Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2026

über Lukas 5,1-11
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Lukas 5,1-11

1Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

4Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. 6Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.


Liebe Gemeinde!

Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Petrus hat zusammen mit den anderen die ganze Nacht mit leerer Arbeit zugebracht. Er hat sich abgerackert. Er hat geschuftet, bis ihm sämtliche Knochen wehgetan haben. Er hat alles gegeben, ist bis an die Grenze seiner Kräfte und Fähigkeiten gegangen – und es hat doch nicht gereicht. Gefangen haben sie nichts.
Aber Unrat sammelt sich immer. Den müssen sie entfernen: Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Das ist mühsam und macht die Laune nicht besser. Leere Netze, kein greifbarer Erfolg, nichts was zählt.

Die Erfahrung des Petrus kennen vermutlich die meisten von uns – vielleicht nicht vom Fischen, aber von anderen Bemühungen: Alles gegeben und doch nichts bekommen. Die Mühe war vergeblich, alle Anstrengung umsonst. Das nagt an der Seele.

Nach so einem vergeblichen Tagwerk kann man sich unterschiedlich verhalten: Die scheinbar naheliegendste Möglichkeit ist die Resignation. Es fühlt sich so an, als sei das ganze Leben umsonst, der Mühe nicht wert, vergeblich, ausweglos.
Georg Neumark hat in einem Liedtext auf den Punkt gebracht, was in einer solchen Situation tatsächlich umsonst und vergeblich ist:
„Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es,
dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit“
(EG 369,2).
Jammern hilft gar nichts, im Gegenteil: Es macht alles nur noch schlimmer. Wenn ich im Selbstmitleid bade und mich im Weltschmerz suhle, dann ist damit niemandem geholfen – auch mir selbst nicht. Seufzen und Lamentieren macht alles nur noch schlimmer.

Zweite Möglichkeit: „Jetzt versuche ich es erst Recht mit aller Gewalt. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Jeder ist seines Glückes Schmied. Das Schicksal muss sich doch zwingen lassen“.
Manch einer mag nach einem Tag mit leerer Arbeit tatsächlich noch die Energie dafür aufbringen – gegen die eigene Niedergeschlagenheit noch einmal die letzten Kräfte aufbieten und das Rad herumwerfen. Aber oft bleibt auch so ein Kraftakt „leere Arbeit“. Dann wird die Situation letzten Endes nur noch verfahrener und verkrampfter.

Dritte Möglichkeit: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut“ (EG 369,1).
Gottvertrauen ist keine billige Problemlösung und „wer nur den lieben Gott lässt walten“ kein Kalenderspruch. Schauen wir uns den „Gehorsam“ des Petrus einmal genauer an. Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen – ist er das strahlende Vorbild eines Menschen, der in allem und jedem dem Wort Gottes folgt? Ist er der Musterchrist, der jedem Wort Jesu folgt?
Nach der Erzählung des Evangelisten Lukas wird Petrus hier erst zum Jünger berufen. Bis dahin ist er ein Fischer wie seine Brüder und seine Freunde auch.
Ist er schon hier der etwas Übereifrige, der den Mund immer etwas voller nimmt, als er eigentlich sollte – wie an jener Nacht, in der Jesus verraten und verhaftet wird?
Der Schlüssel zum Verständnis ist für mich die Reaktion des Petrus nach dem überwältigenden Fang. Die Überfülle der Fische bringt die Boote fast zum Sinken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Er bricht nicht in Lobpreis und Dankesjubel aus: „Halleluja, Gott hat unser Vertrauen belohnt! Groß ist seine Macht! Mit Gott auf unserer Seite wird alles gut! Wohl dem, der auf ihn hört und seiner Weisung folgt!“ Stattdessen ein Sündenbekenntnis. Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Warum das? Petrus hat doch getan, was Jesus ihn geheißen hat!? Auf sein Wort hin hat er die Netze ausgeworfen und das mit Erfolg. Ist das nicht gerade das Gegenteil von Sünde, wenn ich dem Auftrag Jesu gehorche?

Offenbar ist dieser Gehorsam des Petrus nur die Außenseite gewesen. Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen – das kann auch bedeuten: „Wir haben alles versucht und wir verstehen etwas von unserem Handwerk. Jetzt kommst Du daher, hältst dem Volk hier am See schöne Reden, begeisterst die Menge und nimmst an, dass alles so geht, wie Du Dir das vorstellst. Wenn Du meinst – na gut. Weil Du es sagst, will ich die Netze auswerfen – Du wirst schon sehen, was passiert.“ Was, wenn das gar keine Überzeugungstat des Petrus war, sondern eher eine Trotzreaktion? Was, wenn er das nur gemacht hat, weil er sich vor der versammelten Menge am Ufer des See Genezareth nicht auf eine Diskussion einlassen wollte? Und dann erfährt er, dass Gott durch unsere Hände hindurch Wunder wirken kann, auch ohne dass wir wirklich damit gerechnet hätten. Vielleicht war Petrus gar nicht überzeugt davon, dass sie tatsächlich etwas fangen würden. Ich lese das einmal als das Bekenntnis von einem, der meint, über das Leben Bescheid zu wissen und nun bekennen muss: Ich bin ein sündiger Mensch. Ich habe nur auf das gesehen, was ich aus eigener Kraft bewerkstelligen und wofür ich selber einstehen kann. Aber ich muss zugeben, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die meinen Verstand übersteigen; die nicht in meiner Verantwortung liegen. Ich muss zugeben, dass es in meinem Leben Wendungen zum Guten geben kann, die mir geschenkt werden; die ich nicht selbst herbeiführen kann.

Manchmal ist nach vergeblicher Arbeit auch nur noch ein spärlicher Rest von Gottvertrauen übrig. Da ist es gut, wenn uns jemand den Anstoß gibt, es dennoch noch einmal zu versuchen – vielleicht auch gegen die eigene Überzeugung und im vagen Vertrauen auf Gottes Hilfe.
Vielleicht sage ich dann nicht aus tiefstem Herzen und voller Überzeugung „Gott wird es zum Guten wenden“. Vielleicht ist es eher ein trotzig-skeptisches Gottvertrauen, das mich beten lässt: „Ich habe alles versucht, nun sieh doch Du zu, ob Du es besser kannst. Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen“.
Oder mein Gottvertrauen ist eher so etwas wie der Mut der Verzweiflung: „Ich weiß nicht mehr weiter und ich weiß auch nicht, was Du jetzt noch wirken kannst, aber Du bist doch meine einzige Hoffnung. >Dennoch bleibe ich stets an Dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand<. Du kannst mein Leben zu einem guten Ziel führen und irgendwie wirst Du mich auch durch diese Krise führen. Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen“.

Da gibt es keine Erfolgsgarantie; aber an Petrus lerne ich, dass Gott auch durch einen eher spärlichen Rest von Gottvertrauen hindurch Wunder vollbringen kann und will. Nicht jammern, nicht aufgeben, es nicht erzwingen wollen, sondern auch in der Niederlage darauf hoffen und vertrauen: Gott kennt einen Weg. Mag dieser Weg auch steinig und mühsam – es wird ein Weg unter Gottes Segen sein.

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