Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2026
über Micha 7,18-20
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Micha 7,18-20
18Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 19Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Liebe Gemeinde!
„Wo gibt’s denn so was!?“
Ich treffe eine Bekannte mit einem genialen Fahrradanhänger – viel Stauraum, leicht zu handhaben, tolles Design. Ich frage sie: „Wo gibt’s denn so was?“
Da will ich wissen, wo sie den Anhänger gekauft hat, damit ich dorthin gehen, mich beraten lassen und mir vielleicht auch so einen kaufen kann. „Wo gibt’s denn so was!?“
Das ist aber nur in Ausnahmefällen die Frage nach einem Ort oder einer Bezugsquelle. In der Regel ist das ein erstaunter Ausruf. Genauso gut könnte ich sagen: „Das gibt’s doch nicht!“ oder „So etwas hab‘ ich ja noch nie gesehen!“
Mit so einem „Wo gibt’s denn so was!?“ beginnt der Abschluss des Micha-Buches, den wir vorhin gehört haben: Wo ist solch ein Gott, wie du bist – ein Gott, der Gefallen an Gnade hat? Das ist nicht die Frage, in welcher Stadt oder in welchem Gotteshaus es vielleicht einen ähnlichen Gott geben könnte.
Wir sollten uns an der Stelle davor hüten, die Gnade und Barmherzigkeit Gottes als Alleinstellungsmerkmal des Christentum anzusehen: Diese Verse stehen schließlich im sog. „Alten Testament“ – der hebräischen Bibel, der heiligen Schrift des Judentums. Es ist der alttestamentliche Gott / der Gott der Jüdinnen und Juden, der Gefallen an Gnade hat. Und im Koran wird jede Sure (außer Sura 9) eröffnet mit der Anrufung „Im Namen Gottes, des Allergnädigsten, des Gnadenspenders“. Das Gefallen an Gnade unterscheidet „unseren“ Gott also nicht vom Gott der Juden und der Muslime (wenn das denn ein anderer sein sollte).
Die Lust und Freude Gottes an der Gnade ist und bleibt ein Wunder. Schon Micha staunt dankbar darüber, wie Gott zu den Menschen steht: Wo gibt’s denn so was – ein Gott, der die Regeln für die Welt vorgibt und den Menschen sagt, was gut ist und was er von ihnen fordert;
der ganz genau weiß, dass die Menschen so und so oft auf diese Regeln pfeifen und einfach tun, wonach ihnen der Sinn steht, und der dennoch nicht auf ewig zornig ist auf diese Menschen?
Wo gibt’s denn sowas – so einen Sündenvergeber und Schuld-Erlasser? einen Gott, der beim Treiben der Menschen genau hinschaut und durchaus zornig darüber wird – und dann doch darüber hinweggeht?
Manchmal habe ich den Eindruck: Wir haben uns vielleicht zu sehr daran gewöhnt, dass Gott gnädig ist. Kinder lernen das spätestens im ersten Schuljahr: „Barmherzig, geduldig und gnädig ist der Gott der Bibel.“ Kaum jemand würde mehr ernsthaft behaupten, dass Gott ein alter Mann mit Bart ist; aber oft genug sehen wir in ihm einen lieben und netten und im Grunde recht harmlosen Onkel-Gott.
Davon ist Micha weit entfernt. Er liest dem Volk Israel in Gottes Namen gründlich die Leviten.
Er deckt das Unrecht auf. Er erinnert das Volk und seine Obrigkeit daran, wie Gott sich das gedacht hat mit dem Leben der Menschen:
Schwerter zu Pflugscharen schmieden – keine Drohnen oder anderes Mordgerät in die Luft jagen, keine Minen in Schifffahrtsrouten verteilen, keine Umspannwerke in Brand setzen. Gottes Wort halten, Liebe üben – nicht Hass schüren oder über andere herziehen; demütig sein – bescheiden.
