Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2026

über Lukas 18,9-14
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Lukas 18,9-14

9Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
13Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

14Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.


Liebe Gemeinde!

Was ist ein Pharisäer? Norddeutsche würden vielleicht antworten: Das ist eine Kaffeespezialität mit Rum und Schlagsahne. „Oh, ihr Pharisäer!“ soll in Nordfriesland irgendwann im 19. Jahrhundert ein Pastor ausgerufen haben, als man in einer Taufgesellschaft den Rum im Kaffee mit einem Sahnehäubchen kaschieren wollte. Die Bezeichnung hat ihren Namen bekommen durch die oft negativen Zeichnung von Pharisäern im Neuen Testament und mehr noch in der Zeit danach.

Dieses Gleichnis ist eine schwarz-weiß gezeichnete Kontrasterzählung wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Auch da wird der Außenseiter zum Vorbild genommen für das richtige Handeln. Hier ist es der Zöllner.
Der Pharisäer und der Zöllner sind Klischee-Figuren: Der überhebliche Pharisäer, der zum Glück sein Fett abbekommt, und der reumütige Zöllner, der am Ende gut dasteht. Aber wie immer, wenn alles gar so klar erscheint, lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen.

Der Zöllner ist genau genommen ein Kollaborateur. Er arbeitet mit der feindlichen Besatzungsmacht zusammen: Er hat von den Römern eine Zollstelle gepachtet. Dafür zahlt er einen festen Betrag. Was er darüber hinaus einnimmt, darf er behalten. Mit anderen Worten: Je mehr er den Leuten abknöpft, desto reicher wird er. Er lebt von staatlich sanktionierter Abzocke auf Kosten der unterdrückten Bevölkerung. Sozial ist etwas anderes. Jeder Vergleich hinkt, aber heute wäre das vielleicht einer, der sich wegen des Wohnraummangels durch die Vermietung von Zimmern an Studierende zu horrenden Preisen eine goldene Nase verdient; oder einer, der mit Steuerhinterziehung ein Vermögen macht; oder einer, der als Spion für Russland arbeitet. Da sieht es mit den Sympathiewerten dann schon anders aus.

Was Lukas von den Zöllnern erwartet, findet sich in der Geschichte von Zachäus im darauffolgenden Kapitel: Es soll nicht bei der Einsicht bleiben, dass er ein Sünder ist, sondern er soll sein Verhalten ändern. „Die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen, und wenn ich jemand betrogen habe, gebe ich es vierfach zurück“ (Lukas 19,8).

Vermutlich waren aber nicht alle Zöllner so einsichtig und zur Umkehr bereit. Und nicht alle Pharisäer waren unaufrichtig. Lukas erzählt genauso selbstverständlich von einem Pharisäer namens Simon; der bat Jesus, „mit ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzt sich zu Tisch“ (Lukas 7,36). Jesus hat da keine Berührungsängste (oder besser gesagt: Lukas hat kein Problem damit, sich Jesus im Haus eines Pharisäers vorzustellen).

Obwohl also nicht alle Zöllner reumütig und nicht alle Pharisäer hochmütig waren, hat in unserer Geschichte trotzdem der Zöllner unsere Sympathien und der Pharisäer nicht. Dabei macht er doch vieles richtig. Er hält sich an die Gebote – und ich vermute, dass die meisten von uns sich in ihrem Verhalten an denselben Geboten ausrichten: Er tastet das Eigentum anderer Leute nicht an. Er ist gerecht. Er gefährdet weder die eigene Beziehung noch die Beziehung anderer Paare. Er fastet nicht nur einmal in der Woche, wie das in den Geboten gefordert wird, sondern sogar zweimal. Er spendet großzügig. Was ist ihm eigentlich vorzuwerfen?

