Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis, 29. September 2024,
über 1. Petrus 4,7-11 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Liebe Gemeinde!

Das Ende aller Dinge ist nahe gekommen. Ich weiß nicht, ob der Schreiber des Petrusbriefes sich heute als Angehöriger der letzten Generation sehen würde. Bemerkenswert finde ich aber, was er im Blick auf das nahe Ende als erstes nennt: Seid besonnen und nüchtern zum Gebet. Besinne Dich auf das, was Dir an Gaben anvertraut ist – an materiellen Gütern und an Talenten und Fähigkeiten. Schau nicht auf das, was Dir fehlt, sondern auf das, was Du hast. Besinne Dich auf das, was Dir gegeben ist, und sei dankbar dafür. Verplempere Deine Zeit und Deine Energie nicht, indem Du gierig auf das schielst, was andere haben oder können und was Du auch gerne besitzen oder können würdest.

Seid besonnen. Besinnt Euch auf Eure Talente und Fähigkeiten. Wenn wir nach unseren Begabungen gefragt werden, dann fangen wir schnell an, uns mit anderen zu vergleichen. Wir meinen, etwas sei nur dann eine Begabung, wenn wir darin besser sind als andere. Oder ich messe den Wert einer Begabung daran, wie viel öffentliche Aufmerksamkeit ich dafür bekomme: Wer wegen eines Rekordes in der Zeitung steht, der hat ein wertvolles Talent. Wer einen Freund tröstet, der traurig ist, wird damit nicht in die Zeitung kommen – aber ist das nicht viel mehr wert?
Der eigentliche Wert unserer Begabungen und Talente liegt darin, dass wir einander damit dienen, will sagen: etwas Gutes tun können. Ob das viele Menschen mitbekommen oder „nur“ der, dem ich etwas Gutes tun kann, das ist gar nicht entscheidend.
Besinne Dich auf das, was Dir anvertraut ist. Verlange nicht mehr von Dir, als Dir gegeben ist. Setze nicht mehr Kraft ein, als Du empfangen hast. Das macht einen guten Haushalter / eine gute Haushalterin aus: Die zur Verfügung stehenden Mittel klug und vernünftig einsetzen.

Habt untereinander beharrliche Liebe. Sie hilft Gräben zu überwinden. Seid gastfrei untereinander ohne Murren. Das ist ein mutiger Rat von jemandem, der offenbar keine Angst vor Überfremdung hat.

Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. Miteinander auf Gegenseitigkeit – kein ungebremster Egoismus. Das ist das Gegenbild zu „wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht. Da weiß einer (besser als einige Vertreter der nicht mehr so ganz sozialen Marktwirtschaft), dass es durch gerechte Verteilung am Ende allen besser geht.

Ich bin vor kurzem auf die Bauernfabel des Autors Marc Elsberg gestoßen (Marc Elsberg – Gier. Blanvalet Verlag 2019. Illustrationen von Marc Elsberg und www.buerosued.de; Abbildungen a.a.O. S.177.306.311):

Ann, Bill, Carl und Dana leben im selben Dorf – Ann und Carl auf der Westseite, Bill und Dana auf der Ostseite.

Westen
Osten
Ann
Bill
Carl
Dana

Die Wachstumsbedingungen und entsprechend die Erträge sind je für die beiden auf einer Seite gleich; aber sie unterscheiden sich im Westen von denen im Osten.

Jahr Westen
Ertrag
Osten
Ertrag
1. 2x 4x
2. 3x 1x
3. 1x 2x
4. 2x 2x

Ann auf der Westseite und Bill auf der Ostseite arbeiten je für sich. Sie hoffen, dass sie mit harter Arbeit eine größere Ernte bekommen – gerne auch eine größere Ernte als die anderen.
Auch Carl auf der Westseite und Dana auf der Ostseite arbeiten hart, aber die beiden haben etwas miteinander verabredet: Sie teilen jede Ernte halbe-halbe untereinander auf.

