Predigt am 1. Advent, 1. Dezember 2024,
über Matthäus 21,1-11 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Matthäus 21,1-11
1Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5»Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
10Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? 11Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.
1. Dezember 1955, heute vor 69 Jahren. Es ist Donnerstagabend in der Woche nach dem ersten Advent. In Montgomery in Alabama fahren die Menschen mit dem Bus von der Arbeit nach Hause. Um 18 Uhr hält der Bus an der Haltestelle vor dem Empire Theater. Einige Weiße steigen ein. Einer von ihnen fordert die Afroamerikaner in der fünften Reihe auf, ihre Plätze freizumachen, denn kein Schwarzer darf mit einem Weißen zusammen in einer Reihe sitzen. Aber eine von ihnen bleibt sitzen. Vergeblich redet der Busfahrer auf die 42jährige Rosa Parks ein. Sie ist es leid, immer nachgeben zu müssen und herumgeschubst zu werden, nur weil sie eine andere Hautfarbe hat. Sanft, aber ungeheuer mutig bleibt sie auf ihrem Platz sitzen. Sanftmütig leistet sie Widerstand. Der Busfahrer ruft die Polizei. Rosa Parks wird wegen „Störung der öffentlichen Ruhe“ verhaftet. Sie kommt am selben Abend wieder frei, aber am Montag darauf steht sie vor Gericht. Rosa Parks wird zu einer Strafe von 10 Dollar verurteilt und muss 4 Dollar Gerichtskosten zahlen.
An diesem Montagvormittag werden die Busse von Motorradstreifen der Polizei eskortiert, aber sie bleiben so gut wie leer. Obwohl es regnet, benutzt kaum einer der 40 000 Afroamerikaner in der Stadt einen Bus. Sie bilden Fahrgemeinschaften oder stellen sich als Anhalter an den Straßenrand. Viele gehen einfach zu Fuß, auch wenn sie einen weiten Weg haben. Und viele gehen singend und in Gruppen.
Übers Wochenende haben Martin Luther King und andere den Montgomery-Bus-Boykott organisiert. Eine sehr große Menge folgte ihnen nach. Gut ein Jahr später bestätigt der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika: Die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln ist verfassungswidrig. Dieses Urteil war ein wichtiger Schritt hin zur Überwindung der Rassentrennung.
Liebe Gemeinde, der mutige Einsatz trägt Früchte. Dass die Apartheid abgeschafft ist, bedeutet aber noch lange nicht, dass auch der Rassismus überwunden ist. Den gibt es in den USA heute noch und den gibt es in unterschiedlichen Formen auch hier bei uns. Der Antisemitismus war nie wirklich überwunden und er droht wieder salonfähig zu werden. Dass er inzwischen Gesellschaft vom Antiislamismus bekommen hat, macht ihn um keinen Deut besser. Es braucht noch eine viel größere Menge, die ihm nachfolgt – dem Friedenskönig, der da kommt in dem Namen des Herrn.
Der sanftmütige Weg braucht Mut – sanften Mut, aber darum nicht weniger Mut. Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen, aber der Weg dahin ist steinig und hart und unbequem. Der sanftmütige Weg stört die öffentliche Ruhe und die Adventsgemütlichkeit. Jesus eckt mit diesem Weg bei den Mächtigen in Jerusalem an, der römische Statthalter lässt ihn ans Kreuz schlagen. Der Gottgesandte fährt hier auf Erden hinunter in die Hölle des Lebens. Erniedrigungen nimmt er in Kauf und erträgt sie geduldig. Sanftmütig und beharrlich widersteht er den Versuchungen einer lieblosen Macht und einer menschenfeindlichen Moral.
Nicht hoch zu Ross, sondern auf einem Esel hält er Einzug. Der richtige Weg ist für Jesus immer der Weg hin zu den Menschen in den Tiefen ihres Lebens. Der Menge der Kranken, der Suchenden und der Ausgestoßenen schaute er in die Augen. Ihnen galt seine Botschaft und ihnen gilt sie noch heute: „Ihr seid Gottes Kinder – genau wie ich. Ich bin bei euch alle Tage mitten in dieser Welt.“ Jesus gibt der himmlischen Zukunft ein Gesicht mitten in dieser zerbrechlichen Welt.
Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt. Jerusalem bebt – aber nicht wegen der Detonation von Bomben, die immer auch die Unschuldigen treffen – ganz gleich auf welcher Seite der Grenze. „Jerusalem“ meint hier diejenigen, die in Jerusalem das Sagen haben. Beim „Ampel-Aus in Berlin“ denkt auch niemand an einen flächendeckenden Ausfall der Lichtzeichenanlagen, sondern an die Bundesregierung. Hier erbebt das Fundament, auf dem die Mächtigen in Jerusalem stehen. Matthäus unterscheidet da sehr genau: Da gibt es das Volk, aus dem etliche Jesus unterstützen und ihm zujubeln; und da gibt es die Führungsriege der Hohenpriester und Schriftgelehrten, die um ihre Macht und ihren Einfluss fürchten. Sie wollen Jesus aus dem Weg räumen. Aber es sind eben nicht „die Juden“, die Jesus den Tod wünschen. Es ist unsere Pflicht, hier genau zu lesen und klar zu unterscheiden – christlicher Antisemitismus missversteht (und missbraucht) die Bibel, wenn er sich auf sie beruft.
Noch ein Donnerstagabend (vermutlich) im Jahr 30. Festpilger füllen die Gassen von Jerusalem. Sie sind angereist, das Passafest zu feiern. Jesus schickt zwei seiner Jünger voraus: „Geht in die Stadt, es wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Krug mit Wasser; folgt ihm und sprecht dort zu dem Hausherrn: „Der Meister lässt dir sagen: >Wo ist der Raum, in dem ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern?<“ Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen und vorbereitet ist; dort richtet für uns zu.“ Die Jünger gingen hin und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passalamm.
Jesus kommt und hält Einzug. Der Tisch ist gedeckt. Er hat einen Platz bereitet für Dich und für mich und für alle, die sich nach seiner Nähe sehnen. Er nimmt uns mit auf den Weg der Sanftmut und der Menschenliebe. Geht hin in das Dorf, geht hin in die Stadt, geht zu den Menschen. Weicht nicht von ihrer Seite, wenn man sie wegdrängen oder ausgrenzen will. Haltet zu denen, die in Not sind. Sagt laut und deutlich, was es braucht, damit Menschen in Würde leben können: Menschen auf der Flucht, Menschen auf dem Weg ins Leben, Menschen am Ende ihres Lebens.
Der Herr bedarf ihrer. Geht hin und beansprucht für Gott, was die Menschen nötig haben. Bereitet den Weg. Schafft Raum denen, die an die Seite gedrängt werden.
Niemand hat das Recht, sich über andere zu erheben und das womöglich auch noch im Namen Gottes. Im Islam spricht man von den 99 Namen Allahs. An erster Stelle stehen da (nicht gegendert, aber davon abgesehen ausgesprochen klug) „der Erbarmer“ und „der Barmherzige“. Danach folgen u.a. „Der Demütiger der Unterdrücker ihrer Mitmenschen“. Und: „Der Liebevolle, der alles mit seiner Liebe Umfassende“.
Gott ist barmherzig, sanftmütig und menschenliebend. Anders ist Gott nicht zu haben – für Muslime nicht, für Juden nicht und für Christen nicht. Wer anderes behauptet, der missbraucht den Namen Gottes – ganz gleich, ob Jude oder Christ oder Muslim.
Freitagabend: Muslime versammeln sich in der Moschee und beten zu Allah. Samstag – Sabbat: Juden versammeln sich in der Synagoge und beten zu Gott. Sonntagmorgen: Christen versammeln sich in der Kirche und beten im Namen Jesu Christi. Der Herr bedarf ihrer aller als Boten des Friedens. Sanftmütig sollen sie die öffentliche Ruhe stören im Dienst der Menschenliebe und mit Lobliedern auf den Lippen: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
