Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 9. August 2026

über Römer 11,25-32
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Römer 11,25-32

25Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.


Liebe Gemeinde!

Es geht Paulus um ein Geheimnis, um ein Geheimnis Gottes. Ein Geheimnis bleibt ein Geheimnis, auch wenn man es zu ergründen sucht. Das unterscheidet das Geheimnis vom Rätsel. Wer ein Rätsel gelöst hat, für den ist es kein Rätsel mehr. Wer sich aber in das Geheimnis Gottes vertieft, der stellt fest, dass sich immer neue Weiten dieses Geheimnisses auftun.

Paulus schreibt an „alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom“ – also an Christen, von denen die Mehrzahl vorher keine Juden gewesen waren, sondern „Heiden“. Er will sie einführen in das Geheimnis Gottes. Und dabei hat er ein Anliegen: Er will vermeiden, dass sie sich selbst für klug halten. Sie sollen begreifen, dass sie aus dem Erbarmen Gottes leben, und „nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus“ glauben, wie Martin Luther das im Kleinen Katechismus ausgedrückt hat. Haltet euch nicht selbst für klug oder womöglich für klüger als Gott.

Bevor wir tiefer in die etwas umständlich wirkende Argumentation des Predigttextes einsteigen, will ich zwei Punkte herausstellen, in denen für Paulus völlige Klarheit besteht.
Erstens: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat“ (Römer 11,2). Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Die bleibende Erwählung Israels steht für ihn fest. Gott nimmt sie nicht zurück. Daran gibt es nichts zu rütteln. Paulus ist da sehr klar. Ihn können wir kaum dafür verantwortlich machen, dass in der Geschichte des Christentums das Missverständnis aufkam, Gott habe das Volk Israel verstoßen, weil es Jesus von Nazareth nicht als den Messias angesehen hat. Die Juden bleiben nach der Erwählung … Geliebte um der Väter willen. Das ist der eine Pfeiler, auf dem Paulus seine Argumentation aufbaut.
Und zweitens: Gottes Ziel ist, dass er sich aller erbarme. Was auch immer geschieht – am Ende steht das Erbarmen Gottes. Nichts und niemand kann Gott davon abbringen.

Für Paulus tut sich damit ein Zwiespalt auf, unter dem er leidet und den er zu verstehen sucht: Wie kann es sein, dass so viele seiner jüdischen Schwestern und Brüder Jesus von Nazareth als Messias ablehnen, wo doch Gott mit ihnen einen Bund geschlossen hat?
Wohlgemerkt: Seine Frage ist nicht, wie Gott an seinem Volk festhalten kann, wo das doch seinen Messias ablehnt. Die Treue Gottes zu seinem Volk steht außer Frage – für Paulus und für Gott sowieso. Aber wie kann dieses Volk, dem Gottes ganze Zuwendung gilt, diesem Gott ungehorsam sein und seinen Messias nicht anerkennen?

Um diese Frage kreist Paulus im Römerbrief drei Kapitel lang. Der Schlüssel zur Antwort liegt für ihn darin, dass der Weg zum Erbarmen Gottes nicht über den Gehorsam der Menschen führt, sondern über ihren Ungehorsam. Diesen Weg Gottes zum Erbarmen beschreibt Paulus als Zickzacklinie:

Gott hat sich an das Volk Israel gebunden. Es ist und bleibt sein erwähltes Volk. Da waren die anderen zunächst außen vor. In dieser Zeit waren die Nicht-Juden / die „Heiden“ Ungläubige – sie waren einst Gott ungehorsam.

Jesus von Nazareth kam mit der Botschaft des Evangeliums zum Volk Israel. Seine Mission führte den Juden Jesus vor allem zu seinem eigenen Volk. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen Israels“ sagt er zu der kanaanäischen Frau, die ihn um Hilfe bittet (Matthäus 15,24). Auch das Gleichnis vom großen Abendmahl (Lukas 14,15-24) erzählt von einem Ungehorsam, der anderen die Tür öffnet: Weil die geladenen Gäste beim Festmahl ausbleiben, schickt der Herr seinen Knecht an die Hecken und Zäune und hinaus auf die Landstraßen, um Menschen hereinzubitten. Sie finden einen Platz an der Tafel, weil die eigentlich Eingeladenen mit Ausreden ferngeblieben sind.

