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Erscheinungsdatum: 11.08.2026 15:38:04

Freiheit auf Rechnung

Ex-DDR-Gefangener Truckenbrodt (epd-bild/privat/Andreas Truckenbrodt)
Vor 65 Jahren zementierte die Berliner Mauer die Teilung Deutschlands - und schuf auch ein System, in dem politische Gefangene zur Ware wurden. Tausende kamen frei, weil die Bundesrepublik zahlte.

Von Matthias Pankau (epd)

Stuttgart, Berlin (epd). Der weiße Bus ist unscheinbar. Doch an diesem Februartag 1984 bringt er Andreas Truckenbrodt aus der Haft in ein anderes Leben. Die Fahrt führt durch die DDR Richtung Grenze. Im Bus herrscht angespannte Stille, erinnert sich Truckenbrodt. Erst hinter der innerdeutschen Grenze lässt die Anspannung nach. Ziel ist Gießen, das Notaufnahmelager der Bundesrepublik. Für den damals 24-Jährigen endet eine 28-monatige Haft und beginnt die Freiheit, die einen festen Preis hatte.

Der heute 67-Jährige ist einer von 33.755 politischen Gefangenen, die die Bundesrepublik zwischen 1963 und 1990 freikaufte. Die DDR ließ sich die Entlassung bezahlen - zunächst bar, später fast ausschließlich in Waren. Insgesamt flossen Güter im Wert von 3,4 Milliarden D-Mark.

Eine lukrative Geldquelle

Die Voraussetzungen entstanden mit dem Mauerbau, der vor 65 Jahren begann, am 13. August 1961. Die Abriegelung verschärfte den Druck nach innen. Zwei Jahre später wurden die ersten Häftlinge „freigekauft“. „Hinter dem Angebot der DDR stand das Ziel, eine lukrative Geldquelle zu erschließen“, sagt der Historiker Jan Philipp Wölbern dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Organisiert wurde dieses Geschäft diskret und unter Beteiligung der evangelischen Kirche. Eine Schlüsselrolle spielte das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit Sitz in Stuttgart, das damals noch gesamtdeutsch organisiert war und so grenzüberschreitend handeln konnte. Es organisierte die Lieferung der Gegenleistungen an die DDR - von Kaffee und Butter bis zu Rohstoffen wie Öl, Kupfer oder Kautschuk.

Dass die Diakonie diese Aufgabe übernahm, lag auch an ihrer Struktur. „Dort hatte man Erfahrung, große Mengen von Waren zu beschaffen und zu verteilen, etwa bei Hilfslieferungen nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt der Historiker und Theologe Michael Häusler dem epd. Er ist Leiter des Archivs für Diakonie und Entwicklung in Berlin und bestens vertraut mit den damaligen Vorgängen.

Die Kirche finanzierte die ersten Freikäufe

Nach 1961 verschärfte die SED ihren Kurs gegen Christen; zeitweise saßen rund 100 Personen aus dem kirchlichen Umfeld in Haft. Vertreter der evangelischen Kirchen im Westen reagierten zunächst selbst, stellten Listen zusammen. Erste Freikäufe wurden in den 1960er Jahren aus EKD-Mitteln finanziert - unter strenger Geheimhaltung. In der Stuttgarter Diakonie-Zentrale waren nach Häuslers Einschätzung „vielleicht fünf bis sechs Leute“ eingeweiht.

Doch das System entwickelte rasch Eigendynamik. Die Preise wurden individuell ausgehandelt und stiegen teils drastisch - je nach politischer Bedeutung sollen bis zu 250.000 D-Mark verlangt worden sein. Als die Forderungen weiter kletterten, drängte die Diakonie laut Jan Philipp Wölbern auf eine stärkere Einbindung der Bundesregierung. Die politische Verantwortung ging an die Regierung nach Bonn über, die Kirche blieb organisatorischer Partner.

Freiheit als Verhandlungsmasse

Im Westen verband sich mit den Warenlieferungen die Hoffnung, auch die Versorgung der DDR-Bevölkerung zu verbessern. Doch häufig gelangten die Güter gar nicht zu den Menschen: Die DDR verkaufte Rohstoffe über den „Bereich kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) gegen Devisen auf dem internationalen Markt. Nach Wölberns Forschungen gingen seit Mitte der 1970er Jahre große Teile der Erlöse in die Zahlungsbilanz der DDR ein.

