Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 2026

über Hebräer 13,1-3
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Zürcher Bibel
Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe.
Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, vergesst nicht – so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.
Denkt an die Gefangenen, weil auch ihr Gefangene seid;
denkt an die Misshandelten, weil auch ihr Verletzliche seid.

Liebe Gemeinde!

Philadelphia liegt im US-Bundesstaat Pennsylvania. Der Quäker William Penn hat diese Stadt am Delaware River 1682 gegründet. Sie sollte ein Zufluchtsort sein für Menschen, die aus religiösen Gründen verfolgt wurden. Gewaltlosigkeit, Gleichheit und die Freiheit des Gewissens waren dabei ganz zentrale Punkte. Der Name der Stadt war Programm: Philadelphia – geschwisterliche Liebe. Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe.
Vor 250 Jahren wurde in eben dieser Stadt die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet und wenige Jahre später ebenfalls in Philadelphia die Amerikanische Verfassung entworfen.

Der Predigttext setzt mit der ‚philadelphia‘ (φιλαδέλφεια) ein: Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe. An einer anderen Stelle wird die vorbildliche Nächstenliebe in dieser Gemeinde gelobt. Das ist also nichts Neues für die, die da angeschrieben werden. Sie kennen die Liebe als DNA der Gemeinde, als verbindende Kraft, als stärkenden Zusammenhalt. Die ‚philadelphia‘ – die Geschwister-Liebe ist die Liebe unter solchen, die sich kennen, weil sie zu einer Gemeinde gehören. Sie ist das Band, das die Gemeinde zusammenhält: Die Solidarität unter Vertrauten; unter solchen, die eine corporate identity teilen. Oder eben (Zürcher Bibel) Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind. Schon die ist nicht selbstverständlich. Sie will gepflegt und kultiviert werden.

Aber dabei bleibt es nicht. Zur Geschwister-Liebe, zur ‚philadelphia‘ – der Liebe zu denen, die euch vertraut sind – kommt die ‚philoxenia‘ (φιλοξενία) hinzu: Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, vergesst nicht. Diese Fremden-Liebe wird oft mit „Gastfreundschaft“ übersetzt; aber was wir unter Gastfreundschaft verstehen, kommt nicht heran an das, was hier gemeint ist. Da geht es nicht nur um gute Tischsitten oder um großzügige Einladungen von Freunden an eine üppig gedeckte Festtafel oder die Rücksichtnahme auf die Essgewohnheiten von Bekannten. Hier geht es um die, die fremd sind und vielleicht auch fremd bleiben. Die Fremden-Liebe gilt denen, die gekommen sind, obwohl sie nicht eingeladen sind.

Philadelphia in Pennsylvania war im 19. Jahrhundert das deutsche Auswanderungsparadies. Damals wuchs die Bevölkerung in Deutschland rasant, ohne dass es genügend Arbeit gab. Die Industrialisierung sorgte für Armut und viele Menschen verließen das Land. Zwischen 1846 und 1893 zog es jedes Jahr bis zu 200.000 Menschen aus Deutschland nach Amerika. Sie sind der wirtschaftlichen Not in ihrer Heimat entflohen. Auch aus anderen europäischen Ländern und aus Asien und Lateinamerika haben sich Hunderttausende auf den Weg in die sog. „Neue Welt“ gemacht und haben dieses Land mit aufgebaut. Die USA wären ärmer ohne diese Migranten – genau wie Deutschland ärmer wäre ohne die Menschen, die hierhergekommen sind, um Arbeit zu finden. Globalisierung hat nicht erst mit dem Internet begonnen. So funktioniert diese Welt. Überall sind Menschen, die nicht immer schon da waren. Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, vergesst nicht.

Albanien wurde 1943 von der deutschen Wehrmacht besetzt. In diesem muslimisch geprägten Land fanden damals viele Juden bei Muslimen Zuflucht. Da wurde Fremdenliebe praktiziert. Das war Gastfreundschaft in diesem tieferen Sinn. Eine ältere Frau beschreibt dieses im Islam verankerte Recht auf „Gastfreundschaft“ so: „Unser Haus ist in erster Linie Gottes Haus, in zweiter Linie das Haus unserer Gäste und erst an dritter Stelle das Haus unserer Familie. Der Koran lehrt uns, dass alle Menschen, – Juden, Christen und Muslime – unter dem einen Gott stehen … Jedes Klopfen an der Tür ist ein Segen Gottes. Alle Menschen kommen von Gott“ – auch die, die wir nicht eingeladen haben. Fremden-Liebe, nicht nur Geschwister-Liebe.

