Predigt am Sonntag Estomihi, 2. März 2025,
über Lukas 10, 38-42 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Lukas 10, 38-42
38Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. 39Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! 41Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. 42Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.


Liebe Gemeinde!

Es wirkt ganz schön unhöflich, wie Jesus sich hier verhält. Marta nimmt ihn bei sich auf (und seine Jünger vermutlich mit dazu); sie gibt sich richtig Mühe und macht sich eine Heidenarbeit für ihre Gäste und dann sagt Jesus sinngemäß zu ihr: „Mach nicht so einen Aufstand, meinetwegen hätten wir auch Pizza kommen lassen können“. Wertschätzung für Gastfreundschaft sieht anders aus. Aber bevor wir das nur als eine Geschichte um Jesu Essgewohnheiten oder seine Einstellung zur Hausarbeit verstehen, möchte ich noch einmal den Zusammenhang deutlich machen.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und diese Geschichte von Marta und Maria stehen beide nur im Lukasevangelium. Sie folgen direkt hintereinander und schließen an das Gespräch mit einem Gesetzeslehrer an. Der hatte Jesus gefragt: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Wie ein jüdischer Rabbi das so macht stellt Jesus eine Gegenfrage: „Was steht denn im Gesetz geschrieben?“ Antwort des Gesetzeslehrers: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“. Das Doppelgebot der Liebe als Zusammenfassung des Willens Gottes. „Recht so“, sagt Jesus; „tu das und du wirst leben“. Da hakt der Gesetzeslehrer noch einmal nach: „Wer ist denn mein Nächster?“ Als Antwort auf diese Frage nach dem Nächsten, den ich lieben soll wie mich selbst, erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Will sagen: Mein Nächster ist der, der mir in seiner Not vor die Füße fällt – ganz gleich, ob er zu den „eigenen“ Leuten gehört oder zu den „Fremden“. Für den soll ich tun, was in meiner Macht steht. Anders gesagt: Ich soll tun, was ich mir an seiner Stelle auch wünschen würde. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

So weit war mir die Zusammenstellung immer bewusst. Aber dann geht es weiter mit dieser merkwürdigen Geschichte im Haus der Marta. Die nahm ihn auf. Marta ist diejenige, die Jesus in ihrem Haus aufnimmt. Sie war wohl eine ähnlich eigenständige Frau wie die Purpurhändlerin Lydia, von der wir am vergangenen Sonntag gehört haben. Auch Marta ist selbständig und frei in ihren Entscheidungen. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta dagegen machte sich viel zu schaffen, um ihnen zu dienen. Sie hat die ganze Arbeit alleine am Hals.
Aber es geht hier um mehr als um die Aufteilung der häuslichen Arbeit unter Geschwistern. Das zeichnet sich schon ab in der Frage, die Marta stellt: Sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!
Warum spricht Marta nicht direkt mit ihrer Schwester, die doch daneben sitzt? Sie könnte doch ohne weiteres sagen: „Maria, jetzt hilf mir doch mal und lass mich nicht die ganze Arbeit alleine machen!“ Stattdessen belästigt sie ihren Gast damit und zieht ihn in den Konflikt mit ihrer Schwester hinein. Warum das?

Der Grund ist vermutlich der, dass es hier im Kern nicht um den Konflikt unter den Schwestern geht, sondern um die Beziehung zu Jesus, dem Sohn Gottes. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ging auf die Frage ein, wer mein Nächster ist. Hier in der Geschichte von Marta und Maria geht es um die Frage, wer Jesus eigentlich ist und wie das Verhalten Jesus gegenüber in die Gottes- und die Nächstenliebe einzuordnen ist.

Marta tut das, was sie sich an Jesu Stelle von einer Gastgeberin wünschen würde: Sie deckt den Tisch und sorgt für etwas zu Essen. Dafür scheut sie keine Mühe und daran ist doch eigentlich nichts auszusetzen. Das ist (wie beim barmherzigen Samariter) tätige Nächstenliebe. Aber genau das ist der Punkt: Marta liebt Jesus „wie sich selbst“, aber sie liebt ihn nicht „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all ihrer Kraft und ihrem ganzen Gemüt“. Sie übt vorbildliche Nächstenliebe, aber keine Gottesliebe. Sie verhält sich so, wie es sich bei einem Gast / wie es sich bei Ihresgleichen gehört. Sie verfällt in gastfreundliche Geschäftigkeit, um dem Gast etwas Gutes zu tun.

Anders dagegen Maria. Sie hat das gute Teil erwählt. Sie setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Sie will zuallererst hören, was Jesus im Namen Gottes zu sagen hat. „Gott über alles lieben“ bedeutet: Auf seinen Rat und seine Weisung hören und erst danach ihm dienen. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene“, so steht es im Markusevangelium (Mk 10,45). Unsere erste Aufgabe ist nicht ihm zu dienen, sondern auf ihn zu hören. Der Dienst für Gott / der Dienst für Jesus ist erst dann an der Reihe, wenn ich mich ihm zu Füßen gesetzt und auf ihn gehört habe.

Es geht hier nicht darum, die tätige Liebe gegen das „untätige“ Hören auszuspielen oder gar zu sagen: „Lehnt Euch mal alle schön im Sessel zurück und legt die Hände in den Schoß“. Es geht um die richtige Reihenfolge oder um die Zuordnung des einen zum anderen.
Der Dienst für Gott hat seinen Ursprung in dem, was Gott selbst uns zu sagen hat. Wenn wir ohne das aufmerksame und demütige Hören auf Gottes Wort in Geschäftigkeit oder Aktionismus verfallen, dann ist das Risiko groß, dass wir uns mit unserer Sorge und Mühe für den Nabel der Welt halten – und dann rennen wir womöglich genauso an denen vorbei, die unsere Hilfe brauchen, weil unser Aktionsplan gerade etwas anderes vorsieht.

Gebraucht zu werden – das tut gut. Wir wollen gerne etwas bewirken können. „Selbstwirksamkeitserwartung“ nennt man das in der Psychologie. Wer an die eigene Selbstwirksamkeit glaubt – so zeigen es Untersuchungen – ist ausdauernder bei der Bewältigung von Aufgaben und weniger anfällig für Angststörungen und Depressionen. Aber es kann gefährlich werden, wenn wir unseren eigenen Wert ausschließlich daran bemessen, was wir bewirken können. Dann bricht mein Selbstwert nämlich wie ein Kartenhaus zusammen, wenn ich krank werde oder meine Fähigkeiten nachlassen. Gefährlich ist das aber nicht nur für uns selbst, sondern auch für unseren Umgang mit anderen. Auch dafür ist Marta ein Beispiel. Sie macht die selbstgewählte Geschäftigkeit zum Maßstab. Sie nimmt es ihrer Schwester Maria übel, dass die ihr nicht hilft. Und sie will Jesus dazu bringen, Maria das auch übel zu nehmen – als ob sie ihm etwas schuldig bliebe, wenn sie ihrem Gast nicht dient sondern nur herumsitzt und zuhört.

Genau genommen ist aber Jesus im Leben eines Menschen nie der Gast, sondern immer der Gastgeber. Jesus ruft Menschen in seinen Dienst, in seine Nachfolge. Dazu ist zuallererst unser Hören gefragt. Jesus kann nur einen Dienst brauchen, der seinen Ursprung in ihm / in seinem Wort hat. Er lässt sich nicht dafür instrumentalisieren, anderen unseren Willen aufzudrängen. Er nimmt uns in Dienst, indem er uns Gottes Wort nahe bringt und indem er uns Menschen begegnen lässt, die unsere Hilfe brauchen.

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