Predigt am Sonntag Rogate, 10. Mai 2026

über Matthäus 6,5-15
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Matthäus 6,5-15

5Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

7Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
10Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
11Unser tägliches Brot gib uns heute.
12Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.


Liebe Gemeinde!
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Manchmal stocke ich bei dieser Bitte im Vaterunser. Vergebung ist nicht so selbstverständlich wie es in dieser Bitte erscheint. Wie ist das für jemand, dem schweres Leid zugefügt wurde? Lassen Sie uns dazu (wie in der Passionsandacht am Mittwoch in der Karwoche) einen Blick  auf die Kreuzigungsszene werfen (Lk 23,39-42), in der Jesus von einem der beiden Verbrecher an seiner Seite verspottet wird: „Bist du nicht der Christus? Dann rette doch dich und uns!“ (der Entwurf dazu stammt von Ulrike Otto und ist der Arbeitshilfe „Menschen zwischen Schuld und Vergebung. Andachten zu Szenen der Passionsgeschichte 2026“ des Gottesdienst-Instituts Nürnberg entnommen)

Ich stelle mir eine Frau vor, der Gewalt angetan wurde von einem der Männer, die mit Jesus gekreuzigt werden. Die Verletzungen an ihrem Körper sind weitgehend verheilt, aber die Verletzungen an ihrer Seele wird sie wohl ihr Leben lang mit sich tragen. Wut und Zorn brennen in ihr, für Vergebung ist da kein Platz. „Das geschieht dir recht“ denkt sie. „Jetzt bekommst Du, was Du verdient hast. Ich muss weiterleben mit, was Du mir angetan hast“.

Auf einmal reißt eine höhnische Stimme sie aus ihren Gedanken. Sie war so auf ihren Peiniger fixiert, dass sie den anderen Verbrecher gar nicht wahrgenommen hatte. Voller Spott ruft der Jesus gerade zu: „Bist du nicht der Christus? Dann rette doch dich und uns!“
Aber noch bevor Jesus ihm antworten kann, hört sie ihren Peiniger sagen: Fürchtest du noch nicht einmal Gott? Dich hat doch dieselbe Strafe getroffen wie ihn! Wir werden zu Recht bestraft und bekommen, was wir verdient haben. Aber er hat nichts Unrechtes getan!“

Sie traut ihren Ohren kaum. Zum ersten Mal ist da Reue zu spüren. Die ganze Zeit hat er seine Schuld geleugnet; hat versucht sich rauszureden und fadenscheinige Entschuldigungen vorgebracht. Dass er seine Schuld eingesteht und endlich Verantwortung übernimmt für das, was er getan hat – damit hat sie nicht gerechnet.

Die Frau richtet sich auf und hebt den Kopf. Sie spürt zum ersten Mal seit Langem so etwas wie Zukunftskraft. Aber die nächsten Worte des Verbrechers machen die sofort wieder zunichte: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Gerade eben gesteht er noch seine Schuld ein, und schon bittet er um Vergebung. „Nein, das hat er nicht verdient“, denkt sie. „Vergebung ist unmöglich. Das wird Jesus ihm hoffentlich klar machen.“

Doch die Antwort von Jesus trifft sie hart: „Wahrlich, das sage ich dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“ Sie ist fassungslos und ringt mit diesem Satz. „Wie kann ein Verbrecher ins Paradies kommen? Ist seine Schuld plötzlich bedeutungslos? Ein bisschen Reue zeigen, und Gott wischt alles weg? Was ist mit meinem Schmerz, mit dem ich weiterleben muss? Wo bleibt da die Gerechtigkeit?“
Sie fühlt sich von Gott im Stich gelassen. Schmerz, Hass, Hadern und Rachewünsche kehren zurück, ziehen sie wieder in die Vergangenheit. „Nein, ich will das nicht mehr“, flüstert sie. Sie sehnt sich nach der Zukunftskraft, die sie eben noch gespürt hat.

Die Frau steht da, sie betet und schaut dabei Jesus an. Sie sieht seinen Schmerz und seine Qual, sieht wie er stirbt. Und sie spürt Mitgefühl. Ihr Mitgefühl für sein Leid und sein Mitgefühl für ihr Leid.