In den 1980er Jahren, erklärt der Historiker, kehrte sich die Logik des Systems teilweise um. Immer häufiger stand die Aussicht auf Einnahmen durch den Häftlingsfreikauf am Anfang. „Zwischen Menschenhandel und humanitären Aktionen“ lautet der Untertitel seines Buch „Der Häftlingsfreikauf aus der DDR 1962/63-1989“ (2014).

Während in den 1960er Jahren nur etwa jeder achte Häftling freikam, war es in den 1980er Jahren bereits jeder zweite. Die Bundesrepublik kaufte Menschen frei - und stabilisierte damit zugleich das System, das sie zuvor eingesperrt hatte.

„Es war eine Gratwanderung“

„Es war eine Gratwanderung“, sagt Michael Häusler. Ausschlaggebend für die Beteiligten aus Kirche und Diakonie sei gewesen, dass Personen vor menschenunwürdigen Haftbedingungen bewahrt wurden. Ähnlich beurteilt es Andreas Truckenbrodt: Der Freikauf habe das Unrechtssystem nicht legitimiert, sondern konkrete Hilfe ermöglicht. „Wer weiß, was sonst aus uns geworden wäre“, sagt er.

Erscheinungsdatum: 11.08.2026 15:25:08

Beauftragter: Selbstverbrennung war Protest gegen SED-Diktatur

Gedenkstele für Oskar Brüsewitz in Zeitz (epd-bild/Norbert Neetz)
Am 18. August 1976 erregte die Selbstverbrennung eines Pfarrers in Zeitz weltweit Aufsehen. Die Tat von Oskar Brüsewitz war Ausdruck seines Protestes gegen die SED-Diktatur. 50 Jahre später wird daran erinnert.

Magdeburg, Zeitz (epd). Mit einer Gedenkwoche würdigt die Stadt Zeitz in Sachsen-Anhalt das Wirken von Oskar Brüsewitz (1929-1976). Die Selbstverbrennung des evangelischen Pfarrers vor 50 Jahren sei vor allem Ausdruck seines Protestes gegen die SED-Diktatur gewesen, sagte der Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Johannes Beleites, am Dienstag in Magdeburg.

Der Pfarrer der Dorfgemeinde Rippicha hatte sich am 18. August 1976 vor der Zeitzer Michaeliskirche selbst angezündet und war vier Tage später seinen Verletzungen erlegen. Die Gedenkwoche sei vom Aufarbeitungsbeauftragten, der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit der Stadt Zeitz und weiteren Partnern organisiert worden.

Welche Bedeutung hat der Fall Brüsewitz heute?

Den Auftakt bildet am 18. August um 11.55 Uhr eine öffentliche Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung vor der Michaeliskirche in Zeitz. Im Anschluss werde in der Michaeliskirche ein Gottesdienst unter Leitung des mitteldeutschen Landesbischofs Friedrich Kramer gefeiert. Am selben Tag werde zudem der Dokumentarfilm „Der Störenfried“ von Regisseur Thomas Frickel in Zeitz aufgeführt.

Zum Thema „Protest! Wie weit gehen für die eigenen Ideale? Der Fall Brüsewitz heute“ folgt am 20. August eine Podiumsdiskussion in der Nikolaikirche Zeitz. Zudem werden Schülerinnen und Schüler des CJD-Gymnasiums Droyßig ein Theaterstück aufführen.

Den Abschluss der Gedenkwoche bildet am 23. August um 13 Uhr ein Gedenkgottesdienst in der Kirche Rippicha. Dort war Brüsewitz bis zu seinem Tod als Pfarrer tätig und fand auf dem dortigen Friedhof seine letzte Ruhe.

