Predigt am Sonntag Misericordias Domini, 19. April 2026
über 1. Petrus 2,21b-25 (in Auswahl)
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
20 Wenn ihr Gutes tut und deswegen Leiden ertragt, dann ist das eine Gnade von Gott.
21Dazu hat er euch nämlich berufen,
denn auch Christus hat für euch gelitten.
Christus hat euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Er hat keine Sünden begangen
und keine Lüge kam aus seinem Mund.
23Er wurde beschimpft,
aber er gab es nicht zurück.
Er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung.
Vielmehr übergab er seine Sache
dem gerechten Richter.
24Christus selbst hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz.
Dadurch sind wir für die Sünde tot
und können für die Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden.
25Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten.
Aber jetzt seid ihr zurückgekehrt zu eurem Hirten, der euch beschützt.
Liebe Gemeinde!
„Der Herr ist mein Hirte“ – das ist vermutlich einer der bekanntesten Psalmen. Der Hirte als Bild für Gott – das stammt aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt und erschließt doch auch heute noch, wie Gott zu den Menschen steht.
Jesus Christus hat gesagt: „Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“. Er verbindet zwei Bilder miteinander, die sich eigentlich ausschließen: Der gute Hirte sorgt ja eigentlich für die Schafe; aber er lässt sein Leben – wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.
Der Predigttext für diesen Sonntag bringt das Leiden des guten Hirten Jesus Christus in Verbindung mit dem Leid, das die Christen jener Zeit zu erdulden hatten: Sie wurden verspottet, schikaniert und verfolgt, weil sie diesen Glauben angenommen hatte.
Belächelt werden dafür, dass ich in die Kirche gehe – das kann es heute hier in Deutschland wohl auch geben. „Was, ihr wollt kirchlich heiraten – wieso das denn?“ „Du gehst in den Gottesdienst am Sonntagmorgen? Das ist doch total altmodisch!“. Solche Kommentare sind kränkend, ja; aber das lässt sich nicht wirklich mit dem vergleichen, was der Schreiber des 1. Petrusbriefes vor Augen hat. Und doch lässt sich manches davon auf heute übertragen. Ich greife einige Verse aus diesem Abschnitt auf.
1) Der Hirte leidet, damit die Schafe es gut haben
Da steht zum Beispiel: Christus selbst hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz. Die Sünden – ich umschreibe das einmal mit „alles, was zwischen uns und Gott steht“ – also alles, was uns das Gottvertrauen schwer macht: Weil ich keine Augen habe für das Gute und für die Barmherzigkeit, die ich erfahre, sondern nur das sehe, was mir fehlt; oder weil meine Seele alles andere als erquickt ist.
Dazu gehört auch alles, was uns davon abhält, so zu leben, wie Gott sich das aus Liebe zu den Menschen gedacht hat: Manchmal stehen wir uns dabei selbst im Weg. Oder wir stehen uns gegenseitig im Weg.
Jesus hat mit seinem ganzen Leben gezeigt: Gott will nicht, dass Menschen sich selbst oder einander im Weg stehen. Gott will Frieden zwischen sich und den Menschen und Frieden unter den Menschen. Jesus wusste sehr genau, dass wir nicht einfach beiseite schieben können, was da im Weg steht. Deshalb hat er es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Er hat mit seinem Leben und mit seinem Sterben gezeigt: „Die Tür zu Gott steht weit offen. Du bist Gottes geliebtes Kind – alle Menschen sind Gottes geliebte Kinder. Vertrau darauf, dass Dein Leben mit Gottes Hilfe gelingen kann“. Christus selbst hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz. Jesus Christus ist der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
2) Der gute Hirte ist Vorbild:
Die Schafe sollen sich auf das besinnen, was der gute Hirte für sie getan hat – und sie sollen sich ein Beispiel an diesem guten Hirten nehmen: Christus hat euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Das sprengt das Bild vom Hirten und der Schafherde: Ein Schaf auf der Wiese bleibt Schaf. Es läuft dorthin, wohin es vom Hirten oder vom Hirtenhund gescheucht wird. Es bleibt unselbständig. Das ist bei uns anders: Wir tragen selbst Verantwortung für unser Leben. Und wir tragen Verantwortung dafür, wie es den Menschen geht, mit denen wir zu tun haben oder die das ausbaden müssen, was wir tun und wie wir leben. Deshalb sollen wir uns ein Beispiel an unserem guten Hirten nehmen. Drei Dinge will ich aufgreifen:
3) Der gute Hirte sorgt für die Herde
I.) Der gute Hirte Jesus Christus trägt die Last der Herde hinauf an das Holz. Er „lässt sein Leben für die Schafe“. Er orientiert sich an dem, was für andere / was für die Schafe gut ist. Wir sollen seinen Spuren folgen.
