Predigt am 1. Sonntag nach trinitatis, 7. Juni 2026
über Apostelgeschichte 4,32-37
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrerin Susanne Erlecke
Liebe Gemeinde!
„Meins, deins – das sind doch bürgerliche Kategorien!“
Dieser Satz stammt nicht von Karl Marx, sondern von einem Känguru. Der Schriftsteller Marc-Uwe Kling lässt in seinem Werk: „Känguruchroniken“ ein kommunistisches Känguru für eine solidarische Welt kämpfen. Dies tut es recht süffisant mit vollem Einsatz und nicht ganz uneigennützig. Das sprechende Beuteltier überrumpelt einen Kleinkünstler in Berlin. Es klopft an dessen Wohnungstür, denn es hat Appetit auf Eierkuchen, wie man in Berlin sagt. Also, es will Pfannkuchen backen. Beim ersten Mal fragt es nach Mehl und Eiern, dann nach einer Schüssel und einer Pfanne. Beim xten Mal fällt ihm ein, es hat ja gar keinen Herd, also zieht es kurzerhand bei dem unwissenden Kleinkünstler ein. Es nimmt sich, was es braucht. Das ist seine Definition von Teilen. Nicht immer zur Freude des jungen Mannes, der sowieso schon völlig überfordert ist, von der Situation und seinem eigenen Leben. Und so erleben beide in der Chaos-WG so einiges. Die humorvolle Geschichte zeigt auf, dass es mit dem Teilen nicht immer so einfach ist. Manch einer ist vom Stamme „nimm“, fordert und setzt sein Gegenüber vor vollendete Tatsachen und übersieht dessen Bedürfnisse. Fordert ohne Gegenleistung, ohne eigenes Engagement. Funktioniert so das Prinzip „Teilen“?
„Zu teilen“ ist unausweichlich und notwendig in der WG, aber auch im richtigen Leben. Wenn ich viel von einer Sache habe, dann fällt es mir leichter, etwas abzugeben. Sei es an Essen, Geld oder auch Zeit. Ist das Gut allerdings knapp, dann wird das ein echtes Opfer. Vermutlich überlege ich es mir zweimal, ob ich ausgerechnet jetzt teilen will und vor allem auch mit wem. Es ist nun mal ein Unterschied, ob ich mit der Familie, mit Freunden etwas teile oder mit eigentlich Fremden, wie so einem Känguru, das einfach an meiner Tür anklopft und sich in mein Leben drängelt.
Fakt ist aber auch, dass es ohne Teilen in einer Gesellschaft nicht geht. Die einen haben mehr als genug und viele andere haben nicht genug zum Leben und sind auf Unterstützung angewiesen. Die Kluft zwischen arm und reich ist tief und breit. Seit Jahrtausenden ist das so. Und zu allen Zeiten machen sich Menschen Gedanken und sind auf der Suche nach Lösungsansätzen, um sich der Armut entgegenzustellen.
Das beobachten wir global, in Europa, an seinen Grenzen, in diesem Land, in dieser Stadt, in unserem nächsten Umfeld. Und manche politische Kraft macht sich diese Notlage zu eigen, profitiert davon und schürt die entsprechenden Parolen. „Alles geht den Bach runter. Ich kann ja sowieso nichts ändern. Die da oben. Die da drüben, die Fremden, die …“ Wer auch immer gerade herhalten muss. Gefährlich ist das, wenn Schlagwörter nur bestimmte Emotionen bedienen.
Die Situation ist vertrackt. Ja, manchmal erscheint die Verteilung von Hab und Gut einem als ungerecht, manchmal ist es auch so. Manchmal tragen wir selbst dazu bei. Dann sollten wir wohl innehalten und überlegen, was besser wäre, und wie es anders geht. Manchmal ist es aber auch einfacher, zu meckern und zu sagen, es sei so. Soll mir doch jemand erst mal beweisen, dass es nicht so ist. Doch ehrlicherweise müsste ich einfach nur – Sie verzeihen die saloppe Ausdrucksweise – meinen Hintern hochkriegen und selbst anpacken. Es braucht Energie für einen Wechsel. Es braucht den richtigen Anschub für eine Veränderung.
In der Apostelgeschichte erfahren wir, wie die ersten Christen und Christinnen mit dieser Herausforderung umgegangen sind. Der Predigttext erzählt vom Teilen. Die Geschichte spielt wenige Wochen nach Ostern. Alle sind noch ganz erfüllt von der Auferstehung ihres Meisters. Immer mehr Menschen bekennen sich zu diesem Jesus Christus. Gemeinden entstehen. Manch einer hat wenig, der andere mehr.
Das gemeinsame Leben beschreibt der heutige Predigttext aus der Apostelgeschichte im 4. Kapitel.
Die Gütergemeinschaft der ersten Christen
„32Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele;
auch nicht einer sagte von seinen Gütern,
dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung
des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte;
denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte,
verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35und legte es den Aposteln zu Füßen;
und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde
– das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit,
aus Zypern gebürtig,
37der hatte einen Acker und verkaufte ihn
und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.“
Eine Gemeinde so scheint es, wie im Bilderbuch. Alles gehört allen. Keiner hat Mangel.
