Predigt am Sonntag Quasimodogeniti, 12. April 2026

über Jesaja 40,26-31 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Jesaja 40,26-31

26Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 28Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.


Liebe Gemeinde!

Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht mehr hochheben kann? Vielleicht kennen Sie diese Frage aus dem Werkzeugkoffer der Neunmalklugen. Manche sehen darin den schlagenden Beweis dafür, dass das mit Gott alles Unfug ist, er jedenfalls nicht allmächtig ist. Denn entweder ist er nicht in der Lage, einen solchen Stein zu erschaffen oder er kann ihn nicht mehr hochheben.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage mehr über die Beschränktheit der Möglichkeiten Gottes sagt oder eher über die Beschränktheit des Horizontes des Fragestellers. Richtig ist jedenfalls: Der Gott der Bibel ist nicht der Alles-Wisser und Alles-Könner, nach dem wir uns manchmal sehnen: Der alle Sorgen aus der Welt schafft und alle unsere Probleme so löst, wie wir uns das wünschen. Aber Gott ist die Quelle des Lebens. Gott schafft Neues und wirkt auf überraschende Weise.

Das Volk Israel hat das im Lauf der Geschichte immer wieder erfahren – bei der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, aber auch in jener großen Katastrophe des Volkes Israel, die normalerweise das Babylonische Exil genannt wird: Der Tempel in Jerusalem in Schutt und Asche, das Land von Fremden besetzt und regiert, der eigene Glaube nicht die „herrschende Religion“, die Führungselite in das gottlose Babylon verschleppt. Das hat an den Grundfesten des jüdischen Glaubens gerüttelt. Die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja antworten auf die Fragen und Zweifel aus der Zeit dieser Katastrophe: Mein Recht geht an meinem Gott vorüber. Wörtlich übersetzt heißt das: Mein Recht geht meinem Gott am Rücken vorbei – Gott interessiert sich nicht für mein Unrecht. Es ist ihm egal. Die deutsche Redewendung meint dasselbe, sie ist nur nicht kanzelfähig.
Jesaja hält dagegen: Die Vernichtung des Tempels erschüttert zwar die seit Generationen vertrauten Glaubensüberzeugungen, aber sie ist nicht das Ende Gottes. Der ewige Gott hat die Enden der Erde geschaffen. Auch das gottferne Babylon ist sein Hoheitsgebiet. Überall und zu aller Zeit ist Gott die Quelle des Lebens. Unermüdlich bleibt Gott in seiner Barmherzigkeit und Menschenliebe. Gott wird seinem Volk auch in dieser Zeit der Katastrophe beistehen und es immer wieder, ihm immer wieder neue Kraft verleihen.

Die beiden Verse am Ende des Predigttextes gelten über die damalige Situation hinaus auch heute noch als Versprechen Gottes – allerdings sind sie erklärungsbedürftig: Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Ersetzt Gottvertrauen den Gang in die Muckibude? Ist der Glaube ein Wundermittel zur Steigerung der Fitness? Halten die Fußballer, die sich vor dem Spiel bekreuzigen, länger durch, sodass sie problemlos auch noch die Verlängerung überstehen und topfit beim Elfmeterschießen antreten? Wohl kaum. Aber was ist gemeint mit dieser Gegenüberstellung der ermattenden Jünglinge und der strauchelnden Männer auf der einen Seite und der den auf Gott Harrenden auf der anderen?

Vor kurzem mussten wir einen jungen Mann beerdigen. Da waren 150 bis 200 Menschen auf dem Friedhof, darunter auffallend viele junge Männer zwischen Mitte 30 und Mitte 40 – Freunde und Kollegen des Verstorbenen. Ich hatte (warum auch immer) den Eindruck: Das sind junge Männer in der Kraft ihres Lebens, die in der Regel „ihren Mann stehen“, wie es so schön heißt; die Verantwortung tragen und ihren Beitrag dazu leisten, dass das Leben in unserer Gesellschaft funktioniert. Beim Blick in ihre Gesichter war deutlich erkennbar: Der Tod eines Gleichaltrigen bringt das Fundament des eigenen Lebens zum Erbeben. Die Kraft und Stärke, die so selbstverständlich zum Selbstbild gehört – sie sind zerbrechlich. Das kann einen ins Straucheln bringen, wenn die eigene Identität Risse bekommt: Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit, Energie – all das kann von einem auf den anderen Augenblick vorbei sein. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen.

Für mich war der Blick in die Gesichter dieser jungen Männer wie ein Schlüssel zum Verständnis dieser Verse: Die eigene Stärke ist endlich. Selbst Ausdauersportler und Leistungsträgerinnen haben begrenzte Kraftreserven (Jesaja spricht hier nur von Männern, aber das ist unabhängig vom Geschlecht – auch wenn dieses Selbstbild, mit der eigenen Stärke alles meistern zu müssen, bei Männern noch weiter verbreitet sein mag als bei Frauen). Irgendwann wird jede und jeder müde und matt. Wer erschöpft ist und sich das nicht eingestehen kann, der überfordert sich und brennt aus. Es gibt Dinge und Situationen im Leben, da reicht die eigene Kraft nicht. Wer da trotzdem allein auf die eigene Stärke baut, der riskiert den Zusammenbruch. Junge starke Männer (und Frauen und alle dazwischen und jenseits davon) straucheln und fallen.
Besser dran ist, wer sich die Grenzen der eigenen Kraft eingestehen kann. Heute ist viel von „Resilienz“ die Rede – von der Fähigkeit, sich von Belastungen zu erholen oder auf Herausforderungen und Veränderungen zu reagieren. Das Wort Resilienz kommt von dem lateinischen Wort resilire – zurückspringen, abprallen, nicht anhaften: So wie an Ball, der an eine Wand geworfen wird; er bleibt nicht an der Wand haften (jedenfalls in der Regel nicht). Er wird im Moment des Aufpralls zusammengedrückt und springt dann wieder zurück. Er verändert in dem Moment seine Form und prallt mit der dabei umgewandelten Energie von der Wand ab.
Resilienz ist die Fähigkeit, sich beeindrucken und verändern zu lassen; nicht am eigenen Selbstbild kleben; nicht den starken Mann markieren, wenn ich mit meiner Kraft am Ende bin, sondern auf den Herrn harren, wie Jesaja das beschreibt: Darauf hoffen und darauf vertrauen, dass Gott neues Leben schenkt. „Neugierig sein und bleiben“ – das wäre vielleicht eine gute Umschreibung für dieses alte Wort auf den Herrn harren: Offen und sehnsüchtig dem entgegengehen, was Gott an neuem Leben werden lässt.
Wer nur mit der eigenen Kraft und Stärke rechnet und sich nur darauf verlässt, wird früher oder später straucheln und fallen. Wer aber um die Grenzen der eigenen Kraft und Stärke weiß, wird offen für die neu erwachsende Kraft. Nur leere Hände können gefüllt werden. Wer die eigene Schwachheit zugeben kann, wird dadurch aufnahmefähig für neue Kraft.

Der jüdische Glaube hat sich über der Katastrophe des Babylonischen Exils weiterentwickelt – hin zum Glauben an den Gott, der immer zum Leben erweckt; ein Gott, der als Lebensstifter allmächtig ist. Gott behält diese Lebenskraft nicht für sich, sondern gibt den Menschen daran teil – gerade denen, die mit der eigenen Kraft am Ende sind. Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

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