Predigt am Karfreitag, 3. April 2026

über 2. Korinther 5,19-21 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

2. Korinther 5,19-21

19Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.


Liebe Gemeinde!

Karfreitag – die Sinnlosigkeit spüren
„Karfreitag – ein freier Tag, aus dem du nichts machen kannst“ sagt Jessica lachend. Sie ist nicht besonders vertraut mit kirchlichen Gepflogenheiten. Aber auf die Rückfrage, ob sie an diesem Tag vielleicht gerne tanzen gehen oder angrillen würde, antwortet sie entsetzt: „Nein! Natürlich nicht. Die Tage vor Ostern sind magisch. … Und selbst Karfreitag ist mir wichtig …: düster, ernüchternd – was gibt’s eigentlich zu feiern? Aber irgendwie auch wichtig … Für mich ist Karfreitag ein Tag, um zu verzichten und in mich zu gehen und die ganze Sinnlosigkeit wenigstens mal einen Moment lang zu spüren“.

Golgatha – ein sinnloser Tod
Golgatha – Was für ein sinnloser Tod. „Paranoide Institutionen wittern hinter diesem wie in jedem Wanderprediger eine Gefahr für die Ordnung im römischen Reich und für die religionspolitischen Eliten, die ihre Macht behalten wollen. Rückgratlose Provinz-Funktionäre wollen bloß nichts falsch machen – und tun deshalb zu wenig und zu viel, nur nicht das, was sie für richtig halten. Eine zwischen Frust und Langeweile hin- und hergeworfene Masse lebt ihre Vernichtungsphantasien am erstbesten Blitzableiter aus. Und so stirbt am Ende des Tages ein Mensch – kurz vor der Feiertagsruhe noch schnell ans Kreuz geschlagen. Nichts ist damit gewonnen, nichts wurde verhindert, schon gar nichts gerettet. Was für ein sinnloser Tod.
Für die Jüngerinnen und Jünger Jesu verschließt sich am Karfreitag der Himmel. Das Reich Gottes rückt in weite Ferne. Mit diesem Menschenleben verlischt der große Traum von der Zukunft“.
(Conrad Krannich in Göttinger Predigtmeditationen Jg. 80 Heft 2, S.215.217)

Der persönliche Karfreitag des Paulus
Paulus hatte seinen persönlichen Karfreitag. Der liegt schon rund zwanzig Jahre zurück, als er diesen Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt. An jenem Tag damals vor Damaskus ergab nichts mehr einen Sinn von dem, wofür er gekämpft hatte: Die Verfolgung der Christen, getrieben von religiösem Eifer in der Überzeugung, das Richtige zu tun. Da war sein Leben auseinandergebrochen. Er musste erkennen: „In meinem Eifer habe ich gegen die Liebe Gottes gekämpft. Ich habe mich über andere gestellt und ihnen ihr Lebensrecht abgesprochen. Damit habe ich mich gegen Gott gestellt. Mein Hass auf meine Feinde war auch Hass gegen Gott. Gott steht auf der Seite derer, die verfolgt und gequält und zu Tode gebracht werden.“

Für Paulus war das die Lebenswende. Er konnte nicht so weitermachen wie bisher. Er musste sich von dem Unrecht abwenden, das er begangen hatte. Ohne diese Lebenswende / ohne Umkehr hätte er die Versöhnung mit Gott mit Füßen getreten. Bei Paulus zeigt sich aber auch: Versöhnung mit Gott heißt nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“. In Korinth steht Paulus  Menschen gegenüber, die ganz andere Ziele verfolgen als er. Sie zweifeln sine Autorität an. Paulus ist verletzt und er ist mit seinem Latein am Ende. An der einen oder anderen Stelle ist neben der Kränkung auch zu spüren, dass er am Sinn seiner Mühen zweifelt: Was hat er erreicht? Was kann er noch erreichen in Korinth? Manchmal klingt in seinen Worten sogar Todessehnsucht an. Alles, was ihm bleibt, ist das Kreuz Jesu Christi. Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selberSo bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott. Paulus wendet sich mit dieser Bitte an seine Gegner in Korinth. Es klingt auch wie eine Bitte an sich selbst: Lass auch Du Dich mit Gott versöhnen.

Gott begibt sich in das Leid und in den sinnlosen Tod
Gott war in Christus – in diesem geschundenen Körper, in diesem unschuldig sterbenden Menschen war Gott – bis zuletzt. „Es ist vollbracht“. Kein Leid, kein Elend, keine Feindschaft der Welt, nicht einmal der Tod kann Gott davon abhalten, als Gott der Liebe bei den Menschen zu sein. Auch die Sinnlosigkeit des Leidens und Sterbens kann das nicht. Gott bleibt an der Seite der Menschen – gerade dann. Niemand hat mehr das Recht, irgend ein Leid als Beleg für eine Feindschaft Gottes auszugeben. So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.

