Predigt am Sonntag Lätare, den 10. März 2024,
über Lukas 22,54-62 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Lukas 22,54-62
54Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. 55Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. 56Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm.
57Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. 58Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht.

59Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. 60Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. 61Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.


Liebe Gemeinde!
Petrus – „der Fels“. Jesus baut auf ihn. Er will sogar seine Gemeinde auf ihn bauen (Matthäus 16,18). Dieser Fels bröckelt gewaltig, noch ehe die Gemeinde überhaupt entstanden ist / noch ehe der Hahn kräht.

Ich habe mir immer vorgestellt, dass das früh an Morgen ist – „beim ersten Hahnenschrei“. Im Predigtvorgespräch habe ich gelernt, dass Hähne im Orient auch während der Nacht krähen. Petrus erinnert sich an das Gespräch mit Jesus nach dem letzten gemeinsamen Essen. Da war Petrus noch davon überzeugt: Er würde Jesus auch bis in den Tod folgen. Aber Jesus wusste es besser: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. So schnell kannst Du gar nicht gucken. Ehe Du Dich versiehst, ist es schon passiert.

Ich bin dankbar für diese Geschichte von diesem fehlbaren Petrus, von dem bröckelnden Felsen. Er erkennt, dass er keineswegs vollkommen ist – genauso wenig wie alle anderen Jünger und alle anderen Menschen:
Er hatte den Mund zu voll genommen. Er hatte mehr versprochen, als er halten konnte. Zugegeben: Er hat sich mehr getraut als alle anderen Jünger. Die waren nach der Verhaftung im Dunklen davongeschlichen. Petrus ist Jesus und dem Trupp, der ihn verhaftet hat, immerhin zum Haus des Hohenpriesters gefolgt. Er schaut nicht nur von ferne zu, sondern setzt sich mitten unter sie. Die Runde, die am Feuer sitzt, mag sich gewundert haben, was er da zu suchen hat. Eine Magd … sah ihn genau an und sprach: „Der da war auch mit ihm zusammen!“ Sie spricht ihn noch gar nicht direkt an, sondern sagt das zu den anderen am Feuer. Petrus könnte sich noch dumm stellen und abwarten. Aber er kann seinen Mund nicht halten. Gleich beim ersten Mal haut er diesen Satz raus: Frau, ich kenne ihn nicht. Deutlicher kann man es nicht sagen. Die beiden Antworten, die dann noch folgen, sind harmlos dagegen: Ich bin’s nicht. Ich weiß nicht, was du sagst. Das ist eher Rumgedruckse: „Das muss eine Verwechslung sein. Keine Ahnung, was du meinst. Dazu kann ich nichts sagen“. Stattdessen sagt er ungefragt: Frau, ich kenne ihn nicht.

Und alsbald krähte der Hahn. Da fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Er hat versagt – genau wie alle anderen. Und er schämt sich dafür. Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Aber bevor Petrus geht, wird noch etwas erzählt: Der Herr drehte sich um und sah Petrus an. Diesen Blick von Jesus hat nur der Evangelist Lukas in die Erzählung eingefügt. Der Herr drehte sich um und sah Petrus an. Man kann jetzt darüber spekulieren, was in diesem Blick liegt: Ein ängstliches „Jetzt lässt der mich auch noch im Stich“ oder eher ein neugierig-fragendes „Wird er mir gleich Gesellschaft leisten in der Haft?“ Oder ist es ein vorwurfsvoll-besser­wisserisches „Ich hab’s dir ja gesagt, aber du wolltest ja nicht hören“?

Ich denke, es ist ein liebender Blick zum Abschied: Jesus wusste es nicht nur besser, sondern er wollte auch gar nicht, dass Petrus mit ihm in den Tod geht. Er hatte einen anderen Plan. Jesus braucht Petrus noch – und zwar lebend. Er braucht als Führungsfigur keinen glattgeschniegelten, makellosen Vorzeigechristen, der sich selbst für unfehlbar und jesusgleich hält. Er braucht genau den, der weiß, wie nah er am Abgrund steht und wie schnell er selbst scheitern kann – ehe der Hahn kräht. Jesus braucht Menschen, die über ihr eigenes Verhalten bitterlich weinen und gerade beim eigenen Scheitern Verantwortung übernehmen. Auf solche bröckelnden Felsen baut er seine Gemeinde.