In der Lutherbibel steht hier: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“. Wir haben uns im Predigtvorgespräch gefragt, ob das wohl eine berechnende Gastfreundschaft ist: Nimm Fremde auf, es könnte sich lohnen – der Frosch könnte sich als Prinz entpuppen.
Inzwischen denke ich: Hier ist das Gegenteil von Berechnung gemeint. „Jedes Klopfen an der Tür ist ein Segen Gottes. Alle Menschen kommen von Gott“. Was Ihr für sie tut, das tut Ihr für Gott. Auch wenn Ihr dabei nicht an Gott denkt, sondern einfach nur einem Menschen helft, der zu Euch kommt, dann habt Ihr einen Engel beherbergt, ohne es zu wissen. Wer das Risiko eingeht, einen fremden Menschen zu beherbergen, hat die Chance, einem Engel zu begegnen.

Ich komme noch einmal zurück auf die Beschreibung „Unser Haus ist in erster Linie Gottes Haus“; und lege daneben den Wochenspruch: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Gott ist der Hausherr. An seinem Tisch ist für alle ein Platz. Bei ihm sitzen alle in der ersten Reihe und niemand am Katzentisch. In Gottes Haus gibt es nur Mitbewohner – keine Gäste mit eingeschränktem Zugang, auch wenn sie (wie Gäste) jederzeit (wieder) gehen können.

Im Ältestenkreis haben wir uns überlegt, was uns für die Gemeindearbeit besonders wichtig ist. Bei den ersten beiden der daraus entstandenen Leitsätze geht es genau darum:
1) „Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen Gemeinschaft erleben und sich mit ihren Begabungen einbringen können“.
2) „Wir wollen, dass Menschen sich willkommen fühlen und angenommen werden wie sie sind
– ob sie regelmäßig kommen oder punktuell teilnehmen“.
Das sollen nicht nur fromme Wünsche bleiben, die in der Kirche aushängen bzw. auf der Homepage nachzulesen sind (» Gemeindeleben » dabei sein » Leitsätze des Ältestenkreises 2026). Wir wollen an unserer „Willkommenskultur“ arbeiten und dazulernen. Ein Baustein dafür ist die Einladung an Menschen, die vor noch nicht allzu langer Zeit hierher nach Durlach gezogen sind. Die im letzten halben Jahr Zugezogenen haben wir angeschrieben und eingeladen, den Gottesdienst heute mitzufeiern, danach mit Sekt oder Selters auf ihr Wohl anzustoßen und anschließend die Glocken zu besichtigen und Durlach von oben zu sehen.
Ich bitte Sie und Euch heute um Unterstützung für diese Willkommenskultur. Das kann der Ältestenkreis nicht alleine, das ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, und die Liebe zu denen, die euch fremd sind, sollen unter uns spürbar sein.
Wir sind dankbar für Hinweise und Rückmeldungen, wodurch Sie sich willkommen oder umgekehrt ausgeschlossen oder abgestoßen fühlen. Das empfinden Menschen ja durchaus unterschiedlich: Der eine möchte gerne angesprochen und einbezogen werden, die andere fühlt sich schon durch die Frage nach dem Namen oder den Wunsch „vielleicht sehen wir uns ja bald einmal wieder“ eher bedrängt als begrüßt. Da braucht es Fingerspitzengefühl und Offenheit – und vor allem den Mut Fehler zu machen. Ohne die wird es vermutlich nicht gehen – aber deshalb nichts zu tun, ist auf jeden Fall ein Fehler.

Und ich möchte alle, die mit unserer Gemeinde fremdeln, ausdrücklich ermutigen: „Unser Haus ist in erster Linie Gottes Haus“. Gott lädt Dich ein – eine jede und einen jeden. Deshalb lass Dich nicht davon abhalten, wenn Dir einer vom Bodenpersonal einmal blöd kommt. Wir sind auch nur Menschen – aber manchmal können auch wir zu Engeln werden.

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