Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 25. August 2024,
über 3. Mose 19,1-3.13-18.33-34 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Liebe Gemeinde!
„Dem muss ich wohl mal gründlich die Leviten lesen“. Ich nehme an, die Bedeutung ist bekannt!? Weiß auch jemand, wo diese Redewendung herkommt?
Bei den Benediktinermönchen wurden im 8. Jahrhundert bei Andachten Abschnitte aus dem 3. Buch Mose vorgelesenen. In der griechischen und lateinischen Bibelausgabe trägt das den Namen „Leviticus“. In ihm finden sich die Bestimmungen für den Dienst der Priester aus dem Stamm Levi. Die Benediktiner wählten vor allem das aus, was sich auf das Leben der Ordensbrüder übertragen ließ. An das Vorlesen schloss sich nicht selten eine Mahn- oder Strafpredigt an. Das ist der Ursprung der Redewendung vom „Levitenlesen“.
Heute geht es auch um einen Abschnitt aus dem Buch Leviticus, aber es liegt mir fern, Ihnen / Euch die Leviten zu lesen. Manches in diesem Buch ist aus heutiger Sich irritierend und abstoßend, auch überholt; anderes ist aber heute so aktuell wie damals. Wir hören die Verse, die aus dem 19. Kapitel als Predigttext ausgewählt sind.
1Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott. 3Ein jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater. Haltet meine Feiertage; ich bin der HERR, euer Gott.
13Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen. 14Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR. 15Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten. 16Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben; ich bin der HERR. 17Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst. 18Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.
33Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. 34Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.
Das ist eine ganze Reihe von Ermahnungen. Die erinnern an die 10 Gebote, führen sie in manchem weiter – z.B. in der Mahnung Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen: Bezahle den pünktlich, der darauf angewiesen ist. Das ist eine Weiterführung des Gebotes „Du sollst nicht stehlen“. Zahlungsverzug ist auch eine Form von Diebstahl, besonders wenn er solche trifft, die nichts oder wenig haben.
Zwei Dinge bilden den roten Faden durch alle Mahnungen hindurch. Zum einen Gottes Aufforderung Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. Und zum anderen die Aufforderung zur Nächstenliebe. Beides ist miteinander verknüpft.
Zunächst zur Heiligkeit. Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. Was bedeutet da heilig? Wie habe ich das zu verstehen?
Manchmal denken wir ja: „Heilige, das sind ganz besondere Leute – anders und besser als alle anderen, herausgehoben, wie von einem anderen Stern, ein bisschen so wie Gott“.
Heilig sein, weil Gott heilig ist. Ich versuche das einmal von Gott her zu deuten: Gott hat die Erde geschaffen, mit den Pflanzen und Tieren und Menschen. Er hat Kontakt mit den Menschen aufgenommen, weil er nicht nur für sich Gott sein wollte. Er hat sich uns in Liebe zugewandt und will Gott sein in Beziehung zu den Menschen. So ist er heilig.
Wir, die Menschen, sollen uns angemessen dazu verhalten. Wir sollen uns daran orientieren, wie Gott das Verhältnis zu dem Menschen geordnet hat. Wir sind nicht Gott und werden nie so vollkommen oder so klug sein können wie Gott; aber wir sollen alles in unserer Macht stehende tun, damit die liebevolle Zuwendung Gottes zu seinen Geschöpfen nicht mit Füßen getreten wird. Seine Liebe soll sich auswirkten auf die Art, wie wir leben. Das lässt sich mit einem Wort auf den Punkt bringen: Die Nächstenliebe soll das Miteinander bestimmen. Es ist gut und nötig, immer wieder daran zu erinnern – aber besonders überraschend ist das noch nicht. Drei Stellen finde ich dann aber doch spannend. Da geht es um die Frage, was Nächstenliebe praktisch bedeutet. Die erste:
1) Du sollst dem Tauben nicht fluchen. Ich fasse taub und fluchen einmal etwas weiter: Rede nichts Schlechtes über den, der es nicht hören kann. Lass Dich nicht aus über jemanden, der sich nicht wehren kann. Verkneif Dir die abfälligen Bemerkungen, die Du demjenigen nie ins Gesicht sagen würdest. Lästern über andere, die es nicht hören können, war schon immer eine Unsitte; aber in Zeiten von Facebook & Co ist das schon fast ein Volkssport geworden. Nur besser wird es dadurch ja keineswegs. Du sollst dem Tauben nicht fluchen …, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten. Ehrfurcht vor Gott gebietet auch Ehrfurcht vor dem Nächsten. Dazu gehört der Mut, zu den eigenen Worten zu stehen und sich nicht hinten herum über andere lustig zu machen.
2) Dann heißt es da: Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst. Wenn mir jemand Unrecht tut, dann ärgert mich das – davon wird hier wohl ausgegangen. Es ist dann kein guter Plan, das in mich hineinzufressen; das gärt weiter und kann sogar zum Hass führen. Deshalb die Aufforderung: Du sollst deinen Nächsten zurechtweisen. Schluck‘ Deinen Ärger nicht runter, sondern wehr‘ Dich. Bring Deine Kritik dort an, wo sie hingehört. Konfrontiere deinen Nächsten damit, dass er Dir Unrecht getan hat. Andernfalls könntest Du vor lauter unterdrücktem Ärger einen Hass entwickeln, mit dem Du dann seinetwegen Schuld auf dich lädst. Kritik als Friedensdienst. Im Geist der Nächstenliebe sind wir es einander schuldig, uns gegenseitig zurechtzuweisen.
3) Und schließlich geht es da um den Umgang mit den Fremdlingen – den Ausländern, Migranten, Neuzugezogenen. Ein Fremdling … soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst. Das Volk Israel wird daran erinnert, dass sie doch selbst Fremdlinge waren in Ägypten. Ihr wisst doch, wie das ist, wenn ich fremd bin in einem Land, in einer Stadt, in einer Gruppe. Ihr wisst doch, wie das ist, wenn ich mich nicht auskenne; nicht weiß wohin; wenn mir die Gepflogenheiten fremd sind und ich mich nicht so leicht zurechtfinde.
Jede und jeder von uns kennt das, auf andere angewiesen zu sein. Daran wird hier im Geist der Nächstenliebe appelliert. Fremdlinge sind keine Menschen zweiter Klasse und keine Schmarotzer und keine Monster, sondern Menschen, die bei uns wohnen sollen wie ein Einheimischer. Da braucht man über Familienzusammenführung oder Familiennachzug eigentlich nicht mehr viele Worte verlieren. Fremdlinge sollen bei uns wohnen wie ein Einheimischer.
Ich verbinde diese letzten beiden Mahnungen einmal miteinander: Du sollst deinen Nächsten zurechtweisen und ein Fremdling soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer. Gleichberechtigt und gleichverpflichtet. Arbeiten dürfen nach dem Maß der eigenen Möglichkeiten und für den Lebensunterhalt selbst sorgen nach dem Maß der eigenen Möglichkeiten. Es wird höchste Zeit, dass wir vielleicht als Einzelne, aber vor allem als Gesellschaft den Mut aufbringen und diejenigen zurechtweisen, die nicht bereit sind, sich um Sprachkenntnisse zu bemühen oder die sich gar über die in diesem Land geltenden Regeln hinwegsetzen. Wenn das frühzeitig und nüchtern geschieht, dann kann das auch ohne Beigeschmack von „Levitenlesen“ geschehen.
