Kanzeltausch 2026 der Region Ost
1. Thessalonicher 4,1-8
von Pfarrer Thomas Abraham
1. Thessalonicher 4,1-8
1Weiter, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns empfangen habt, wie ihr wandeln sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut –, dass ihr darin immer vollkommener werdet. 2Denn ihr wisst, welche Ermahnungen wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.
3Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht 4und ein jeder von euch verstehe, sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehre zu halten, 5nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. 6Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. 7Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. 8Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.
Liebe Gemeinde!
Mit dem Namen Johanna König werden vermutlich nur wenige von Ihnen etwas anfangen können: Von 1968 bis 1984 trat sie als Klementine in Werbespots für ein Waschmittel auf. Bekannt ist ihr Slogan „nicht nur sauber, sondern rein“. Das von ihr beworbene Waschmittel – so die Botschaft – kann mehr als „herkömmliche Waschmittel“: Mit ihm wird alles makellos sauber, an der so gewaschenen Wäsche gibt es nichts auszusetzen. Sie ist „nicht nur sauber, sondern rein“.
Was „rein“ ist oder nicht – diese Frage taucht auch im Bereich der Religion auf; allerdings geht es da nicht um Wäsche. In der Bibel (aber auch in anderen Religionen) wird vom „Heiligen“ gesprochen. Damit ist der göttliche Machtbereich gemeint: Begegnungsorte mit Gott – der Tempel zum Beispiel; und folglich dann auch die Feierlichkeiten zur Begegnung mit Gott, der Kult / Gottesdienst.
Das Heilige – so der Gedanke – ist „rein“ und darf nicht „verunreinigt“ werden. Menschen sollen Gott dadurch ehren, dass sie nach seinen Geboten leben und sich auf die Begegnung mit Gott angemessen vorbereiten. Wer das nicht tut, der würde mit seiner Teilnahme am Kult (am Gottesdienst) den Machtbereich Gottes / das Heilige beschmutzen. Deshalb sind nach den Reinheitsgeboten unreine Menschen vom (Tempel-)Kult ausgeschlossen.
„Rein“ oder „unrein“ lässt sich in diesem Zusammenhang etwas freier übersetzen mit „dazugehörig“ oder „ausgeschlossen“.
Eine Geschichte über Dazugehören und Ausgeschlossen-werden haben wir gerade gehört (Mk 10,13-16): Die Jünger stören sich daran, dass Kinder in die Nähe von Jesus gebracht werden. Die Kinder haben noch nichts dafür getan, um sich der Gemeinschaft mit Gott als würdig zu erweisen. Sie verstehen womöglich den tieferen Sinn noch nicht, um den es hier geht.
Jesus dreht den Spieß um: „Lasst doch die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da. … Wer sich das Reich Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen.“ Anders gesagt: Rein ist, wer sich das Reich Gottes schenken lässt. Die Zugehörigkeit zum Reich Gottes kann sich niemand verdienen; die wird geschenkt. Aber wie sich diejenigen verhalten, die dazu gehören – das ist alles andere als egal. Die Zugehörigkeit zu Gott ist geschenkt, aber sie soll praktische Konsequenzen haben. Damit hat sich der Apostel Paulus in seinen Briefen an Gemeinden immer wieder befasst.
Der 1. Thessalonicher-Brief ist der erste (erhaltene) Brief des Paulus und zugleich die älteste Schrift im Neuen Testament. Paulus hatte die Gemeinde gegründet und ihr die Grundlagen des christlichen Glaubens vermittelt. Ich gehe davon aus, dass das Doppelgebot der Liebe mit dazu gehört hat.
Paulus erinnert die Gemeinde an das, was sie von ihm gehört haben: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr euer Leben führen müsst, um Gott zu gefallen. Und ihr lebt auch schon so. Die Gemeinde ist offenbar ein Vorbild für andere. Aber sie soll nicht dabei stehen bleiben: Macht darin noch weiter Fortschritte. „Nicht nur sauber, sondern rein“. Wer auf einem guten Weg ist, der ist noch lange nicht am Ziel. Es wäre fahrlässig, sich auf dem bisherigen Verhalten auszuruhen, nur weil das bisher Gott gefallen hat.
Die Zugehörigkeit zu Gott ist ein Geschenk – die Gestaltung der Lebensführung eine bleibende Aufgabe. Den Rahmen dafür gibt das Doppelgebot der Liebe vor. Paulus verwendet für diese Lebensführung nach dem Willen Gottes den Begriff der Heiligung oder der Heiligkeit. Etwas vereinfacht ist damit gemeint: „Lebt als Gottes Eigentum“. Oder: „Lebt so, dass es Gott gefällt; denn ihm gefällt, was gut für die Menschen ist“.
Menschliche Beziehungen und die Beziehung zu Gott gehören ganz dicht zusammen. Im Vaterunser heißt das „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden“. Bei Paulus heißt das: Gott hat uns … berufen … zu einem Leben in Heiligkeit. Wer diese Berufung zurückweist, weist demnach nicht einen Menschen zurück. Er weist vielmehr Gott zurück, der euch mit seinem Heiligen Geist erfüllt.
