Predigt am Sonntag, Rogate, 5. Mai 2024,
über 2. Mose 32,7-14 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
In der Geschichte des Volkes Israel mit Gott gibt es immer wieder ein Auf und Ab. Gott befreit das Volk aus der Sklaverei in Ägypten. Dieser Weg führt durch die Wüste. Der Glaube der Israeliten wird auf die Probe gestellt. Am Berg Sinai bekräftigt Gott den Bund mit diesem Volk und gibt ihnen die zehn Gebote. Er ruft Mose zu sich auf den Berg, um ihm die steinernen Gesetzestafeln als Bundeszeichen zu übergeben. Als dieses Gespräch sich in die Länge zieht, fertigt sich das Volk sein eigenes Götterbildnis – es kommt zum sprichwörtlich gewordenen Tanz um das goldene Kalb. Mose kommt vom Berg herab, und zerbricht die Tafeln und bestraft das Volk für seinen Ungehorsam.
An dieser Stelle wurde nachträglich ein Abschnitt eingefügt. Der bringt zwar den Erzählfluss durcheinander bringt, aber vor allem erinnert er daran, dass der Weg Gottes mit den Menschen ein klares Ziel hat. Dieser Abschnitt ist der heutige Predigttext.
2. Mose 32,7-14
7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. 8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. 9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich habe dies Volk gesehen. Und siehe, es ist ein halsstarriges Volk. 10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre; dafür will ich dich zum großen Volk machen. 11 Mose wollte den HERRN, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? 12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. 14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk angedroht hatte.
Liebe Gemeinde!
Wir sprechen als moderne Protestanten nicht gerne vom Zorn Gottes. Das ist auch nicht gerade mein Leib-und-Magen-Thema; aber ich sehe die Gefahr, dass wir das Nachdenken über den Zorn Gottes nicht immer nur von uns wegschieben und beiseitedrängen dürfen. Sonst machen wir aus dem „liebenden Gott“ einen harmlosen „lieben Gott“, einen niedlichen Plüschtier-Gott – flauschig-weich, prima zum Kuscheln auf dem Sofa, ansonsten aber völlig belanglos.
Der heutige Predigttext bietet die Gelegenheit (und nötigt dazu), über den Zorn Gottes nachzudenken. Lass mich, sagt Gott zu Mose, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre. Gott ist außer sich vor Wut. Aber warum eigentlich?
Gott hatte das Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt und bis dahin in der Wüste am Leben erhalten. Aber jetzt kommt es ihnen so vor, als ob er nicht mehr da wäre. Da hat auch sein Versprechen auf einmal keinen Wert mehr. Die Israeliten halten es nicht aus, dass Gott nicht verfügbar ist. Sie unternehmen etwas. Sie zeigen Handlungsfähigkeit. Sie nehmen die Angelegenheit „Gott“ in die eigenen Hände. Deshalb sollte ich vielleicht eher sagen: In besinnungslosem Aktionismus bringen sie Aaron dazu, aus den Ohrringen und anderem Schmuck ein goldenes Kalb anzufertigen. Die Sehnsucht nach einem handfesten, strahlenden Gott lässt sie ihren eigenen Götzen basteln.
Wenn Menschen Gott in die eigenen Hände und seinen Glanz für sich selbst in Anspruch nehmen, führt das immer in die Katastrophe: Dann erklären sie ihre eigene Religion für die allein seligmachende – Andersgläubige gehören dann nicht mehr dazu. Das eigene Volk gilt als allen anderen überlegen – und auch da gehören die sogenannten anderen nicht dazu.
Daran entzündet sich der Zorn Gottes – weil sich die Israeliten mit ihrem eigenen religiösen Bedürfnis der Liebe Gottes in den Weg stellen, die doch allen Geschöpfen gilt. Gottes Zorn entspringt nicht der willkürlich schwankenden Stimmung eines unbeherrschten Cholerikers, den man mit etwas Arbeit an der Impulskontrolle in den Griff bekommen könnte. Gottes Zorn entbrennt dort, wo Menschen sich als Gott aufspielen und seine Liebe mit Füßen treten. Da kann Gott sich nicht gleichgültig in seinem Sessel zurücklehnen, sondern ist außer sich vor Wut. Der Grund für Gottes Zorn liegt in seiner Liebe. Sie bedeutet ihm alles. Wo Gottes liebender Wille mit Füßen getreten wird, da wird sein ganzes Schöpfungswerk in Frage gestellt. Sollte alles umsonst gewesen sein?
