieben Tage lang schämen. So soll sie sieben Tage lang aus dem Lager ausgeschlossen werden und muss draußen bleiben. Danach soll sie wieder aufgenommen werden.« Mirjam wurde also sieben Tage lang ausgeschlossen und blieb draußen vor dem Lager. Das Volk zog nicht los, bis Mirjam wieder aufgenommen war. Erst danach brach es von Hazerot auf und schlug in der Wüste Paran sein Lager auf.

Liebe Gemeinde,
wir haben es hier mit drei Geschwistern zu tun, zwei Brüder, eine Schwester.

Mose ist der starke Führer, der die Verbindung zwischen seinem Volk und Gott ganz persönlich hält. Aaron ist der Priester. Die institutionalisierte Verbindung zu Gott. Er wird sein Amt weitergeben. Eine sehr würdige Aufgabe. Und Mirjam, ja Mirjam kann feiern. Sie hat den Sieg über die Ägypter am Schilfmeer getanzt! Es ist immer wieder wunderbar, diese drei zusammen mit ihren verschiedenen Begabungen zu sehen. Jeder hat seine Rolle. Jeder ist was Eigenes. Und: Zusammen sind sie unschlagbar …

Aber da ist auch immer wieder dieser Stich, der das wohlwollende Miteinander stört und den Neid der vermeintlich Benachteiligten deutlich macht: Mirjam und Aaron redeten schlecht über Mose. Der hatte eine Frau aus einem fremden Volk geheiratet. Sie stammte aus dem Land Kusch. Die beiden sagten: »Hat denn der Herr nur mit Mose geredet? Hat er nicht auch mit uns geredet?« (Num 12,1a.2a)

Kennen wir das nicht auch? Da zeigen wir schnell mit dem Zeigefinger auf die, die wir für bevorzugt halten und suchen einen Fehler bei ihnen. Hier ist es die Frau des Mose, die als moralisches Argument herhalten muss. Gott aber sieht, was hinter diesen moralischen Argumenten liegt und weiß: Neid kann alles kaputt machen. Aber er kennt eine Medizin gegen Neid: Keine Spalttabletten gibt er aus, er macht die Spaltung in den Herzen nicht mit. Er bestellt alle drei gemeinsam zu sich, quasi in die Sprechstunde. Gott als Streitschlichter.

Er rief: „Aaron und Mirjam“ (Num 12,5). Der Herr sagte zu ihnen: »Hört, was ich sage! Wenn es bei euch einen Propheten gibt, erscheine ich ihm in einer Vision. Oder ich rede durch einen Traum mit ihm. Anders bei meinem Knecht Mose: In meinem ganzen Haus gibt es keinen, der so zuverlässig ist wie er. Darum rede ich von Angesicht zu Angesicht mit ihm, klar und nicht in Rätseln. Er darf sogar mich, den Herrn, selbst sehen. (Num 12,6-8a) Das sind bittere Pillen für Neidische. Gott sagt: „Ich behandle nicht alle gleich. Ich nehme Eure unterschiedlichen Begabungen ernst. Und Ihr nehmt gefälligst meine Berufungen ernst! Ich mache Unterschiede. Das ist meine Großzügigkeit.“ Der Neid aber sagt: „Das ist ungerecht.“

Ein weiterer Schritt in der Neidtherapie ist ein Blick in den Spiegel: Mirjam und Aaron müssen von Mose weg, zu sich selbst zurück. Betrachten, wer sie sind. Sie müssen das Eigene, die eigenen Stärken sehen lernen. Was daran so weh tut? Du siehst dabei auch deine Schwächen, auch das, was du nicht bist. Du musst dem eigenen Mangel in die Augen sehen. Dann ging der Herr weg, so zornig war er auf sie. (Num 12,9)

Jetzt ist Gott weg. „Traumhaft! Wenn Gott weg ist, kommen wir endlich mehr zum Zug.“ So denken viele. Bis heute. „Wenn die Kirchen und die anderen Menschenverdummer endlich entlarvt wären, dann wäre die Welt ehrlicher und es ginge gerechter zu.“ So ähnlich die Aussagen der Giordano-Bruno-Stiftung.

