Predigt am Sonntag Judica, 17. März 2024,
über 1. Korinther 16,14 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

1. Korinther 16,14
14Alles was ihr tut, geschehe in Liebe.


Liebe Gemeinde! Liebe Jubilarinnen, liebe Jubilare
Viele von Ihnen, wenn auch nicht alle, wurden hier in Durlach konfirmiert. Manche sind einander (über viele Jahre) enge Weggefährten gewesen, andere haben sich aus den Augen verloren und sehen sich nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder.
25 Jahre liegen zwischen den Konfirmationen der ältesten und der jüngsten Jubilare heute. Lassen Sie uns eine kleine Zeitreise machen in die Jahre Ihrer Konfirmation.

1974
Walter Scheel wurde Bundespräsident (und sang später „Hoch auf dem gelben Wagen“).
Im Juli besiegt Deutschland die Niederlande und wird zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister.
Die Produktion des VW-Käfer in Wolfsburg wird ein- und der Autobahn-Elbtunnel in Hamburg fertiggestellt.

1964
Martin Luther King erhält den Friedens-Nobelpreis. Der Film „Yeah, Yeah, Yeah“ mit den Beatles kommt in die Kinos. In Durlach wird das Seniorenheim „Parkschlössle“ abgerissen und (bis 1968) neu aufgebaut.

1959
Die SPD verabschiedet ihr Godesberger Programm und Günter Grass veröffentlicht „Die Blechtrommel“. In Karlsruhe wird das Badische Landesmuseum eröffnet und die Gesellschaft für Kernforschung gegründet. Im besonders heißen Sommer trocknet die Alb aus.

1954
Am Konfirmationssonntag, dem 28. März, war Deutschland noch nicht Fußball-Weltmeister (das „Wunder von Bern“ geschah erst am 4. Juli). 87 Konfirmandinnen und Konfirmanden waren das damals allein in der Nordpfarrei!!! Nach der Einsegnung war unter Ihnen nach der vorherigen Anspannung eine gewisse Erleichterung zu spüren – vermutlich galt das dann erst recht nach dem Segen für Pfr. Beisel.

1949
Mit Ihnen wurden auch die Töchter von Pfr. Beisel und Dekan Schüle konfirmiert. Die Nachkriegszeit hat auch die Konfirmationszeit und die Feier mit geprägt. Die Kleider waren hochgeschlossen schwarz – und wurden dann später abgeändert zum Tanzkleid. Und nach der Konfirmation ging es dann jeden Sonntag zur Christenlehre.

2024 gedenken wir Ihrer Konfirmation und hören auf die Jahreslosung: Alles was ihr tut, geschehe in Liebe.

Diese Mahnung des Apostels Paulus ist eigentlich vor allem eine Erinnerung – eine Erinnerung, dass Gott seine Menschenkinder liebt. „Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Gott uns geliebt hat“ (1. Johannes 4,10). Die Liebe kommt von Gott. Gott lieben heißt, sich selbst als von Gott geliebten Menschen sehen. Das war das Lebensthema von Jesus Christus. In ihm kommt Gottes Liebe zur Welt. Durch ihn ermöglicht Gott uns den Dreiklang von Glaube, Hoffnung und Liebe: Seid wachsam, haltet am Glauben fest, seid mutig und stark! Alles was ihr tut, geschehe in Liebe.
Das ist vor allem anderen die Erinnerung an das Geschenk der Liebe Gottes: Erinnert Euch an das, was Eure eigene Existenz ausmacht. Besinnt Euch auf das, was Euch getragen hat in Eurem Leben und bis heute trägt – auch durch die Enttäuschungen und Verletzungen hindurch. Sie, liebe Jubilarinnen und Jubilare, könnten davon wohl so manches erzählen. Und wir tun gut daran, uns immer wieder darauf zu besinnen und uns gegenseitig darin zu bestärken. Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Wir können sie höchstens aus dem Blick verlieren. Deshalb die Erinnerung: Alles was ihr tut, geschehe im Vertrauen darauf, dass Gott Euch seine Liebe schenkt und sich durch nichts und niemanden davon abbringen lässt.

Das ist nicht nur eine Frage der inneren Gesinnung. Paulus ermutigt uns dazu, unser Leben der eigenen Begabung entsprechend zu führen: Lasst Euch anmerken, dass Ihr geliebte Kinder Gottes seid. Alles was ihr tut, geschehe in Liebe. Nehmt teil an der Bewegung Gottes zur Welt. Zeigt, was in Euch steckt. Freut Euch darüber, dass Gott Euch liebt. Seid dankbar dafür und lasst Euch davon bestimmen. Lebt als Geliebte. Denkt an die Würde, die Euch geschenkt ist. Das wird einen Unterschied machen.
Das ist keine Frage romantischer Gefühle. Das ist überhaupt nicht so sehr eine Frage von Gefühlen, sondern vielmehr eine Frage der Haltung und des Willens im Umgang miteinander. Im Philipperbrief schreibt Paulus: „Nicht Eigennutz oder Eitelkeit soll euer Handeln bestimmen. Vielmehr achtet in Demut den anderen höher als euch selbst“ (Philipper 2,3). Oder etwas einfacher: Liebe deine(n) Nächsten wie dich selbst: Stelle Dich selbst nicht über andere, sondern gestehe ihnen dieselbe Würde zu wie Dir. Liebe Gott von ganzem Herzen. Lebe als von ihm beschenkter Mensch, der nicht mehr als andere zu beanspruchen hat. Kein Mensch steht über oder unter einem anderen. Gott befreit Euch dazu, als gleichberechtigte Menschen zu leben – niemandem untertan, einander in Liebe verpflichtet. Alles was ihr tut, geschehe in Liebe.

„Liebe macht blind“ sagt die Redensart. Da ist manchmal etwas dran – wenn wir aus lauter Verliebtheit die Macken eines Menschen übersehen oder nicht wahrhaben wollen, dass auch unsere eigenen Kinder Fehler machen. Aber Liebe macht nicht nur blind, sie macht auch sehend: Sie lässt erkennen, was nach Gottes Willen in dieser Welt fehlt, woran es Menschen mangelt. Es fehlt an Gerechtigkeit, es fehlt an Frieden, und vielen Menschen fehlt es schlicht am Nötigsten zum Leben. Die Liebe rückt auch das in den Blick. Deshalb ist Religion keine Privatsache und nichts fürs stille Kämmerlein, sondern für die Plätze und die Straßen. Alles was ihr tut, geschehe in Liebe.

Noch ein letzter Gedanke: Alles was ihr tut, geschehe in Liebe – das bedeutet nicht, dass damit alles leicht fällt und glatt geht. Das lässt sich nicht einfach „machen“. Das bedeutet auch nicht, dass wir keine Fehler mehr machen. „Wir können lieben und können es nicht. Darum müssen wir es wagen und üben“. Im Vertrauen darauf, dass Gott sich durch nichts von der Liebe zu den Menschen abbringen lässt, können wir die Liebe und die Fehler in der Liebe riskieren. Da wäre es doch ein Versuch wert, einmal nicht nur unsere Liebsten in unser Gebet einzuschließen und nicht nur die, mit denen wir Mitleid haben, sondern auch unsere ärgsten Feinde. Alles was ihr tut, geschehe in Liebe.

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