Kanzelrede am 3. Oktober 2026
zum Tag der Deutschen Einheit
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
Im Anfang war das Wort
von Sylvia M. Felder, Regierungspräsidentin a.D.
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Mitchristen.
Im Anfang war das Wort.
Ich habe mir diesen ersten Satz des Johannes-Evangeliums zur Grundlage für die heutige Kanzelrede gewünscht, weil die Art, wie wir mit Worten umgehen eine zentrale Frage unserer Gesellschaft ist.
Im griechischen Urtext ist vom Logos die Rede, was den Bogen größer spannt.
Logos als Vernunftprinzip, das die Welt ordnet und zusammenhält.
Im Anfang war das Wort.
Ein starker Satz.
Das Bild vom Anfang zeigt uns, dass es einen Beginn, aber kein Ende gibt. Der Anfang markiert ein Ereignis und ist damit die Grundlage für alles Weitere.
Was auch immer kommen mag.
Der Anfang ist irreversibel, alles Weitere offen.
So ist das mit den Worten. Sie tragen den Anfang einer Beziehung.
Das Ja-Wort ist die Grundlage des Zusammenlebens.
Das Wort, das Gott uns gibt, ist das Fundament unseres Glaubens.
Worte können verletzen und Worte können heilen.
Worte bilden Sprache und Sprache ist zentrales Mittel zwischenmenschlicher Verständigung. Sie kann Kriege auslösen und Frieden schließen.
Sprache ist der Schlüssel für Integration, sie ist Träger von Sinn und Überlieferung und der Schlüssel zum Welt- und Selbstverständnis.
Sprache ist kostbar, weil sie das Denken zum Ausdruck bringt. Und gerade deshalb steht Sprache am Anfang.
Die Sprache ist eine der höchsten Kulturleistungen des Menschen. Eine gemeinsame Sprache ist Vertrautheit und Brücke zur Integration, zur Zugehörigkeit. Aber gleichwohl im negativen Sinne auch Hebel zur Ausgrenzung.
Von Ludwig Wittgenstein stammt der Satz: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Das Wort, das gesprochene, das geschriebene, bleibt allein.
Erst durch die Antwort wird es zum Dialog, erst durch die Verarbeitung, das Verstehen, das Nachdenken, wird aus dem Wort ein formulierter Gedanke, ein Widerwort, eine Gegenrede, ein Gespräch.
Bei Martin Buber entsteht das eigene Ich nicht in Einsamkeit, sondern erst durch die echte, lebendige Begegnung mit einem Gegenüber. Präziser gesagt: „Der Mensch wird am Du zum Ich“.
Und seit Aristoteles ist „die anderen zu konsultieren“ Grundlage der Demokratie.
Heutige meinen jedoch, sie wüssten Bescheid, ohne jemanden zu konsultieren, schon gar nicht solche mit anderer Meinung.
Der Dichter Gottfried Benn hatte noch Hoffnung: „Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird es nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort.“ Zitat Ende.
Das ist tröstlich.
Aber es hilft nicht für das Heute.
Und das ist, was mich umtreibt.
Was mit der Sprache, was mit den Worten passiert, ist in vielen Teilen erschreckend.
Überschriften und Texte hatte man einst so verfasst, dass sie Sachverhalte prägnant zusammenfassten. Heute werden sie so designt, dass sie Aufregung, Wallung, Empörung auslösen.
Sprache soll nicht aufklären und argumentieren, sie soll aufwühlen und aufheizen. Es soll kein Dialog geführt werden, sondern es wird um Zustimmung geheischt.
Erregungs- und Angstwellen werden konsumiert. Es kommt zu dem, was Psychologen „das Katastrophieren“ nennen.
Und vieles davon ist eine Lüge. Und viele dieser Lügen sind so geschickt formuliert, dass sie nicht sofort als solche erkennbar sind.
Ich zitiere Hannah Arendt: „Dieses ständige Lügen zielt nicht darauf ab, dass die Menschen eine Lüge glauben, sondern darauf, dass niemand mehr etwas glaubt. Ein Volk, das nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann, kann nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden.“ Zitat Ende.