Erscheinungsdatum: 11.08.2026 09:24:54

Heimstiftung: Debatte über Zivildienst eröffnet Chancen

Marina Weisserth, Geschäftsführerin der Heimstiftung (epd-bild/Ev. Heimstiftung)
Die Evangelische Heimstiftung sieht die Diskussion über einen neuen Zivildienst positiv. Er könne kein Ersatz sein für ausbildete Fachkräfte - aber eine wichtige Ergänzung, die die soziale Infrastruktur stärkt und Nachwuchs anzieht.

epd-Gespräch: Dirk Baas

Stuttgart (epd). Die Evangelische Heimstiftung sieht die Debatte um einen möglichen Zivildienst als Chance. „Ein Zivildienst ist kein Ersatz für gut ausgebildete Fachkräfte, er ist aber eine sehr wichtige Ergänzung, die unsere soziale Infrastruktur stärkt und Nachwuchs anzieht“, sagte Geschäftsführerin Mirjam Weisserth dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Auch einer ihrer Kollegen in der Geschäftsführung habe als Zivi bei der Heimstiftung angefangen. „Der Zivildienst war früher oft der erste Türöffner in den Pflegeberuf, weil er jungen Menschen Nähe zu Pflege und Sozialarbeit bringen, Solidarität erlebbar machen und Interesse an einer Ausbildung wecken kann“, sagte Weisserth über die positiven Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Strukturen und Erfahrung sind vorhanden

„Als großes Pflegeunternehmen mit 170 Einrichtungen und Diensten würden wir uns selbstverständlich beteiligen und Stellen für den Zivildienst anbieten“, betonte die Geschäftsführerin. Man habe Erfahrung und Strukturen, um Zivildienstleistende sinnvoll einzubinden. Der Träger ist mit 11.350 Beschäftigten nach eigenen Angaben das größte diakonische Pflegeunternehmen in Deutschland.

Wie viele Plätze für Zivis möglich wären, hänge von den Regelungen ab, die noch getroffen werden müssten: Dauer, Finanzierung, Aufgabenprofil. „Die deutliche Kritik zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht ganz nachvollziehen.“ Falls der Zivildienst als Alternative zum Wehrdienst eingeführt werden sollte, „dann brauchen wir wenige, einfache, klare Regeln dafür - und die Freiheit und das Vertrauen, den Einsatz passend zu gestalten. Die Chancen sollten wir in der Pflege und in der Sozialbranche nutzen“.

Nach Weisserths Darstellung ist nicht unterschätzen, wie sehr Zivildienstleistende, Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und im Bundesfreiwilligendienst (BUFDI) die Pflegeeinrichtungen im Alltag entlasten können. „Klar ist: Pflegerische Kernaufgaben, die eine dreijährige Ausbildung verlangen, dürfen nicht an Zivis delegiert werden. Das war aber auch früher nicht der Fall.“

Erscheinungsdatum: 10.08.2026 13:44:38

Trauerfeier für früheren sächsischen Landesbischof Bohl

Jochen Bohl im Jahr 2015 (epd-bild/Norbert Neetz)
Der Ende Juli gestorbene Theologe Jochen Bohl stand von 2004 bis 2015 an der Spitze der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Bei der Trauerfeier würdigte der amtierende Bischof Bilz dessen Wirken für Kirche und Gesellschaft.

Von Katharina Rögner (epd)

Dresden (epd). Mit einem Trauergottesdienst in der Dresdner Kreuzkirche haben Familie, Freunde und Weggefährten Abschied vom ehemaligen sächsischen Landesbischof Jochen Bohl genommen. Der Theologe war am 29. Juli in Radebeul bei Dresden im Alter von 76 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Tobias Bilz, sagte bei den Trauerfeierlichkeiten am Montag: „Bohl hat etwas gewollt, er hatte die Kraft dazu, er wollte das Rechte tun und ist mit Widerständen umgegangen.“

„Innere Überzeugungen waren ihm wesentlicher als die äußeren Umstände“, sagte Bilz. Sein Vermächtnis sei, „kraftvoll einen Beitrag zu leisten für den Zusammenhalt“ und nicht aufzugeben. Dies sei „nötiger denn je“.

Prägender Theologe

Der frühere sächsische Oberlandeskirchenrat Martin Lerchner sagte in seiner Predigt: „In Trauer und Dankbarkeit nehmen wir Abschied.“ Jochen Bohl selbst habe dankbar auf sein Leben zurückgeblickt. Der Theologe habe viele Menschen nachdrücklich geprägt.

An der Trauerfeier nahmen unter anderem auch der Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Stephan Schaede, der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU) teil. Bohl stand von 2004 bis 2015 an der Spitze der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Daneben war er von 2010 bis 2015 auch stellvertretender Vorsitzender des Rates der EKD und von 2007 bis 2009 stellvertretender Leitender Bischof der VELKD.

