Predigt am Sonntag, 14. Juni 2026
„Hinschauen: Frauen sind keine Ware“
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Ulrike Schulte, Barbara Bauer und Pfarrer Thomas Abraham
Liebe Gemeinde!
„Hinschauen – Frauen sind keine Ware“. Wir wollen aus drei Perspektiven hinschauen: Ulrike Schulte berichtet davon, was der Prozess gegen einen Menschenhändlerring am Landgericht Karlsruhe an Einblicken in die Situation hier in Karlsruhe geliefert hat. Barbara Bauer erzählt von einem Gespräch mit Studenten und ihren Wahrnehmungen zu Prostitution und von ihrer Frage nach der Position der Kirche. Darauf werde ich nach einigen Zitaten von Freiern zurückkommen. Doch zunächst: Ulrike Schulte.
Teil 1 (Ulrike Schulte)
Wir haben hingeschaut, zugeschaut, zugehört
beim Prozess gegen einen ungarischen Menschenhändlerring am Landgericht Karlsruhe
Alles, was ich im folgenden berichte, kam in diesem Prozess ans Tageslicht. Im Wesentlichen durch Abhörprotokolle der Polizei, die verlesen wurden. Aber auch durch Fotos, auf denen die Verletzungen der Frauen zu sehen waren.
Junge, in sehr ärmlichen Verhältnissen lebende Frauen werden von Männern unterschiedlichen Alters umgarnt. Die Frauen verlieben sich in die Männer, aber auch in die Aussicht auf ein besseres Leben. Das wird ihnen versprochen, wenn sie mitkommen nach Deutschland.
Manche gehen von einer Arbeit in Hotel oder Gastronomie aus, manche ahnen oder wissen, dass sie in der Prostitution arbeiten werden. Das sind die, die schon in der Heimat keine andere Chance für sich gesehen haben.
Kaum hier angekommen, wird Ihnen ein Platz auf der Fautenbruch- / Mittelbruchstraße zugewiesen, ein Zettel in die Hand gedrückt mit dem Angebot. Die Anweisungen sind klar: keine ungarischen Männer, sehr knapp bekleidet (auch im Winter keine Jacke), keine Ablehnung von Freiern. Die ganze Nacht über werden sie von den Zuhältern beobachtet und telefonisch abgefragt nach Anzahl Kunden und Einnahmen.
Manche Frauen haben nur 3 Freier pro Nacht, manche aber auch 20 (das muss man sich nur mal ganz kurz vorstellen, was das bedeutet) und verdienen damit über 1.000€ pro Nacht.
Aber was heißt verdienen: sie müssen alles an ihre Zuhälter abgeben. Selbst bekommen sie nur ein kleines Taschengeld, dürfen aber nicht alleine einkaufen gehen und dürfen auch kein Handy kaufen. Sie haben nur das „Diensthandy“ für den Kontakt mit ihrem Zuhälter.
Die Gespräche der Männer wurden abgehört, daraus wissen wir:
Fehlverhalten wird mit Schlägen bestraft, mit der Hand, mit der Faust, mit Besenstielen, mit Schubladen, was sich gerade findet.
Die Männer tauschen sich darüber aus, wie man die Frauen am besten schlägt, damit es ihnen ordentlich weh tut, aber nicht so stark zu sehen ist und sie nicht einsatzunfähig macht. Der Zuhälter, der seine Frau so schlägt, dass sie für mehrere Tage nicht nutzbar ist, bekommt ziemlich Stress vom Chef.
Der Chef kassiert übrigens pro Frau und Nacht von jedem Zuhälter 100€, was die Frauen erstmal verdienen müssen, das sind schon 2 Freier nur für die Standgebühr.
Die Frauen sagen, sie machen das freiwillig. Als Aussage gegenüber der Polizei, sonst wäre es illegal. Aber auch, weil die Zuhälter es aus dieser perfiden Mischung aus Liebesbeweisen und Gewalt geschafft haben, die Frauen zu binden, aber auch zu brechen. Die Frauen sind sehr alleine, sie dürfen keinen Kontakt, keinen Austausch mit den anderen haben. Um sich einen Rest an Würde bewahren zu können, müssen die Frauen selbst daran glauben,, dass sie das freiwillig machen.
