Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 6. September 2026
über Lukas 19,1-10
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrerin Susanne Erlecke
Liebe Gemeinde!
unser heutiger Predigttext führt uns in die Stadt der Superlative. Zum einen ist es die älteste und zum anderen die tiefstgelegene Stadt der Welt. Eine erste Besiedlung ist ab dem 10. Jahrtausend vor Christus belegt. Stadtmauern kamen etwa 2000 Jahre später hinzu. Sie 250 m unter den Meeresspiegel und heißt Jericho. Im Jordantal gelegen trägt sie nicht zu Unrecht den Beinamen: Palmenstadt. Eine wahre Oase zwischen dem See Genezareth im Norden und dem Toten Meer im Süden (12km). Ausgangspunkt um vom Tal auf die Berghöhe zum Tempel nach Jerusalem zu wandern oder umgekehrt, so wie es der barmherzige Samariter tat oder man als Tourist es heute bequemerweise auch die 1000 Höhenmeter überwindet.
Die älteren von Ihnen werden zu der Geschichte unwillkürlich Bilder aus Kinderbibeln im Kopf assozieren, denn Zachäus ist eine Figur, die mit seiner Kletterei auf einem Baum spätestens seit der Kees de Kort im Kopf bleibt.
Doch hören wir den Predigttext aus dem Lukasevangelium im 19. Kapitel:
1Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
2Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus,
der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
3Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre,
und konnte es nicht wegen der Menge;
denn er war klein von Gestalt.
4Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum,
um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
5Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm:
Zachäus, steig eilend herunter;
denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.
6Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen:
Bei einem Sünder ist er eingekehrt.
8Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn:
Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen,
und wenn ich jemanden betrogen habe,
so gebe ich es vierfach zurück.
9Jesus aber sprach zu ihm:
Heute ist diesem Hause Heil widerfahren,
denn auch er ist ein Sohn Abrahams.
10Denn der Menschensohn ist gekommen,
zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas ist der Geschichtenerzähler unter den Evangelisten. Er erzählt, um vertiefte Einsichten weiterzugeben. Ziel ist es bei den Zuhörenden Ressourcen freizusetzen, Glauben zu wecken, ja zu ermutigen. So auch mit dieser plastisch vorstellbaren Geschichte.
Sind Sie als Kind auf Bäume geklettert? Ich immer, schnell musste es gehen, der erste Ast wurde ergriffen und dann Feldaufschwung oder mit den Füßen den Stamm hochgelaufen, eben hochgezogen, schnell und weit nach oben musste es gehen. Ich muss zugeben, ich mach das heute noch gern. Denn von oben hat man eine gute Sicht in die Ferne, man bekommt einen wunderbaren Überblick. Und vor allem da oben bleibt man erst mal unentdeckt. Man kann es sich je nach Astverzweigung gemütlich machen, einfach seinen Gedanken nachgehen. Eine Auszeit nehmen, würde man als Erwachsener sagen. Als Kind ist es einfach die Faszination des Kletterns. Als erwachsener Mensch klettert man viel zu selten auf Bäume. Zumindest die meisten von uns. Schade eigentlich. Denn so einen Überblick, eine Auszeit ist hilfreich, wie die Geschichte erläutert.
Zachäus kletterte hinauf, um das Ereignis besser beobachten zu können, aber vor allem wohl auch um unentdeckt seiner Neugier nachzugehen. Denn als Oberzolleinnehmer hätte er sich sicher vordrängeln können, Die Leute hätten ihm Platz gemacht. Aber er wählt einen anderen Weg, um am Geschehen Anteil zu nehmen. Anscheinend will er nicht auffallen. Aber er will mitbekommen, was da passiert. Er will hören, was dieser Jesus zu sagen hat.
Zachäus war ein Zolleinnehmer. Er wusste seine Kompetenzen gut einzusetzen. Sogar so, dass sie ihm mehr Vorteile brachten als nötig. In der damaligen Zeit war das ein Beruf ohne Ansehen. Das Zolleinnehmen konnte man von der Besatzungsmacht der Römer pachten und dann wiederum die einzelnen Zoll-Stationen weiter verpachten. Er lebte gut davon, andere zu betrügen. Zachäus war da wohl Meister darin, eben der Oberzolleinnehmer. Aber was heißt das schon, materiell gut dazustehen, mehr zu haben als man braucht, mehr anderen abzunehmen als einem zusteht. Manchmal fehlt das Entscheidende zum Glück, zur Glückseligkeit, zur Zufriedenheit.
Stellt sich also die Frage, was hat diesen Zachäus, den keiner so recht mochte, angetrieben. Woher kannte er Jesus? Warum wollte er ihn sehen? Zachäus kletterte auf den Baum. War er noch skeptisch? Brauchte er erst mal den Blick aus der Distanz?
