Predigt am Karfreitag, 18. April 2025,
über Johannes 19,16-30 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Johannes 19,16-30
16Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, 17und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

19Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. 20Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. 22Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

23Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

25Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. 26Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, rden er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

28Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, rdamit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber rfüllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. 30Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.


Liebe Gemeinde!

Die Kreuzigung gehört zum Kern der Erzählungen des Christentums: Die Erinnerung an eine brutale Hinrichtung als zentrales Symbol unseres Glaubens. Ein „Ärgernis“, eine „Torheit“, die ausgesprochen verstörend sein kann – nicht nur für Menschen, denen dieser Glaube fremd ist.
Auch das Johannesevangelium erzählt von dieser Kreuzigung, aber der Tonfall ist ein anderer. Die Folter, der Spott, die tödliche Verachtung, der Abschiedsschmerz, das Sterben – das kommt hier alles vor. Aber die Passion mündet nicht im Schrei der Gottverlassenheit, sondern in der Vollendung einer Mission. Es ist vollbracht. Der von Gott zu den Menschen Gesandte war schon „im Anfang bei Gott“. Jesus geht den Weg der Liebe Gottes bis zum Ende am Kreuz und krönt damit sein Lebenswerk.

Mit seiner Erzählung fragt der Evangelist nach dem tieferen Sinn, der hinter den historischen Einzelheiten steht: Gott hat das Heil der Menschen im Sinn – wie passt die Passion Jesu in diesen Plan? Seine Antwort auf diese Frage prägt die Erzählung: Jesus ist nicht das ohnmächtige Opfer, sondern selbst der Handelnde – der wahre König. Er trägt selber das Kreuz – und nicht ein zufällig vorbeikommender Passant. Er trägt es hinauf nach Golgatha wie ein Ehrenzeichen. Dort treten alle seine Feinde noch einmal auf müssen ihm ihre Aufwartung machen:

Da sind die Hohenpriester. Sie wollen ihn aus dem Weg räumen und haben Pilatus dazu gebracht, dass er Jesus kreuzigen lässt; aber ihnen gefällt nicht, was auf dem Kreuz geschrieben steht: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Für sie ist er ja gerade kein König von Gottes Gnaden. Deshalb sagen sie zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Aber ihr Wunsch bleibt ihnen versagt. Sie stehen als ohnmächtige Bittsteller unterm Kreuz. Sie haben hier nicht das Sagen. Sie können nicht verhindern, dass Jesus in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache die Königswürde zugesprochen wird. Alle Welt kann es lesen, wer dieser Jesus in Wahrheit ist. Das, was eigentlich Verspottung sein soll, wird zur öffentlichen Proklamation.

Pilatus wird zum Werkzeug bei dieser Thronbesteigung des Königs. Ein wenig beleidigt antwortet er den Pharisäern Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Er will sich nicht von den jüdischen Oberen vorschreiben lassen, was er tun soll. Es scheint ihm ziemlich egal zu sein, was da als Grund für das Todesurteil steht. Hauptsache, seine Autorität bleibt gewahrt.
Was er nicht ahnt: Er hat zwar die Aufschrift anbringen lassen – aber ein anderer hat ihm dabei die Feder geführt. Durch seine Hand erfährt die Welt, was er selbst nicht glauben kann: Jesus ist König – wenn auch ein König von anderer Art. Es war geschrieben – von Ewigkeit her in Gottes Herz beschlossen. Ohne es zu wissen wird er zu einem Rädchen im Plan Gottes: Durch ihn wird Jesus zum König ausgerufen.

Dann sind da die Soldaten. Sie haben Jesus erst verspottet und dann gekreuzigt. Jetzt schneiden sie seinen Mantel in vier Stücke – für jeden eines. Das ungenähte Gewand Jesu zerteilen sie aber nicht, sondern losen darum. Vielleicht war es ihnen zu schade dafür. Für den Evangelisten ist der wahre Grund ein anderer: Ohne es zu wissen werden auch sie in den Plan Gottes eingebunden: So sollte die Schrift erfüllt werden. Johannes zitiert aus Psalm 22: Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.
Später nimmt der Bericht noch einmal auf diesen Psalm Bezug. Da sagt Jesus damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Zweimal werden Motive aus diesem Psalm aufgenommen; aber gerade nicht jener bekannte Vers: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In der Stunde der Kreuzigung ist Jesus nicht von Gott verlassen, sondern Gottes Plan kommt ins Ziel. Das Treiben der Soldaten zeigt ungewollt dem, der die Schrift kennt: „Hier ist der Gesandte Gottes. Hier ist der, auf den Ihr gewartet habt“.