Eine läuft nach einem Gewaltexzess und in großer Angst weg. Sie kommt zurück, weil sie nirgendwo anders hin kann. Sie hat doch sonst niemand, sie wird dort mit dem Nötigsten versorgt.
Und niemand hat vorher etwas bemerkt? Die Ermittlungen hier in Karlsruhe beginnen erst durch eine Anfrage aus Ungarn, wo sich eine der gequälten Frauen an die Polizei gewandt hat.
Die Polizei hier arbeitet nicht zum Schutz der Prostituierten, sondern zum Schutz der Prostitution. Die Polizeiarbeit muss sich verändern: Hinschauen, die Frauen unterstützen, Gewalttaten verfolgen und damit auch weitere verhindern.
Auch die Beratungsstellen, die angeblich für die Prostituierten da sind, schützen mehr das System Prostitution als die Prostituierten. Auch sie sollten wirklich hinschauen. Es geht hier nicht um einen netten Beruf, sondern um Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution!
Auch die Stadt muss genauer hinschauen und Frauen ein akzeptables und ehrliches Ausstiegsangebot ermöglichen.
Jetzt ist der Straßenstrich verboten, zumindest in Karlsruhe. Die Frauen, auch die der benachbarten bulgarischen Bande sind jetzt in Bruchsal.Dort hadert man mit einem Verbot, der Straßenprostitution, weil man die freie Berufsausübung gewährleisten will.
Da wird bewusst weggeschaut. Alle können wissen, unter welchen Bedingungen die Frauen leben und arbeiten. Warum tun wir so, als wüssten wir nicht, was passiert?
Wir lassen brutale Gewalt gegen Frauen zu. Warum? Wem nützt das? Wie kann man immer noch so tun, als würden die Frauen das freiwillig machen?
Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die Gewalt gegen Frauen akzeptiert?
Wir müssen hinschauen!
Und handeln!
Teil 2 (Barbara Bauer)
Ulrike Schulte hat berichtet, was wir bei dem Prozess vor dem Landgericht Karlsruhe erfahren haben. Damit diese Realitäten nicht so bleiben möchte ich mich und Sie ein wenig herausträumen, wie es auch anders sein könnte:
Die Jünger Jesu sind nach der Bergpredigt das Salz der Erde. Das sind wir! Wir könnten es ruhig manchmal etwas mehr zeigen.
Mein Mann und ich besuchten kürzlich einen jungen Studenten, der sogar das Glück hatte, einen Platz in einem Studentenwohnheim in Karlsruhe zu bekommen. Ein Zimmer in Fußnähe zum KIT, wunderbar. Aber, was sahen wir, was sehen die jungen Leute jeden Tag auf dem Weg? Das Wohnheim liegt in der Region der Brunnenstraße, ja, genau, der Straße in Karlsruhe, in der sich Bordell an Bordell reiht. Wir zeigen den jungen Leuten, dass Frauen eine Ware sind, die sie kaufen können, wenn sie genug Geld dafür haben. Warum zeigen wir ihnen nicht etwas anderes? Zum Beispiel Männer, die dort stehen und Plakate hochhalten, auf denen steht: Frauen sind keine Ware! Oder: geht nach Hause und bringt euer Geld euren Familien! Oder einfach: schämt euch, Menschen kann man nicht kaufen!
Den jungen Studenten trafen wir im Mai mit einigen seiner Freunde direkt nach dem Kinofilm „Aufbruch“, in dem eine Aussteigerin von ihrem Weg in die Prostitution und aus der Prostitution heraus berichtete. Die insgesamt 6 jungen Männer hatten einen sehr klaren moralischen Kompass und waren entsetzt über das, was sie da gesehen und gehört hatten. Einer fragte mich: Warum ist das alles erlaubt? Was sagt denn die Kirche zu diesen Zuständen? Ich wünschte, ich hätte ich ihm antworten können: meine Kirche sagt klipp und klar: für Christen ist es inakzeptabel, dass ein Mann eine Frau kauft und benutzt wie ein Stück Ware. Ohne wenn und aber. Christen dürfen das weder tun noch davon profitieren. Aber leider musste ich ihm sagen, dass unsere Kirche sich ziemlich zurückhält in dieser Frage und keine klare Position bezieht.