Ann erntet nach einem Jahr doppelt so viele Körner, wie sie gesät hat. Im zweiten Jahr erntet sie sogar die dreifache Menge. Im dritten Jahr bleibt gerade so viel, wie sie gesät hat. Im vierten Jahr sind es (wie im ersten Jahr) doppelt so viele. Bei Ann sind so aus einem Korn nach 4 Jahren 12 geworden.
Auf der Ostseite sieht es noch besser aus: Das erste Jahr bringt einen vierfachen Ertrag, das zweite einen einfachen und die beiden Folgejahre je einen doppelten Ertrag. Bill hat nach 4 Jahren 16 Körner.

Ann Bill
1. Aussaat 1 1
1. Ertrag 2x 4x
1. Ernte 2 4
2. Aussaat 2 4
2. Ertrag 3x 1x
2. Ernte 6 4
3. Aussaat 6 4
3. Ertrag 1x 2x
3. Ernte 6 8
4. Aussaat 6 8
4. Ertrag 2x 2x
4. Ernte 12 16

Carl erhält dieselben Erträge wie Ann (verdoppelt, verdreifacht, gleich und verdoppelt) und Dana erhält dieselben Erträge wie Bill (vervierfacht, gleich, zweimal verdoppelt). Aber sie haben nach jeder Ernte ihre Körner miteinander geteilt. Wer die bessere Ernte hatte, hat etwas abgegeben – erst Dana, dann Carl, dann wieder Dana. Und jetzt kommt das Wunderbare: Am Ende haben die beiden mehr als Ann und Carl. Die beiden wurden dafür belohnt, dass sie ihre Gaben als gute Haushalter eingesetzt haben. Ihre Kooperation hat sich ausgezahlt.

Carl Dana
1. Aussaat 1 1
1. Ertrag 2x 4x
1. Ernte 2 4
2. Aussaat 3 3
2. Ertrag 3x 1x
2. Ernte 9 3
3. Aussaat 6 6
3. Ertrag 1x 2x
3. Ernte 6 12
4. Aussaat 9 9
4. Ertrag 2x 2x
4. Ernte 18 18

Hätten nur Ann und Carl auf der Westseite kooperiert, hätte ihnen das nichts gebracht, weil sie ohnehin dieselben Erträge hatten – bei Dana und Bill entsprechend. Aber wenn die Erträge unterschiedlich ausfallen; wenn es ein Geben und Nehmen auf Gegenseitigkeit ist, dann ergibt die Zusammenarbeit einen Mehrwert.

Wer sich gegenseitig vertraut und den Mut zum Teilen hat, der steht am Ende besser da. Teilen ist also – nüchtern  betrachtet – die beste Option. Wer nur auf das Eigene sieht; wer nur das „Ich-komme-zuerst“ kennt oder „America first“ oder nur eine deutsche Leitkultur anerkennt, der „bringt sich und die Seinen um jenes Mehr an Wohlstand, das er … durch Kooperation erwirtschaften könnte“ (Marc Elsberg – Gier S.421).

Teilen ist kein Spleen von „Gutmenschen“, sondern das Vernünftigste, was Menschen tun können. Durch das Teilen werden die Nachteile durch Schwankungen ausgeglichen und am Ende steht ein besseres Ergebnis da. Gute Haushalter nehmen dankbar an, was ihnen anvertraut ist, und wollen nicht immer alles für sich behalten. Sie dienen einander und kommen gerade dadurch besser weg. Was der gesunde Menschenverstand im Unterschied zu manchem Hardcore-Kapitalisten schon längst geahnt hat, lässt sich tatsächlich nüchtern und besonnen nachrechnen.

Gott mahnt, miteinander zu teilen – und wer sich daran hält, fährt gut damit. Wenn ich es mir genauer überlege, ist das eigentlich doch nicht so verwunderlich: Schließlich will Gott die Menschen mit seinen Geboten ja nicht ärgern, sondern will das Beste für sie. Ein guter Grund, ihm im Gebet dafür zu danken, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

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