Predigt am Ostersonntag, 5. April 2026
über 1. Korinther 15,20-28 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
1. Korinther 15,20-28
20Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
25Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1). 26Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.
Christus ist vom Tod auferweckt worden,
und zwar als Erster der Verstorbenen.
Wir müssen alle sterben.
Weil wir aber mit Christus verbunden sind,
werden wir alle lebendig gemacht.
Der letzte Feind, den er vernichten wird,
ist der Tod.
Liebe Gemeinde!
Ich mag die Ostererzählungen der Evangelisten; und doch bin ich Paulus dankbar für seine eher nüchternen Worte, mit denen er beschreibt, worum es an Ostern geht: Der letzte Feind, den er vernichten wird, ist der Tod. Paulus benennt den Tod als das, was er ist, nämlich der Feind.
Das klingt erst einmal nicht nach Fröhlichkeit und österlichem Jubel – und das ist auch ganz gut so. Das trägt dem Rechnung, was viele von uns empfinden, wenn die Schatten des Todes auf das Leben gefallen sind – wie bei den Frauen, die zum Grab kommen: Die Einsamkeit rückt mir zu Leibe. Die Tage werden lang. Die Abende und die Nachtstunden dehnen sich zur Ewigkeit. Mit jedem Tag wächst die bittere Erkenntnis, dass es nie mehr ein Zurück geben wird. Ohnmacht breitet sich aus, Wut wühlt die Seele auf, es regt sich Widerstand. Verzweifelte Fragen quälen das Herz: Warum wird mir das Liebste genommen? Welcher Sinn soll darin liegen? Da ist der Tod mein Feind, nichts anderes.
Genauso ist der Tod mein Feind, wenn mir die Diagnose einer tödlichen Krankheit mitgeteilt wird. Da richten sich alle Kräfte darauf, das Leben zu erhalten. Da gilt alle Aufmerksamkeit dem Kampf gegen den Tod.
Erst wenn die Schmerzen überhand nehmen und ich das Leiden nicht mehr mit ansehen kann, dann verliert der Gedanke an den Tod manchmal seinen Schrecken verlieren. Dann erscheint er vielleicht als Erlösung, weil ich mir nichts Schlimmeres mehr vorstellen kann als das, was ich vor Augen habe. Da wird momentweise der Tod zum Freund, zum Verbündeten gegen Qual und Plage.
Doch oft dauert es auch dann nicht lange, bis der Tod sich wieder als Feind zu erkennen gibt: Wenn ich anfange zu begreifen, was ich verloren habe, dann verdunkelt der Tod von Neuem mein Leben. Da wird mir wieder unverständlich, wie ich mit dem Tod paktieren konnte, wo er mich doch so beraubt hat. Eine Freundschaft mit dem Tod – so faszinierend sie in dieser oder jener Extremsituation sein mag – sie hat keinen Bestand. Der Tod ist und bleibt der Feind.
Die Bibel mutet niemandem zu, sich mit dem Tod anzufreunden. Sie erwartet nicht, dass wir uns gegen unser Empfinden mit dem Tod arrangieren. Schon deshalb finde ich diesen Satz des Apostels Paulus so tröstlich. Er nennt den Feind nicht Freund und nicht Normalität, sondern er nennt ihn Feind. Das gibt mir Halt, wenn der Boden unter meinen Füßen wankt.
Tröstlich ist aber auch, was noch in diesem Satz steckt: Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Der Tod wird vernichtet werden. Die Sterblichkeit als Kennzeichen des Menschen ist nicht das, was als letztes über uns gesagt wird. Tot ist am Ende allein der Tod. Er setzt unserem Dasein auf dieser Erde ein Ende – aber auch er ist endlich. Der Tod reißt Menschen aus diesem Leben, trennt Liebende voneinander – aber das wird er nicht auf ewig. Am Ende wird der Tod vernichtet und mit ihm all seine Handlanger, die sich als dunkle Schatten auf Menschenseelen legen – Traurigkeit und Verzweiflung, Leid und Schmerz.
