Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis, 13. Juli 2025,
über Matthäus 9,35–10,1.5–10 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrerin Dr. Judith Winkelmann, Studienleiterin am Zentrum für Seelsorge

Matthäus 9,35–10,1.5–10
9 35Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

10 1Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

5Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.


Liebe Gemeinde,

wir leben in einer Kirche im Wandel, einer Gesellschaft im Wandel, einer Welt im Wandel.

Als Kirche erleben wir, wie Mitglieder und Geld weniger werden. Die alten Strukturen passen nicht mehr und müssen sich ändern.

Als Gesellschaft erleben wir, dass das gesamtgesellschaftliche Denken einen starken Ruck nach rechts gemacht hat.

Und als Weltgemeinschaft erleben wir, wie sich Machtverhältnisse verschieben und kriegerische Einsätze wieder auf der Tagesordnung stehen.

Mitten hinein in diesen Wandel haben wir heute die Aussendungsrede Jesu aus dem Matthäusevangelium gehört. Ein sperriger Text, eine Herausforderung für Exegeten, aber, so meine These, auch eine Ermutigung für uns in dieser Zeit im Wandel. Oder besser noch: Der Text will uns ermächtigen, uns selbst als Christen viel mehr zuzutrauen. Denn in dem, was wir tun, kann das Wirken Jesu, sein Geist sichtbar werden.

Matthäus verwendet dazu einen sprachlichen Trick: Er bleibt – zumindest im Griechischen – uneindeutig. Mal richtet sich die Rede Jesu an die zwölf Apostel, also die, die nach dem Tod Jesu die Kirche gründen. Ein anderes Mal wendet Jesus sich an die Jünger und Jüngerinnen, also alle, die ihm nachfolgen werden. Damit wären auch wir gemeint. Matthäus trennt nicht zwischen der Geschichte Jesu, der frühen Kirche und uns heute. Wir alle sind gemeint bei dieser Aussendung und dem Auftrag, den Jesus erteilt.

Und noch ein zweites Mal bleibt Matthäus uneindeutig. Er spricht von dem Volk, das ängstlich und zerstreut vor Jesus sitzt, ähnlich wie bei der Bergpredigt. Wie Schafe, die keinen Hirten haben, schreibt er. In mir klingt das Bild vom Guten Hirten an. Ein Bild, das mir sagt: Du bist gesehen, so wie du bist. Du gehst nicht verloren. Da ist ein Es, ein Jemand, nenne es Gott, Jesus Christus, da ist wer, der dich sieht. Nicht weil du ein potenzieller Kunde bist und man dir etwas verkaufen kann. Nicht, weil du schön bist, und man sich mit dir schmücken kann. Nicht weil du jung bist und du noch was leisten kannst. Hier geht es um etwas anderes. Hier kannst Du arm, normal und alt sein, und du zählst trotzdem.

Doch zugleich sagt Jesus zu den Jüngern: Die Ernte ist groß. Da ist etwas reif. Die Zeit ist reif, etwas zu tun. Doch was passiert, wenn wir nichts tun? Da ist auch die Angst, mitten in dieser Welt zu stehen, einfach nur zuzusehen, und dann, irgendwann könnte es zu spät sein. Dann ist die Welt nicht mehr so wie sie jetzt ist. Dann ist sie nicht mehr veränderbar im Sinne Jesu.

Matthäus hat beides im Blick: Auf der einen Seite meine Angewiesenheit darauf, dass mich einer sieht. Und dass ich mich darin nicht nur von ihm, sondern überhaupt gesehen fühle. Das ist die Gewissheit, dass ich zähle, dass ich einen Wert habe, dass ich angenommen bin, so wie ich bin.

Und zugleich ist da die Warnung: Warte nicht zu lange. Sonst ist die Ernte reif und Du hast sie verpasst. Du kannst die Welt nicht mehr mitgestalten, sondern bist ihr ausgeliefert.

Deshalb ruft Jesus die Jünger zusammen und gibt ihnen einen Auftrag: Sie sollen die unreinen Geister austreiben, und heilen. Sie sollen das fortsetzen, was er angefangen hat. Dabei geht es um nichts anderes, als das Reich Gottes zu predigen. Das Reich Gottes, dass sich gerade dadurch auszeichnet, dass Kranke geheilt werden, dass Wunder geschehen. Wunder sind hier nicht gemeint in dem Sinne, dass etwas Übernatürliches geschieht. Wunder sind keine Zauberei, keine Magie. Wunder sind eher etwas Ungewöhnliches, etwas Überraschendes. Erfahrungen, die so besonders sind, dass sie uns aus unserer gewohnten Einstellung herausreißen. Genau darin liegt ihre heilsame Wirkung.

In einem Seelsorgekurs für Studierende sagte eine Studentin bei der Auswertung: „Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass ich hier nicht bewertet werde.“ In einer Zeit, in der wir uns gegenseitig so viel wie noch nie über social media gegenseitig bewerten, also liken, kann schon allein diese Erfahrung eine Heilung, ein kleines Wunder sein. Denn es ist eine Wirklichkeitserfahrung, die der gängigen widerspricht.

Wenn Matthäus erzählt, wie Jesus lehrt und predigt und heilt, dann sind das für ihn die Ausdrucksformen der Wunder Jesu. Menschen erleben, dass sie angenommen werden, dass sie zählen.