Kluger Stratege

Der 1950 in Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen geborene Bohl galt als kluger Stratege und gut vernetzter, hoch engagierter Theologe. Höhepunkte seiner Amtszeit als Bischof waren 2005 die Wiedereinweihung der Dresdner Frauenkirche sowie 2011 der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dresden.

Zum Gedenken an den Theologen läuteten zu Beginn des Trauergottesdienstes Glocken in der Dresdner Kreuzkirche und im Meißener Dom. Damit wurde auch an Bohl als ehemaligen Stiftsherrn des Hochstifts Meißen erinnert. Die Beisetzung sollte im engeren Familienkreis erfolgen.

Bohl meldete sich regelmäßig zu gesellschaftlichen, ethischen und politischen Debatten zu Wort. Bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte er 2025 anlässlich seines 75. Geburtstages in der Dresdner Frauenkirche dazu aufgerufen, in einer Welt voller Krisen und Kriege offen zu sein für Lösungen, für Unverhofftes und Unabsehbares.

Studiert hatte Bohl von 1968 bis 1974 evangelische Theologie in Wuppertal, Marburg und Bochum. Nach dem theologischen Examen war er als Pfarrer in Aplerbeck im Kirchenkreis Dortmund-Süd tätig. Bevor er nach Sachsen kam, leitete er neun Jahre lang das Evangelische Jugendwerk an der Saar. In Sachsen war er von 1995 bis 2004 Direktor der Diakonie.

Erscheinungsdatum: 10.08.2026 10:24:18

Freiwilligendienste: Engagement ja - aber wovon leben?

Fenja Dreher bei der Arbeit zwischen Pflanzen (epd-bild/Dieter Sell)
Die Vorbereitungen für einen möglichen neuen Zivildienst befeuern auch die Debatte über eine bessere Finanzierung der Freiwilligendienste. Denn: Viele junge Leute können sich ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr schlicht nicht leisten.

Von Dieter Sell (epd)

Bremen, Hannover (epd). Die Arbeit mit Kindern, das wollte Lavinia Dunker nach der Schule unbedingt ausprobieren. Deshalb war für die Bremerin schnell klar, dass sie nach dem Abitur im vergangenen Jahr in ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) einsteigt, am liebsten in einer Kita. „Schaffe ich das, gefällt mir das? Das wollte ich checken“, sagt die heute 20-Jährige. Mit Unterstützung des Diakonischen Werkes in Bremen fand sie bald eine passende Einrichtung. „Ich bin sehr gut reingekommen, der Kontakt zum Team und zu den Kindern lief super“, blickt sie zurück. Doch die Finanzen wurden schnell zum Problem für sie.

Lavinia Dunker wohnt noch zu Hause und hat für ihren Freiwilligendienst monatlich 400 Euro Taschengeld bekommen, mit dem sie sich an der Miete beteiligte. Das reichte irgendwann nicht mehr, sie musste mit dem FSJ Ende Februar aus finanziellen Gründen aufhören. „Meine Einsatzstelle hat mir dann einen Teilzeitvertrag angeboten, erst über 20 Stunden wöchentlich, dann mit 30 Stunden, das war ein großes Glück“, berichtet die junge Frau, die ab Herbst Psychologie studieren will.

Forderung: Freiwilligengeld auf BAföG-Niveau

Jedes Jahr absolvieren laut Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr etwa 50.000 junge Menschen ein FSJ. Es könnten noch mehr sein, wenn der finanzielle Rahmen besser wäre. Die Vorbereitungen für eine mögliche Wiedereinführung des Zivildienstes - im Falle einer Rückkehr zur Wehrpflicht - haben nun auch die Debatte über die Rolle und Rahmenbedingungen der Freiwilligendienste neu angefacht.

„Bei einem Taschengeld von ungefähr 400 Euro können sich wahrlich nicht alle jungen Menschen einen solchen Dienst an unserem Gemeinwesen leisten“, kritisiert beispielsweise Hermann Gröhe, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, einem der großen FSJ-Träger. Nicht nur er fordert deshalb eine Summe entsprechend dem BAföG-Höchstsatz von rund 990 Euro monatlich, ein „Freifög“ wie es Träger der Freiwilligendienste nennen.