Ein anderes Beispiel aus Wirklichkeit und Wunsch:
Hauseigentümer vermieten anscheinend problemlos Wohnungen für Wohnungsbordelle, auch hier bei uns in Durlach. Würden die das auch tun, wenn ihre Töchter dort angeboten würden? Warum scheint es so normal, zu sagen: ich nehme ja nur die Miete? Mit dem anderen habe ich nichts zu tun. Ich träume einfach mal am Sonntagmorgen hier in der Stadtkirche Durlach: wenn es schon nicht der Staat unterbindet, warum sollten die Durlacherinnen und Durlacher es nicht schaffen, zu sagen: wir wollen, dass in unseren Häusern gewohnt wird und nicht Frauen gekauft werden!
Bordellbetriebe erzielen horrende Einnahmen. Ich sprach mal mit einem Steuerberater aus der Nähe von Mannheim darüber, der sie in seiner Mandantschaft hatte. Ein kirchlich engagierter Mann, seine Frau auch. Ich träume davon, dass er eines Tages zu mir sagt: ich mache das nicht mehr. Ich will das nicht unterstützen. Ich kann doch nicht sonntags in die Kirche gehen und montags mein Geld damit verdienen, dass andere Frauen benutzen.
Als Christen haben wir Wegweisung erhalten mit den biblischen Geschichten. Nicht alles ist eins zu eins auf den heutigen Alltag übertragbar. Über vieles kann man lange nachdenken und weiß immer noch nicht, was genau es bedeutet und was daraus folgt. Aber einige Dinge sind doch ziemlich klar: vor Gott sind alle Menschen gleich. Da kann nicht einer über den anderen verfügen, weil er reicher oder stärker ist oder die Macht dazu hat. Auf den Punkt gebracht steht es in Matthäus 25 Vers 40 so:
Wahrlich, ich sage euch, alles, was ihr einem dieser geringsten meiner Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan.
Warum tut sich unsere Kirche so schwer damit, dies auch deutlich im Bezug auf den Kauf von Frauen zu sagen? Ich träume davon, dass sie es tut.
Teil 3 (Thomas Abraham)
„Hinschauen: Frauen sind keine Ware“. Lassen Sie mich hinschauen auf die Männer, die Sex kaufen. Was wissen und was denken sie über die Situation der Frauen, die sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse „kaufen“?
Darüber reden Männer selten öffentlich unter ihrem eigenen Namen. Dass ihr Gang zu Prostituierten öffentlich bekannt wird; dass ihre Partnerinnen, Nachbarn oder Kollegen davon erfahren könnten, ist eine ihrer größten Befürchtungen. Viele würde das vom Gang zu Prostituierten abhalten, wenn sie damit rechnen müssten. Das wäre für sie beinahe so schlimm wie eine Bestrafung per Gesetz.
In einer anonymen Studie1) wurden Männer interviewt, die für Sex bezahlen. Man mag sich fragen, warum wir ausgerechnet auf die Stimmen von Männern hören sollen, die von der Prostitution profitieren – und nicht auf die Stimmen von Frauen in der Prostitution? Zum einen, weil ihre Nachfrage die Ursache ist; und zum anderen, weil sie anders als die Frauen keine Angst vor den Schlägen von Zuhältern haben müssen, wenn sie das Leid beim Namen nennen. Umgekehrt haben sie aber auch kein Interesse daran, die Zustände schlimmer darzustellen als sie sind. Ihre Stimmen zeichnen ein realistisches Bild. Ich zitiere einige Beispiele:
„Für mich ist der Kontakt mit einer Prostituierten keine Beziehung. Es ist wie eine Tasse Kaffee, die man wegwirft, wenn man sie ausgetrunken hat.“ (S.41) „Sie wird als Ware angesehen, nicht als Lebewesen.“
„Ich sehe Frauen nicht mehr als das, was sie sind. Ich habe mit so vielen geschlafen, dass sie für mich Gegenstände sind“. (S.39)
„Ich glaube, dass der Großteil der Prostitution aus Zwang heraus passiert, zum Beispiel aus finanzieller Not. Jeder Freier, der zu einer Prostituierten geht, nutzt eine finanzielle Notlage aus.“ (S.34)
„Die Freier beuten die Frauen seelisch und körperlich aus.“ (S.32)
„Du kannst eine Hure für jedes Bedürfnis finden – Schlagen, Würgen, aggressiven Sex, den deine Freundin nicht mitmachen würde – du machst ja mit deiner Freundin nichts, durch das sie ihr Selbstwertgefühl verlieren würde.“ (S.33)
Prostitution verursacht „einen kompletten Zusammenbruch … -das sieht man. Aber immerhin sind 30 Euro in Rumänien eine Menge Geld“. (S.35)
Diese Männer wissen, was Prostitution bedeutet. Sie wissen, wovon sie selbst profitieren. Sie wissen, was sie den Frauen antun. Und sie verdrängen das erfolgreich, wenn sie zu Prostituierten gehen.
