Predigt am Sonntag Miserikordias Domini, 4. Mai 2025,
über Johannes 10,11-16.27-30 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Johannes 10,11-16.27-30
11Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, 13denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
16Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; 28und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es aus des Vaters Hand reißen. 30Ich und der Vater sind eins.


Liebe Gemeinde!

Der gute Hirte. Das ist das Leitthema dieses Sonntags und es ist das bestimmende Bild im Predigttext. Der Evangelist Johannes hat das Jesus in den Mund gelegt: Ich bin der gute Hirte lässt er ihn sagen. Es sind bekannte, vertraute Worte. Fast die Hälfte des Predigttextes besteht aus Versen, die in der Luther-Bibel fett gedruckt sind: Konfirmationsspruch-verdächtig.
Diese Verse haben in ihrer Vertrautheit schon beinahe etwas Einlullendes: Ich bin der gute Hirte … Meine Schafe hören meine Stimme … Ich und der Vater sind eins. Weideglück pur, behütetes Naturidyll im saftigen Grün am plätschernden Bächlein. „Da bin ich Gott näher“.

Bei genauerem Hinsehen geht da manches Durcheinander: Die Beschreibung des Bildes vom guten Hirten und den Schafen verschwimmt mit der Beschreibung dessen, wofür das Bild steht. Da müssen wir sortieren.

Klar ist: Jesus Christus ist der Hirte. Die Menschen, die auf ihn hören, sind die Schafe. Zusammen sind sie seine Herde.
Aber was ist die Aufgabe des Hirten? Bei einem Schaf-Hirten würden wir sagen: Auf die Herde aufpassen, damit ihr nichts passiert; und dafür sorgen, dass sie genug zu Fressen hat. „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser“.
Der erste Satz des Predigttextes sprengt dieses Bild: Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Hat der Mann noch nie etwas von Eigensicherung gehört? Tot würde er der Herde nicht mehr viel nützen. Seltsamer Hirte.
Außerdem ist der Wolf offenbar gar nicht hungrig, denn von ihm heißt es: Der Wolf stürzt sich auf die Schafe und dann reißt er nicht etwa eines der Schaffe, sondern zerstreut sie. Seltsamer Wolf.
Und dann gibt es da noch den Mietling, dem die Schafe nicht gehören, für den das Hüten also nur ein Job ist. Der läuft davon, wenn er den Wolf kommen sieht. Wurde er nicht über die Risiken seiner Tätigkeit aufgeklärt? Seltsamer Mietling.

Ich versuche einmal, die verschiedenen Erzählfäden zu entwirren. Ich fange noch einmal beim Hirten und bei der Herde an. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen. Hirte, Schafe und der Vater im Himmel gehören aufs Engste zusammen, sie sind eins. Um diese Beziehung und um dieses Eins-Sein dreht sich alles. Der Hirte kennt die Seinen: Er kennt uns mit all unserer Angst und unserer Scheu. Er weiß wie uns zumute ist: Wenn das Alleinsein uns das Herz eng werden lässt; wenn die schlechte Laune uns alle Energie aus dem Leib und aus der Seele saugt; wenn wir schwach sind und kraftlos; wenn wir uns verrannt haben und nicht mehr aus noch ein wissen. Er kennt die Seinen – ein Leben lang bis hinein ins Sterben. Nicht einmal der Tod kann ihn von den Seinen trennen. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Dabei leitet ihn keine Todessehnsucht sondern die Liebe zum Leben. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. Das ist die Kernaufgabe des Hirten: Den Seinen das ewige Leben geben – und das heißt: Sie zum himmlischen Vater führen. Der gute Hirte ruft und führt zum Vertrauen auf Gott. Er handelt im Auftrag Gottes oder besser: Er handelt an der Stelle Gottes. Der Hirte und die Seinen gehören zusammen. Sie sind unzertrennlich. Gott hat dieses Verhältnis begründet. Gottes Entschluss hat uns ins Leben gerufen.

