Predigt am Ostersonntag, 31. März 2024,
über 1. Samuel 2,1-8 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Liebe Gemeinde!

„Ein Leben nach dem Tod ist das zentrale Versprechen des christlichen Glaubens. Doch wie eine Umfrage zeigt, glaubt daran nur etwa jeder dritte Deutsche“. So beginnt der Bericht im Sonntagsblatt über eine Umfrage zum Thema „ewiges Leben“.
Wir haben gerade miteinander unseren Glauben bekannt: „Ich glaube … an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Aber ist das denn wirklich dasselbe: „Auferstehung der Toten“ und die Frage, was nach dem Tod kommt? Kommt das „ewige Leben“ wirklich erst dann, wenn mein Leben hier auf dieser Erde und in der Form, wie ich es kenne, zu Ende sein wird?

Es hat wohl seinen guten Sinn, dass uns heute eine ganz „innerweltliche“ Auferstehungsgeschichte zum Bedenken aufgegeben ist: Eine Geschichte vom Aufstand Gottes gegen die Macht des Todes. Sie stellt eine andere Frage in den Raum: „Was kommt vor dem Tod?“

Es ist die Geschichte von Hanna. Sie war eine der beiden Frauen von Elkana. Hanna hätte gerne ein Kind zur Welt gebracht. Sie hätte das gerne am eigenen Leib miterlebt, wie Gott neues Leben entstehen lässt; wie er sein Schöpfungswerk immer und immer wieder fortsetzt. Aber Hanna war kinderlos.
Peninna, die andere Frau Elkanas, hatte Kinder. Das hielt sie Hanna immer und immer wieder unter die Nase. Sie demütigte Hanna: „Du bist wertlos, bist ja nicht einmal eine richtige Frau. Eigentlich bräuchte Elkana dich gar nicht, er hat ja mich“. Hanna ist ohnehin schon traurig, weil sie keine Kinder hat. Unter dem beißenden Spott von Peninna wächst ihre Traurigkeit zur Verzweiflung. Sie fühlt sich so traurig und hilflos wie die Frauen, die sich am Ostermorgen auf den zum Grab machen.
Hanna betet im Tempel und legt ein Gelübde ab: „Ach, Herr Zebaot, sieh das Elend deiner Magd an! Denk doch an mich und vergiss deine Magd nicht! Schenk deiner Magd einen Sohn! Dann will ich ihn dem Herrn überlassen sein ganzes Leben lang“ (1 Samuel 1,11). Ihr Gebet wird erhört und sie bringt Samuel zur Welt. Seine Aufgabe wird es sein, den ersten König des Volkes Israel zum König zu salben.

Hanna tut, was sie Gott versprochen hat: Sie bringt Samuel zum Tempel, damit er dort aufwächst als Diener des Herrn. Und sie betet wieder zu Gott. Dieses Gebet ist heute Predigttext:

1Damals betete Hanna mit diesen Worten:
Mein Herz ist voll Freude über den Herrn.
Der Herr hat mich wieder stark gemacht.
Mein Mund lacht über meine Feinde.
Denn ich freue mich über deine Hilfe.

2Keiner ist so heilig wie der Herr,
denn es gibt keinen Gott außer dir.
Kein Fels steht so fest wie unser Gott.

3Redet nicht so viel und hoch daher!
Kein freches Wort komme aus eurem Mund.
Denn der Herr ist ein Gott, der alles weiß.
Schändliche Taten duldet er nicht.

4Der Bogen der Starken wird zerbrochen,
die Schwachen aber bekommen neue Kraft.

5Die Satten müssen sich ihr Brot verdienen,
die Hungrigen aber sind den Hunger los.
Die Unfruchtbare bringt sieben Kinder zur Welt,
doch das Glück der Kinderreichen schwindet.

6Der Herr tötet und macht lebendig,
er führt ins Totenreich und wieder heraus.

7Der Herr macht arm und macht reich.
Er drückt nieder und richtet wieder auf.