Es gibt hochmütiges, liebloses, menschenfeindliches Verhalten – nicht nur im Iran oder im Libanon, nicht nur in Moskau oder Washington, nicht nur bei den anderen. Ich trage meinen Teil dazu bei, dass die Welt so ist wie sie ist. Mein Handeln verdient bei Gott nicht durchgehend ein „gefällt mir“.
Es bereitet Gott Schmerzen, wie wir uns benehmen – und ich sage: Gott sei Dank! Denn was wäre das für ein Gott, der es nur schulterzuckend zur Kenntnis nähme, wenn die Menschen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen?
Gott ist nicht nur „der liebe Gott“. Er brennt vor Zorn, wenn er das Unrecht der Menschen sieht – die Gewalt, den Hass, die Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitgeschöpfen und der Schöpfung.
Gottes Zorn hat gute Gründe. Stellvertretend für das Volk Israel sagt Micha: „Ich will des Herrn Zorn tragen, denn ich habe wider ihn gesündigt“.
Gott hat die Welt erschaffen als einen Ort,
auf dem das Leben erhalten bleiben soll.
Kein Volk soll gegen das andere das Schwert erheben und niemand soll mehr lernen, Krieg zu führen.
Leben erhalten – das ist von Anfang an Gottes Plan. Wer sich gegen Gott stellt, der stellt sich gegen das Leben. Deshalb hat Gottes Zorn gute Gründe.
Aber Gefallen hat Gott an diesem Zorn nicht. Gefallen hat Gott an Gnade. Letzten Endes ist Gottes Zorn ein Wegbereiter für die Gnade. Gott lässt sich von der Treulosigkeit der Menschen nicht dazu bringen, von der Treue zu den Menschen abzurücken. Gott hat Gefallen an Gnade.
Schuldzuweisungen legen auf die Vergangenheit fest. Kundenbewertungen z.B. können da gnadenlos sein. Wer nur einen Stern bekommen hat, um den macht man am besten einen großen Bogen. Taugt nichts, also Finger davon lassen!
Der Sündenvergeber- und Schuld-Erlasser-Gott
hat Gefallen an Gnade. Gott liebt es, wenn die Menschen frei werden von alter Schuld; wenn sie sich auf neue Wege begeben – unbelastet und voller Hoffnung. Dafür legt Gott sich mächtig ins Zeug.
Micha beschreibt das mit zwei Bildern. In den Kapiteln vorher ist viel zu lesen vom Volk Israel und seinen Feinden und von der Schuld auf beiden Seiten, die zu Krieg und Unterdrückung führen. Und dann mündet das in dieses hoffnungsvolle Bekenntnis: Gott wird sich unser wieder erbarmen.
Erstes Bild: Gott tritt unsere Schuld unter die Füße. Sie wird zermalmt und kleingemahlen, bis sie ganz und gar zerbröselt ist – geschreddert wie Kunststoff, der dann eingeschmolzen und recycelt wird. Gott entsorgt die Schuld.
Das zweite Bild ist zwar genauso eindrücklich, allerdings in unserer Zeit durchaus fragwürdig:
Gott wird … alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Eine der größten Sünden unserer Zeit ist die Verklappung von Abfällen im Meer. Die ist zwar schon lange verboten, aber auf anderem Weg geraten immer noch Abfälle und Chemikalien ins Meer. Deshalb würde ich dieses Bild heute nicht mehr so ohne Weiteres verwenden. Gott sorgt dafür, dass unsere Sünden uns nicht mehr am Leben hindern können und anderen nicht mehr das Leben schwer machen. Gottes Gnade entsorgt die Sünden ordnungsgemäß – das klingt zugegeben nicht halb so charmant, meint aber dasselbe.
Die Gnade Gottes gilt nicht nur mir, sondern auch denen, die an mir schuldig geworden sind.
Zumindest im Gebet wird das möglich, was auf der Straße vielleicht noch lange nicht möglich ist: Die Feinde mit anderen Augen sehen – als Menschen, deren Schuld geschreddert werden soll.
Wo es so was gibt? Na zumindest bei Gott.
Und wer weiß, was der noch so alles möglich macht!