Meine Schafe hören meine Stimme. Wir kennen unseren Hirten, indem wir auf seine Stimme hören. Wir kennen ihn als den, der es gut mit uns meint; der uns leitet und führt; der unser Gottvertrauen stärkt und uns neue Kraft gibt. Wir sollen dem guten Hirten folgen. Das Ziel ist, dass wir unser Leben und dann auch unser Sterben dem himmlischen Vater anvertrauen. Wir sollen uns darauf einlassen, mit ihm eins zu sein, wie der Hirte / der Sohn schon eins mit ihm ist. Die Mission des guten Hirten ist unser Einverständnis zu dem, was von Gott her schon längst beschlossen ist: Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

Von den Schafen wird hier an keiner Stelle in der Einzahl gesprochen. Die Gesamtheit ist im Blick. Die Schafe, die eins mit ihrem Hirten sind und mit dem Vater im Himmel, die gehören auch untereinander zusammen; die sind eine Herde. Da kommt der Wolf ins Spiel: Der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie. Der Wolf treibt die Herde auseinander. Er will verhindern, dass die zusammenbleiben, die durch den Hirten zusammengehören. Er spaltet. Er reißt das Maul auf und will das Band der Liebe kappen.
Der Wolf bringt hier (erst einmal) keine Gefahr für Leib und Leben, wohl aber für den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Er steht für diejenigen, die einen Keil treiben zwischen Menschen; die Feindbilder malen und die Menschen auseinanderdividieren in solche die dazugehören und solche die nicht dazugehören – zu Deutschland oder zu den Demokraten und den Menschen guten Willens oder zur Kirche. Die dazugehören sind die Guten und die anderen sind die Bösen und sind an allem schuld. Aber Wolf sind nicht nur die anderen, sondern Wolf bin oft genug auch ich – vielleicht nicht aus böser Absicht, aber doch aus Nachlässigkeit und Unachtsamkeit oder weil ich sie in eine Schublade stecke, die ihnen nicht gerecht wird.

Ich möchte von etwas erzählen, was ich am letzten Montag gelernt habe. Da ging es bei einer Veranstaltung um „Interreligiöse Gastfreundschaft“. Gastfreundschaft kann ein gutes Konzept sein für das Gespräch mit Menschen anderer Religionen (oder um im Bild zu bleiben und den Predigttext noch einmal zu zitieren – mit denen, die nicht aus diesem Stall sind): Wir begegnen uns, erzählen uns voneinander, teilen eine begrenzte Zeit miteinander und akzeptieren uns gegenseitig in unserer Unterschiedlichkeit. Es zieht nicht einer bei dem anderen ein, deshalb muss auch nicht alles bis ins Details ausdiskutiert werden. So weit, so gut.
„Gastfreundschaft“ kann aber auch bedeuten: „Ich behandle Dich mit Respekt als Fremden, der nicht dazu gehört, und bin dann froh, wenn Du wieder gehst“. Die gut gemeinte religiöse Gastfreundschaft kann zu einer ausgrenzenden Trennmauer werden, wenn ich das Gespräch suche – zum Beispiel mit Muslimen, die schon genauso lange in Deutschland leben wie ich, die aber davor in der Türkei geboren wurden. Was erwarte ich von Ihnen oder was signalisiere ich ihnen, wenn ich gastfreundlich mit ihnen umgehe: Dass ich mir eine offene Begegnung mit ihnen wünsche und etwas über sie erfahren möchte, oder dass sie verschwinden sollen? Der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie.

Für den Mietling ist das alles zum Davonlaufen – aussichtslos. Er rechnet nicht mit der Möglichkeit, dass er dem etwas entgegensetzen könnte. Und er will auch nichts riskieren für die Schafe, die ihm noch nicht einmal gehören. Auch das ist uns nicht fremd. Vielleicht lässt sich das auch ohne den Unterton eines Vorwurfs zur Kenntnis nehmen: Der Mietling kann den Hirten nicht ersetzen. Vielleicht ist es gut, uns selbst nicht zu überschätzen und dann auch nicht zu überfordern, sondern mit gesunder Demut auf die Hilfe des guten Hirten zu vertrauen. Der lässt nichts unversucht, Menschen zueinander zu bringen. Er setzt buchstäblich sein ganzes Leben dafür ein. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Das geht auch an uns nicht spurlos vorüber.

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