Den Sicherheitsabstand, um doch noch zu flüchten, falls es zu ernst wird? Zurück in sein gesichertes Leben? Woher kannte er Jesus? Warum wollte er ihn sehen?
Lukas erzählt nicht, was es war, da heißt es nur: „Er begehrte Jesus zu sehen.“ Warum? Und weiter heißt es im Text: „Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf.“
„Sah er auf“ steht hier einfach, so als würde er einfach nur hochgucken. In einer älteren Luther-Übersetzung ist das ursprüngliche griechische Wort treffender übersetzt mit: „er wurde gewahr.“ Gewahr werden ist mehr als nur hinsehen. Gewahr werden ist ein Aufdecken – da wird wahr, was schon immer irgendwie da ist. Jesus sieht Zachäus, den Menschen Zachäus, wie er dort im Baum verharrt. Ein ungewöhnlicher Anblick. Aber mit ein paar Worten und sehr direkt löst Jesus die komische Situation auf und schafft einen neuen Skandal.
„Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Jesus lädt sich selbst ein. Und die Reaktion bei Zachäus ist pure Freude.
Zachäus kann sich nicht verstecken, kann seine Gefühle nicht verstecken. Er freut sich einfach. Zachäus verspricht sofort, mit seinem Tun aufzuhören, 50 % seines Besitzes den Armen zu geben, und denen, die er betrogen hat – allerdings sagt er „Wenn ich jemanden betrogen habe“- will er es vierfach zurückzahlen. Er will etwas ändern in seinem Leben.
Leere Worte sind das wohl nicht. Vor Zeugen äußert er sich, das heißt sein Reden hat Konsequenzen. Aber radikal ist nicht Zachäus, sondern Jesus aus Sicht der anderen. Er kehrt bei Zachäus ein, ungewöhnlich, passt so gar nicht. Er lässt Zachäus gar keine Wahl, keine Chance, denn er lädt sich selbst ein. Er, der kleine Zachäus kann sich nicht verstecken. Er wird gesehen, ist angesehen bei Jesus. Und folgerichtig wird er in den Mittelpunkt gesetzt, will Jesus Zeit mit ihm verbringen und lädt sich ein.
Vielleicht hatte Zachäus sich längst gefragt, wohin das Leben ihn bringt und er brauchte nur noch einen Anstoß. Er weiß, er profitiert von den Vorteilen, aber wusste längst irgendwie kann das nicht alles sein. Manchmal verliert man sich auf seinem Weg, im Alltagstrott, macht immer weiter und weiß doch längst, ich habe mich auf meinem Weg verloren.
Jesus überumpelt Zachäus geradezu mit seiner Spontaneität.
Aber ist das nicht gerade manchmal genau das, was wir brauchen. Da begegnet uns wer und man spürt, das macht was mit einem. Da spricht uns einer aus dem Herzen, ehe wir selbst es formulieren können. Da weiß einer schon, was wir benötigen, was Not tut, damit sich was verändern kann, damit ich in Gang komme, mich in Bewegung setze.
Mit Moral kommt Jesus dem Zachäus nicht. Er macht ihm keine Vorhaltungen. Und genau das ist der Schlüssel zur Veränderung. Sein Gegenüber Zachäus kommt selbst darauf, was zu tun ist. Mit Moral allein ändert sich nichts, wohl aber mit Zuwendung und Liebe. Und damit überrascht Jesus den Zöllner. Die anderen dagegen machen Jesus Vorhaltungen. Sie appellieren an seinen Sinn für Etikette, für Moral und Anstand. Sie verstehen immer noch nicht, welche Botschaft Jesus hat, zumindest nicht in der Tiefe.
„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Spätestens durch das Versprechen des Zachäus, sein Geld zu teilen und zurückzugeben, was ihm nicht zusteht, hätten sie doch wach werden, gewahr werden müssen, was Jesus bewirkt.
Denn Jesus lässt niemanden stehen. Er stellt häufig diejenigen in die Mitte, ins Zentrum, die an den Rand geraten sind, die von anderen nicht gesehen oder gar verachtet werden.
- Kranke, die als Menschen zweiter Klasse behandelt werden,
die im wahrsten Sinn als Aussätzige ausgesetzt werden,
oder für ihren Lebensunterhalt betteln müssen - Kinder, deren Lebensrecht übersehen wird, (Markus 10)
- Frauen, denen ihre Würde vorenthalten wird, (Johannes 8)
- Ausländer, deren Gleichberechtigung bestritten wird, (Lukas 10)
- Arme, deren Lebensbedürfnisse vernachlässigt werden.
