Predigt am 1. Sonntag nach Weihnachten, 29. Dezember 2024,
über Matthäus 2,13-23 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Matthäus 2,13-23
13Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.
14Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten 15und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
16Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. 17Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): 18»In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«
19Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten 20und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.
21Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. 22Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er einen Befehl und zog ins galiläische Land 23und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen.
Liebe Gemeinde!
Am vierten Advent lag die Aufmerksamkeit auf Maria. Im Lukasevangelium ist viel mehr von ihr die Rede als von Josef.
Der kommt dafür in dem Abschnitt heute in den Blick – im Matthäusevangelium ist mehr von ihm erzählt.
Für die biblischen Erzähler geht es nicht um eine Rekonstruktion etwaiger Ereignisse – die Bibel ist dokumentiert ja nicht bestimmte Fakten, wie das in einer Ermittlungsakte oder in einem OP-Bericht der Fall ist. Die Evangelisten bezeugen mit ihren Erzählungen, wer Jesus für sie ist; was er für sie bedeutet. Zwei Dinge möchte ich heute aufgreifen, die ich bei Matthäus erkennen kann:
1) Gott stellt sich in Jesus auf die Seite der Verfolgten und Bedrängten; damit setzt er sich der Brutalität der Welt aus.
2) Jesus ist (genau damit) Teil der Geschichte Gottes mit dem Volk Israel.
1) Gott stellt sich in Jesus auf die Seite der Verfolgten und Bedrängten; damit setzt er sich der Brutalität der Welt aus.
Das Leben dieses Kindes ist von Anfang an in Gefahr. Von Anfang an trachten ihm die nach dem Leben, denen er in die Quere kommen könnte und die um ihren Einfluss fürchten. Herodes schreckt nicht davor zurück, alle Knaben bis zum Alter von 2 Jahren töten zu lassen, weil die
Schwer zu sagen, wie viele das dann gewesen sein mögen, wenn Bethlehem die kleinste der Städte in Juda war: Vor 100 Jahren lebten dort rund 7.000 Menschen, vor 2.000 Jahren vermutlich noch weniger; andererseits wurden ja auch die Kinder „in der ganzen Gegend“ getötet.
Die Zahlen sind aber nicht entscheidend, sondern die Brutalität und Rücksichtslosigkeit, mit der unschuldige Kinder wahllos den eigenen Machtinteressen geopfert werden.
Gott steht auf der Seite der Gefährdeten. Das ärgert diejenigen, die nicht mit dem Leid konfrontiert werden wollen, das sie verursachen, sondern nur Solidarität fordern für das Leid, das sie erfahren haben. Schon in dieser Geschichte seiner Geburt zeichnet sich ab, wo der Weg von Jesus hinführen wird: Die Herrscher wollen ihn aus dem Weg räumen, weil sie nur am eigenen Machterhalt interessiert sind. Aber das gelingt ihnen nicht – nicht in Bethlehem und letzten Endes auch nicht auf Golgatha.
2) Jesus ist Teil der Geschichte Gottes mit dem Volk Israel.
Mit dem Kindermord von Bethlehem stellt der Evangelist aber noch eine andere Verbindung her: Der Pharao in Ägypten hatte zunächst den Hebammen befohlen, die Söhne der hebräischen Frauen bei der Geburt zu töten. Als die sich geweigert hatten, gab er dem ganzen Volk den Befehl: „Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil, aber alle Töchter lasst leben“. Mose wurde dann auf ähnlich wundersame Weise gerettet wie Jesus.
Aber es gibt noch mehr Verbindungen – die Namensgleichheit zum Beispiel: Josef, der Vater von Jesus; und Josef, einer der zwölf Söhne Jakobs.
In beiden „Josefsgeschichten“ spielen Träume eine wichtige Rolle: Der eine Josef hat die Gabe der Traumdeutung und steigt dadurch in Ägypten zum Stellvertreter des Pharao auf; der andere Josef erhält im Traum entscheidende Erkenntnisse und Hinweise, was er zu tun hat. Beide haben Leben gerettet.
Bei beiden führt der Weg der Lebensrettung über Ägypten. Und für beide führt der Weg aus Ägypten in das Land Israel.
In all diesen Motiven verortet Matthäus den Messias Jesus in der Geschichte seines Volkes. Der Beginn des Neuen Testaments führt nicht aus dem Alten heraus, sondern in die Geschichten des Alten hinein. Von Kindesbeinen an ist Jesus in der Geschichte seines Volkes Israel beheimatet. Der Tod der Kinder von Bethlehem zeigt, wie bedroht sein Leben als Teil des Volkes Israel von Beginn an gewesen ist.
Als Christen sind wir durch Jesus mit Gott verbunden. In unsere Gottesbeziehung gehören diese beiden Verbindungen hinein, die Matthäus in die Geburtsgeschichte hineinerzählt: Zum einen die Verbundenheit mit dem Volk Israel; und zum anderen die Verbundenheit mit den unschuldig Verfolgten und Bedrängten unabhängig von ihrer Nationalität oder Religionszugehörigkeit.
Wir sind ein Teil der Geschichte, die Gott mit dem Volk Israel hat. Die eine Verbundenheit gibt es nicht ohne die andere. Keine kann für die andere aufgegeben werden, keine auf Kosten der anderen aufrecht erhalten werden. Es gibt gute Gründe, die Politik der Regierung Netanjahu zu kritisieren, die viel an neuem Leid verursacht. Aber das ändert nichts an der Verbundenheit mit Israel, im Gegenteil: Verbundenheit mit Israel heißt Verbundenheit mit den von der Politik ihrer eigenen Regierung bedrängten Israelis, die sich nach Frieden sehnen – auch und vor allem nach Frieden mit Palästinensern.
Ich weiß nicht, wie viel wir zu einem Frieden im Nahen Osten beitragen können. Aber vielleicht wäre das ein erster Beitrag für den Frieden hier in unserem Land: Dass wir uns verweigern, für eine der beiden Seite zum Feind zu werden und beharrlich an der Verbundenheit mit den unschuldig Verfolgten und Bedrängten festhalten; und daran, dass es die auf beiden Seiten gibt.