Die Kritik bezieht sich nicht auf das, was er tut, sondern darauf, welche Schlüsse er daraus zieht, wie er lebt. Er ist die Karikatur eines Menschen, der – wie es in der Einleitung zum Gleichnis heißt – überzeugt war, fromm und gerecht zu sein, und verachtete die andern. Er geht zwar in den Tempel, um zu beten; aber was er da betreibt, ist eine geistliche Leistungsschau. Er vergleicht sich mit anderen; genauer gesagt: Er vergleicht sich mit denen, die weniger tun und vollbringen als er. Er dankt Gott dafür, dass er nicht so ist wie die, die er – der Pharisäer – für wertlose Nichtnutze hält. Im Grunde ist diese „Dankbarkeit“ nur die fromme Bemäntelung seiner Überheblichkeit und seiner Verachtung für andere. Er zählt auf, was er selbst alles an Gutem tut, um im selben Atemzug die anderen für nichts zu halten.

Lukas hat einen Pharisäer als Beispiel gewählt, weil die bekannt dafür waren, dass sie es mit der Erfüllung der Gebote besonders genau genommen haben. Das konnte dann schnell in ein frommes Fitnesstracking umschlagen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten – nicht nur, weil wir den Pharisäern mit einem Pauschalurteil Unrecht tun (und das dann schnell zu einem Pauschalurteil gegen alle Juden wird); das Risiko, es genauso zu machen wie der Pharisäer, besteht für uns durchaus:

Ich bin tolerant, offen für das Gespräch mit Menschen aus anderen Religionen, ich schätze die Vielfalt der Kulturen.
Ich bin ein gesetzestreuer Bürger und begehe kein Unrecht. Ich halte mich an Geschwindigkeitsbeschränkungen. Meistens lasse ich das Auto ganz stehen und fahre Fahrrad.
Ich zahle Kirchensteuer und spende zusätzlich beim freiwilligen Gemeindebeitrag.
Ich ernähre mich regional, fair und bio.
Ich verzichte nicht nur auf Fleisch, sondern bin sogar Veganer.
Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die andern Leute – intolerante Fanatiker, SUV-Fahrer, Schmarotzer, Klimawandel-Leugner, Besserwisser, oder auch wie dieser Pharisäer.

Im Alltag verlaufen die Grenzen eben nicht so deutlich wie in dieser schwarz-weiß geschilderten Gegenüberstellung von Pharisäer und Zöllner. Das Bemühen, „richtig“ zu leben, ist überhaupt nicht verwerflich – im Gegenteil. Schließlich sind wir dafür verantwortlich, wie wir leben und wie wir den nachfolgenden Generationen diese Erde überlassen. Es ist auch nicht verwerflich, dass wir in unserer Lebensführung besser werden wollen, als wir bisher waren. Im Blick auf den Klimawandel ist das sogar unerlässlich. Aber die Steigerungslogik „besser werden wollen“ kippt ganz schnell um in ein „Besser-sein-als-andere“. Und mal Hand aufs Herz: Wer von uns wünscht sich nicht insgeheim, dass das eigene Engagement auch anerkannt und gewürdigt wird?

Und doch ist die Haltung des Zöllners im Gebet vorbildlich: Gott, sei mir Sünder gnädig! Was ich Dir zu verdanken habe, zählt doch weit mehr als alles, was ich tun und besser machen kann. Dass ich lebe; dass ich einen Weg durchs Leben finden kann; dass ich auch damit leben kann, dass ich falsche Entscheidungen getroffen habe – das alles zählt unendlich viel mehr, als die Bonuspunkte, die ich mit richtigen Entscheidungen habe sammeln können.

Der Zöllner erhebt keinen Anspruch an Gott. Er vergleicht sich nicht mit anderen und er taktiert auch nicht mit seiner Selbsterniedrigung, wie es der Merkspruch am Ende nahe legen könnte: Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Es gibt auch eine demonstrative „hochmütige Demut“. Wer vor Gott auf eine Belohnung für das eigene Verhalten spekuliert – egal wie, wird leer ausgehen. In Glaubensfragen gibt es keine Kundenkarte, auf die wir Bonuspunkte sammeln und dann den Goldstatus erreichen. Aber das ist auch nicht nötig – den gibt es nämlich gratis – umsonst, aus Gnade.