Kein Streit, keine Not, Gütergemeinschaft und eine bedürfnisorientierte Versorgung aller. Das klingt nach „mein, dein“. Uns gehört alles gemeinsam. „Ein Herz und eine Seele“ waren sie, so heißt es. Die Menschen teilten bedingungslos alles, so dass niemand Mangel erleiden musste. Kein Streit, kein Privateigentum, keine Not, Gütergemeinschaft und eine bedürfnisorientierte Versorgung aller. Ganz ohne hierarchische Verantwortungsteilung schien es dann aber doch nicht zu gegangen zu sein: Die Apostel haben nach wie vor eine besondere Rolle. Sie verteilen, was da ist. Aber die Gnade ist für alle da, das betonten sie intensiv.
Das klingt ganz nach „mein ist dein“, allerdings mit einem Haken. Denn sie mussten es mit großer Kraft bezeugen. Also doch nicht so einfach und klar, die Gemeinschaft miteinander so zu gestalten nach dem Motto einer für alle und alle für einen?
Die Apostel wussten: Es braucht den Geist, der einen trägt. Den gemeinsamen Gedanken, den Glauben an den einen Gott, der Jesus auferweckt hat und dessen Gnade wirksam bleibt. Es braucht diese gemeinsame Basis, dann ist soziale Gerechtigkeit möglich. In der Figur des Barnabas konkretisiert der Text den Anspruch, aus geistlicher Haltung heraus sozial gerecht zu handeln. Barnabas stellt seinen Grundbesitz zur Verfügung. Faszinierend, wo so was gelingt.
Zumindest auf den ersten Gedanken hin. In Klostergemeinschaften findet sich so was heute noch. Aber sonst – wie soll das gehen, bei all unseren unterschiedlichen Wünschen, Interessen, Bedürfnissen und Erwartungen. Will ich das überhaupt?
Das zarte Pflänzchen, wo alle allen alles gönnen, füreinander da sind, füreinander Dinge verkaufen, aufgeben, um anderen zu dienen, bröckelte auch damals relativ schnell. Schon wenige Zeit später (zwei Generationen später) sieht das Bild ganz anders aus. In der Folgegeschichte verkaufen Hananias und Saphira zwar ihren Acker und geben Geld an die Gemeinde weiter. Aber sie behalten einiges für sich. An sich wäre das vielleicht gar nicht so tragisch gewesen, wenn sie es einfach offen zugegeben hätten, aber sie logen den anderen etwas vor. Wo gelogen wird, kommt Misstrauen auf. Da ist es aus mit „ein Herz und eine Seele“ sein.
Lukas, der Evangelist schreibt seinen Bericht ca. 60 Jahre nach den Ereignissen in Jerusalem. Er gehört zu einer christlichen Gemeinschaft, vielleicht in Rom oder vielleicht in der Nähe von Korinth. Jedenfalls ist seine Gemeindewirklichkeit – wie wohl in den meisten christlichen Gemeinden der damaligen Zeit – inzwischen eine andere. Der Schwung der ersten Begeisterung hat sich gelegt. Das Miteinander ist nicht mehr so herzlich. Eine gewisse soziale Kälte hat sich breit gemacht. Es gibt nun auch in der Gemeinde Reiche und Arme. Manche haben mehr als sie ausgeben können, und manchen fehlt das Nötigste. Wie überall sonst, sind die Reichen auch in der Gemeinde die Mächtigen und Einflussreichen. Sie sitzen am Tisch ganz oben. Sie haben etwas geleistet, also wollen sie auch Anerkennung dafür. Unten sitzen die kleinen Leute, Sklaven sogar. Auf jeden Fall behandelt man sich nicht mehr auf Augenhöhe. Die Hierarchien, die in aller Welt gelten, haben sich auch in der Gemeinde durchgesetzt.
Die einen haben alles und klammern sich daran. Die anderen haben nichts oder wenig und schielen verstohlen auf die Habe der anderen. Die einen fangen schon mit dem Essen an, obwohl die anderen noch gar nicht da sind.
Lukas ist frustriert von der Entwicklung. Er fragt sich sicher: Das soll alles gewesen sein? Das ist übrig von „ein Herz und eine Seele“? Eine Gemeinde, in der Leistung und Besitz genau so stolz machen, wie überall sonst? In der sich die Armen schämen und die Reichen sich brüsten? Eine Gemeinde, in der es so zugeht wie überall sonst?
Das soll alles gewesen sein?
Glaube macht weit, Glaube macht großzügig, das weiß Lukas. Und so erzählt er die Geschichte von der ersten Gemeinde, um zu zeigen: Jesus wollte mehr. Jesus hat vom Reich Gottes gepredigt, in dem die Letzten die Ersten sein werden und in dem die Armen seliggepriesen werden. Jesus hat die Besitzlosen und Ausgestoßenen zu sich gerufen, mit seiner Menschenfreundlichkeit hat er sogar die Zöllner angesteckt, sodass sie ihren Überfluss mit anderen geteilt haben. Jesus hat zum Reich Gottes eingeladen, in dem die Reichen davon befreit werden, an ihren Reichtümern zu kleben. Befreit, ihr Leben mit anderen zu teilen und dabei selbst beschenkt zu werden.
