Vielfalt als Chance und Fortschritt begreifen*

200 Jahre Evangelische Landeskirche in Baden

„Vielfalt und Einheit oder: Einheit in Vielfalt – das ist badisch“ – so lautet das Motto des 200. Kirchenjubiläums aller Evangelischen Landeskirchen in Baden. Nicht 200, aber 33 Jahre, seit Oktober 1988, ist Thomas Abraham, der Pfarrer der Evangelischen Stadtkirche Durlach, im Dienst der badischen Landeskirche. Rück- und Ausblicke.

„In der Bibel zu lesen, ohne Scheuklappen, da zu schauen ‚Wie kann ich das verstehen, dass es mir für mein Leben hilft; wie bringe ich das zusammen?‘“ habe ihn dabei seit seinem Lehrvikariat bis heute stets beschäftigt. Als den „Geist freier Forschung in der Heiligen Schrift“ bezeichnen es auch die Bekenntnisschriften der Evangelischen Landeskirche in Baden im Band I der Textsammlung als das Gründungsdokument der Vereinigten Evangelisch-Protestantischen Kirche im Großherzogtum Baden. Sie beschreibt sowohl die theologische, organisatorische, als auch die finanzielle Verfasstheit der neuen Landeskirche, wie sie heute in Form der Evangelischen Landeskirche in Baden weiter besteht. Damit ist die Unionsurkunde auch das Gründungsdokument der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Gesamtheit
Gemäß dem oben erwähnten Geist freier Forschung, wie er ihn in der Bibel vorfinde, ist es auch Thomas Abraham wichtig, zu betonen, dass man Textstellen aus der Bibel bei ihrer Auslegung immer in Bezug auf den Gesamttext in der Bibel und deren historisch-kritische Bedeutung sehen sollte. Daraus ergeben sich auch heute noch Streitpunkte zwischen einzelnen Kirchenvertretern, gerade, was das Thema Homosexualität angeht So habe Thomas Abraham bisher kerne Stelle in der Bibel gefunden, die das Thema wohlwollend behandelt. Gemäß dem Motto der Nächstenliebe begegne man Themen wie Homosexualität oder gleichgeschlechtlicher Partnerschaft heutzutage sehr offen, wenn es auch eines der Hauptstreitpunkte der vergangenen Jahrzehnte gewesen sei. „Wenn Jesus gesagt hat ,Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst‘, hat er auch gemeint, man soll manche Sachen mit sich ausmachen und dann verstehen“, erklärt es Thomas Abraham.

Grenzen der Vielfalt
Wo sind in dieser Vielfalt mitunter vielleicht auch Grenzen? „Ein Problem, das auftaucht, ist, dass man sich fragen kann, in welchen Punkten die Antwort auf die Frage ,Was ist evangelisch?‘ greifbar wird. Da stößt man leicht an seine Grenze“, so Abraham. „Manche Gegner sagen ja, in der Evangelischen Kirche ist alles beliebig. Aber es ist nicht beliebig, sondern ein Profil der Nächstenliebe, die bestimmend ist. Wenn der andere halt anders ist als ich, dann heißt das Vielfalt. Uns ist nicht alles wurscht, uns ist an den Menschen gelegen, so wie sie sind.“

Evangelische Landeskirche heute
Die Zahl der Gottesdienstbesuche sei in Corona-Zeiten weniger geworden. Manche Kirchgänger*innen sind angesichts der Corona-Krise eher zurückhaltend, was Kirchenbesuche angeht. Wie es um die Anerkennung der Kirche in der Gesellschaft bestellt sei, könne man durch entsprechende Berichte über Kirchenaustritte in den gängigen Medien herauslesen. „Die Zahl derer, für die Kirche einen Stellenwert hat nimmt tendenziell ab“, sagt Abraham. Er selbst erlebe das in der recht regen Stadtkirchengemeinde und in seinem Arbeitsumfeld so nicht. „Die Zahl der Trauungen in der Kirche nimmt im Vergleich zu den Eheschließungen insgesamt eher ab“, fällt es Thomas Abraham auf. Auch die Zahl derer, die Theologie studiert haben und dann ins Vikariat gehen, bleibe auf niedrigem Niveau gleich – ein Boom oder Aufwärtsgang sei hier nicht zu vermerken.

Standortvorteil
Bei denjenigen, die ihr Vikariat nach dem Theologiestudium in Baden verbracht hätten, seien schon manche dabei gewesen, deren Partner z.B. am Karlsruher Institut für Technologie arbeite und die deshalb in Baden blieben.

Ausblicke
Hinsichtlich des Stichwortes „Vielfalt“ überlegt Pfarrer Abraham tatsächlich, ob das bisherige Angebot der Gemeinde alle erreicht, gerade diejenigen, die nur an Heiligabend in den Gottesdienst gehen und darüber hinaus unter Umständen noch mehr in Form von vielfältigeren Angeboten in die Gemeinde integriert werden möchten. Weitere Angebote ähnlich der „Kirche um halb 12″, die Familien und die anderen Kirchenmitglieder durch viele interaktive Elemente aktiviert und integriert oder der „Feierabend“, der alle Kirchenmitglieder aufs Wochenende einstimmt, zu entwickeln, könnte Aufgabe der nächsten Jahre sein und zur Fortentwicklung der Evangelischen Stadtkirche Durlach beitragen.

*) Der Artikel „Vielfalt als Chance und Fortschritt begreifen“ mit Pfarrer Thomas Abraham wurde von Jennifer Warzecha verfasst und erschien am Freitag, 16. Juli, auf der Seite 15 im Wochenjournal Durlach des Verlags Nussbaum-Medien, Ausgabe/KW 28 im Jahr 2021.