Predigt am Gründonnerstag, 28. März 2024,
über Johannes 13,1-13.34.35 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham

Johannes 13,1-13.34.35
1Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 2Und nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete; 3Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging – 4da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße? 7Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. 8Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 9Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! 10Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; er ist vielmehr ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 11Denn er wusste, wer ihn verraten würde; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? 13Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.
34Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. 35Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Liebe Gemeinde!
Petrus hat seine Mühe mit dem, was Jesus tut. Er ist nicht einig damit. Er ist innerlich hin und her gerissen. So hat ihn auch Rembrandt auf seinem Bild gemalt: Einerseits nach vorn gewandt, hin zu Jesus; andererseits hält er sich krampfhaft an der Lehne fest — wie in Abwehrstellung.
Herr, solltest du mir die Füße waschen? Das ist für Petrus undenkbar. Die erste Erklärung Jesu hilft ihm nicht viel: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Was soll er damit anfangen? An seiner Haltung jetzt ändert das gar nichts, Im Gegenteil: Noch bestimmter als zuvor ruft er aus: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!
Das ist doch geradezu eine Verkehrung der Verhältnisse: Der Meister wird zum Diener. Er lässt sich herab, diesen Dienst zu tun. „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein“.
Ich denke mir, es ist nicht nur pure Bescheidenheit ist, die Petrus daran hindert, diesen Dienst von Jesus direkt und unbefangen anzunehmen. Mir wäre mir das an seiner Stelle wohl auch unangenehm oder peinlich. Es ist nur ein kurzer Weg vom aufrichtig bescheidenen „das ist noch nicht nötig“ zum hochmütigen „ich habe das nicht nötig“.
Ich möchte nicht darauf angewiesen sein, dass sich jemand anderes so weit vor mir erniedrigt. Dann stünde ich doch in seiner Schuld. Ich halte die Karten lieber selbst in der Hand. Wer möchte nicht möglichst lange selbstständig leben können? Niemand von uns wünscht sich, im Alter auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Von anderen gewaschen zu werden, weil ich selbst dazu nicht in der Lage bin — diese Vorstellung ist niemandem angenehm. „Ich möchte niemandem zur Last fallen“ heißt doch genauso: Ich möchte nicht abhängig sein, möchte nicht angewiesen sein auf andere.
Und wäre mir das insgeheim nicht auch bei Gott lieber, wenn ich nicht auf ihn angewiesen wäre? Denke ich im Grunde nicht auch wie Petrus, wenn er zu Jesus sagt: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! „Das ist doch nicht nötig, dass du das für mich tust“ oder vielmehr: „Ich habe es nicht nötig, dass du das für mich tust. Ich bin doch auch so in Ordnung. Lass mal gut sein — ich bin doch gut. Ich brauche dich nicht. Ich komme ohne dich aus. Ich kann für mich selber sorgen“. Wir wollen ungern auf Gottes Gnade angewiesen sein. Herr, nimmermehr sollst du mir die Füße waschen.
Aber unmissverständlich antwortet Jesus darauf: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keinen Anteil an mir. Verschätze dich nicht. Du magst dir Mühe geben, dein Leben im Gehorsam gegen den Willen Gottes zu führen. Und Du sollst das ja auch tun. Aber mach‘ Dir nichts vor: Das wird dir nicht immer gelingen. Du wirst immer wieder daran scheitern, anderen das zu tun, was du dir an ihrer Stelle von dir wünschen würdest. Das beginnt schon damit, dass Du nicht in das Herz deines Nächsten hinein sehen und gar nicht immer erkennen kannst, was er sich wünscht. Und das ist dann ja noch nicht unbedingt das, was gut für ihn ist. Außerdem ist diese Welt viel zu groß und die Not auf dieser Welt ist viel zu groß, als dass du damit fertig werden könntest. Also bilde dir nicht ein, du könntest auf eigene Rechnung vor Gott bestehen. Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keinen Anteil an mir. Es gibt nur diesen einen Weg. Mit allen anderen Versuchen würden wir uns übernehmen. Das ist die gute Nachricht des Neuen Testaments. Das ist die Botschaft Jesu: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keinen Anteil an mir. Lass gut sein! Quäle dich nicht länger vergeblich. Komm her und lass dir von mir das Entscheidende gefallen. Lass dir von mir dienen, und du wirst sehen: Das Tor zum Himmel steht dir offen.