Ähnlich sieht es die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) in Hannover, Zentralstelle für die evangelischen Freiwilligendienste in Deutschland. „Das derzeitige Taschengeld ermöglicht vielen jungen Menschen nicht, ihren Lebensunterhalt eigenständig und elternunabhängig zu bestreiten“, erklärt Generalsekretärin Annika Schreiter. Und fügt hinzu: „Ein staatlich finanziertes Freiwilligengeld auf BAföG-Niveau ist dringend notwendig, um echte Wahlfreiheit zwischen Freiwilligendienst, Wehrdienst und Ausbildung zu schaffen und auch sozial benachteiligten jungen Menschen den Zugang zu ermöglichen.“

„Bin erwachsener geworden“

Wie wichtig die Zeit im Freiwilligenjahr ist, wird bei Fenja Dreher deutlich, die gerade in Trägerschaft des Soziales Friedensdienstes ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Zentrum des Landesverbandes der Gartenfreunde in Bremen absolviert. Kugelschreiber, Collegeblock und Tablet hat sie nach dem Abitur im vergangenen Jahr gegen Grabegabel, Harke und Schubkarre getauscht. Pflanzen wässern, Sträucher zurückschneiden, Unkraut jäten, oft mit beiden Händen in der Erde: Das füllt gerade ihre oft heißen Arbeitstage.

Dazu kommen Projekte im Bereich der Umweltbildung, etwa, wenn sie Schulklassen begleitet. „Ich will draußen sein, das gefällt mir hier“, sagt die 19-Jährige, die auch noch zu Hause wohnt. Sie könne anpacken, bekomme Einblicke ins Arbeitsleben und habe es geschafft, Verantwortung zu übernehmen. „Ich habe das Gefühl“, zieht Fenja Dreher eine erste Bilanz ihres FÖJ-Jahres, „dass ich deutlich erwachsener geworden bin“. Das wird ihr auch im Studium helfen, das Geologie, Biologie und Physik verbindet und das sie im Oktober beginnen will, davon ist sie überzeugt.

Damit noch mehr junge Menschen diese Erfahrungen machen können, müssten nach Auffassung der Träger Bund und Länder mehr Geld geben. „Das geht nicht über eine Mehrbelastung der Einsatzstellen“, verdeutlicht Nadine Portillo, Geschäftsführerin des Sozialen Friedensdienstes in Bremen. „Ohne zusätzliche öffentliche Förderung wären viele soziale Einrichtungen kaum in der Lage, höhere Taschengelder zu finanzieren.“

Träger fordern Rechtsanspruch

Dazu kommen weitere Forderungen, um den Dienst attraktiver zu gestalten, ergänzt aej-Generalsekretärin Schreiter: „Ein Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst, der allen Interessierten die Teilhabe ermöglicht, individuelle Beratung für alle Schulabgängerinnen und Schulabgänger und auskömmliche finanzielle Rahmenbedingungen, um die pädagogische Begleitung und die sozialversicherungsrechtliche Absicherung dauerhaft zu gewährleisten.“ Wer ein FSJ mache, solle außerdem von den Rundfunkbeiträgen befreit werden und ein Deutschlandticket bekommen.

Ein besserer finanzieller Rahmen würde sich zweifach lohnen, bekräftigen Lavinia Dunker und Fenja Dreher. Einerseits natürlich für die Freiwilligen, dann aber auch für die Gesellschaft, die vom Engagement der jungen Leute profitiere, sagen sie übereinstimmend. Und Fenja Dreher betont: „Mir hat das Jahr viel gebracht, ich kann es nur weiterempfehlen.“

Erscheinungsdatum: 09.08.2026 09:55:28

Johanniter offen für möglichen Zivildienst

Rettungswagen der Johanniter (epd-bild/Jürgen Blume)
Die Johanniter-Unfall-Hilfe könnte bei Bedarf Zivi-Stellen anbieten. Doch der Ersatzdienst habe keine Priorität. Wichtiger sei es, die Freiwilligendienste auszubauen und finanziell abzusichern.

