Regio-Predigtreihe 2026 der Region Ost
„Aus der zweiten Reihe“
Predigt über „Aaron“
(2. Mose [Exodus] 4,10.13-16; 17,11.12; 4. Mose [Numeri] 6,22-27)
von Pfarrer Thomas Abraham
Liebe Gemeinde!
Wenn in einem Bibelquiz gefragt wird „Wer hat die Israeliten aus Ägypten geführt?“, dann läge man mit der Antwort „Mose“ vermutlich richtig: Er bekommt von Gott den Auftrag dazu; er bleibt die Hauptfigur, die Führungspersönlichkeit; mit ihm schließt Gott den Bund auf dem Berg Sinai und übergibt ihm die Tafeln mit den Zehn Geboten. All das wird in den fünf Büchern Mose erzählt.
Und doch ist diese Antwort nicht ganz vollständig. An vielen Stellen in diesen Erzählungen ist nämlich ganz selbstverständlich von „Mose und Aaron“ die Rede. Ohne seinen Bruder Aaron hätte Mose das nicht geschafft. Ich will an drei Stellen zeigen, wie wichtig dieser Aaron in der zweiten Reihe ist.
1) Die wahrscheinlich bekannteste ist die Berufung des Mose am brennenden Dornbusch. Gott weiht Mose in seinen Plan ein: Die Israeliten sollen aus der Sklaverei befreit werden und in ein gutes und weites Land kommen, darin Milch und Honig fließt. Und er – Mose – soll zum Pharao gehen und das Volk aus Ägypten führen. Ein ganzes Kapitel lang verhandelt Mose mit Gott: Wer bin ich denn, dass ich zum Pharao gehen könnte? Was soll ich den Israeliten sagen, wenn sie nach deinem Namen fragen? Sie werden mir mit nicht glauben. Und schließlich (2. Mose [Exodus] 4,10.13-16):
10 Mose sprach zu dem HERRN:
Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest;
denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge. 13 … Sende, wen du senden willst.
14 Da wurde der HERR sehr zornig über Mose und sprach: Gibt es da nicht deinen Bruder Aaron, den Leviten?
Ich weiß, dass er beredt ist. Und siehe, er wird dir entgegenkommen, und wenn er dich sieht, wird er sich von Herzen freuen.
15 Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt. 16 Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein, und du sollst für ihn Gott sein.
Alleine hätte Mose nichts zuwege gebracht, obwohl er ganz eindeutig an erster Stelle steht. Aber er hätte den Mund nicht aufbekommen. Weitere Abschnitte der Erzählung beginnen dann oft so: „Gott sprach zu Mose: Sage Aaron: …“ Tu dies und das. Und dann macht Aaron das. Gott gibt die Richtung vor; Mose ist der erste Befehlsempfänger und Anführer des Volkes; aber Aaron findet die Worte für das, was zu sagen ist. Er ist nicht der Anführer, nicht der Kanzler – aber er führt das Wort. Er ist der Regierungssprecher, der Übung hat im Reden und die passenden Worte findet. Es ist eine eigene Kunst, Dinge zu auszudrücken, dass sie richtig verstanden werden und nicht ständig im Nachhinein erklärt werden muss „sooo war das nicht gemeint“.
Zusammen sind die beiden die Schnittstelle zwischen Gott und den Israeliten: Mose bekommt seine Anweisungen von Gott und gibt sie an Aaron weiter (das ist gemeint mit du sollst für ihn Gott sein). Und Aaron verschafft dem Willen Gottes Gehör (er soll dein Mund sein). Aaron ist ein Diener am Wort Gottes.
2) Diese Aufgabe – Diener am Wort Gottes – bekommt im Lauf der Zeit noch eine besondere Form und Würde. Im Zuge des Bundesschlusses am Sinai – nach der Übergabe der Tafeln mit den Zehn Geboten und vor der Einweihung der Stiftshütte – steht der Abschnitt, den wir vorhin als Lesung gehört haben (4. Mose [Numeri] 6,22-27). Er beginnt mit der schon erwähnten „Befehlskette“: 22Der HERR redete mit Mose und sprach: 23Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet.
Dann folgt der Segen, wie er oft am Ende auch der christlichen Gottesdienste gesprochen wird. Und am Ende steht eine besondere Beschreibung für das, was beim Segnen geschieht: So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Aaron ist der Urahn der Priester. Er verschafft dem Willen Gottes Gehör und er legt den Namen Gottes auf die Israeliten. Wer gesegnet wird, den verbindet Gott mit sich. Aaron macht diese Verbindung mit Gott hörbar und erfahrbar. Er bringt die Verbindung mit Gott immer wieder in Erinnerung.