Nun lässt Petrus sich zwar darauf ein, aber so richtig verstanden hat er Jesus noch immer nicht. Seine Körperhaltung auf dem Bild von Rembrandt bringt diesen Zweispalt gut zum Ausdruck. Wie er zunächst gar nicht von Jesus gewaschen werden wollte, so kann er jetzt nicht genug davon bekommen: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Nach der falschen Bescheidenheit nun die falsche Gier. Wenn schon, denn schon. So richtig spüren soll man das können. „Ganzheitlich“ würde man vielleicht heute dazu sagen. Vor Jesusverbundenheit triefen will er. Mit Haut und Haaren will er spüren, dass er zu Jesus gehört.
Aber das lässt sich nicht mit den fünf Sinnen begreifen. Dass wir zu Jesus gehören, das kann nur der Glaube erfassen. Das, was wir riechen oder sehen oder hören oder schmecken oder tasten, kann uns das zwar veranschaulichen und kann unserem Verständnis nachhelfen; aber dass wir ganz und gar zu Gott gehören, weil er uns vorbehaltlos annimmt und alles wegwischt, was uns von ihm trennt, das lässt sich nur glauben. Wer gewaschen ist, sagt Jesus, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Wer sich dies hat gefallen lassen, dass ich ihm diene, der ist ganz rein. Da braucht es keinen zweiten Waschgang. Wer von Jesus gewaschen wurde, der ist rein — verlasst euch drauf!
Die Geschichte von der Fußwaschung Jesu beschreibt keine heile Welt. Da sitzen die Unzulänglichkeiten der Menschen mit am Tisch: Das Misstrauen des Petrus, der lieber ungewaschen davon käme; seine Unersättlichkeit, mit der er sich dann nach dem Liebesbeweis Jesu sehnt; die Hinterhältigkeit des Judas, dem Jesus ja wohl wie allen anderen zu Diensten ist, und der ihn dennoch verraten wird. Das sind keine untadeligen Glaubensvorbilder. Für die Heiligenverehrung geben sie wenig her. Aber sie sind Glaubensvorbilder darin, dass Jesus sich ihnen zuwendet — aller Unzulänglichkeit zum Trotz. Sie sind Glaubensvorbilder darin, dass sie sich als unzulängliche Menschen von Jesus den Dienst seiner Liebe gefallen lassen. Wer gewaschen ist, … ist ganz rein.
Eben diese Jüngerschar — nicht besser und nicht schlechter als wir — sie erhält ein Erkennungszeichen mit auf den Weg: Die Liebe untereinander. Daran wird jedermann erkennen können, dass ihr meine Jünger seid, sagt Jesus, wenn ihr Liebe untereinander habt. Dient einander und nehmt voneinander den Dienst der Liebe an.
Es geht hier nicht um Wohltätigkeit. „Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade“ (Johann Heinrich Pestalozzi). Damit erhebe ich mich über andere. Die Liebe ordnet sich unter. Sie beugt sich dem, was für den anderen gut ist. Und sie hält das aus, dass sich ein anderer mir zuliebe unterordnet. Wer sich dem Wohl seines Nächsten unterordnen und den Dienst seines Nächsten ohne Gegenleistung annehmen kann; wer in der Schuld eines anderen stehen kann, weil die Schuld für ihn bezahlt ist, der lässt erkennen: Ich bin ein Jünger Jesu.
Es ist eben nicht egal, wie wir in der Kirche / in der Gemeinde miteinander umgehen. Folgen wir dem Beispiel Jesu und seinem Gebot. Und der Friede Gottes, … Amen.