Ich möchte dieses Wissen gerne nutzen: Diese Männer beschreiben die Realität von Prostitution. Sie entlarven die Mythen, mit denen an der Prostitution festgehalten wird: Freiwillig und selbstbestimmt trifft eben nicht zu für eine Frau in einer finanziellen Notlage. Das ist Ausbeutung, das ist Sklaverei.
55% der befragten Männer haben Menschenhandel oder Zuhälterei beobachtet; 62% haben Menschenhandel vermutet, aber nur 1% hat Menschenhandel den Behörden gemeldet.
Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der das „Rechtslage“ und also normal ist? Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der Ausbeutung von Frauen ein lukratives Geschäftsmodell ist? Ich finde: Nicht das Nordische Modell (bzw. Gleichstellungsmodell) ist begründungspflichtig; in der Begründungspflicht sind alle diejenigen, die eine Rechtslage (erhalten) wollen, die mit der Menschenwürde nicht vereinbar ist, weil sie Ausbeutung und Unmenschlichkeit fördert.
An der einen oder anderen Stelle erklingen Stimme, die für eine Änderung dieser Rechtslage eintreten. Es gibt aber auch ausgesprochen irritierende Veröffentlichungen wie das Papier des ver.di-Bundesfrauenrates. Und es gibt eine eigenartige uneindeutige Zurückhaltung bis hin zur Ablehnung bei Verantwortlichen unserer evangelischen Kirche. Woran liegt es, dass hier die Parteinahme für die Schwachen und Ausgebeuteten so viel schwerer fällt als z.B. bei der Frage der sog. Sterbehilfe oder beim Organhandel? Ich habe keine Erklärung dafür. Ich kann nur sagen: Das will ich meiner Kirche nicht einfach so durchgehen lassen, denn es gibt ja durchaus klare Orientierungen in der Bibel.
Neben der Gottes-Ebenbildlichkeit möchte ich zwei weitere Bibelstellen nennen. Bei beiden geht es nicht ausdrücklich um Prostitution, aber es sind grundsätzliche Orientierungen für das Handeln aus christlicher Sicht.
Die eine ist die Goldene Regel Jesu in der Bergpredigt (Matthäus 7,12): »Behandelt andere Menschen genau so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Denn so steht es im Gesetz und bei den Propheten.«
Wer von uns würde sagen: „Ich will, dass mich die Leute so behandeln, wie Zuhälter und Freier die Frauen in der Prostitution behandeln? Ich will, dass die ganze Gesellschaft das Leid deckt und unterstützt, das man mir antut, indem sie das zur geltenden Rechtslage gemacht hat?“
Die zweite Stelle ist das sog. Weltgerichts-Gleichnis in Matthäusevangelium: Christus kommt als Richter und urteilt danach, was die Menschen getan haben (Matthäus 25,40.45). Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan. Und: Was ihr für andere nicht getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend waren –, das habt ihr für mich nicht getan! Christus identifiziert sich mit den Menschen, besonders mit den Geringen und Unbedeutenden. Im Gesicht der leidenden Menschen gibt Christus sich zu erkennen. „Ebenbild Gottes“ heißt das in der Schöpfungsgeschichte. Darin liegt die Würde eines jeden Menschen. Wer Menschen Leid antut, vergeht sich damit an Gott. Wer Frauen als Ware behandelt und ihnen damit ihre Würde abspricht, der spricht Christus die Würde ab.