In der ersten Gemeinde war dieser Geist Jesu lebendig.
Deshalb erzählt Lukas von dieser Gemeinde, weil die Geschichte der ersten Christen zeigt: Glaube macht weit. Glaube macht großzügig. Es geht um mehr, wenn es heißt „Ein Herz und eine Seele“ waren sie…
Und hier kommen wir ins Spiel. Wie ist das mit unserer Gabe zum Teilen bestellt? Würden wir heute unseren Acker verkaufen, um die Gemeinde finanziell zu unterstützen, ein Kirchengebäude in der Region Ost zu erhalten, Menschen in Not zu helfen. Ich glaube, das ist gar nicht die richtige Frage. Die Geschichte ist m.E. gar nicht aufgeschrieben worden, damit Menschen auch in Zeiten wie unseren alles stehen und liegenlassen und zu den Ursprüngen zurückkehren sollen. Die Geschichte ist für mich nicht ein allgemeingültiger Lösungsansatz für all unsere Probleme. Wohl aber ein Denkanstoß, sich zu überlegen, was setzt denn hier die Menschen in Bewegung. In dem Abschnitt lesen wir mit keinem Wort, dass die Menschen teilen mussten, sondern sie taten es einfach. Sie teilten nicht, um den Himmel auf Erden schon sich zu sichern, sondern einfach weil es für sie normal war. Sie vertrauten einander. Da stellte sich nicht die Frage nach dem passenden Zeitpunkt, der war einfach jetzt. Sie waren einfach ein Herz und eine Seele.
Ich glaube der Schlüssel für so ein Miteinander liegt bei mir selbst. Ich glaube der Schlüssel zur Großzügigkeit ist die Antwort auf die Frage: Was gönne ich mir selbst gerne? Ein gutes Essen? Frische Blumen auf den Tisch? Ein schönes Fest – zu einem bestimmten Anlass oder auch einfach mal so? Und gönne ich es mir auch wirklich oder beginne ich zu rechnen, zu knausern? Wo beginnt das Horten, das Kaufen und Konsumieren, das Klammern? Und dabei ist es nicht das Materielle, das eine Rolle spielt, sondern der Bezug zu mir selbst. Dieser eröffnet mir die Beziehung zum anderen. Bin ich mir im Reinen, dann kann ich auch auf andere zugehen, und auch miteinander in Gemeinschaft treten.
Die ersten Christen, die ihren Acker verkaufen, um den Bedürftigen zu helfen, sehen auf ihr Gegenüber, dem sie was Gutes tun wollen, nicht auf die Sache, die sie abgeben.
Großzügigkeit beginnt mit dem Blick auf den anderen, der unsere Hilfe braucht. Und oft brauchen wir selbst die Hilfe anderer. Reich ist nicht, der mit dem größten Bankkonto, wohl aber der, der den Blick zum anderen nicht verliert. Teilen ist mehr als einen Acker verkaufen. Teilen beginnt, wo wir einander sehen, uns selbst und den anderen wahrnehmen, auf Augenhöhe einander begegnen. Und dabei ist egal, woher wir kommen, welche Meinung wir gerade vertreten. Ich brauche inhaltlich nicht mit allem einverstanden sein, aber ich muss wissen, ich kann mich äußern, sagen, was ich denke, weil wir alle geliebte Kinder Gottes sind. Weil uns der Glaube an diesen Gott, der alle einlädt, verbindet.
Entscheidend ist, dass wir einander sehen, annehmen und achten. Hier und anderswo. Vor Ort in der Gemeinde und weltweit Die Erzählung lädt uns ein, Vertrauen in uns zu haben, in unsere Wirksamkeit und Verbundenheit vor Ort. Sie ermutigt uns, unseren Blick zu heben.
Blinder Aktionismus ist gar nicht angesagt, wohl aber eine gewisse Sensibilisierung für das, was wir als Menschen dieser Erde, dieser Stadt und dieser Gemeinde füreinander tun können. Dafür brauchen wir nicht viel. Aber wir brauchen uns.
Und bestimmt hilft da der kleine Satz, den wir jeden Sonntag beten, den Christen seit Jahrhunderten weltweit beten: „Unser tägliches Brot, gib uns heute.“ Das heißt, versorge uns, Gott, mit dem, was wir brauchen, damit wir frei werden zu teilen, wovon du uns mehr als genug gegeben hast. Sie waren ein „Herz und eine Seele“ – das ist mehr als Friede, Freude, Eierkuchen, meins, deins, das sind bürgerliche Kategorien.
„Ein Herz und eine Seele sein“. Ist ein hoher Anspruch aber eben auch Zuspruch zugleich. „Ein Herz und eine Seele sein“ ist leichter als wir denken, Gott sorgt für uns. Wir werden nicht zu kurz kommen. Wir sind frei, frei mit anderen zu teilen Gottes Geist ist mitten unter uns.
Amen.
