Predigt am Ewigkeitssontag, 24. November 2024,
über Psalm 126 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

1 Ein Wallfahrtslied.
Als der Ewige Zions Geschick wendete,
war es, als träumten wir:
2 Da füllte Lachen unseren Mund
und Jubel unsere Zunge.
Da sagten sie unter den Nationen:
Großes hat der Ewige an ihnen getan.
3 Großes hat der Ewige an uns getan,
wir sind es, die sich freuen!
4 Wende, Ewiger, unser Geschick,
wie du Flüsse im Negev wiederbringst.
5 Die mit Tränen säen – mit Jubel werden sie ernten.
6 Da gehen sie, sie gehen und weinen
und tragen den Beutel zum Säen.
Da kommen sie, sie kommen mit Jubel
und tragen ihre Garben.

Liebe Gemeinde!

Ein Wallfahrtslied – so ist dieser Psalm überschrieben. Ein Lied, ein Gebet für die Reise. Es hat schon vor vielen Jahrhunderten Jüdinnen und Juden begleitet auf ihrer Pilgerreise nach Jerusalem. Sie waren dabei auf der Suche nach Heilung oder Linderung. Sie sehnten sich danach, dass sie Kraft schöpfen könnten und ihr Mut neu belebt würde.

Gehen wir ein Stück mit ihnen. Lassen wir uns von ihnen begleiten auf unserer eigenen Lebensreise; auf unserem Weg der Trauer um Menschen, von denen wir im zurückliegenden Jahr Abschied nehmen mussten.

Beginnen wir in der Mitte des Psalms (bzw. am Anfang der zweiten Hälfte), in der Gegenwart. Der erklingt ein Hilferuf: Wende, Ewiger, unser Geschick. Ändere etwas, damit es nicht so trist bleibt; damit sich das Leben irgendwann wieder nach Leben anfühlt. Wende, Ewiger, unser Geschick, wie du Flüsse im Negev wiederbringst.

Die Flüsse im Negev – bei Luther sind das die „Bäche im Südland“.  Von ihnen trocknen in den Sommermonaten viele aus. Da herrscht Dürre. Es lässt sich kein Wasser entnehmen. Kein Vieh kann zum Tränken dorthin geführt werden.

Zurückgelassen wie ein ausgetrockneter Bach in der Wüste – so beschreibt der Psalm das Gefühl, wenn das Leben ohne mich weitergezogen ist. Von Gott und der Welt verlassen, ausgesetzt in der Einöde, von der Einsamkeit ausgebrannt. Durch die vertrocknete Kehle dringt kaum mehr ein Laut, allenfalls ein heiserer Seufzer: Wende, Ewiger, unser Geschick.

Der Schmerz des Verlustes brennt jeweils nur im eigenen Herzen. Jede und jeder trauert für sich allein, trauert auf eigene Weise. Manchmal ist die Trauer gerade deshalb so schwer auszuhalten, weil sie sich kaum in Worte fassen und erst recht kaum wirklich mit anderen teilen lässt.
Und doch ist uns gemeinsam, dass wir den Schmerz der Trauer und des Verlustes empfinden. Das verbindet zu einer Klagegemeinschaft. Unter Tränen miteinander verbunden teilen wir den Hilferuf: Wende, Ewiger, unser Geschick.

Der Gemeinschaft der Vermissenden kann leichter gelingen, womit ich mich alleine ungleich schwerer tue: Mich an das Gute zu erinnern, das mir in meinem Leben geschenkt war, und nicht nur mit sehnsüchtig-klagendem Blick daran zu denken, sondern auch die Freude zu erinnern, die damit verbunden war. Immer wieder erinnert sich das Volk Israel an die Wundertaten Gottes. Davon erzählen die ersten Zeilen des Psalms: Als der Ewige Zions Geschick wendete, war es, als träumten wir: Da füllte Lachen unseren Mund und Jubel unsere Zunge.

