Predigt am ersten Weihnachtstag, 25. Dezember 2024,
über Johannes 1,1-5.9-14.16-18 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Johannes 1,1-5.9-14.16-18
1Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.
9Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
16Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. 17Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. 18Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.
Liebe Gemeinde!
Was war zuerst – die Henne oder das Ei? Woraus soll eine Henne schlüpfen, wenn nicht aus einem Ei? Und wer sollte umgekehrt ein Ei legen, wenn nicht eine Henne? Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung kommt nach eingehender Betrachtung der Erkenntnisse zur Evolution zu dem Ergebnis: „Die Antwort auf das Henne-Ei-Problem ist am ehesten ein Weder-noch“.
Diese Antwort hätte man auch einfacher haben können. Sie steht schon im Johannes-Evangelium: Im Anfang war das Wort. Das schlägt den Bogen zur Schöpfungsgeschichte. Die ersten Worte der Bibel sind: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Und das tut Gott mit Worten. „Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht“. Was Gott will geschieht. Gottes Wille ist der Anfang. Gott spricht aus, was werden soll, und es wird. Gott will Licht und Leben – und es entstehen Licht und Leben. Gottes Liebe zum Leben ist der Anfang. Diese Liebe begleitet das Leben bis ans Ende – und darüber hinaus.
Das ist keine Frage der Biologie und kein Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen oder Beobachtungen zur Evolutionstheorie. Deshalb hat das mit der Henne-und-Ei-Frage eigentlich gar nichts zu tun – aber ich fand das als Einstieg unwiderstehlich. Hier geht es um meine Einstellung zur Welt: Was ist für mich der wahre Grund dafür, dass es Leben gibt? Warum lebe ich?
Auf diese Frage antwortet das Johannes-Evangelium: Du lebst, weil Gott von Anfang an das Leben wollte. Gott hat sich für das Leben ausgesprochen. Gott rief die Welt ins Leben mit allen Geschöpfen. Du lebst, weil Gott von Anfang an das Licht gegen alle Finsternis gesetzt hat. In Wahrheit ist Dein Leben ein Geschenk. Es ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis eines liebenden Willens, der hinter allem steckt, was lebt. Im Anfang war das Wort. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
An den Anfang allen Lebens nach dem Willen Gottes knüpft die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth an. In ihm ist das Wort Fleisch geworden und wohnte unter uns. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Anders gesagt: Gott war schon immer so, wie Gott in Jesus Gestalt angenommen hat. Gott ist die Quelle der Liebe, der Ursprung und das Licht des Lebens. Gott schickt die Freudenboten und lässt Frieden verkündigen, Gutes predigen und Heil verkündigen. Das ist es, was Gottes Willen entspricht. „Das war schon immer so“.
Diese Redensart ist sonst eher der Ausdruck von Resignation oder von einem starrsinnigen Festhalten an Bestehendem. Hier passt sie im besten Sinn: Gott ist die Quelle der Liebe, der Ursprung des Friedens und das Licht des Lebens. „Das war schon immer so“.
Mit Jesus beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte Gottes mit den Menschen – aber es ist doch die Fortsetzung derselben Geschichte, die mit der Schöpfung begonnen hat. Jesus verkörpert dieselbe göttliche Liebe, die schon von Anbeginn der Welt am Werk ist und ins Leben ruft. Jesus ist das Wort Gottes in Person. In ihm tritt zu Tage, wie Gott von Anfang an war. Er ist „der Sohn des Vaters, Gott von Art“ (EG 23,5). Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Jesus ist Gott in Menschengestalt. Er verwickelt sich ins Gespräch mit den Menschen.
Das Wort ward Fleisch steht da. Für unsere heutigen Mediengewohnheiten müsste es vielleicht eher heißen: Das Wort ward Bild. Bilder prägen sich schneller und tiefer ein – so hat es den Anschein. Instagram und TikTik leben von den Bildern, die Worte sind nicht selten nur Beiwerk. Ich möchte dennoch (oder deshalb erst recht) einen Werbeblock für das Wort und für das Hören einschieben.
Die Haltung des Sehens beobachtet – etwas verkürzt gesagt – Dinge aus sicherem Abstand. Was ich sehe, das ist „wirklich“ da; das gibt es „in echt“. Was ich „mit eigenen Augen gesehen habe, das ist „real“. Sichtbare Dinge sind objektiv vorhanden – aber das heißt noch lange nicht, dass sie für mich eine Bedeutung haben. Ich kann zu ihnen auf Distanz bleiben.
Die Haltung des Hörens zielt – wieder etwas verkürzt gesagt – auf meine eigene Einstellung zu dem, was ich höre. Die Bilder entstehen beim Hören in meiner Phantasie, also in mir drin. Das Hören ist flüchtiger als das Sehen, das Gehörte ist weniger objektiv. „Auf jemanden hören“ – da schwingt das Gehorchen mit. Wenn ich auf jemanden höre, dann richte ich mich an dem aus, was mir gesagt wird. Da hat das Gehörte dann mehr Bedeutung für mich als das Gesehene.
Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündet. Es gibt eine Wahrheit, die mehr für uns bedeutet, als das Offensichtliche. Dafür braucht es offene Ohren und offene Herzen. Es braucht die Bereitschaft, sich darauf einzulassen und darauf zu hören.
Deshalb noch eine Bemerkung zur Wirkung von Worten . Manchmal sagen wir: „Das sind nur leere Worte“. Beispiele dafür gäbe es genug – Versprechungen, die nie eingelöst wurden. Bis zur Bundestagswahl werden wir noch einige solcher leeren Worte zu hören bekommen.
Aber auch die leeren Worte entfalten eine Wirkung, manchmal sogar eine verheerende Wirkung: Wenn ein Shitstorm losbricht, Beleidigungen ausgeteilt werden oder Hate Speech an der Tagesordnung ist. Frei erfundene Fake News beeinflussen das Leben von Menschen.
Aber Gott sei Dank entfalten auch die guten Worte eine Wirkung. Davon hat eine Lehrerin erzählt: Sie bekam zu Weihnachten eine Mail von einem Schüler, den sie vor 30 Jahren in der Grundschule unterrichtet hatte. Er schrieb ihr, dass er in führender Position den Auslandsstandort einer deutschen Firma in Peking leitet. Und er wollte sich bei ihr bedanken, dass sie ihn – einen verschüchterten Jungen – damals wahrgenommen, gefördert und mit Zuspruch aufgerichtet hatte. Von ihren Worten würde er bis heute zehren.
Worte wirken. Sie können helfen, dass sich Leben entfaltet. Worte können ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Gottes Worte sind Lebensmittel, sie können nähren und erblühen lassen. Gottes Worte sind Love Speech. Wir sahen seine Herrlichkeit … voller Gnade und Wahrheit. Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Das Leben ist Gottes großartiges Geschenk an die Menschen. Gottes Wort der Liebe ist der Anfang aller Dinge. Es erweckt zum Leben und stiftet Beziehung. Wir dürfen Boten dieses Wortes sein. Tragen wir Gottes Liebesworte in die Welt zu den Menschen, die uns begegnen.