Als John F. Kennedy 1961 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, hat er in seiner Antrittsrede gesagt: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Das ist ein ähnlicher Gedanke. Vielleicht standen Menschen schon immer in der Gefahr, nur danach zu fragen, was ihnen selbst nützt: Was habe ich davon, dass ich durch Durlach laufe und Kippen einsammle? Was habe ich davon, dass ich mich ehrenamtlich engagiere? Was habe ich davon, dass ich Kirchensteuer zahle?
„Fragt nicht, was Eure Herde für Euch tun kann, sondern fragt, was Ihr für Eure Herde tun könnt“. Wenn jede und jeder nur an sich selbst denkt, ist eben nicht an alle gedacht und nicht an das, was für andere gut ist.
Die Kirche steht vor großen Veränderungen und Herausforderungen. Eine der größten finde ich dabei, dass wir uns verabschieden von der Frage „Wie bekommen wir mehr Menschen in die Kirche?“ hin zu der Frage „Was brauchen die Menschen, für die das, was mir lieb und teuer ist, nicht diesen Stellenwert hat? die sich davon nicht angesprochen fühlen? Welche Konsequenzen ziehen wir daraus, dass zu besonderen Gottesdiensten wie an Heiligabend, in die Osternacht oder zum Tauferinnerungsgottesdienst am Ostermontag viele Menschen kommen, bei den Passionsandachten oder am Buß- und Bettag dagegen nur wenige? Wenn sich die Schafe von heute dort nicht mehr zum frischen Wasser geführt sehen und dort keine grüne Aue finden, dann muss sich die Herde vielleicht mutiger ans Weiterziehen wagen, anstatt den Rasensprenger auf eine abgegraste Steppe zu stellen – so sehr auch mir diese Weideplätze ans Herz gewachsen sind.
4) Der gute Hirte deeskaliert
II.) Christus … wurde beschimpft, aber er gab es nicht zurück. Er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung. Jesus ist den Weg der Liebe und der Friedfertigkeit bis zum Ende gegangen und hat dadurch einen Neuanfang ermöglicht. Damals sprach man wohl noch nicht von Deeskalation, aber im Grund trifft es das: Den Kreislauf der Beschimpfung und der Drohung und der Gewalt durchbrechen. Ich kann nicht beurteilen, ob das eine gute oder eine schlechte Außenpolitik ist; aber wer sich auf Jesus Christus beruft, wird keine anderen Maßstäbe als diese finden. Christus hat euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt: Keine Lügen, keine Hasstiraden, keine Beschimpfungen, keine Vergeltung, keine Begrenzung der Nächstenliebe auf die eigene Kuschelgruppe oder die eigene Nationalität.
5) Leid ist ein Zeichen der Verbundenheit mit Christus
III.) Wenn ihr Gutes tut und deswegen Leiden ertragt, dann ist das eine Gnade von Gott. Euer Leid bestätigt, dass Ihr in der Nachfolge Christi steht, der für Euch gelitten hat. Der Schreiber des 1. Petrusbriefes will Christen in einer Zeit der Verfolgung trösten und stärken. Das lässt sich schnell missverstehen und missbrauchen als Aufforderung zum Duckmäusertum. Er lässt sich aber auch anders deuten: Das Richtige zu tun sorgt nicht automatisch für Zustimmung und Jubel. Auf der richtigen Seite zu stehen heißt nicht, leichter und einfacher durchs Leben zu kommen. Es kann sogar das Gegenteil der Fall sein. Deshalb ist es eine Gnade, wenn Menschen Leid in Kauf nehmen, um das Richtige zu tun.
Suche nicht den Weg des geringsten Widerstandes, sondern folge dem Beispiel des guten Hirten – auch wenn Du dafür Gegenwind bekommst – so wie Papst Leo. JD Vance hat ihm ja geraten, sich auf moralische Fragen zu beschränken und die amerikanische Politik dem Präsidenten zu überlassen. (Mit dieser Entgegensetzung sagt er ja, dass die amerikanische Politik sich nicht um moralische Fragen kümmert). Manchmal ist das Tal finster, durch das wir wandern.
„Selig sind die, die verfolgt werden, weil sie für Gottes Gerechtigkeit eintreten. Denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen, verfolgen und verleumden, weil ihr zu mir gehört“ (Mt 5,10.11). Jesus hat Leiden und Tod in Kauf genommen, weil er für die Herde das Beste wollte. Wer seinem Beispiel folgt; wer für das Gute eintritt und dafür sogar Leiden in Kauf nimmt, der ist ihm damit nah.
