Predigt an Heiligabend, 24. Dezember 2024, in der Christvesper
über Jesaja 9,1-6 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Jesaja 9,1-6
1Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 2Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. 3Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.
Etwas später am Heiligabend. Das Weihnachtsmahl ist verspeist, die Bescherung beendet. Geschenkpapier häuft sich in den Ecken. Dieses Durcheinander wirkt wenig weihnachtlich. Aufräumen wäre jetzt nicht verkehrt. Soweit kennen Sie das vielleicht.
Aber jetzt stellen Sie sich vor, Sie würden sich tatsächlich aufraffen und mit dem Aufräumen beginnen; aber in der ganzen Wohnung gibt es keine Schränke mit Türen mehr, sondern nur noch Schubladen. Das erschwert die Sache massiv. Vergeblich versuchen Sie, den Mantel dort hineinzustopfen. Für Hemden und Blusen reicht zwar der Platz, aber sie sind hoffnungslos zerknittert – kaum wiederzuerkennen. Die Blumenvase geht zu Bruch, weil die Schublade zu flach ist. Auch der Weihnachtsstern leidet beim Verstauen und sieht nicht mehr wirklich hübsch aus. Manches ist in der Schublade nicht mehr das, was es vorher war; für anderes gibt es sogar überhaupt keinen Platz.
Deshalb käme im wirklichen Leben auch niemand ernsthaft auf die Idee, all seine Habseligkeiten in Schubladen packen zu wollen. Aber wie ist das mit den Menschen, denen wir begegnen – wie sortieren wir die in unser Leben ein?
Liebe Gemeinde!
Wir feiern heute die Geburt von Jesus. Der hat damals auch in keine Schublade gepasst. Und er hat sich nicht um die Schubladen geschert, in die andere gesteckt wurden. Damit bringt er bis heute Licht in auch in unser Dunkel. Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind (Jes 8,26). So steht es im Buch des Propheten Jesaja. Und: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Gott bringt Licht auch in das Dunkel, das wir selbst verbreiten, indem wir Menschen in Schubladen stecken, die hinten und vorne nicht passen.
Vielleicht können wir gar nicht anders: Wenn wir jemandem zum ersten Mal begegnen, dann schätzen wir die Person ein: Was soll ich von ihr halten? Was ist er für ein Typ? Wie tickt er? Ich vergleiche jemanden mit einer Person, die ich kenne; dadurch erscheint er mir vertraut. Das nimmt mir die Unsicherheit.
Aber das ist höchstens eine erste Orientierung. Das ist wie mit dem Reden übers Wetter: Als Gesprächseinstieg ist das unverfänglich. Damit kann ich mich auch mit Unbekannten ins Gespräch hineintasten. Findet sich aber kein anderes Thema, dann bleibt der Kontakt oberflächlich.
Die Schubladen, die wir für Menschen haben, taugen höchstens für ein erstes grobes Sortieren. Aber vieles passt da schon nicht. Wir fragen danach, was einen Menschen ausmacht. Dabei neigen wir zu einem „entweder – oder“: Entweder Migrant oder Eingeborener. Entweder Täter oder Opfer. Entweder Mann oder Frau. Entweder gut oder böse. Freund oder Feind. Für die Turmbergbahn oder dagegen. Schwarz oder weiß. Aber die Trennlinien sind nicht immer so klar.
Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben einen erhellend anderen Blick darauf. Er ist Jude, in einem Kibbuz 130km süd(öst)lich von Bethlehem aufgewachsen, lebt seit 2001 in Deutschland und ist Historiker. Sie ist Muslima, in Frankfurt a.M. geboren und aufgewachsen, ihre Eltern kamen als Flüchtlinge aus Pakistan nach Deutschland, sie ist Politologin. Die beiden sind miteinander verheiratet und erzählen von ihrer Sicht der Dinge in ihrem Buch „Muslimisch jüdisches Abendbrot“.
Darin stellen sie die Frage: „Warum kann Identität nicht nach einem UND-Prinzip funktionieren?“ Ihr Sohn z.B. ist offiziell „konfessionslos“, weil sich die Religionszugehörigkeit im Judentum nach der Mutter und im Islam nach dem Vater richtet. Sie fänden aber „divers“ viel passender als „entweder – oder“ bzw. gar nichts. Und sie erzählen von einem muslimisch-jüdischen Paar aus dem Westjordanland, deren Kinder mit zwei Sichtweisen aufwachsen. Ihre Vermutung: „Gäbe es mehr Kinder, die in solchen Familienkonstellationen aufwachsen, wäre der Frieden in Nahost vielleicht ein Stück näher“ (S.39). Solche Kinder haben die besten Voraussetzungen, Schubladendenken zu überwinden und damit wunderbare Ratgeber zu sein. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.
