Predigt am Pfingstsonntag, 24. Mai 2026

über Apostelgeschichte 2
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Liebe Gemeinde!

Die Erzählung vom Pfingstwunder ist so etwas wie die Geburtsgeschichte der Kirche. Dabei ist es gar nicht entscheidend, ob das, was hier erzählt wird, einmal so passiert ist – das ist ja bei vielen biblischen Texten so. Es kommt vielmehr darauf an, was hier über die Kirche gesagt wird: Was ist das für eine Versammlung? Was zeichnet diese Gemeinschaft aus? Drei Dinge will ich aufgreifen.

1) „alle an einem Ort beieinander“ – Ökumenische Gemeinschaft
Der Abschnitt beginnt mit den Worten: Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Jüdische Pilger strömen 50 Tage nach dem Passahfest zum „Wochenfest“ nach Jerusalem (vorgestern und gestern haben Jüdinnen und Juden dieses Fest gefeiert). Sie danken Gott für die Gersten- und Weizenernte und sie erinnern sich an die Gabe der 10 Gebote damals auf dem Berg Sinai.

Daran knüpft die Apostelgeschichte an. 50 Tage nach Ostern gießt Gott seinen Geist aus über denen, die da an einem Ort beieinander. sind. Das ist das erste Merkmal der Kirche: Die Kraft des Heiligen Geistes verbindet Menschen miteinander. Da kocht nicht jeder sein eigenes Süppchen, sondern sie tun sich zusammen. Als wir im Ältestenkreis gesammelt haben, was uns an der und für die Gemeinde am wichtigsten ist, da fiel als erstes das Stichwort „Gemeinschaft“. Entsprechend heißt der erste von neun Leitsätzen (» Gemeindeleben » dabei sein » Leitsätze des Ältestenkreises 2026), die wir in der letzten Sitzung beschlossen haben: „Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen Gemeinschaft erleben und sich mit ihren Begabungen einbringen können.“

Auch in Jerusalem damals hat es schon unterschiedliche Ansichten und Überzeugungen gegeben. Auch damals gab es schon das, was wir heute unterschiedliche „Frömmigkeitsstile“ nennen. Und doch waren sie an einem Ort beieinander. Ökumene – nicht konfessionelle Spaltung. Die Gemeinschaft steht an erster Stelle – nicht die Suche nach dem eigenen Profil.
Da werden nicht alle von allem begeistert gewesen sein, was die anderen gesagt und gedacht und wie sie gelebt haben (die Geschichte der Apostelversammlung mit der Auseinandersetzung zwischen Petrus und Paulus belegt das ja ganz deutlich); aber sie waren dennoch in der Lage, an einem Ort beieinander zu sein.

Das muss kein Märchen aus längst vergangener Zeit bleiben. Das lässt sich auch heute erleben. Oder besser gesagt: Morgen. Ich lad’ Sie ganz herzlich ein zum ökumenischen Gottesdienst im Schlossgarten. Das ist nicht nur ein wunderschönes Plätzchen dort oben. Das ist ein durch und durch pfingstlerischer Gottesdienst, wenn wir als Christen verschiedener Konfessionen an einem Ort beieinander sind und miteinander singen und beten und auf Gottes Wort hören. Dass wir uns von Grenzen nicht trennen lassen, sondern ihnen zum Trotz zusammenkommen – das ist das erste Merkmal.

2) „aus allen Völkern“ – vielsprachig und offen
Beim zweiten Merkmal geht es darum, wie diese Gemeinschaft zusammengesetzt ist: Gottesfürchtige Männer und Frauen aus allen Völkern unter dem Himmel. 15 verschiedene Herkunftsländer aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen werden genannt. Wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. Wenn das mal nicht Multikulti ist!?
Sie sprechen eigentlich unterschiedliche Sprachen und können sich doch verständigen. Das ist die Umkehrung der babylonischen Sprachverwirrung: Auch damals wollten sich die Menschen in ihrem Größenwahn schon selbst unsterblich machen. Weil es noch keine digitalen Avatare gab, mit denen sich Menschen virtuell unsterblich machen können, wollten sie sich ein Denkmal setzen mit dem Turm, der bis zum Himmel reicht. Dieser Größenwahn hat damals zum Abbruch der Kommunikation geführt – und wenn Menschen sich an digitale Avatare gewöhnen, die ihnen nicht widersprechen, dann werden sie auch verlernen, sich mit anderen zu verständigen.

