Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 21. September 2025,
über 1. Mose (Genesis) 28,11-22 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Lesung vor der Predigt:

Lukas 17,11-19
11Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet zwischen Samarien und Galiläa zog. 12Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 14Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.

15Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Liebe Gemeinde!

Zehn Männer werden von Jesus geheilt – so erzählt es der Evangelist Lukas. Nur von einem hören wir, dass er kommt und Jesus dafür dankt. „Steh auf, dein Glaube hat dir geholfen“. Mit diesen Worten entlässt Jesus ihn in sein neues Leben.

Im ersten Buch Mose wird die Geschichte von Jakob erzählt.
An deren Anfang steht eine eigenartige Bemerkung: Als erstes wird Esau geboren. „Danach kam sein Bruder heraus. Mit seinem Händchen hielt er Esaus Ferse fest. Er wurde Jakob genannt.“ Was beinahe drollig wirkt, ist der Beginn einer teils heftigen Konkurrenz zwischen den beiden Zwillingsbrüdern.
Jakob wird Mamas Liebling, Esau steht als „Stammhalter“ beim Vater hoch im Kurs.
Eines Tages kommt Esau hungrig und müde von der Jagd nach Hause. Jakob hat ein Linsengericht gekocht, von dem möchte Esau etwas haben. Da erpresst Jakob von Esau das Versprechen, ihm dafür sein Erstgeburtsrecht zu überlassen. Was verspricht man nicht alles mit hungrigem Magen …
Als es dann darum geht, dass der alt und blind gewordene Vater vor seinem Tod dem Erstgeborenen seinen Segen geben soll, da gibt Jakob sich als Esau aus und erschleicht sich den Segen des Vaters.
Esau wird darüber so wütend, dass er beschließt: „Wenn der Vater nicht mehr lebt, bringe ich meinen Bruder um“. Notgedrungen macht Jakob sich aus dem Staub.

Von seiner ersten Nacht auf der Flucht erzählt der Abschnitt, der heute Predigttext ist:

1. Mose (Genesis) 28,10-22 (BasisBibel)
Jakob zog von Beerscheba nach Haran.
Unterwegs kam er an einen Ort,
an dem er übernachtete.
Denn die Sonne war schon untergegangen.
Er nahm einen von den Steinen dort
und legte ihn neben seinen Kopf.
Dann schlief er ein.

Im Traum sah er eine Leiter,
die von der Erde bis zum Himmel reichte.
Auf ihr stiegen Engel Gottes hinauf und herunter.
Plötzlich stand Gott vor ihm und sagte:
»Ich bin der Gott deines Vaters Abraham
und der Gott Isaaks.
Das Land, auf dem du liegst,
will ich dir und deinen Nachkommen geben.
Sie werden so zahlreich sein
wie der Staub auf der Erde.
Du wirst dich nach Westen und Osten,
nach Norden und Süden ausbreiten.
Durch dich und deine Nachkommen
sollen alle Völker der Erde gesegnet sein.
Siehe, ich bin bei dir und behüte dich überall,
wohin du auch gehst.
Ich bringe dich zurück in dieses Land.
Ich werde dich nicht verlassen,
bis ich vollbringe, was ich dir verheißen habe.«

Als Jakob aus dem Schlaf erwachte, sagte er:
»Der Herr ist an diesem Ort anwesend,
und ich wusste es nicht.«
Da fürchtete er sich und dachte:
»Vor diesem Ort muss man Ehrfurcht haben!
Hier ist gewiss ein Haus Gottes
und ein Tor zum Himmel.«

Am Morgen stand Jakob früh auf und nahm den Stein,
den er neben seinen Kopf gelegt hatte.
Er stellte ihn als Kultstein auf
und rieb seine Spitze mit Öl ein.
Jakob nannte den Ort Bet-El, das heißt: Haus Gottes.

Dann gab Jakob ein feierliches Versprechen:
»Gott stehe mir bei und behüte mich auf meiner Reise.
Er gebe mir Brot zum Essen und Kleidung zum Anziehen.
Wenn er das tut und ich wohlbehalten
zum Haus meines Vaters zurückkehre,
dann soll der Herr mein Gott sein.
Dann soll ein Gotteshaus an dem Ort entstehen,
wo ich den Kultstein aufgestellt habe.
Ich werde dir den zehnten Teil von allem geben,
was du mir schenkst.«

Jakob kommt an einen besonderen Ort und träumt dort von einer Leiter. Das ist aber keine Karriereleiter, auf der man es durch große Anstrengung, Einsatz von Ellenbogen und ggfs. Tricksereien und Betrug nach oben schafft; diese Leiter verbindet die Erde mit dem Himmel; die Erde, die für Jakob im Augenblick durch sein eigenes Zutun und seine eigene Gier zur Hölle geworden zu sein scheint. Diesem Jakob, der allein und schutzlos auf der Flucht ist, zeigt Gott sich als treuer Beistand. Jakob soll behütet bleiben auf seinem Weg. Sein Leben bekommt eine Perspektive und ein Ziel: Er wird in seine Heimat zurückkehren und viele Nachkommen haben. Jakob und seine Nachkommen sollen selbst zu Segensträgern für andere Völker werden.