Manchmal stecken wir uns selbst in eine Schublade. Auf welcher Seite stehe ich – auf der Seite Israels oder auf der Seite der Palästinenser? Noch ein Zitat von Cheema und Mendel: Es „wird allzu schnell Partei ergriffen. […] Es braucht etwas, was soziale Medien per se nicht leisten können: nicht die scharfmachenden und polarisierenden Stimmen gilt es zu verbreiten, sondern die gemäßigten und friedlichen“ (S.44).
Wir brauchen nicht noch eine Umfrage nach dem Schema „bist du für oder gegen …“. Wer das Leben digitalisiert nur in 1 und 0 einteilt, der wird am Ende zu den Nullen gehören. Wir müssen mehr von den guten Beispielen erzählen mit ihren Zwischentönen – etwa vom 1995 gegründeten Parents Circle Families Forum: Ihm gehören 600 israelische und palästinensische Eltern an, die alle ein Kind in einem bewaffneten Konflikt verloren haben. Ihre Botschaft: „It won’t stop until we talk“. Es wird nicht enden, wenn wir nicht miteinander reden (S.45).
Miteinander reden, auch wenn wir verschiedene Positionen haben, oder gerade dann – das ist wichtiger, als eine Position zu behaupten. Miteinander zu reden, zerbricht das drückende Joch des Schubladendenkens und den Stecken des Kriegs-Treibers.
Die eindeutige Position, die andere von mir erwarten; die ich vielleicht auch selbst von mir erwarte, weil sie meinen unsicheren Platz in dieser Welt scheinbar sicherer macht – diese eindeutige Position kann zur Jochstange werden: Ich stecke fest und kann mich nicht mehr bewegen. Ich verlerne das Mitgefühl mit denen, die auf der anderen / der vermeintlich falschen Seite stehen.
Aber das hat keine Zukunft: Jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Die Zukunft der Menschen heißt Frieden. Den gibt es nur, wenn wir auf Unterschiede neugierig sind und das Leben vielfältig ist. Kein Weg in die Zukunft führt am Frieden vorbei. Ich kann zwar nicht sagen, wie genau dieser Frieden erreicht werden kann; aber wenn wir die Hoffnung auf Frieden und das Ringen um ihn aufgeben, dann geben wir die Zukunft auf.
An der Krippe im Stall von Bethlehem kommen unterschiedliche Menschen zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun haben: Die junge Frau, deren Kind 2 Väter hat. Der Zimmermann, dessen Vorfahren aus Bethlehem kommen, der aber selbst längst woanders lebt. Die Hirten, die sonst kaum beachtet werden, aber als erste die frohe Botschaft hören. Die Sterndeuter aus dem fernen Ausland ohne Aufenthaltstitel, die sich von König Herodes nicht für seine Mordpläne einspannen lassen.
Die Tür des Stalles steht offen. Da können noch andere vorbeischauen:
Der Jude, der zur Friedensbewegung in Israel gehört und gegen die Regierung Netanjahu protestiert, sich aber zugleich durch den Terror der Hamas bedroht sieht.
Die in der Kirche engagierte Frau mit ihrer Tochter – die ist queer und hat für sich nie einen Platz in der Kirche gefunden.
Die emanzipierte Muslima, die sich für Integration engagiert und es leid ist, immer wieder erklären zu sollen, warum sie immer noch ein Kopftuch trägt, obwohl sie doch von ihrem Mann geschieden ist.
Der schwule Mann, für den ein Queer-Gottesdienst keine Option ist, weil ihm die traditionelle Gottesdienstform mit klassischer Kirchenmusik seit Kindertagen vertraut und ans Herz gewachsen ist.
Die Frau, die viele Jahre nicht recht weiß, warum sie sich mit Frauenbildern so schwer tut, und die erst dann mit sich selbst ins Reine kommt, als sie entdeckt: Ich bin non-binär.
Gott lässt sich finden in einem Kind. Es bringt verschiedene Menschen zusammen und lässt sie verschieden sein. Der Wunder-Rat und Friede-Fürst zerbricht die Jochstange der Einförmigkeit und des Schubladendenkens. Die neue Welt steckt vielleicht noch in den Kinderschuhen, aber der Grundstein ist gelegt. Die Hoffnung lebt. Es gibt einen Platz auch für Ochs und Esel – für Menschen wie Dich und mich. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.