Berlin (epd). Die Johanniter-Unfall-Hilfe kann beim Neustart des Zivildienstes Stellen anbieten, pocht aber grundsätzlich auf den Ausbau bestehender Freiwilligendienste. „Die Strukturen der Freiwilligendienste und eines wiedereinzuführenden Zivildienstes sollten eng miteinander verzahnt gedacht und umgesetzt werden“, sagte eine Sprecherin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Eine konkrete Zahl an jährlichen Plätzen für Zivildienstleistende könne sie aktuell nicht nennen.

Noch kenne niemand die Rahmenbedingungen für einen möglichen zukünftigen Zivildienst, sagte die Sprecherin. Unklar seien nicht nur dessen Dauer, sondern auch die Finanzierung und die möglichen Einsatzfelder. Aktuell haben die Johanniter rund 1.600 Freiwillige bundesweit im Einsatz.

Ohne Zuschüsse kein wirtschaftlicher Betrieb

Zu bedenken sei auch, dass ein Zivildienst ebenso wie die Freiwilligendienste für die Trägerorganisationen betriebswirtschaftlich umsetzbar sein müsse. Das gelinge nicht ohne verlässliche staatliche Zuschüsse, betonte die Sprecherin. Hier liege ein Problem, zumal in Zeiten knapper werdender Mittel.

Eine besondere Herausforderung liege in der unterschiedlichen Entlohnung von Zivil- und Freiwilligendienst. „Hier sollte eine Angleichung zwischen Sold im Wehrdienst und gegebenenfalls im Wehrersatzdienst/Zivildienst sowie dem Taschengeld in den bestehenden Freiwilligendiensten angestrebt werden“, sagte die Sprecherin.

Als gute Rahmenbedingungen gelten den Angaben zufolge eine Mindestdauer des Zivi-Einsatzes von mindestens neun, eher zwölf Monaten sowie die teilweise Übernahme der Kosten durch den Bund bei der fachlichen Qualifikation der Zivildienstleistenden. Zudem sollte es vom Bund Gelder für die Dienstkleidung und Ausrüstung geben sowie einen Zuschuss zur Entlohnung und den Sozialversicherungsleistungen.

Erscheinungsdatum: 08.08.2026 09:52:03

Erzbischof Koch zur Wahl in Berlin: "Der Stadt Bestes suchen"

Erzbischof Dr. Heiner Koch (Archivbild) (epd-bild/Christian Ditsch)
Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Berlin erklärt der katholische Erzbischof Heiner Koch, dass Politik, die nur Stimmungen bediene, das Vertrauen der Menschen verliere. "Was fehlt, ist oft nicht Kompetenz, sondern Sinn."

Berlin (epd). Berlins katholischer Erzbischof Heiner Koch hat angesichts des beginnenden Wahlkampfs zum Berliner Abgeordnetenhaus Kandidatinnen und Kandidaten aufgerufen, das Wohl der Stadt und ihrer Bewohner im Blick zu haben. Unter Verweis auf ein Bibelwort des Propheten Jeremia erklärte Koch am Samstag im „Wort des Bischofs“ im RBB-Hörfunk, „der Stadt Bestes suchen“ sei eine „politische Aussage“ und „ein guter Maßstab für alles, was uns in den kommenden Wochen versprochen wird“.

Verantwortungsträger sollten sich fragen, was das Beste für die Stadt und ihre Bewohner sei und „nicht das Beste für die eigene Partei, die eigene Klientel, die eigene Karriere“. Politik, die nur Stimmungen bediene, verliere das Vertrauen der Menschen: „Was fehlt, ist oft nicht Kompetenz, sondern Sinn: die Frage, wozu das alles dient.“ Wer politische Verantwortung trage, sei in besonderer Weise „gesandt zu denen, deren Stimme leise ist: zu den Armen, den Alten, den Kindern, den Menschen, die neu in dieser Stadt sind“, sagte Koch weiter. In Berlin sind am 20. September die Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen.

Erscheinungsdatum: 07.08.2026 14:34:19

Mehr Erwachsene ließen sich 2025 katholisch taufen

Taufbecken in der Berliner Hedwigs-Kathedrale (epd-bild/Christian Ditsch)
Die Zahl der katholischen Erwachsenentaufen ist im vergangenen Jahr gestiegen. Auch in den deutschen Nachbarländern gab es laut Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz mehr Taufen von Volljährigen.