Darum dreht sich das Gespräch zwischen Gott und Mose. „Der HERR redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet (Exodus 33,11)“. Das ist ein ausgesprochen vertrautes Gespräch zwischen zweien, die sich gut kennen. Mose hört den wutschnaubenden Ausruf Gottes: Lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne. Störe mich nicht in meinem Zorn.
Wie gut, dass Mose nicht ohne Sinn und Verstand wortwörtlich befolgt, was Gott ihm hier sagt. Wie gut, dass er Gott ernst nimmt und genau hinhört. Mose erkennt, worauf Gott eigentlich hinaus will. Mose hört den Hilferuf in diesem Zorngebrüll heraus: „Bring mich zur Besinnung! Hol mich zurück, damit ich wieder zu mir komme!“
Mose wollte den Herrn, seinen Gott, besänftigen. Das klingt nach den Beruhigungsversuchen bei Bluthochdruck. Aber auch darin steckt viel mehr. Mose ent-zürnt Gott. Er erweist seine Treue zu Gott nicht in sklavischem Gehorsam, sondern indem er Gott widerspricht und an sein Versprechen erinnert. Mose lässt Gott wieder zu sich selbst kommen. Besänftigen ist ein viel zu harmloses Wort für das, was hier geschieht.
Das hebräische Wort für besänftigen waj’chal klingt ähnlich wie ein anderes Wort: chalal. Und das bedeutet „von einem Gelübde entbinden“. Gott steckt hier in der Zwickmühle: Er hat dem Volk die Vernichtung angedroht. Wenn er tut, was er da angedroht hat, dann ist das das Ende der Geschichte des Volkes, mit dem er einen Bund geschlossen hat; damit würde er seine eigene Verheißung zunichtemachen. Tut er es nicht, dann bleibt die angedrohte Konsequenz aus und er wird unglaubwürdig.
Mose entbindet Gott von dem Gelübde, das Volk vernichten zu müssen. Und er löst Gott von der Vorstellung, Gott würde dadurch das Gesicht verlieren. Diesen Gott, der außer sich ist vor Zorn, lässt Mose wieder zu sich selbst zurückkommen. Er tut das mit 3 bemerkenswerten Argumenten.
1) Gott hatte seine Rede begonnen mit dem Satz: Geh, steig hinab, denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Mose rückt das zurecht: Herr, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?
In einem rabbinischen Text wird das aufgegriffen: „Dann sagte Mose zum Heiligen, gepriesen sei er: Herr von Welten!
So oft sie schändlich handeln, sind sie die meinen. sind sie aber folgsam, dann sind sie die deinen!? Ob schändlich oder gut gehandelt, sie sind die deinen!“
Gott hat die Israeliten aus der Hand der Ägypter in die Freiheit geführt. Die Menschenliebe und der Freiheitswillen Gottes ist in dieses Volk eingeschrieben. Gott hat sich untrennbar mit den Israeliten verbunden.
2) Das zweite Argument bezieht sich auf die Ägypter: Würde Gott das Volk Israel in der Wüste vernichten, dann würden sich die Ägypter kaputtlachen: Was ist von so einem Gott zu halten, der sein Volk aus Ägypten heraus in ihr Unglück führt? Damit würde Gott sich tatsächlich vor der ganzen Welt unglaubwürdig machen.
3) Und schließlich erinnert Mose Gott an das Versprechen, das er den Generationen vor ihm gegeben hatte: Sollten sie einem Lügengott aufgesessen sein?
Gott bleibt sich und seinem Versprechen treu, indem er von seinem Zorn abrückt. Er zürnt zurecht, aber mit seinem Erbarmen übt er seine göttliche Macht aus. Gott lässt sich sein Verhalten nicht vom Ungehorsam des Volkes diktieren. In der Rückkehr zum Erbarmen erweist Gott sich als Gott – und nicht im Vollstrecken der Strafe in Abhängigkeit vom Tun der Menschen. „Gott ist kein starrsinniger Rechthaber, der um des Rechtbehaltens willen auch über Leichen geht! Gott ist ein lebendiger Gott, mit dem zu reden und mit dem zu ringen sich lohnt: Er hört tatsächlich und lässt sich bewegen von menschlichem Einsatz auch für die, die ihn beleidigen und verletzen“ (Sylvia Bukowski). Gott bleibt sich treu, indem er an seiner Verheißung festhält gegen den Ungehorsam der Menschen. Auch wir leben von seiner Inkonsequenz.
