Predigt am 4. Advent, 22. Dezember 2024,
über Lukas 1,39-55 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Lukas 1,39-55
39Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda
40und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.
41Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt
42und rief laut und sprach: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!
43Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
44Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.
45Ja, selig ist, die da geglaubt hat! Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn.
Marias Lobgesang
46Und Maria sprach:
Meine Seele erhebt den Herrn,
47und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
48denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
49Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
50Und seine Barmherzigkeit währet für und für
bei denen, die ihn fürchten.
51Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
52Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
53Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
54Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
55wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
Liebe Gemeinde!
Pränatale Diagnostik gehört inzwischen mehr oder weniger zum medizinischen Standardrepertoire: Während einer Schwangerschaft werden Ultraschall- und Blutuntersuchungen durchgeführt; mit denen lässt sich erkennen, wie sich das Kind im Mutterleib entwickelt. Die Ultraschallbilder machen das Kind schon sichtbar, das erst Wochen oder Monate später das Licht der Welt erblicken wird.
Die Geschichte mit dem eigenen Kind beginnt schon vor der Geburt – nicht erst, seit es diese Untersuchungen gibt. Das erlebt eine werdende Mutter am eigenen Leib; aber spätestens, wenn sich das Kind bewegt, können das auch vertraute Menschen (der werdende Vater) wahrgenehmen.
Von einer pränatalen Diagnostik besonderer Art erzählt das Lukasevangelium direkt vor dem Lobgesang der Maria, den wir vorhin miteinander gebetet haben. In dieser Vorgeschichte besucht Maria ihre Verwandte Elisabeth. Die ist schon „hochbetagt“. Zwei Frauen, die ein Kind im Leib tragen – zu alt die eine, zu jung die andere. Beide erfahren auf besondere Weise die belebende Geistkraft Gottes. Sie erleben ihre Schwangerschaft und das werdende Leben als Gottesgeschenk.
Elisabeth wird die Mutter von Johannes dem Täufer. Er wird die Ankunft des Messias ankünden. Damit beginnt Johannes schon vor seiner eigenen Geburt: „Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe.“ Prophetische Freudensprünge künden den Heiland an. Gottes belebende Geistkraft lässt Elisabeth erkennen, mit wem sie es zu tun hat. Der Gruß, den sie dann an Maria richtet – das „Ave Maria“, ist in der katholischen Tradition fest verankert im Rosenkranzgebet (GL 3.5): „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes“.
Ich gestehe, als evangelischem Mann ist mir das eher fremd, Maria so im Mittelpunkt zu sehen. Im Gotteslob steht zur Einführung in das Rosenkranzgebet (GL 4): „Mitte und Ziel des Rosenkranzgebetes ist Jesus Christus, Gottes Sohn. Mit Maria schauen wir auf sein Leben. Sie hat Jesus gekannt wie kein anderer Mensch; sie hat ihn begleitet auf allen wichtigen Stationen seines Lebens – bis unter das Kreuz.“
Das Ave Maria wird beim Rosenkranz immer wieder gebetet mit unterschiedlichen Ergänzungen. Es beginnt mit drei Bitten: „Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, der in uns den Glauben vermehre“. Es folgen die Bitten „… der in uns die Hoffnung stärke“ und „…der in uns die Liebe entzünde“. Das klingt eher vertraut.
Elisabeth und Maria spüren das neue von Gott geschenkte Leben am eigenen Leib. Maria erkennt: „Was mir widerfährt, ist nicht nur meine Privatangelegenheit“. Sie sieht sich als Teil der größeren Geschichte Gottes mit den Menschen – als Teil der Geschichte mit dem Volk Israel und als Teil der Geschichte mit allen Menschen. Sie stimmt ein Loblied an: Magnificat anima mea dominum. Meine Seele erhebt den Herrn. Auch dieser Vers hat seinen Platz in der kirchlichen Tradition gefunden. Meine Seele erhebt den Herrn, … denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. … Seine Barmherzigkeit währt von Generation zu Generation. … Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort. Er kommt seinem Diener Israel zu Hilfe und erinnert sich an seine Barmherzigkeit.