Bonn (epd). Die katholische Kirche in Deutschland verzeichnet entgegen dem generell rückläufigen Trend einen Anstieg bei den Erwachsenentaufen. Im Jahr 2025 hätten sich in Deutschland 2.650 Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren taufen lassen, das seien 28 Prozent mehr als im Vorjahr, heißt es in der jährlichen Statistik-Broschüre der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, die am Freitag in Bonn veröffentlicht wurde. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 109.002 Taufen gespendet nach 116.274 ein Jahr zuvor. Noch immer werden die meisten Christinnen und Christen als Kinder getauft.

2017 lag die Zahl der Erwachsenentaufen mit 3.376 besonders hoch, allerdings ließen sich damals noch insgesamt 169.751 Menschen taufen. Der Mainzer Bischof und Vorsitzende der Pastoralkommission der Bischöfe, Peter Kohlgraf, sagte, der Weg zur Taufe sei bei neugetauften Erwachsenen eine bewusste Entscheidung.

Erwachsenentaufen werden auch im Ausland häufiger

Auch in einigen europäischen Nachbarländern nehme die Zahl der Erwachsenentaufen zu. Frankreich meldete für die Osternacht 2026 mehr als 13.000 Taufen von Erwachsenen über 18 Jahre, ein Zuwachs von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Belgien wurden 534 Erwachsene getauft, 47,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor, meldet die Bischofskonferenz

Erscheinungsdatum: 07.08.2026 10:23:36

Seelsorger: Niedrigwasser große Herausforderung für Binnenschiffer

Niedrigwasser am Rhein in Köln (Themenfoto) (epd-bild/Guido Schiefer)
Vom Niedrigwasser in Flüssen sind vor allem die Binnenschiffer betroffen. Weil sie ihre Schiffe nicht mehr voll beladen können, sei dies für selbstständige Binnenschiffer existenzbedrohend, sagt Schifferseelsorger Maximilian Heßlein.

epd-Gespräch: Christine Süß-Demuth

Mannheim (epd). Der Mannheimer Schifferseelsorger Maximilian Heßlein hat den Klimawandel als „riesige Herausforderung“ für die Binnenschiffer bezeichnet. Wegen des Niedrigwassers auf dem Rhein könnten sie nur noch mit verringerter Ladung fahren, sagte der Mannheimer Wirtschafts- und Sozialpfarrer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dies sei für sie sehr belastend, denn die Binnenschiffer verdienten am meisten Geld, wenn ihre Schiffe voll ausgelastet fahren.

Besonders betroffen seien diejenigen, die nicht bei Reedereien angestellt seien, sondern auf eigene Rechnung fahren. Für sie sei das Niedrigwasser „potenziell eine Existenzbedrohung“. Die Binnenschifffahrt müsse sich wirtschaftlich dem Klimawandel anpassen, dann kämen noch hohe Treibstoffkosten hinzu. Damit würden die Transportwege insgesamt teurer. Das habe auch volkswirtschaftliche Auswirkungen, denn dadurch steigen die Preise der Waren.

Schifferseelsorge kann wegen Niedrigwasser nicht ausfahren

Vom Niedrigwasser in dem zweitgrößten Binnenhafen Deutschlands ist auch die Schifferseelsorge betroffen. Normalerweise fahren Heßlein und Ehrenamtliche mit ihrem Boot zweimal pro Woche von Schiff zu Schiff. Momentan müsse die „Wichern“ jedoch in einer Halle im Hafen bleiben. „Wir können bis zu einem Pegel von 1,40 Meter in Mannheim fahren“, erklärt der evangelische Theologe. Derzeit sei der Pegel etwa 50 Zentimeter niedriger und die Fahrt zu riskant: „Wenn wir einem der großen Binnenschiffe begegnen, dann müssen wir Platz machen und aus der Fahrrinne raus.“

Einsamkeit und Sprachbarrieren

In Mannheim sei der Hafen kaum öffentlich zugänglich. Weil die meisten Schiffe an den Kaimauern von Betrieben liegen, also auf Privatgelände, sei der Kontakt zu den Schiffern vom Land aus viel schwieriger. Leichter sei es, über die Wasserseite von Schiff zu Schiff zu gelangen. „Als Schifferseelsorger gehen wir hin zu den Leuten, versuchen, mit ihnen in Kontakt zu kommen und sie an Bord ihrer Schiffe zu besuchen.“ Manches Mal gebe es Sprachbarrieren. Mitarbeitende auf den Schiffen kämen häufig aus Osteuropa und teilweise sogar aus Südostasien, erläutert der Wirtschafts- und Sozialpfarrer. Sie seien weit weg von zu Hause und litten unter Einsamkeit.