Wie das dann sein wird, das übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Aber eines ist klar: Gott ist die Liebe – wie wäre es da anders vorstellbar, als dass wir die wiedersehen, mit denen wir in diesem Leben in Liebe verbunden waren und von denen uns der Tod getrennt hat? „See you again“ (Titel eines Liedes von Wiz Khalifa).
Der große Stein ist weggewälzt. Jesus Christus bürgt dafür, dass nichts und niemand uns von der Liebe Gottes trennen kann – nicht einmal der Tod. Das von Gott geschenkte Leben hat in Ewigkeit Bestand.
Die Zeit des Todes dagegen ist begrenzt. Jesus Christus eröffnet uns einen neuen Himmel und eine neue Erde, da wird es kein Leid und kein Geschrei und keinen Tod mehr geben – der geht seinem Ende entgegen. Der Tod wird vernichtet.
Dabei geht es nicht nur im ein Irgendwann-einmal. Das kann und darf und soll schon heute Konsequenzen haben für das persönliche Leben und das kann und darf und soll Konsequenzen haben für politische Entscheidungen.
Wer aufs Töten setzt im Namen der Gerechtigkeit oder im Namen irgendeines Volkes, der stellt sich auf die Seite des letzten Feindes, der vernichtet wird.
Wer von Staats wegen Minderheiten mit allen Mitteln unterdrückt; wer den Terror als Mittel für den Kampf um Anerkennung und Macht wählt; wer um eines höheren Zieles willen in den Krieg zieht und Menschen tötet, der macht sich zum Handlanger des Todes, dieses letzten Feindes Gottes.
Wer meint, er könne das Töten als Mittel (für einen guten Zweck) gebrauchen, der erliegt damit einem tragischen Irrtum: Kein Mensch kann sich des Todes bedienen; es ist immer der Tod, der sich des Menschen bedient. Stärker als der Tod ist allein Gottes Liebe.
Gott steht immer auf der Seite des Lebens – auch und gerade auf der Seite des bedrohten, geschundenen Lebens. Deshalb gibt es nach meiner Überzeugung aus biblischer Sicht kein Anfreunden mit dem Tod. Was es aber geben kann und geben darf und geben soll, ist eine Haltung vor dem Tod, die sich aus der Überzeugung speist: „Das Leben wird das letzte Wort behalten. Der Tod wird vernichtet werden, du aber wirst leben in Ewigkeit“.
Gott hat uns dieses endliche Leben geschenkt; deshalb muss ich nicht mit aller Macht und mit allen Mitteln der modernen medizinischen Technik das aufrecht erhalten, was zum Beispiel nach einer langen, schweren Krankheit noch von meinem Leben übrig sein mag. Wer darauf hofft, dass Gott zum ewigen Leben erweckt, der kann und darf und soll auch in Würde sterben dürfen.
Das ist kein Anfreunden mit dem Tod, sondern ein Anfreunden mit dem von Gott geschenkten Leben – dem ewigen Leben und dem endlichen Leben. Gott steht immer auf der Seite des Lebens – auch für den, dessen Leben auf dieser Erde an sein Ende kommt; für den der stirbt; für den, der gestorben ist. Wer stirbt, bleibt dennoch in Gottes Hand, denn Gottes Liebe ist stärker als der Tod.
Der Tod ist wohl endgültig – und zwar erschreckend und beängstigend und schmerzhaft endgültig. Er ist endgültig im Blick auf dieses Leben, das wir kennen; aber auch der Tod hat seine Grenze, sein Ende.
Vernichtet wird der Tod allerdings erst am Ende aller Tage. Bis dahin gilt es, ihn als das zu sehen, was er ist: Er ist der Feind. Niemand muss sich mit ihm anfreunden. Wer gegen den Tod rebelliert, hat Christus auf seiner Seite. Lasst uns alle Kräfte zusammennehmen, dem Tod zu wehren, wo immer es geht. Lasst uns unserem Herrn und Heiland Jesus Christus vertrauen. Er wird den Tod vernichten. Wir werden es erleben!