Selbstüberschätzung, Scheitern und Verleugnen: Diese Geschichte hat Ende Januar eine erschreckende Aktualität bekommen. Da wurde der gut 800seitige Abschlussbericht der ForuM-Studie veröffentlicht: „Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“.
Eine ganz bedrückende Selbsterkenntnis daraus ist: Wir haben als Evangelische Kirche eine (arrogante) Tendenz, uns für besser zu halten als die Katholische Kirche. „Bei uns passiert das nicht – und wenn, gehen wir anders damit um“. Von wegen.
Von 1946 bis 2020 gab es allein in Baden 88 Beschuldigte und 178 Betroffene – statistisch gesehen jedes Jahr mehr als ein Beschuldigter und 2,4 Betroffene. Und das sind nur die Zahlen derer, die aktenkundig geworden sind.

Es braucht noch viel an Aufklärung; es braucht Anerkennung des anhaltenden Leides der Betroffenen; es braucht eine nicht nur innerkirchliche Aufarbeitung, sondern eine unabhängige Strafverfolgung. Die Ermahnung dazu an uns selbst und die Ermutigung dazu an Betroffene stehen für mich an erster Stelle. Das muss und das wird uns deutlich mehr beschäftigen als bisher. Ich will nur zwei Punkte heute nennen.

Zur Achtsamkeit gehört auch, dass wir die sogenannte „typisch evangelische“ Faktoren oder Strukturen erkennen, die Räume für sexualisierte Gewalt öffnen oder ihre Aufdeckung erschweren.
(1) Familiarität, Geborgenheit, Miteinander auf Augenhöhe, Vertrautheit und Vertraulichkeit – das hat einen hohen Stellenwert in unserem Kirchen- und Gemeindebild und das mit gutem Grund. Aber genau darin liegt auch ein Risiko. Die Passionsgeschichte ist da sehr realistisch: Verrat und Verleugnung kommt von den engsten Vertrauten. Sexualisierte Gewalt wird ganz überwiegend von Vertrauenspersonen ausgeübt – im privaten / häuslichen Umfeld aber eben auch in der Kirche. Das macht sie so perfide, denn sie zerstört mit der zugefügten Verletzung zugleich den Schutzraum der Geborgenheit. Wir müssen damit rechnen, dass so etwas auch bei uns passieren könnte, in unserer Gemeinde.
Das hat etwas von der Quadratur des Kreises: Um Vertrauen erhalten zu können, müssen wir mit der Möglichkeit des Vertrauensbruches rechnen. Es braucht Strukturen der Kontrolle und der Transparenz, damit die einen vor dem Missbrauch von Vertrauen und Macht geschützt werden und die anderen vor einem Misstrauen, das die Arbeit in der Kirche unmöglich macht.

(2) Ein zweites in der evangelischen Kirche weit verbreitetes Phänomen ist der sog. „Vergebungsdruck“: Wem Schuld angetan wurde, der muss vergeben, denn Gott vergibt uns ja auch unsere Schuld. Im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt wird das schnell zu einem Täterschutz: Betroffene stehen unter dem Druck, Tätern zu vergeben. Aber Vergebung kann man nicht verordnen oder erwarten, schon gar nicht von traumatisierten Menschen. Damit wird Traumabewältigung verhindert. Davon abgesehen setzt Vergebung ja wohl auch Einsicht und Reue voraus und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen zu tragen. Aber daran fehlt es bei erschreckend vielen Beschuldigten. Wo Taten geleugnet, verschleiert oder verharmlost werden, da ist kein Ort für Vergebung. Wir müssen aushalten, dass es Schuld gibt, die in diesem Leben nicht vergeben werden kann. Vielleicht beschreibt das Ende dieser Geschichte, was in dieser Situation angezeigt ist: Er ging hinaus und weinte bitterlich.

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