Wann die „Wichern“ wieder ausfahren kann, weiß Heßlein nicht. In den nächsten zwei Wochen sei keine Besserung zu erwarten, sagt er mit Blick auf die Prognosen von Wetter und Pegelständen.

Erscheinungsdatum: 07.08.2026 08:27:23

Bethel-Chef Haase: Bethel will Zivi-Stellen anbieten

Bartolt Haase (epd-bild/v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel)
Im diakonischen Unternehmen Bethel traten Anfang der 1960er Jahre bundesweit die ersten Zivis ihren Dienst an. Das sei eine Verpflichtung, sagt Bethel-Chef Haase mit Blick auf eine mögliche Rückkehr des Dienstes.

epd-Gespräch: Holger Spierig

Bielefeld (epd). Im Fall eines möglichen Zivildienstes will das diakonische Unternehmen v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel in Bielefeld entsprechende Stellen schaffen. „Es sind noch viele Fragen offen, aber wir werden sicher wieder Stellen anbieten, um jungen Menschen Zivildienst in Bethel zu ermöglichen“, sagte der Vorstandsvorsitzende Bethels, Bartolt Haase, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das sei eine Verpflichtung. In Bethel hatte es Anfang der 1960er Jahre bundesweit die ersten Zivildienststellen gegeben.

In den Einrichtungen Bethels soll auch mit der Wiedereinführung des Zivildienstes der eigene Freiwilligendienst im Betheljahr aufrechterhalten werden, wie Haase sagte. Der Freiwilligendienst habe einen anderen Charakter als ein verpflichtender Dienst. Auch sollen weiterhin junge Frauen die Möglichkeit haben, einen freiwilligen sozialen Dienst bei Bethel zu leisten. Für den Fall einer Rückkehr zur Wehrpflicht hat die Bundesregierung erste Schritte zu einem möglichen neuen Zivildienst eingeleitet. Wenn die Wehrpflicht zurückkommt, müsste auch wieder ein Ersatzdienst angeboten werden.

Qualifizierte Begleitung im Dienst

Durch die Erfahrungen mit dem Betheljahr und den vorhandenen Strukturen sei Bethel schnell in der Lage, eine qualifizierte Begleitung für Zivildienstleistende anzubieten, sagte Haase. Die Begleitung und Unterstützung sei in einem Freiwilligendienst oder Zivildienst elementar. „Junge Menschen haben oft Fragen, wenn sie zum ersten Mal im intensiveren Kontakt mit behinderten Menschen sind oder mit alten Menschen im Krankenhausbereich oder in der Altenpflege zu tun haben“, berichtete Haase.

Zurzeit sei nicht absehbar, wie die gesetzlichen Regelungen und die Finanzierung sein werden, erklärte Haase. Geklärt werden müsste auch mit dem Blick auf das Betheljahr, wie das Zusammenspiel von Freiwilligendienst und Zivildienst geregelt werden könne. Der aktuelle Bundeswehrsold liege höher als das Taschengeld beim Betheljahr von 786 Euro. Es bestehe die Gefahr, dass ein Ungleichgewicht entstehe, wenn es zwei verschiedene Systeme gebe.

Sinnvolle Ergänzung zu den Fachkräften

Freiwillige soziale Dienste oder ein Zivildienst seien eine sinnvolle Ergänzung zu den Fachkräften, erklärte Haase. Einmal im Monat gebe es zum Beispiel einen besonderen Gottesdienst in Bethel, bei dem die Teilnahme für behinderte Menschen durch Begleitung und Transporte ermöglicht werde. Fachkräfte allein würden das nicht schaffen. „Gleichzeitig sehen wir uns in der Pflicht, eine inhaltliche Begleitung sicherzustellen, dass es für junge Menschen auch einen Mehrwert hat, so ein Jahr zu leisten.“