„Du wirst also das Paradies wieder aufschließen?“ denkt sie. Sie sieht den Paradiesgarten vor sich. Große Bäume, die Schatten spenden. Sie kann den Duft der Blüten riechen und auch die reifen Früchte. Wege ziehen sich durch den Garten und laden zum Spazieren ein. Vögel zwitschern, Libellen und Schmetterlinge tanzen im Sonnenlicht. In der Mitte steht der große Baum des Lebens. Alles ist durchdrungen von Gottes Liebe und Gottes Gegenwart. Sie sieht auch die hohe Mauer, die den Garten einfriedet und das Tor. Die Kerubim stehen nicht mehr davor. Kein Flammenschwert verwehrt mehr den Zutritt. Das Tor der Gerechtigkeit steht offen und die Lebensversehrten treten ein.

Viele habe ganz schön zu schleppen an ihrer Schuld, ihren Scherben, an ihren Verletzungen, an all dem Unerlösten. Was dann in diesem Tor der Gerechtigkeit geschieht, kann sie nur ahnen. Wohl so eine Art Gericht, das heil macht. Gott schaut zusammen mit den Menschen auf ihr Leben – auf das Gelungenen und Glänzende, auf die Brüchen und das Zerbrochene. Nichts wird ausgespart, alles wird betrachtet und ausgehalten. Da geschieht und verändert sich etwas. Die, die durch das Tor in den Garten treten, sind verwandelt. Alles ist noch da und doch in ein neues Licht getaucht. Ihr Blick wandert hinauf in den Himmel – weit und tiefblau. All die Farben des Lebens steigen bunt in den Himmel auf. Ist das wirklich möglich?

Als Jesus seinen letzten Atemzug tut, begleitet ihn ihre inständige Bitte: „Ja, schließ es wieder auf das Paradies – für ihn und für mich und für alle Menschen“. Dann geht sie in der Gewissheit, dass Zukunft möglich ist, auch für sie.

Liebe Gemeinde
Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein! ‘ Das ist nicht unser Tempo. Vergeben ist keine Schnellreparatur. Es kostet Kraft, Zeit und oft viele Rückschritte. Gefühle überschlagen sich, Erinnerungen erschüttern einen immer wieder.  Verletzungen klammern sich an die Seele und halten sie gefangen. Zunächst geht es gar nicht um Vergebung, sondern darum, die eigene schmerzhafte Geschichte anzunehmen und mit ihr weiterzuleben. Erst daraus kann Freiheit wachsen – die Freiheit zu vergeben oder auch nicht.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das kann auch als Druckmittel missbraucht werden – wenn Überlebenden von Gewalt und Missbrauch aufgefordert werden, sie sollen doch den Tätern vergeben, weil das in der Kirche zum guten Ton gehört – und die Täter kommen womöglich ungeschoren davon. Doch wirkliche Vergebung kann nur freiwillig sein. Vergeben kann nur, wer nicht vergeben muss. Es muss ok sein, den Übeltätern ihre Taten übel zu nehmen.

Die Klage- und Rachepsalmen in der Bibel wirken für nächstenliebend-christlich Sozialisierte irritierend unversöhnlich. Aber sie stellen Worte zur Verfügung für erlittene Kränkungen und für die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Zum Beispiel Psalm 69 (V.2.4a.20.25): „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Du kennst meine Schmach, meine Schande und Scham; meine Widersacher sind dir alle vor Augen. Gieß deine Ungnade über sie aus, und dein grimmiger Zorn ergreife sie“.

Vielleicht darf und muss es ausreichen, die Vergebung Gott zu überlassen. Und dabei darauf zu vertrauen, dass Gott den Schmerz und die Last der Betroffenen sieht. Dass Gott die Sehnsucht nach Ausgleich anerkennt und Gerechtigkeit herstellen wird.

Wir sind nicht der Maßstab für Gottes Vergebung – Gott sei Dank! Vielleicht sollte es eher heißen: Vergib uns unsere Schuld und lass auch uns unseren Schuldigern vergeben. Die Vergebung Gottes soll Folgen haben für unser Miteinander – nicht ohne Grund ist das Vaterunser ein „Wir-Gebet“. Gottes Wille soll maßgeblich sein – wie im Himmel so auf Erden. Wenn wir uns an Gottes Vergebung orientieren, dann kann das neue Lebensräume eröffnen – für Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, aber auch für diejenigen, die ihren Schuldigern vergeben. Denn: „Am Ärger festhalten ist wie Gift trinken und hoffen, dass die andere Person dadurch stirbt.“

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