In der mir vertrauten Übersetzung Martin Luthers steht das in der Zukunft; aber hebräische Grammatik und Logik sprechen für die Vergangenheitsform: Als der Ewige Zions Geschick wendete, war es, als träumten wir: Da füllte Lachen unseren Mund und Jubel unsere Zunge. Das ist der Blick zurück auf die unbeschreiblich schönen Stunden, die es gegeben hat. Mit diesem dankbaren Blick kehrt das Lachen zurück in den Mund – oder zumindest das Lächeln auf das Gesicht. O ja, es war sehr gut. Es war ein Geschenk, traumhaft. Danke, Gott, dass ich das erleben durfte. Danke, Gott, dass wir einander hatten.

Im Traum kann sich einstellen, wofür wir in unserem Alltag manchmal keinen Platz haben: Die Zuversicht, dass unsere Toten bei Gott geborgen sind und dass wir durch die gottgeschenkte Liebe mit ihnen verbunden bleiben. Als der Ewige Zions Geschick wendete, war es, als träumten wir: Da füllte Lachen unseren Mund und Jubel unsere Zunge.

Aus der Erinnerung an Gottes Hilfe in der Vergangenheit schöpft der Psalm Hoffnung für die Zukunft. Gott hat das Leben zum Guten gewendet – und nicht nur einmal. Gott wird das Leben zurückbringen wie das Wasser in die Flüsse des Negev. Die letzten Zeilen lassen sich auch als ein Versprechen aus dem Mund Gottes lesen: Die mit Tränen säen – mit Jubel werden sie ernten. Da gehen sie, sie gehen und weinen und tragen den Beutel zum Säen.
Es mag jetzt noch die Zeit der seelischen Dürre sein – dieser Psalm ist da (wie viele andere Psalmen auch) sehr realistisch und lebensnah. Die Tränen werden immer wieder einmal kommen. Es ist nicht gleich wieder alles gut. Die Zeit heilt auch nicht alle Wunden – die Heilung bleibt ein Gottesgeschenk. An manchen Tagen reicht es vielleicht nur für ein trotziges „es muss ja irgendwie weitergehen“. Aber vielleicht kann das dann genug sein für diesen Tag.

Tränen werden ihren Platz beanspruchen und sie sollen ihn auch haben; aber sie sollen Dich nicht von dem abhalten, was heute zu tun ist. Vielleicht melden sie sich bei der täglichen Arbeit. Wir tun uns schwer damit, wenn andere mitbekommen, dass uns Tränen in die Augen treten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns immer einen Gefallen damit tun, wenn wir uns dann zum Weinen zurückziehen; das kann auch zu einer selbstgewählten Einsamkeit führen – wo wir doch den Halt und die Nähe und die Gemeinschaft gerade in Zeiten der Trauer nötig haben.
Mit Tränen säen – trotz Schmerz und Trauer die Saat ausbringen, damit etwas Neues wachsen kann. Es ist möglich und es ist gut, schon heute die Saat für künftiges Leben zu legen – vielleicht zögerlich tastend und mit kleinen Schritten; vielleicht zaghaft und zurückhaltend; aber so ist das mit dem Leben: Es kommt nicht immer mit einem Paukenschlag. Ein Nieselregen durchfeuchtet langsam, aber beständig die Erde. Verkrustungen werden allmählich aufgebrochen. So wird sich auch das Leben gegen den übermächtig erscheinenden Tod durchsetzen. Ihr tut gut daran, der Macht des Todes zu misstrauen. Die mit Tränen säen – mit Jubel werden sie ernten. Da gehen sie, sie gehen und weinen und tragen den Beutel zum Säen. Da kommen sie, sie kommen mit Jubel und tragen ihre Garben. Die Lebensernte ist noch nicht eingefahren. Da wartet noch etwas auf Euch. Leid und Schmerz und Trauer haben nicht das letzte Wort über Euch.

Schenke Gott immer wieder die Kraft zu solchen Schritten ins Leben – und vor allem den Mut, sich dabei nicht zu überfordern und nicht zu viel auf einmal zu erwarten. Haltet den Traum wach, dass Lachen den Mund wieder füllen und die Zunge dankbar jubeln wird.

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