Das 4. Mosebuch sieht das auch so: Ohne Gott kommen die Menschen mehr zum Zug. Aber genau davor hat die Bibel Angst. Auch davor, dass es dann „gerechter“ zugeht in dieser Welt. Gerechtigkeit hieße dann vermutlich, dass wir das alles selbst ausbaden, worauf wir uns einlassen, dass wir uns das Leben selbst schaffen dürfen, dass wir auf das reduziert werden, was wir können, dass wir für uns selbst einstehen müssen, kein anderer für uns eintritt. Gerechtigkeit hieße dann vermutlich, dass es in meinem Leben keine Gnade mehr gibt. Mir wäre das zu wenig.

Ich glaube an einen Gott, der von Anfang an mehr wollte mit uns und dieser Welt: Er wollte, dass wir einen Garten vorfinden. Er wollte, dass Dich jemand küsst, ohne dass Du etwas dafür geleistet hast. Er will, dass das Leben zurückkehrt, wenn es Dir durch die Finger rinnt oder du dich verrannt hast. Gott will, dass Du lebst. Und Leben ist Gnade.

Wenn Du sehen willst, was passiert, wenn die ganze Wahrheit des Lebens gnadenlos ans Licht kommt, schau Dir Mirjam an. Mirjam hatte Aussatz bekommen, der aussah wie Schnee. (Num 12,10) Das ist keine Strafe. Das ist die Gerechtigkeit, die stattfindet, wenn sich Gott abgewandt hat. Es tritt nur nach außen, was schon lange da war. Die Krankheit. Und die Krankheit hat einen Namen: Neid, hier: Geschwister-Neid. Der Aussatz ist in dieser Geschichte der sichtbar gewordene Neid. Und wer Aussatz hat, wird isoliert. Der Neid hat sein Ziel erreicht. In der Moraltheologie des Mittelalters gehörte der Neid zu den Todsünden. Und die mittelalterliche Kirche bekämpfte den Neid. Die Bibel aber erzählt: Gott unterdrückt den Neid nicht. Er macht ihn sichtbar. Er hebt ihn an die Oberfläche. Das Gefährliche bekommt also einen Namen. Und damit wird das Unfassbare fassbar.

Aaron begreift zuerst, worum es ihm und seiner Schwester wirklich ging. Unter seinem Neid lag ein Verlangen, eine Sehnsucht, ein Traum. Er bittet Mose: Bitte, mein Herr, leg uns diese Sünde nicht zur Last! Wir haben uns dumm verhalten und Unrecht getan. Mirjam soll doch nicht sein wie ein totgeborenes Kind! Und Mose bittet: Ach, Gott, mach sie wieder gesund! (Num 12,11-13)

Im Gebet für die Anderen leuchtet unser eigene Sehnsucht auf: Dass wir dazugehören. Denn jeder von uns ist ein Individuum, ein von Gott geliebter Mensch. Die Sehnsucht, heil zu werden in dieser Welt. Mehr noch: Im Gebet für die Anderen leuchtet auf, dass wir etwas Besonderes sind, indem wir beim Anderen sind. Wir sind bei Gott, wenn wir für andere Menschen bitten. Oft sind wir krank an Neid bis Gott unseren Neid in Sehnsucht verwandelt.

Und die Bibel verspricht noch mehr: Dass unsere Sehnsucht erfüllt wird. Denn in unserer Geschichte zog das Volk nicht weiter, bis Mirjam wieder ins Lager aufgenommen wurde, wieder dazu gehörte, ohne Aussatz. (Num 12,15) Wiederaufnahme in die Gemeinschaft, gegenseitige Achtung und Aufeinanderachten anstelle giftigen Neids. – Das ist doch die schönste Medizin. Und der Neid ist dabei machtlos.

Amen