Predigt am Sonntag, Miserikordias Domini, 14. April 2024,
über 1. Mose 16,1-16 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Im Johannesevangelium spricht Jesus von sich selbst als dem guten Hirten. Da sagt er auch: „Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall“ (Johannes 10,16). Heute geht es um eine Geschichte aus dem Alten Testament. Die ist nicht aus dem christlichen, sondern aus dem jüdischen Stall. Und sie verbindet uns mit dem muslimischen Stall, weil Abraham (Ibrahim), Hagar (Hadschar) und ihr Sohn Ismael im Islam eine besondere Rolle spielen.

1. Mose 16,1-16
1Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar. 2Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais. 3Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem Abram zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte.

4Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering. 5Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der HERR sei Richter zwischen mir und dir. 6Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir’s gefällt. Da demütigte Sarai sie, sodass sie vor ihr floh.

7Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. 8Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. 9Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand.

10Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. 11Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört. 12Er wird ein Mann wie ein Wildesel sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird sich all seinen Brüdern vor die Nase setzen.

13Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat. 14Darum nannte man den Brunnen: Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. Er liegt zwischen Kadesch und Bered.

15Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael. 16Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar.


Liebe Gemeinde!
Es ist eine konfliktreiche Geschichte, auf die sich die drei abrahamitischen Religionen beziehen – die Geschichte von Abraham, Sarai und Hagar. In der Fortsetzung geht es dann auch um Hagars Sohn Ismael und Sarais Sohn Isaak. Muslime verstehen sich als Nachkommen Isamaels, Juden als Nachkommen Isaaks. In dieser Erzählung kann man den Konflikt schon vorgezeichnet finden, der bis heute und seit dem 7. Oktober noch einmal verschärft zwischen Juden und Muslimen besteht. So gesehen ist es auch eine Erzählung von den Schafen aus unterschiedlichen Ställen. Der Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass im Blick auf das friedliche Zusammenleben kein Grund zu christlicher Überheblichkeit gegenüber unseren Verwandten aus den anderen Religionen besteht. Ich möchte aus dieser biblischen Erzählung drei Dinge nennen, die sie uns für friedliche Konfliktlösungen mit auf den Weg gibt.

Sarai bringt die Geschichte ins Rollen. Sie sagt:Gott hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Aber Gott hat Abraham doch zahlreiche Nachkommen versprochen. Die stehen ihnen also zu. Gott scheint aber nicht in der Lage zu sein, sein Versprechen einzulösen. Dann muss man eben ein wenig nachhelfen. Wenn Sarais Magd als Leihmutter ein Kind von Abraham austrägt, dann – so die damalige Rechtslage – gilt das Kind als Kind von Sarai und Abraham. Aber obwohl es der Rechtslage entspricht, geht es doch nicht gut. „Wir tun nur so als ob“ – das ist Wunschdenken. In der Realität geht das sehr schnell schief. Da passiert mehr als nur eine Auftragsgeburt: Sarai, Abrahams Frau, nahm ihre ägyptische Magd Hagar, und gab sie Abraham, ihrem Mann, zur Frau. Sarai selbst macht damit Hagar zu Abraham zweiter Frau.

Hagar wird schwanger. Ab da ist sie nicht mehr einverstanden mit dem ihr zugedachten Teil des Deals. Sie fällt prompt aus der Rolle und verachtet die alte, kinderlose Sarai. Sie steht mit einem Mal zwischen Abraham und Sarai. Auch wenn wir ihre Sicht heute durchaus nachvollziehen können – sie beansprucht etwas für sich, was ihr so nicht zusteht.

Abraham gehorchte der Stimme seiner Frau. Er hat getan, was ihm gesagt wurde. Jetzt macht Sarai ihm die Überheblichkeit Hagars zum Vorwurf. Als Familienoberhaupt ist es seine Aufgabe, das Problem zu lösen. Vielleicht denkt er sich: „Das war doch Deine Idee“. Aber er sagt: Tu mit ihr, wie dir’s gefällt. Deine Magd, deine Entscheidung. Ich habe damit nichts zu tun. Ich wasche meine Hände in Unschuld.