Keine Versöhnung auf Kosten der Gerechtigkeit
Die Versöhnung mit Gott kehrt aber nicht einfach alle Feindschaft und alles Leid unter den Teppich. Die von Leid und Gewalt und Folter Betroffenen um Versöhnung zu bitten und die Schuldigen einfach davonkommen zu lassen – das wäre zynisch. Im Rahmen der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der Kirche wurde das als ein spezifisch kirchliches Problem benannt: Menschen wurden mundtot gemacht mit der Forderung, dass sie doch ihren Peinigern vergeben sollen, weil Vergebung und Versöhnung eine christliche Tugend sei. Solche Forderungen sind Schläge, die noch einmal die Nägel ins Kreuz treiben. Gott begibt sich in das Leid und in den Tod – nicht, damit Menschen sich mit Leid und Tod anfreunden, sondern damit sie Beistand und Hilfe bekommen – Gottes Beistand und Hilfe und auch den Beistand und die Hilfe von Menschen. Was Ihr einem von ihnen getan habt, das habt Ihr mir getan. Und was ihr einem von ihnen verweigert habt, das habt Ihr mir verweigert.

Inzwischen gibt es an vielen Stellen Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt. Ehrenamtlich Mitarbeitende müssen entsprechende Schulungen besuchen, unsere Ältesten außerdem ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Das ist gut und richtig so.

Daneben gibt es aber einen Bereich, der bisher völlig herausfällt, weil er nach der in Deutschland gültigen Rechtslage erlaubt ist: Prostitution gilt vor dem Gesetz seit 2002 als „normaler Beruf“. Damit sollte Frauen eine selbstbestimmte Tätigkeit frei von moralischer Verurteilung ermöglicht und der Zugang zur Sozialversicherung eröffnet werden. Aber die Realität sieht anders aus: Nicht die moralische Verurteilung ist das Problem, sondern die Prostitution selbst. Nur eine kleine Minderheit übt diese Tätigkeit freiwillig aus.
Vier Schlaglichter:

1) Von geschätzt 250.000 Prostituierten sind gerade einmal 30.000 angemeldet – weil das den Profit der Zuhälter und Bordellbetreiber schmälern würde. Die wenigsten sind krankenversichert, die körperlichen und psychischen Folgen aber sind massiv. Ein normaler Beruf?
2) Ein vom Ministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend Bundesregierung herausgegebener Beratungsleitfaden rät unter der Überschrift „Sicheres Arbeiten auf der Straße“ dazu, „keine langen Ketten oder Schals oder Tücher zu tragen“ (https://www.stiftung-gssg.org/wp-content/uploads/2021/04/BMFSFJ_Prostituiertenschutzgesetz_Leitfaden_komprimiert.pdf S.49f) – weil nämlich viele Freier dazu neigen, Frauen zu würgen. Ein normaler Beruf?
3) Liest man „Erfahrungsberichte“ von Freiern, kann einem schlecht werden: „Ich habe bezahlt, deshalb darf ich mit ihr machen, was ich will“ ist noch eine der harmloseren Formulierungen. Und keiner von ihnen möchte, dass die Ehefrau oder der Bekanntenkreis davon erfährt, dass sie Freier sind. Ein normaler Beruf?
4) West-Afrika ist weltweit die Region mit der geringsten Lebenserwartung – sie liegt für Frauen zwischen 59 und 60 Jahren (D 84). Bei Prostituierten beträgt sie weltweit 33. Ganz zu Recht werden Frauen, die den Ausstieg geschafft haben, als „Überlebende“ bezeichnet. Ein normaler Beruf?

Gott war in Christus, der mit 33 gekreuzigt wurde – auch er gewaltsam zu Tode gebracht von Männern, die ihren Hang zu Machtmissbrauch und Gewalt ausgelebt haben. Gott hat sich ins Leid und in den Tod begeben, um denen nahe zu sein, die unterdrückt, misshandelt und zu Tode gequält werden. Lasst euch versöhnen mit Gott heißt: Lasst euch damit versöhnen, dass Gott dorthin geht, wo es wehtut. Lasst euch damit versöhnen, dass Gott auch das Unrecht mitten in unserer Gesellschaft in den Blick rückt. Lasst euch damit versöhnen, dass Gott auf der Seite derer steht, denen Gewalt angetan und deren Stimme nicht gehört wird.

So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott – nicht mit Unrecht, nicht mit Machtmissbrauch, nicht mit Menschenverachtung, nicht mit Hass. Lasst euch versöhnen mit Gott – und setzt Euch dafür ein, dass Menschen in Liebe und Respekt miteinander umgehen und das Recht regiert. Setzt nicht darauf, dass Ihr anderen überlegen sein müsst.

Versöhnung scheint in unseren Tagen schwerer geworden zu sein, wo an vielen Orten dieser Welt Feindschaft und bewaffnete Konflikte an der Tagesordnung sind. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns als Christen auf diese Aufgabe besinnen, die uns gestellt ist. Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber. Da geht es nicht nur um fromme Gefühle im stillen Kämmerlein, die ganze Welt geht uns etwas an.  Wir sind Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Es gibt keine Garantie, dass wir damit Gehör finden. Das stimmt. Aber wenn ich mir eine Versöhnung mit Donald Trump nicht vorstellen kann, dann liegt das ja vielleicht nicht nur an ihm. Wenn wir von uns aus verstummen, dann haben wir Gottes Bitte um Versöhnung schon ausgeschlagen. Die Bitte um Versöhnung bleibt jedenfalls der einzige Weg zum Frieden.

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