Die Manipulation von Wirklichkeit führt vom Primat der Fakten in die Willkür der Spekulation.
Permanente Verdrehung und Übertreibung benebelt unseren Orientierungssinn.
Diese ständigen Grenzverletzungen des verbalen Anstands und der überlieferten Ordnung betäubt uns.
Diese permanente Provokation, diese Rücksichtlosigkeit und Dreistigkeit im Benennen überfordert unser Verständnis für Sprache.
Worte werden verdreht und missbraucht.
Das führt mich zur aktuellen Politik, die – und das ist das Schmerzhafte an diesem 3. Oktober – das in den neuen Bundesländern vor allem zu einer sichtbaren Politik geführt hat, die Worte instrumentalisiert und das Blaue verspricht.
Da wird plump behauptet, Veränderung ließe sich zurückdrehen.
Als ob sich Migration zurückdrehen lässt, also ob Europäische Normen verschwinden, Globalisierung und internationale Verflechtung aufgelöst werden könnten.
Es wird versprochen, dass gesellschaftliche Veränderung rückgängig gemacht wird.
Aber Veränderung gehört zur politischen Realität.
Die Verklärung der Vergangenheit führt zu trunkenem Siegestaumel. Als ob man sich abschotten könnte vor den Herausforderungen, wenn man demonstrativ mit einem alten DDR-Moped über die Dörfer fährt.
Richtig ist aber auch: zur Sprache gehört das Gegenüber, gehört das Gehörtwerden.
Daher müssen wir auch kritisch fragen, was geschieht in einer Gesellschaft, wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass ihre Stimme zwar gezählt, aber nicht gehört wird.
Wir erleben, dass diese Menschen dann denen folgen, die vorgaukeln, ihr Sprachrohr zu sein. In Wirklichkeit schüren sie das, was sie hinterher ausnutzen.
Ich halte es mit dem heiligen Benedikt und seinem Dreiklang aus Zuhören, Bewerten, Entscheiden.
Das habe ich auch beruflich in der Verwaltung erlebt. Betroffene einbinden, Alternativen besprechen und Entscheidungen erläutern.
Der Dialogprozess ist mühsam, aber notwendig.
„Wir sollten mit frischem Elan das tun, was wir schon immer tun mussten: Schlechte Rede mit besserer kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass die Wahrheit sich selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann.“ So hat es Salman Rushdie bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt wunderbar formuliert.
Ja, die Welt ist komplex, sie wird von Krisen geschüttelt. Sie wird von einigen Despoten jeden Tag hart geprüft und sie ist gewiss nicht perfekt.
Aber das ist die Aufgabe von uns Christen: die Zuversicht, die Hoffnung zu sehen. Sauerteig sein, Licht der Erde.
Das ist die Aufforderung: seid Licht der Welt.
Das führt mich zum Januar 2020. Vielleicht erinnern Sie sich an die Amtseinführung von Joe Biden und an die junge Lyrikerin Amanda Gorman, die im knallgelben Mantel ihr Gedicht „The Hill We Climb“ vorgetragen hat. Sie sprach vom Blick auf das Licht. Dieses Licht ist immer da, wenn Menschen nur den Mut haben, es zu sehen und es selbst zu sein.
Ich wiederhole: es selbst zu sein.
Das ist die christliche Aufgabe und es ist die Aufgabe von Politik, Licht zu sein, Leuchtturm zu sein, den Weg zu zeigen, nach vorne zu blicken.
Liebe Mitchristen,
Der 3. Oktober ist ein Tag der Freude und der Zuversicht.
Der Fall der Mauer, die friedliche Erlangung der Einheit, das Postulat von Einigkeit und Recht und Freiheit verbindet uns.
Aber: Freiheit erzeugt Verantwortung.
Daran müssen wir auch die Menschen erinnern, die an der Wahlurne Entscheidungen treffen.
Daran müssen wir uns alle messen lassen.
Verantwortung für unsere Worte, für unsere Sprache, für den Logos, der gemeint ist, wenn Johannes sagt: Im Anfang war das Wort.
Danke, dass ich hier sprechen durfte.