Höre ich so diesen Text, dann höre ich ihn auch als Mitglied einer Kirche, die vor besonderen Herausforderungen steht. Vier davon möchte ich benennen:

1. Kirche ist immer noch bedeutsam. Ja, ich weiß, unsere Kirche verliert seit Jahren immer mehr Mitglieder. In der Kirche sein ist out. Wenn ich sage, ich bin Pfarrerin, erklärt mir mein Gegenüber, warum er ausgetreten ist. Aber vielleicht ist es ihm auch schon egal, weil er mit dem Begriff Kirche gar nichts mehr anfangen kann. Und ich habe das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muss dafür, dass ich immer noch dabei bin, dass ich sogar bei der Kirche arbeite.

Und ja, ich möchte dabeibleiben. Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen auch heute noch Wunder erleben, dass sie erleben, dass sie zählen, so verängstigt und einsam sich auch manche fühlen. Denn nur weil wir kleiner werden, werden wir noch lange nicht bedeutungsloser.

Gerade dort, wo wir als Christen außerhalb der Kirche tätig sein, im Krankenhaus, im Gefängnis, bei der Polizei, ja sogar im Europapark, gerade dort werden Christen als Seelsorgende, als Menschen mit einer anderen Wahrnehmung, anderen Werten, anderen Grundsätzen als segensreich wahrgenommen.

Der Gefangene weiß: Was ich dem Seelsorger erzähle, kommt in keine Personalakte. Und der Kranke weiß, dass er der Seelsorgerin erzählen kann, was der Chirurg nicht hören will: Die Angst vor dem Eingriff. Wir bleiben als Christen Unterbrecher*innen des immer weiter so. Darin liegt unsere besondere Bedeutung.

2. Kirche stellt eine Gegenwelt dar zu einem Denken in unserer Gesellschaft, das immer rechter wird. In unserem Predigttext heißt es: Geht nicht zu den Heiden, nicht zu den Samaritern, geht zu den verlorenen Schafen aus dem Haus Israel. Lange wurde darum gestritten, wie diese Passage zu deuten sei. Ja, es geht um das Volk Israel, aber nicht als Ethnie. Es geht nicht um die Abstammung, die Herkunft oder gar das gemeinsame Blut. Mit Volk sind all die, die da vor Jesus sitzen, so unterschiedlich sie auch sind. Es ist ein Volksbegriff, der dem der Bevölkerung entspricht: Das sind die Menschen, die hier leben, die jetzt Hilfe brauchen. Das ist ein anderer Volksbegriff als der, den rechtspopulistische Vertreter benutzen. Die neue Rechte propagiert eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Sie schließt Menschen aus, bedroht und schikaniert sie, weil sie einer bestimmten Gruppe zugeordnet werden, weil sie behindert, nonbinär, people of colour, Migranten oder was auch immer sind.

In der Rede Jesu gehören alle dazu: die Kranken, die Toten, die Aussätzigen, die von Dämonen geplagten. Es gibt keine Gruppe, die nicht dazugehören könnte.

3. Diese Kirche hat eine Botschaft, und diese Botschaft ist unkäuflich. Deshalb sollen die Jünger weder Gold noch Silber noch Kupfer in ihren Gürteln haben, auch keine Schuhe und keinen Stecken. Das heißt nicht, dass die Jünger und Jüngerinnen damals nichts hatten. Sie waren Wanderradikale, die wie Jesus nicht sesshaft und unterwegs waren. Aber zugleich gab es auch sesshaften Christen, bei denen diese Wanderradikalen einkehren konnten und versorgt wurden. Nur so funktionierte das System.

Das heißt, wir müssen uns fragen, was Matthäus mit der Beschreibung von radikaler Armut bezweckt. Ich denke, es ging ihm darum, zu sagen: Evangeliumsverkündigung ist kein Geschäft. Armut und Wehrlosigkeit gehören zur Verkündigung des Evangeliums dazu. Diese Haltung von Armut und Wehrlosigkeit, die Haltung, Schwäche zeigen zu dürfen, steht im Gegensatz zu einer Gesellschaft, in der es in manchen Kreisen wieder normal ist, ihre Interessen als Deal oder mit Gewalt oder Gewaltandrohung durchzusetzen.

4. Und noch ein letztes kommt hinzu: Wenn das Volk Jesus jammert, und er sich um die Menschen sorgt, dann nicht, damit er etwas davon zurückbekommt. Es geht ihm nicht um sich selbst, sondern um den anderen. Es geht eben nicht darum, dass ich meinem Nachbarn helfe, damit auch er mir in der Not helfen würde. Das wäre Berechnung, Kalkül. Jesus aber geht es um Menschenliebe, um den anderen. Rechte Kreise monieren, dass wir das Prinzip der Nächstenliebe zur Fernstenliebe ausgeweitet hätten. Die Neue Rechte begrenzt die Nächstenliebe auf den Nahbereich allein aus egoistischen Gründen.
Doch die Haltung Jesu ist eine andere: Es geht darum, dass jeder Mensch, auch der, den ich nicht kenne, der nicht zu meinem Nahbereich gehört, eine unverbrüchliche Würde und Menschenrechte hat.

Fasse ich all das zusammen, so komme ich zu dem Schluss: Die Aussendungsrede Jesu macht mir Mut, Teil einer Kirche im Wandel zu sein. Er traut mir, er traut uns viel zu. Immer und immer wieder. Gegen die Kälte, für mich, für dich, für unsere Welt. Amen.

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