Der Geist Gottes schenkt das Verstehen. Er bringt die Menschen miteinander ins Gespräch über den Glauben. Sprachbarrieren verlieren ihre trennende Macht. Da passiert mehr als in einem Sprachkurs (wie beim Dialog-Projekt der ARD „Was Deutschland verbindet“). Verständigung wird möglich zwischen Menschen, die sich von Haus aus nicht verstehen können: Russen und Ukrainer, Iraner, Palästinenser und Israelis, Serben und Kroaten, Badener und Schwaben.

Der Geist Gottes sorgt dafür, dass das gut geht. Er sorgt für Verständigung. Ein jeder hört, was Gott ihm zu sagen hat. Keiner lehnt den anderen ab, nur weil der in einer anderen Sprache spricht. Keiner wird weggeschickt. Die Vielfalt der Sprachen, die Internationalität ist geradezu ein Markenzeichen der Kirche. Der kleine Kreis der galiläischen Anhängerschaft Jesu tritt heraus aus der eigenen Blase und öffnet sich weltweit. Kein ängstlich-engstirniges „warum mussten die denn alle zu uns kommen“ bestimmt das Miteinander, sondern das begeistert-dankbare Staunen über die großen Taten Gottes.

3) berauscht – voller Lebenshoffnung
Nun mag manch einer bei sich denken: „Das ist doch nur ein frommer Wunsch“ oder „Der hat sie ja nicht mehr alle“ oder „Der hat wohl einen im Tee“. Auch damals in Jerusalem sagten die Spötter: Sie sind voll des süßen Weines. Damit liegen sie falsch.
Wobei mich die erste Begründung des Petrus nicht so ganz überzeugt: Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde. Es gibt ja leider Gottes doch Menschen, die auch am Morgen schon betrunken sind.
Stichhaltiger ist sein Verweis auf den Propheten Joel. Der hatte doch schon die Hoffnung, dass Gott am Ende der Zeit seinen Geist ausgießen wird. Dann werden sie die großen Taten Gottes verkünden.
Wer die Hoffnung darauf teilt, dass Gott Menschen unterschiedlicher Sprache und unterschiedlichen Glaubens an einem Ort zusammenbringen und für ihre Verständigung sorgen kann, der mag auf andere so wirken, als ob er nicht ganz bei klarem Verstand ist. Aber dann liegt der Mangel nicht bei diesem Menschen, sondern der Mangel liegt bei dem, was wir als „klaren Verstand“ bezeichnen. Am Leben festzuhalten, wo der Tod seine Schatten wirft; sich dem Tod entgegen zu stemmen und für das Leben einzutreten – das mag „unvernünftig“ sein nach den Maßstäben von Wissenschaft und Wirtschaft. Aber nach dem Maßstab Gottes ist es die einzig richtige Lebenseinstellung. Jesus von Nazaret wurde von Menschen zum Tod verurteilt und zu Tode gebracht; aber er ist von Gott zum Leben auferweckt worden. Er hat die Schmerzen des Todes aufgelöst. Jesus konnte vom Tod nicht festgehalten werden. Gott war und ist stärker! Gott kann Leben schenken, wo wir nur Tod sehen können. Gott kann sogar auf dem Weg in den Tod Leben schenken.

Gott gießt den Geist aus unter die Menschenkinder – nicht nur damals, sondern hier und heute. Das klingt vielleicht nicht besonders vernünftig. Mag sein. Aber wenn ich zu wählen hätte zwischen einer Vernunft, die keinen Platz für Hoffnung lässt, und einer Hoffnung, die sich nicht auf Vernunft stützen kann, würde ich die Hoffnung wählen. Aber gut, dass Hoffnung nicht unvernünftig und Vernunft nicht hoffnungslos ist. Möge Gott nicht aufhören, das Brausen zu senden: Den Heiligen Geist, den Tröster und Lebendigmacher.

symbol back to top