Diesen Segen bekommt Jakob nicht wegen seiner Machtgelüste, seiner betrügerischen List und seiner Tricksereien, sondern trotz seiner Machtgelüste, seiner betrügerischen List und seiner Tricksereien. Gott bleibt sich selbst treu, indem er die Hand segnend und schützend über den hält, der es eigentlich nicht mehr verdient hätte. Gott lässt sich von Jakobs Betrug nicht dazu bringen, ihm die Treue zu entziehen.

Jakob bekommt diesen Segen an einem Ort und zu einem Zeitpunkt, an dem er überhaupt nicht damit gerechnet hat. Dieser Segen fällt ihm sozusagen im Traum zu. Er wird ihm geschenkt. Überrascht stellt Jakob fest: »Der Herr ist an diesem Ort anwesend, und ich wusste es nicht.«

Jakob erkennt, dass das ein besonderer Ort ist. Heute sprechen wir manchmal von Kraft-Orten – Orte, an denen häufig Menschen besondere religiöse Erfahrungen machen. Jakob richtet einen Kultstein auf und gibt dem Ort einen Namen: Bet-El, Haus Gottes.

Nachdem Jakob den Kultstein aufgerichtet hat, gibt er ein Versprechen ab: Er wird genau an dieser Stelle ein Gotteshaus, ein Heiligtum erbauen. Als diese Geschichte aufgeschrieben wurde, da gab es an diesem Ort wohl schon sehr lange ein Heiligtum. Mit der Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter wird dieses Heiligtum in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel hineinerzählt. Es bekommt seinen Platz in dieser Geschichte, wird sozusagen „eingemeindet“.
Die Geschichte dieses Heiligtums würde jetzt zu weit führen, ich will stattdessen etwas näher auf das Versprechen eingehen, das Jakob hier gibt – genauer gesagt auf die „Bedingung“, an die er sein Versprechen knüpft:
Gott stehe mir bei und behüte mich auf meiner Reise.
Er gebe mir Brot zum Essen und Kleidung zum Anziehen.
Wenn er das tut und ich wohlbehalten
zum Haus meines Vaters zurückkehre,
dann soll der Herr mein Gott sein.

Gott stellt sich ohne Wenn und Aber an Jakobs Seite. Siehe, ich bin bei dir und behüte dich überall, wohin du auch gehst. Ich bringe dich zurück in dieses Land. Ich werde dich nicht verlassen, bis ich vollbringe, was ich dir verheißen habe. Gott stellt an Jakob keine Bedingungen dafür; kein „Wenn Du meinen Willen befolgst, dann werde ich …“. Aber Jakob stellt eine Bedingung an Gott: „Wenn Du tust, was Du mir versprichst; wenn ich wohlbehalten und in Frieden zum Haus meines Vaters zurückkehre, aus dem ich jetzt in Streit und bedroht fliehen muss, dann soll der Herr mein Gott sein. Jakob knüpft seine Gottesbeziehung an die Frage, ob Gott ihn aus dem Unfrieden retten kann, den er selbst mit zu verantworten hat.

Gottes Perspektive geht dabei aber noch deutlich weiter als nur bis zum persönlichen Wohlergehen des Jakob: Durch dich und deine Nachkommen sollen alle Völker der Erde gesegnet sein. Gottes hat den Segen und das Wohl aller Völker im Sinn. Bei den Regierungsverantwortlichen in Israel ist zurzeit nicht zu erkennen, dass sie dafür einen Sinn hätten. Aber so wenig Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu rechtfertigen sind, so wenig sollten wir die Regierungsverantwortlichen mit dem Volk Israel gleichsetzen. Beten wir vielmehr dafür, dass der Wille der friedliebenden Menschen in Israel (und Palästina) sich bald durchsetzen kann.

Die Geschichte von Jakob kommt dann ja tatsächlich in der Versöhnung mit seinem Bruder Esau ans Ziel. Jakob kehrt verändert wieder nach Haues zurück. Behutsam und vorsichtig geht er an die Begegnung mit seinem Bruder heran. Noch weiß er nicht, wie Esau ihn empfangen wird. Aber Jakob ist dankbar für alles, was er an Behütung und Bewahrung in der Zwischenzeit erfahren hat; dankbar für die ihm geschenkte Familie und für den erworbenen Reichtum. Diesen Reichtum teilt er mit seinem Bruder. Demut hat er gelernt und Versöhnungsbereitschaft.

„Er kehrte um und preis Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht und dankte ihm“. Was Lukas von dem einen Geheilten erzählt, das könnte auch am Ende der Geschichte von Jakob stehen. Es ist die Geschichte einer Heimkehr, aber auch die Geschichte einer Umkehr. Die bedingungslose Treue Gottes hat ihn auf seinem Weg begleitet – schon dort, wo er Gott noch nicht recht trauen konnte. Die Begegnungen mit Gott haben ihn verändert – der Traum von der Himmelsleiter, der ihm eine Perspektive gegeben hat, der er doch noch nicht ganz trauen konnte; und der nächtliche Kampf am Jabbok, nach dem er zwar hinkt, aber bereit ist, sich seiner Verantwortung zu stellen. Siehe, ich bin bei dir und behüte dich überall, wohin du auch gehst.

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