Predigt am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 17. November 2024,
über Römer 14,1-13 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Römer 14,1-13
141Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen.
2Der eine glaubt, er dürfe alles essen. Der Schwache aber isst kein Fleisch.
3Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen.
4Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.

5Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei seiner Meinung gewiss.
6Wer auf den Tag achtet, der tut’s im Blick auf den Herrn; wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch.

7Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

10Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
11Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.«
12So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.
13Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.


Liebe Gemeinde!

Wie hat man eigentlich Selfies gemacht, als es noch keine Smartphones gab? Die Älteren unter uns können sich vermutlich noch an dieses Zeitalter erinnern. Auch damals schon war Leben möglich. Und auch damals schon gab es den Wunsch, dass die Fotografin / der Fotograf selbst mit aufs Bild kann – dafür wurde der „Selbstauslöser“ erfunden.

Aber die Selfies haben dann erst mit dem Smartphone Einzug in unser Leben gehalten. Inzwischen befindet sich gefühlt die ganze Gesellschaft im Selfie-Modus. Ein paar Beobachtungen dazu, wie sich das auswirkt. Ich fange mit der kritischen Beobachtung an, die man von einem Mann meines Alters erwarten kann:

1) Was ist auf einem Selfie zu sehen? Ich und meine Freundin / mein Freund; ich vor dem Eiffelturm, ich im Wildpark-Stadion, ich im Gottesdienst (in dem Fall hätte ich vielleicht sogar Verständnis dafür, dass Konfis mit ihrem Smartphone beschäftigt sind). Ich und der Rest der Welt. Es kommt vor allem darauf an, dass ich ein gutes Bild abgebe. Die Welt dreht sich immer um mich.

2) Fotos mit Selbstauslöser hatten immer etwas Überraschendes: Bin ich rechtzeitig zurück am Platz? Sieht man mir an, dass ich dem Foto nicht recht traue? Beim Selfie habe ich das Ergebnis direkt im Blick (jedenfalls wenn man genug Übung damit hat). Ich habe die Kontrolle darüber, wie ich auf dem Selfie aussehe. Ich bestimme, wie andere mich sehen.

3) In der Standard-Einstellung sind Selfies spiegelverkehrt. An den Gesichtern merkt man das nicht immer gleich, aber wenn irgendwo Schrift auftaucht, dann sieht man das sofort.
Das lässt sich anders einstellen und könnte ja auch standardmäßig anders eingestellt sein – keine Ahnung, warum das nicht so ist. Ich nehme das einmal als eine tiefgründige Erinnerung: Das Bild von mir, das ich anderen mit einem Selfie präsentiere, unterscheidet sich von dem Bild, das jemand von mir hat, der mir gegenübersteht. Es bleibt eben doch ein Unterschied zwischen dem, wie ich gerne hätte, dass andere mich sehen, und dem, wie sie mich tatsächlich sehen.

4) Und schließlich noch etwas, was wir Menschen meines Alters manchmal dabei übersehen: Selfies sind Momentaufnahmen, die oft mit anderen geteilt werden. Es geht genau betrachtet nicht nur um mich allein; es geht auch darum, dass ich Erlebnisse mit anderen teile; dass ich Teil einer größeren Gemeinschaft bin. Keiner von uns lebt nur für sich selbst.

Damit bin ich bei dem, was Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt. In der wurden zwar mit Sicherheit noch keine Selfies gemacht; aber die war trotzdem schon mit Fragen beschäftigt, die heute noch genauso aktuell sind. Ich versuche das einmal, mit meinen Beobachtungen in Verbindung zu bringen.

zu 4) Wenn ein Selfie mit anderen geteilt wird, dann erwarten wir eine Reaktion – und wünschen uns natürlich eine positive Antwort, ein Like. Aber nicht alles, was gepostet wird, stößt auf Begeisterung. Dazu sind wir Menschen zu unterschiedlich und nicht alle geposteten Selfies sind gleich gelungen. Manchmal juckt es einen schon, einen bösen Kommentar zu schreiben.
Man muss wirklich nicht alles toll finden, was andere posten; aber dann genügt es ja, nicht zu reagieren. Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen!
Spannend finde ich, wie Paulus das begründet: Jeder und jede von uns wird vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen. Gott ist Richter. Das klingt zunächst einmal bedrohlich und unsympathisch. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, dann hat das etwas sehr Befreiendes: Gott allein ist oberste Instanz. Wir sind Gott gegenüber verantwortlich für die Art und Weise, wie wir leben. Niemandem steht es zu, sich zum Richter über andere zu erheben. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zu verachten oder zu verurteilen.
Die Welt ist besser dran, wenn wir uns den einen oder anderen Kommentar verkneifen, der uns auf der Zunge liegen mag. Und umgekehrt brauchen wir uns über blöde Kommentare keinen Kopf machen – übrigens auch nicht über die blöden Kommentare, die dann und wann in unserem eigenen Kopf über uns selbst entstehen.

zu 3) Damit komme ich noch einmal auf die Standardeinstellung auf dem Smartphone zurück: Mein Selfie ist in der Standardeinstellung spiegelverkehrt zu dem, wie andere mich sehen. Manchmal muss ich mein eigenes Bild von mir korrigieren – wenn ich mir selbst überhaupt nichts zutraue oder Angst habe vor dem, was auf mich zukommt; dann ist es gut, wenn jemand sagt: „Ich trau Dir das zu. Du schaffst das. Und die bist nicht allein“. Keiner von uns lebt nur für sich selbst und keiner stirbt nur für sich selbst Ob wir leben oder ob wir sterben – immer gehören wir dem Herrn!

Das Urteil dieses Herrn und Heilandes Jesus Christus ist entscheidend und er sagt: „Du gehörst zu mir und ich bin für Dich da – komme was wolle“.

zu 2) Wir haben gerne die Kontrolle über unser Leben und über das Bild, das andere von uns haben. Aber manchmal machen wir es uns bequem und suchen die Schuld bei anderen. Auf „die da oben“ schimpfen – das macht scheinbar alles ganz einfach: An mir liegt es ja nicht, ich kann nichts dafür.
Du Mensch, was bringt dich nur dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen? Und was bringt dich dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten? Ein Teil des Gefahrenpotenzials von Populisten liegt darin, dass ich mich von ihrer Menschenverachtung anstecken lasse. Aber wenn das geschieht; wenn ich über Donald Trump genauso spreche, wie er über Migranten oder Frauen spricht, dann ist dafür nicht Donald Trump verantwortlich; das liegt in meiner Verantwortung. Die gute Nachricht dabei ist: Ich kann das beeinflussen. Ich bin nicht einfach davon abhängig, wie andere sich mir gegenüber benehmen; ich kann mich darum bemühen, es besser zu machen. „Meine Verantwortung“ bedeutet auch „meine Entscheidung“. Jeder und jede von uns wird vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen. Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen!

zu 1) Mein Leben steht in einem größeren Zusammenhang. Die Welt dreht sich nicht nur um mich. Ein Leben, das diesen Namen verdient, kann nie ein Leben nur für mich selber sein. Keiner von uns lebt nur für sich selbst.
Und es macht einen Unterschied, wie wir leben und miteinander umgehen – auch wenn das nicht gleich die ganze Welt rettet. Aber dafür, wie ich lebe, bin ich verantwortlich. Daran kann ich etwas ändern; das kann ich zum Guten hin beeinflussen. Jedes Mal, wenn uns das gelingt, wäre das ein Selfie wert. Das sollte dann unbedingt mit anderen geteilt werden, damit sie motiviert werden, selbst auch Verantwortung zu übernehmen.

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