Paulus benennt im 4. Kapitel des 1. Thessalonicher-Briefs zwei Lebensbereiche, die auch in jüdischen Schriften oft thematisiert wurden. Für beide gilt die Mahnung: Lasst Euch nicht vom eigenen Egoismus leiten, sondern verantwortet Euer Tun vor Gott.
Das gilt einmal für die persönlichen Beziehungen einschließlich der Sexualität. Jeder von euch soll lernen, mit seinem eigenen Körper in heiliger und ehrenhafter Weise umzugehen. Es ist unter der Würde eines Menschen, wenn er ungezügelt nur den eigenen Begierden folgt. Die Sexualität hat ihren Platz in der Begegnung auf Augenhöhe: Hingabe in gegenseitigem Respekt. Sexualität soll nicht von ungezügelter Begierde bestimmt sein, sondern von Verantwortung. Da gehört die gegenseitige Rücksichtnahme dazu, ggfs. auch Selbstbeherrschung und vor allem die Achtung vor der Würde des anderen.
Manchmal wird diese Stelle gelesen als ein Verbot jeglicher Sexualität außerhalb oder vor der Ehe. „Wahre Liebe wartet“ oder „Wir wollen uns füreinander aufheben“ sind entsprechende Wahlsprüche. Ich halte das für eine Verengung der Mahnung des Paulus: Die Ehe ist noch keine Garantie für einen respektvollen Umgang miteinander. Vergewaltigung in der Ehe ist seit 30 Jahren ein Straftatbestand – erst seit 30 Jahren. Davor war es Ehemännern erlaubt, die eigene gierige Lust rücksichtslos auszuleben. Ich würde ungern verheiratete Mensch aus der Verantwortung für ihre Sexualität entlassen. Jeder von euch soll lernen, mit seinem eigenen Körper in heiliger und ehrenhafter Weise umzugehen.
In den vergangenen Wochen und Monaten wurde in Karlsruhe immer wieder über das Verbot des Straßenstrichs bzw. über das sog. „Nordische Modell“ diskutiert, das als erstes in Skandinavien eingeführt wurde. Nach diesem Modell wird nicht die Prostitution bestraft, sondern der sog. „Sexkauf“ – also das Ausleben der eigenen Begierden gegen Bezahlung ohne Rücksicht auf die dafür bezahlte Frau. Ablasszahlung für eine legale Vergewaltigung.
Für das Verhalten der Frauen, die aus materieller Not in die Prostitution geraten, habe ich Verständnis; aber für das Verhalten der Männer habe ich kein Verständnis. Das Argument, dass Männer eben ihren Trieb ausleben müssten, entlässt sie aus jeder Verantwortung und stellt sie auf eine Stufe mit Karnickeln.
Natürlich wären mit einem Verbot noch nicht alle Probleme gelöst; aber es ist mir ein Rätsel, was gegen ein solches Verbot sprechen soll – außer dem Interesse der Freier und vor allem der Zuhälter, die damit jede Menge Geld verdienen. Erst recht ist es mir ein Rätsel, wie Vertreter der Kirche und der Diakonie für das Recht von Männern auf ungezügelten Sex gegen Bezahlung eintreten können.
Der zweite Lebensbereich, den Paulus nennt, sind die Handelsbeziehungen. Niemand gehe zu weit – so heißt es in der Lutherübersetzung – und übervorteile seinen Bruder im Handel. In der Basisbibel steht da: Setzt euch in geschäftlichen Angelegenheiten nicht über euren Bruder hinweg und bereichert euch nicht an ihm. Ein fairer Handel wird angemahnt – kein maßloser Kapitalismus. Wenn unsere Handelsbeziehungen den ganzen Globus umspannen, dann reicht auch unsere Verantwortung bis dorthin, wo der Kaffee geerntet wird, den wir trinken, oder wo die Kleidung genäht wird, die wir tragen.
Niemand gehe zu weit – das ist ein kluges Motto an dieser Stelle. Handel soll sein. Menschen sollen auch davon leben können und also etwas daran verdienen; aber sie sollen sich nicht in unangemessener Weise an anderen bereichern und womöglich ihre Notlage ausnutzen.
Vielleicht fände Paulus die Idee einer Mietpreisbremse angesichts von Wohnungsnot und unbezahlbarem Wohnraum gar nicht so verkehrt. Und was würde er wohl zu den derzeitigen Spritpreisen sagen? Vielleicht würde er über unseren Unmut den Kopf schütteln und sagen: „Ich bin auch ohne Auto durch die Türkei und Griechenland bis nach Rom gekommen“.
Gott hat uns … berufen … zu einem Leben in Heiligkeit. Wie gesagt: Dass wir zu ihm gehören, ist und bleibt ein Geschenk. Dieses Leben verantwortungsvoll zu gestalten, das bleibt unsere Aufgabe. Auch wenn wir nie vollkommen werden, sollen wir doch nicht im Bemühen darum aufhören. Macht darin noch weiter Fortschritte. Oder um es mit Johanna König zu sagen: Werdet „nicht nur sauber, sondern rein“.