Das Volk hat diesen Segen Gottes auf seinem Weg durch die Wüste erfahren: Sie wurden in Gefahren behütet. In den dunklen Momenten der Angst hat Gott die Hoffnung zu neuem Leben erweckt. Nach Eigenwilligkeiten und Ungehorsam ist Gott gnädig gewesen. Gott wendet sich seinem Volk zu und stellt es auf den Weg des Friedens. Dazu, sagt Gott, soll Aaron meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
3) Die dritte Stelle ist weniger bekannt und sie ist für uns heute nur schwer verständlich – und auch schwer erträglich. Da wird erzählt, dass die feindlichen Amalekiter kommen und gegen die Israeliten kämpfen. Ich will nicht darauf eingehen, mit welcher Selbstverständlichkeit dann dankbar von der Hilfe Gottes in diesem Kampf erzählt wird und wie wenig das in unser Weltbild passt, das – wie ich finde – ganz zu Recht die Forderung „nie wieder Krieg“ hochhält. Worum es mir geht, ist die Rolle des Aaron in dieser Geschichte.
Die Amalekiter greifen die Israeliten an. Mose schickt ihnen Josua mit einigen Männern entgegen. Dann stellt er sich auf den Hügel mit seinem Stab in der Hand, mit dem er das Schilfmeer geteilt hatte. Dann steht da (2. Mose [Exodus] 17,11.12): 11Solange Mose die Hand hochhielt, war Israel stärker. 12Sobald er aber die Hand sinken ließ, waren die Amalek stärker. Irgendwann wurden dann aber Mose verständlicherweise die Hände schwer, deshalb stützen Aaron und Hur ihm die Hände, auf jeder Seite einer. So blieben seine Hände erhoben, bis die Sonne unterging.
Aaron ist hier Moses Stütze. Er gibt ihm Halt. Aaron ist nicht in der Lage, die Amalekiter abzuwehren – das macht Mose; und doch trägt er entscheidend dazu bei, dass Mose das kann. Ohne Aaron hätte Mose es nicht geschafft.
Aaron bleibt in der zweiten Reihe und ist doch unentbehrlich. Wir neigen dazu, immer nur die in der ersten Reihe für wichtig zu halten: Im Sport werden nur die ersten drei auf dem Podest geehrt (oder sogar nur die Sieger). In der Politik beachten wir den Kanzler oder Präsidenten, im Fernsehen die Schauspieler und nicht die Kameraleute.
Aaron macht mir klar: Das ist eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung. Gott braucht für das Werk seines Segens auch all die Menschen in der zweiten Reihe und in den Reihen dahinter. Wir tun uns selbst keinen Gefallen, wenn wir nur die Plätze in der ersten Reihe für wichtig halten – von denen gibt es nämlich gar nicht genug für alle. Wenn wir selbst dort keinen Platz finden, dann meinen wir, wir seien weniger wert.
Für das notwendige Wirken in der zweiten Reihe fallen mir zwei Beispiele aus unserer Zeit ein.
Bei der Tour de France wird in Teams gefahren. Die sogenannten „Helfer“ haben die Aufgabe, im Feld oder bei einer Ausreißergruppe das Tempo so zu beeinflussen, dass der Teamchef im Ziel die besten Chancen auf den Etappensieg hat. Ihre eigene Zeit interessiert am Ende nicht. Aber ohne sie hätte der Teamchef keine Chance.
Zweites Beispiel: Der Fernseh-Gottesdienst am ersten Advent. Hinterher wurde ich etliche Male gefragt: „Warum waren Sie als Pfarrer der Stadtkirche nicht zu sehen?“ Mein Platz war in der zweiten Reihe. Ich hatte die Aufgabe, denen die Hände zu stützen, die da am Werk waren. Das haben nicht so viele gesehen, aber es hat zum Ergebnis beigetragen.
Es ist gut, dass es in der zweiten Reihe die Aarons gibt (oder wie auch immer sie heißen). Ihnen gebührt unsere Anerkennung und unser Dank. Und es ist gut, wenn wir selbst solche Menschen in der zweiten Reihe sind, die anderen die Hände stützen oder Gottes Namen auf sie legen. Darauf liegt Gottes Segen.