Maria singt von einer revolutionären Hoffnung: Die Verhältnisse werden sich ändern. Da werden nicht einfach die Plätz getauscht – dann bliebe ja doch alles beim Alten. Es wird einen Ausgleich geben: Gottes Barmherzigkeit gilt den an den Rand Gedrängten und Vergessenen. Sie finden Anerkennung (das hebräische Wort für „Barmherzigkeit“ ist übrigens verwandt mit dem Wort für „Mutterschoß“ und das mit gutem Grund: Leben entsteht im Mutterschoß und Leben entsteht dort, wo Barmherzigkeit waltet).
Gott stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Darüber jubeln die Menschen in Syrien seit dem Sturz von Baschar al-Assad vor zwei Wochen – gebe Gott, dass sie wirklich und noch lange Grund zum Jubeln haben. Gebe Gott, dass wir noch weitere Machthaber stürzen sehen – auch diejenigen, die mit Terror Macht ausüben oder mit Verschwörungstheorien und Falschmeldungen.
Gott füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort. Noch einmal: Es wird nicht einfach getauscht. Wer nichts hat, erzählt das Lebensnotwendige. Wer schon im Überfluss lebt, bekommt nicht noch mehr dazu. Bürgergeld macht niemanden zum Millionär. Wer aufgrund der Steuerprogression viel an Steuern zahlt, wird dadurch noch lange nicht arm. Von einem Ausgleich haben wir uns in den zurückliegenden Jahren immer weiter wegbewegt. Die Schere geht weiter auseinander anstatt sich zu schließen. Gottes Wille ist das nicht.
Gott kommt seinem Diener Israel zu Hilfe, wenn dessen Leben bedroht ist von Terroristen oder Antisemiten. Und wenn sich eine israelische Staatsmacht als Unterdrückerin gebärdet, gilt für sie dasselbe wie für alle anderen Unterdrücker: Gott stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor – die Angehörigen der Geiseln, die sich um ihre Verwandten und Freundinnen sorgen; die Mitlieder von Schalom Achschaw (Frieden jetzt) und anderen, die für Frieden demonstrieren und bei ihrer Regierung bisher kein Gehör finden.
Elisabeth und Maria – zwei Frauen, die in der erhebenden Gewissheit leben: Gott hat uns mit Leben erfüllt. Gott wird alle Niedrigen dieser Welt mit Leben erfüllen. Das Lied der Maria fasst auch die Sehnsucht von heute in Worte und beflügelt die Fantasie. Lassen wir uns von Elisabeth und Maria mitnehmen auf den Weg des Lebens, auf dem Unterdrücker ihre Macht verlieren und an Vergessenheit Geratene zu Ehren kommen.
So wie Fanny Hensel. Sie wurde 1805 geboren – vier Jahre vor ihrem jüngeren Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy. Beide waren musikalisch sehr begabt und erhielten eine musikalische Ausbildung; nach dem Willen ihres Vaters blieb Fannys Wirken aber lange auf den häuslichen Rahmen beschränkt. Ihr Bruder war ausdrücklich dagegen, dass sie ihre Kompositionen drucken ließ. Erst mit 41 Jahren – ein Jahr bevor sie unerwartet an einem Gehirnschlag starb – hatte sie den Mut dazu. Das erste Lied, das unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht wurde, ist das „Ave Maria“, das wir nachher hören werden.
Die Anerkennung für Frauen, die mit ihrer Begabung ins Private eingesperrt wurden und lange unbekannt geblieben sind, ist auch ein Teil des erhebenden Werkes Gottes. So lasst uns zu Ehren all der vergessenen Frauen singen mit den Worten der Frau, die die Mutter von Jesus war: Magnificat anima mea dominum. Meine Seele erhebt den Herrn.