Hier ist es zur Überraschung aller ein Reicher, der sich durch seinen Beruf und seine Gier in Misskredit gebracht hat. Ausgerechnet ihm wendet sich Jesus zu. Ausgerechnet bei ihm will er zu Tisch sitzen und lädt sich ein. Ausgerechnet ihn nennt er beim Namen. Das wirft die Maßstäbe, die Ordnung der Umstehenden durcheinander. Murrend reagieren sie und denken wahrscheinlich: zu den Frommen, da hin sollte dieser Jesus kommen. Das kann man doch erwarten, dass er einen belohnt für all das Rechte, was man getan hat. Oder meinetwegen könnte er noch zu den Armen gehen, aber zu einem Reichen, das steht außerhalb ihrer Vorstellung von der Gemeinschaft mit Gott. Jesus enttäuscht diese Erwartung. Vor ihm sind alle Menschen gleich, ob krank oder gesund, ob arm oder ob reich. Er geht zu denen, die ihn brauchen
Er stellt sich zu Zachäus und eröffnet ihm so einen Weg, wieder anständig sein Leben neu auszurichten. Er ermöglicht, dass auch der Reiche durchs Nadelöhr kommt. Der Ruf der Umkehr, des Neubeginns steckt im Detail, Jesus lädt sich bei Zachäus ein. Er braucht ihn jetzt. Jesus wird dessen gewahr. Und folgerichtig passiert, was sein muss.
Zachäus kehrt um, aber läuft nicht umgekehrt. Zachäus wirft gar nicht alles um. Er bleibt weiter Oberzöllner, aber er hat einen anderen Berufsplan für sich entwickelt, einen der nicht ihm allein Vorteile einbringt, sondern gerecht für sein Gegenüber verläuft und darüber hinaus, zahlt er zurück, was er vorher unrechtmäßig eingenommen hat. Vierfach sogar. 50 % von allem gibt er dazu noch weg. Wie das rechnerisch geht, ist mir ein Rätsel, aber darauf kommt es vielleicht auch gar nicht an.
Die Rechnung geht für Zachäus auf. Er weiß sich auf einem besseren Weg. Doch Freunde wird er sich sicher nicht damit gemacht haben. Die Enttäuschung und Wut der anderen ist verständlich und wird weiter Bestand gehabt haben. Mit den Wiedergutmachungszahlungen, die Zachäus leistet, ändert sich die Welt nicht. Noch braucht es mehr, dass er seinen Namen Zachäus, der Gerechte zu recht verdient.
In der Welt bleibt vieles im Argen, das muss er spüren. Und trotzdem ist es besser, einige gebrauchen die Freiheit, zu der Jesus sie befreit hat, als dass sie weitermachen wie bisher. Steter Tropfen höhlt schließlich den Stein oder nicht?
Im Konfirmandenunterricht behandeln wir die Geschichte immer beim Abendmahl.
Umkehr, Neubeginn und Zuwendung sind die Stichworte. Eine Motivations-geschichte zur Veränderung ist es aus meiner Sicht oder zumindest zum Nachdenken über das eigene Leben, das nie so bleiben muss, wie es immer schon war. Viel zu oft sind wir doch im Alltagstrott, im üblichen Ablauf des Berufsalltags gefangen. Erwachsene ändern ihr Verhalten, ihre Haltung seltener. Wir sehen doch eher erst die Konsequenzen, die Grenzen des Machbaren, des Vorgegebenen, anstatt beruflich, persönlich, den Schalter umzulegen. Da seid ihr Jugendlichen echt im Vorteil, ihr seid noch auf der Suche nach dem, was euch wichtig ist. Ihr probiert aus, wie ihr euer Leben sinnvoll gestalten wollt.
Diese Neugier sich zu bewahren, genau hinzusehen, einfach mal die Perspektive auf etwas – wie Zachäus vom Baum aus schauend – zu gönnen, kann Wunder bewirken.
Es zählt nicht nur der radikale Neubeginn, sondern jeder kleine Schritt ist ein Schritt auf dem Weg. Die Wahl haben wir, immer wieder, jeden Tag neu, uns selbst gegenüber und anderen. Zuwendung ist der Schlüsselmoment. Manchmal ist es gut, sich eine Auszeit zu gönnen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Ob wir dabei auf einen Baum klettern, in die Kirche zum Gottesdienst gehen oder beim Gespräch mit Freunden verweilen, das ist egal. Denn dabei geht es um mehr als einen Rückzahlungsplan. Dabei geht es um unseren Glauben, unsere Lebensgestaltung und den Sinn des Lebens. Sich diese Neugier bewahren, über sich und sein Tun nachzudenken, zu hören, was Gott uns – jedem Einzelnen – zu sagen hat, sich von Gottes Liebe überraschen zu lassen und dabei die Chance zum Neustart sich offen zu halten, dazu lädt uns Jesus ein.
Gut, wenn wir dann am Ende eines Lebens über unseren Mitmenschen sagen können: „Er hat seine Aufgabe erfüllt.“ Amen.
