Predigt am Sonntag Septuagesimä, 16. Februar 2025,
über Prediger 7,15-18 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Prediger 7,15-18

15Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.
16Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.
17Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.
18Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.


Liebe Gemeinde!
Manchmal ist es zum Verzweifeln: Den Guten geht es schlecht und den Schlechten geht es gut. Es ist keineswegs so, dass gute Menschen belohnt und böse Menschen bestraft werden, so wie wir uns das insgeheim wünschen.

Wobei – nur mal so nebenbei gefragt:
Wie wäre das, wenn es tatsächlich nach diesem Wunsch ginge? Der gute Mensch hat Rückenwind und wird belohnt – mit Glück und Erfolg, mit Gesundheit und langem Leben.
Der Bösewicht stolpert über seine eigenen Füße, zieht die Nieten und fällt früh in die Grube, die er einem anderen gegraben hat.
Das klingt wie im Märchen: Die Guten ins Töpfchen,
die Schlechten ins Kröpfchen. Das wäre gerecht.
Und mir fallen auch sofort eine ganze Reihe von Leuten ein, die ich da sofort ganz klar zuordnen könnte.
Nur sind die Grenzlinien nicht immer so klar. Böse sind nicht immer nur die anderen. Deshalb wäre das vielleicht gerecht,
aber noch lange nicht paradiesisch.

Für den Prediger ist das kein Grund zum Hadern oder Verzweifeln. Er stellt das eher nüchtern fest: Mein Leben ist vergänglich; es zieht rasch vorüber. Und ich konnte beobachten:

Da ist ein gerechter Mensch.
Der kommt ums Leben,
obwohl er die Gebote befolgte.

Und da ist ein ungerechter Mensch.
Der hat ein langes Leben,
obwohl er Böses tat.

Das Leben ist nicht fair. Du könntest jetzt Dein ganzes Leben damit zubringen und Deine ganze Energie darauf verwenden, dass Du darüber klagst und Dir den Kopf zerbrichst, warum das so ist. Es wäre schade um die Lebenszeit, die Du damit vergeuden würdest. Gib lieber darauf acht, wie Du Dein Leben führst.

So weit, so gut. Aber dann kommt ein Ratschlag, der nicht ganz leicht zu verstehen ist:
Sei nicht übertrieben gerecht
und bemühe dich nicht, überaus klug zu sein!
Handle aber auch nicht allzu gottlos,
und tu nicht so, als wärst du dumm!

Man könnte diesen Rat so verstehen, dass man alle Extreme vermeiden und immer den goldenen Mittelweg suchen sollte. Das kann – wenn ich das zum obersten Prinzip mache – auch leicht zu Opportunismus und Kriechermoral führen: Immer schön mit dem Strom schwimmen und nicht auffallen.
Dieser Rat hat eine bestimmte Situation im Blick, die der Situation heute in manchem sehr ähnlich ist: Im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt gab es in Jerusalem eine Spaltung in der Gesellschaft. Auf der einen Seite gab es diejenigen, die von der griechischen Philosophie fasziniert waren und sich von überkommenen Traditionen verabschieden wollten. Auf der anderen Seite standen diejenigen, für die das der Ausverkauf des jüdischen Glaubens war. Die Fronten waren verhärtet, ein wirkliches Gespräch miteinander war kaum mehr möglich.
„Die Tora taugt nicht mehr für die moderne Zeit. Nur Ewiggestrige halten an ihr fest“ – so sagten die Modernisierer. Die Bewahrer sind fassungslos, wie man so dem Zeitgeist hinterherrennen und alles mit Füßen treten kann, was ihnen heilig ist.

„Kohelet“ – das bedeutet „Versammler“. Der Name ist Programm: Da will einer versöhnen statt weiter zu spalten. Deshalb ergreift er nicht Partei, sondern wendet sich an beide Seiten: Sei nicht übertrieben gerecht und bemühe dich nicht, überaus klug zu sein!

Fixiere Dich nicht so sehr auf Deine eigene Gerechtigkeit, dass Du darüber aus dem Blick verlierst, was die Probleme der anderen sind.
Es ist nicht das Entscheidende, ob Du am Ende mit einer weißen Weste dastehst. Natürlich wünschen wir uns, dass wir im Rückblick auf unser Leben sagen könnten: „Ich habe alles richtig gemacht“. Aber ich bin nicht das Maß aller Dinge. Fixiere Dich nicht darauf, dass Du mit einer makellosen Bilanz dastehst, sondern suche das, was dem Wohl der Gemeinschaft dient – auch dem Wohl derer, die nach Deiner Überzeugung auf der falschen Seite stehen. Seid nicht verbittert darauf aus, mit Eurer Vorstellung von Gerechtigkeit die ganze Welt beglücken zu wollen, als ob Ihr damit das Reich Gottes herbeizwingen könntet. Rechnet damit, dass auch die klug und gerecht sein können, die „auf der anderen Seite stehen“.

Im Rahmen der Ausstellung „Gesichter des Friedens“ bin ich auf die Geschichte eines Ehepaares gestoßen, die ein ganz ähnliches Anliegen verfolgen – Anastasia und Yuliia. Anastasia kommt aus Russland und hat Schauspiel studiert. Als Theaterpädagogin und Regisseurin war sie schon in verschiedenen Ländern weltweit tätig und setzt ihre Kunst als Methode der Friedensarbeit ein. Yuliia ist in der Ukraine aufgewachsen. Sie hat Psychologie studiert  und zunächst als Lehrerin gearbeitet. Beide Frauen mussten wegen des Krieges ihre Heimat verlassen. Heute leben die beiden in Deutschland. Mit „Playback“, einer Form des Improvisationstheaters, schaffen sie Räume, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen und sich begegnen – auch Menschen aus Russland und der Ukraine. Davon erzählen die beiden. Von dem Interview gibt es eine Kurfassung von gut 6 Minuten.

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„Das ist nicht einfach und das ist keine Zauberei. Das ist wirklich harte Arbeit. Aber es funktioniert“. Die wirklich harte Arbeit besteht vielleicht darin, das Zuhören wieder zu lernen: Nicht immer gleich danach zu fragen, was ich richtig oder falsch finde, sondern erst einmal wirklich zuzuhören. „Es geht nicht darum zu sagen: Ich bin im Recht!“ (Yuliia). Sei nicht übertrieben gerecht und bemühe dich nicht, überaus klug zu sein, sondern höre auf die Geschichten, die Dir erzählt werden. Achte auf die Gefühle des Menschen, der Dir begegnet.

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