8Den Geringen zieht er aus dem Staub,
den Armen holt er aus dem Dreck.
Seinen Platz gibt er ihm bei den Fürsten
und lässt ihn mit Würde auf einem Thron sitzen.

Drei Gedanken dazu:

1) Die Geschichte von Hanna steht in einem größeren Zusammenhang: Sie ist Auftakt zur Geschichte der Könige von Israel. Es geht hier nicht nur um das Schicksal einer einzelnen Frau und es geht schon gar nicht um das romantisch-verklärte Kinderglück unserer Tage. Es geht vor allem um das Bekenntnis dazu, dass alle Macht in der Hand Gottes liegt – nicht in der Hand von herrschenden Männern und nicht in der Hand von spottenden Frauen. Keine Macht dieser Welt entsteht aus sich heraus. Auch Könige leben aus der Schöpfermacht Gottes. Wenn sie das Vergessen und sich so aufführen, als wären sie Herrscher aus eigener Kraft und Macht und hätten einen Anspruch auf ihre Position, dann führt das in die Katastrophe – damals wie heute. Deshalb steht am Anfang der Erzählung von den Königen die Geschichte von Hanna und dem Gottesgeschenk des Lebens. Keiner ist so heilig wie der Herr, denn es gibt keinen Gott außer dir. Kein Fels steht so fest wie unser Gott.

2) Gott ist parteiisch. Gott stellt sich auf die Seite der Schwachen, der Hungrigen, der Unfruchtbaren, der Verspotteten und Gedemütigten, der vom Leben ausgeschlossenen. Die Macht Gottes ist keine abstrakte Größe, sondern sie wird erfahren als Hilfe in der Not: Hanna betete mit diesen Worten: Mein Herz ist voll Freude über den Herrn. Der Herr hat mich wieder stark gemacht. Mein Mund lacht über meine Feinde. Denn ich freue mich über deine Hilfe.

Gott ist kein Willkürgott, der nach eigenem Gutdünken mal die einen bevorzugt und mal die anderen. Das Lachen über die Feinde taugt nicht zu einer Kampfparole, mit der ich mich über andere erheben könnte, denn Gott stellt sich immer auf die Seite der Schwachen und der Unterdrückten. Gottes Macht ermächtigt die Ohnmächtigen. Sie werden ins Leben geführt: Nicht auf Kosten anderer – aber denen, die ihnen bisher das Leben verwehrt haben, wird das Handwerk gelegt. Schändliche Taten duldet er nicht.
Den Geringen zieht er aus dem Staub,
den Armen holt er aus dem Dreck.
Seinen Platz gibt er ihm bei den Fürsten
und lässt ihn mit Würde auf einem Thron sitzen.

3) Gottes Wille ist klar: Gott will das Leben.
Der Herr tötet und macht lebendig,
er führt ins Totenreich und wieder heraus.

Gott entscheidet nicht nach Lust und Laune mal so und mal so. Gott will immer das Leben. Die Macht über Leben und Tod liegt allein in Gottes Hand. Kein Mensch hat sich selbst das Leben gegeben. Kein Mensch kann den eigenen Tod verhindern – vorzeitig beenden oder hinauszögern, aber niemals verhindern.

Gott wirkt auch im Totenreich. Der Tod kann Gott nicht davon abbringen, den Menschen nahe zu sein mit seiner Liebe. Der Tod kann Gott nicht davon abbringen, den Menschen seine Lebenskraft einzuhauchen. Gott wälzt die Steine von den Gräbern des Lebens. Hanna kann ein Lied davon singen. Schändliche Taten duldet er nicht. Gott hat die Schatten des Todes von ihrem Leben genommen.

Kein Leid mehr ohne Gottes Parteinahme. Kein Sterben und kein Tod mehr ohne Gottes Ruf ins Leben. Keine Schatten des Todes ohne Gottes Nähe, die Lebenskraft schenkt und zum Aufstand gegen den Tod ruft. Da denke ich mir: Wenn Gott sich in diesem Leben gegen alle Schatten des Todes stellt, dann muss ich mir auch um das, was nach dem Tod kommt, keine Sorgen machen.

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