Jesus von Nazareth kam also mit der Botschaft des Evangeliums zum Volk Israel; aber das Volk Israel lehnte ihn mehrheitlich ab, es war Gott ungehorsam. Das war der Anstoß dazu, dass sich die Botschaft des Evangeliums an die Nicht-Juden / an die „Heiden“ gewandt hat. Anders gesagt: Die Heiden (also auch wir, die wir nie Juden waren,) sind nur deshalb dazugekommen, weil Israel Jesus als Messias mehrheitlich abgelehnt hat. Der Ungehorsam Israels hat für die Heiden die Tür zum Evangelium aufgestoßen. Wir profitieren von diesem Ungehorsam, er kommt uns zugute. Gott hat ihn sich in seinem Heilsplan zunutze gemacht. Dieser Ungehorsam hat ihn mit seiner Botschaft hin zu den Nichtjuden geführt. Das verbirgt sich hinter dieser etwas eigenartigen Formulierung: Nach dem Evangelium sind sie Feinde um euretwillen.

Noch einmal: Der Erwählung des Volkes Israel tut das überhaupt keinen Abbruch – auch wenn das nicht in unseren Kopf will. Wir suchen ja eher das einlinige und eindeutige Verstehen: „Wenn Israel ungehorsam war, dann ist es eben weg vom Fenster“ (so endet leider Gottes auch das Gleichnis vom großen Abendmahl). Damit verkennen wir aber das Geheimnis Gottes, von dem Paulus schreibt. Gott macht sich den Ungehorsam der Menschen zunutze, um für alle einen Weg zum Erbarmen zu finden. Die Heiden (wir) haben Gottes Erbarmen erlangt, weil Israel ungehorsam war – und doch das berufene Gottesvolk bleibt.

Wenn nichtjüdische Menschen den Ungehorsam Israels anprangern und sich selbst für klug halten, wie das immer wieder geschehen ist und auch noch geschieht, dann – so die Pointe bei Paulus – verkennen sie damit das Geschenk, dass Gott ihnen gemacht hat; denn ohne diesen Ungehorsam wäre das Erbarmen Gottes eine Angelegenheit des Volkes Israel geblieben. Wer sich im Urteil über das Volk Israel für klüger hält als Gott, der sägt am Ast des Erbarmens Gottes, auf dem er selber sitzt.

Gott ist mit seinem Weg über den Ungehorsam hin zum Erbarmen noch lange nicht am Ende. Früher habt ihr Völker (Nicht-Juden / Heiden) Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt. Genauso gehorchen sie jetzt Gott nicht … So werden künftig auch sie sein Erbarmen finden. Gott wird mit Israel denselben Weg gehen wie mit den nichtjüdischen Völkern: Vom Ungehorsam zum Erbarmen. Wie das geschehen wird, das dürfen wir ganz getrost seine Sorge sein lassen. Fest steht: Ungehorsam kann die Tür für Gottes Erbarmen nicht verschließen. Er weiß immer einen Weg für sein Erbarmen. So kommt er am Ende zu seinem Ziel: Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Niemand ist davon ausgeschlossen.

Wir sind im Glauben mit Israel verbunden, das unaufgebbar Gottes geliebtes Volk ist. Wir alle leben aus dem Erbarmen Gottes. Das ist unsere gemeinsame Basis. Gott hat mit der Erwählung dieses Volkes sein eigenes Gottsein an dessen Wohlergehen gebunden. Das heißt konkret: Alle Formen des Antisemitismus, alle Bedrohungen und Angriffe auf jüdisches Leben schneiden Gott ins eigene Fleisch. Wer sich gegen das Existenzrecht dieses Volkes stellt, stellt sich gegen Gott und auch gegen unser Existenzrecht.
Gottes Weg über den Ungehorsam der Menschen hin zu seinem Erbarmen verbindet uns mit den Juden und verpflichtet uns dazu, gemeinsam um Wege gegen den Hass zu ringen. Erbarmungslosigkeit ist niemals der Weg Gottes. Dem Hass kann nur begegnen, wer die Einladung zum Hassen ausschlägt. Wer dem Hass mit Hass begegnet, hat sich schon von ihm verformen lassen. Menschenrechtsverletzungen des Staates Israel fordern unseren Widerspruch, eben weil wir im Glauben mit diesem Volk verbunden sind. Aber auch dieser Widerspruch soll festhalten, was für Paulus klar ist: Haltet euch nicht selbst für klug. Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Das Ziel aller Wege Gottes ist, dass er sich aller erbarme.