Drei Personen, verschlungen in einen Konflikt – und alle drei haben sie ihren Anteil daran, dass sie miteinander im Clinch liegen. Die Schuldfrage lässt sich nicht eindeutig klären. Schwarz-Weiß-Malerei greift zu kurz. Das gilt für den Konflikt zwischen Sara und Hagar genauso wie für Konflikte, die wir heute auszutragen haben im Kleinen wie im Großen.
Die Polarisierung in „die Guten“ auf der einen und „die Bösen“ auf der anderen Seite zementiert die Fronten und verschärft den Konflikt damit eher als dass sie zur Lösung beiträgt. Deshalb ist auch besondere Vorsicht geboten, wenn der Wunsch geäußert wird, „die Kirche“ oder „die Politik“ solle doch eindeutig Position beziehen. Das ist verständlich und immer wieder erforderlich – aber es wird falsch, wenn „Eindeutigkeit“ mit Polarisierung oder Schwarz-Weiß-Malerei verwechselt wird. Manchmal sind Situation eben eindeutig komplizierter, als dass sie sich mit einer eindeutigen Stellungnahme oder einer markanten Schlagzeile angemessen beurteilen lassen.

„Leid tragen“ kann befreien
Das zweite: Hagar wurde von Sarai gedemütigt. Sie hat das nicht mehr ausgehalten und ist geflohen. Sie ist ausgebrochen aus der für sie unerträglichen Situation. Wer wollte es ihr verdenken?
Die Flucht führt sie in die Wüste. Dort begegnet ihr der Engel des Herrn. Er ist der erste in dieser Geschichte, der Hagar mit ihrem Namen anspricht: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Das ist kein Smalltalk wie bei einer zufälligen Begegnung in der Fußgängerzone oder beim Einkaufen auf dem Markt. Hagar wird nach der Orientierung ihres Lebens gefragt, nach ihrer Lebensgeschichte und nach ihrer Lebensperspektive: Wo kommst du her und wo willst du hin? Was macht Dich aus und was hast Du vor? Was sind Deine Möglichkeiten und was ist Dein Plan? Eine Antwort hat sie nur für den ersten Teil der Frage: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. Einen Plan für ihr Leben hat sie nicht. Sie weiß nicht mehr weiter und steckt in einer Sackgasse.
Sie bekommt einen unbequemen Rat: Kehre wieder um und demütige dich unter ihre Hand. Hagar wird genötigt, genau dorthin zurückzugehen, von wo sie geflohen ist. Es gibt Situationen im Leben, die sind zum Davonlaufen – und dennoch gibt es kein Entrinnen. Da führt kein Weg daran vorbei, dass wir uns dem Leid stellen, das wir erdulden müssen. Wir müssen es aushalten und als einen Teil unseres Lebens akzeptieren. Da führt nur die Umkehr aus der Sackgasse heraus.
Auch das kann eine Befreiung sein, wenn ich den Entschluss fasse, mein Leid zu tragen. Ich kann die Initiative über mein Leben wieder in die Hand bekommen, wenn ich mich nicht auf die Flucht begebe oder die Schuld bei anderen suche, sondern meine eigene Verantwortung wahrnehmen kann.

Genau darin weiß Hagar sich gesehen von Gott. Sie weiß sich von Gott gesehen in ihrer Not und sie kann mit Gottes Hilfe eine Perspektive für ihr Leben erkennen. Sie sieht, dass Gott etwas mit ihr vorhat. Sie erkennt: Ansprüche ans Leben stellen – das funktioniert nicht so ohne weiteres. Mich über andere erheben ist ein Weg in die Wüste, eine Sackgasse. Demut ebnet den Weg in die Freiheit. Du bist ein Gott, der mich sieht.

Und das Dritte: Mit Abraham hatte Gott die Geschichte seines Volkes begonnen. Ihm hatte er Nachkommen und seinen Segen versprochen. Er hatte ihn aus seiner Heimat weg auf den Weg in das gelobte Land geschickt. Und Abraham hatte Gott vertraut und sich auf den Weg gemacht. Er ist Vorbild des Glaubens an den einen Gott – für Juden, Christen und Muslime. Hagar ist die ägyptische Magd. Von einem Glaubensbekenntnis ist bei ihr noch nicht die Rede gewesen. Höchstwahrscheinlich ist sie mit dem ägyptischen Götterkult aufgewachsen. Heute würde man sagen: Sie gehört einer anderen Religion an. Sie kommt „aus einem anderen Stall“. Und ausgerechnet sie erhält dasselbe Versprechen wie Abraham: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. Gott sieht Menschen in ihrer Not und lässt sich von ihnen sehen – ohne Ansehen der Person. Grenzen der Religionszugehörigkeit spielen für ihn dabei keine Rolle. Auch da überwindet Gott die Schwarz-Weiß-Malerei. In allen Irrungen und Wirrungen begleitet Gott mit liebendem und gnädigem Blick. Gott leitet auf dem Weg der Umkehr und führt zu neuem Leben – immer und immer wieder. Du bist ein Gott, der mich sieht.

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