Neben den vier Soldaten stehen unter dem Kreuz Jesu vier Frauen: Maria – die Mutter von Jesus – und ihre Schwester; dann eine Maria, die mit einem Mann namens Klopas verheiratet ist, sowie Maria Magdalena und der Jünger, den Jesus lieb hatte. Zwischen ihm und seiner Mutter stiftet er eine neue Beziehung: Frau, siehe, das ist dein Sohn! und Siehe, das ist deine Mutter. Für mich steckt zweierlei in dieser Szene:
1) Jesus kümmert sich in der Stunde seines Todes um diejenigen, die durch seinen Tod in das Dunkel der Trauer gestürzt werden. Er lässt sie nicht allein mit ihrem Schmerz, sondern weist ihnen den Weg zueinander. Mehr als an seinem eigenen Wohl liegt ihm daran, dass es den von ihm geliebten Menschen gut geht; dass Beziehungen gelingen.
2) Es wurde und wird noch immer darum gerätselt, was es mit dieser Beschreibung auf sich hat: „der Jünger, den Jesus lieb hatte“. Einige Kapitel vorher sagt Jesus: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9). Ich denke: Er steht für diejenigen, die im Glauben und in der Liebe mit Jesus verbunden sind. Diese Bindung zählt genauso viel wie Blutsverwandtschaft: „Ihr gehört jetzt zueinander, wie ich zu Euch gehört habe – unlösbar wie Blutsverwandte. Lasst keine Feindschaft und keinen Zorn zwischen Euch aufkommen über meinem Tod. Meint nicht, dass einer dem andern etwas weggenommen habe“.

Am Kreuz schafft Gott neue Familienverhältnisse. Das ist Jesu Vermächtnis, sozusagen seine Regierungserklärung: Wer immer Jesu Kreuz betrachtet, ist verbunden mit anderen. Niemand steht allein am Kreuz. Wer aufsieht zu Jesus, der hat Schwestern und Brüder. Aus seinem eigenen Leid lässt er neue Gemeinschaft entstehen.
Jesus stellt uns denen an die Seite, die heute an Kreuzen oder Gräbern stehen – oder die damit leben müssen, dass es für ihre Lieben nicht einmal ein Grab gibt, weil sie irgendwo zu Tode gekommen sind auf den Schlachtfeldern unserer Tage, unauffindbar begraben unter Trümmern.
Jesu Leiden und Sterben mündet darin, dass Menschen durch ihn miteinander verbunden sind. Sein Leiden und Sterben überwindet, was Menschen voneinander trennt.

Und dann, als Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied. Wörtlich steht da: Er neigte das Haupt und überantwortete seinen Geist. Sogar den Zeitpunkt des Todes legt er selbst fest und übergibt seinen Geist an den himmlischen Vater, der ihn zu den Menschen gesandt hatte. Bis zuletzt bestimmt Jesus die Handlung. Nun ist er am Ziel. Nun ist der neue Bund aufgerichtet.

Da weiß Jesus dann, dass alles vollbracht ist. Seine Mission ist erfüllt, sein Auftrag auf der Erde beendet. Gott hat den Anfang der Welt gesetzt. Nach seinem Willen ist das alles eingerichtet und geordnet. „Am Anfang war das Wort“ – das Wort der göttlichen Liebe, das die Welt und die Menschen ins Leben ruft. Auch im Lebensende des Menschen Jesus ist dieses Wort der göttlichen Liebe da. In jeder Faser seines Lebens und Leidens erklingt die Botschaft der Menschenliebe Gottes. Es ist vollbracht. Gott hat sich ganz und gar in das Leben der Menschen hingegeben. Keine Macht dieser Welt kann gegen dieses Wort der göttlichen Liebe etwas ausrichten.

Das Kreuz ist Gottes Denkmal: Gott trotzt aller Bosheit der Menschen. Gott erneuert den Bund mit den Menschen und gründet ihn auf Vergebung. Kein Leid dieser Welt und auch kein böser Wille von Menschen kann Gott vom Willen zur Vergebung abbringen.

Dadurch ist keineswegs „alles gut“; aber Johannes zeigt: Gott kann selbst den bösen Willen von Menschen benutzen und Gutes daraus entstehen lassen. Auch in Leid und Not hält Gott das Leben seiner Kinder in der Hand. Scheitern und Niederlage sind nicht das Ende der Wege Gottes. Er begibt sich hinein in die Tiefen menschlichen Elends – in Schmerzen und Leid; und er bleibt doch im Tod noch der Liebende und der Lebendige. Es ist vollbracht.

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