Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 8. September 2024,
über Matthäus 6,25-34 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Kennen Sie das Bilderbuch „Alles Meins!“ mit dem kleinen Raben?
Der kleine Rabe kennt nur eine Sorge: Wie kann ich den anderen Tieren das abknöpfen, was ich haben will (Teddy, Rollschuhe, Spielsachen etc.)? Dazu fallen ihm immer wieder neue Tricks ein. Mit den ergaunerten Schätzen verschanzt er sich in seinem Nest. Er traut sich nicht mehr zum Spielen raus und lässt niemanden zu sich. Aber schließlich stellt er fest:
„Mit anderen teilen ist blöd!
Eroberte Schätze zurückgeben, ist noch blöder! Aber keine Freunde zum Spielen haben,
ist am allerblödesten!“

In der Bergpredigt spricht Jesus über das Schätzesammeln und das Sorgen. Da geht es nicht um das, was einem durchaus Grund zur Sorge geben könnte; Jesus meint hier nur das sorgenvolle Kreisen um die eigenen Bedürfnisse. Was er dazu sagt, hören wir jetzt – aus dem 6. Kapitel des Matthäusevangeliums:

25Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? 27Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. 33Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. 

Liebe Gemeinde!
Jesus wirbt hier nicht für eine unbekümmerte Sorglosigkeit, die sich nicht um die Nöte und Probleme in der Welt schert, im Gegenteil: Er will, dass sich die Seinen auch um andere kümmern und nicht nur um ihre eigenen Bedürfnisse kreisen. Sorgfalt, Fürsorge und Vorsorge ja – aber kein lähmend-ängstliches Sich-Sorgen, die meine ganze Aufmerksamkeit fordert und für nichts anderes mehr Raum lässt. Denn: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Matthäus 6,21). Oder mit Worten den Martin Luthers: „Woran du dein Herz hängst, das ist in Wahrheit dein Gott“.

Was ist mein bestimmender Lebensinhalt / meine Religion? Was bestimmt als höchstes Gut über mein Leben? Oder besser gesagt: Was lasse ich als höchstes Gut über mein Leben bestimmen – das Schätzesammeln, damit „Alles Meins“ wird? Mache ich die Ernährung oder die Gesundheit zu meiner Religion? Huldige ich dem Outfit oder dem Ansehen, das ich bei anderen habe / dem guten Eindruck?
Letzten Endes liegt es an mir und in meiner Verantwortung, welche Prioritäten ich setze. Dieser Abschnitt aus der Bergpredigt will uns dabei helfen, heilsame Prioritäten zu setzen. Er tut das mit Worten, die durchaus provozieren, aber auch falsch verstanden werden können. Sorgt euch nicht um euer Leben.

Sorgen kann ja ganz unterschiedlich verstanden werden: Ich schaue mit Sorge auf die Kriege in der Welt und auf die Bedrohung unserer Demokratie. Ich sorge für meine pflegebedürftigen Eltern. Ich gehe zur Vorsorge-Untersuchung. Ich sorge dafür, dass ich im Gottesdienst nicht unvorbereitet auf die Kanzel steige.
Das alles ist vernünftig und gut und richtig. Dagegen hat Jesus nach meiner Überzeugung auch nichts einzuwenden.
Er meint ein anderes Sorgen: Wenn ich nur noch die Sicherung der eigenen Bedürfnisse im Blick habe und nichts anderes mehr zählt; wenn ich ängstlich-sorgenvoll nur Augen für das eigene Schätze-Sammeln habe.
Im Englischen gibt es zwei verschiedene Wörter für dieses unterschiedliche Sorgen: care ist das Sich-Kümmern, das (aktive) Sorgen – auch für andere; worry dagegen ist das angstbesetzte Besorgtsein um das eigene Wohl. Dagegen setzt Jesus zwei pragmatische und ein theologisches Argument.

Das erste pragmatische: Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Die Länge (hlikia) – das kann die Länge des Lebens sein. So wird das meistens übersetzt; der Zusammenhang mit der Sorge um das Leben legt das auch nahe: Wer kann denn sein Leben dadurch verlängern, dass er sich den ganzen Tag Sorgen darüber macht?
Vielleicht denkt jetzt jemand: Wer gut für sich sorgt, der lebt länger. Ich sage: Manchmal stimmt das, manchmal aber auch nicht. Eine gesunde Lebensweise ist sinnvoll, aber eben keine Garantie für ein langes Leben.
Da gäbe es noch manches darüber zu sagen, dass Essen und Ernährung auch zu einer Religion werden können – wenn die Lebensmittel zum Lebensinhalt werden. Ich möchte stattdessen eine andere Entdeckung mit Ihnen teilen: Die Länge – damit kann auch die Länge des Körpers / die Körpergröße gemeint sein. Da ist das noch eindeutiger: Ich kann mit der eigenen Körpergröße unzufrieden sein und mich zu klein finden. Ich kann mich darüber ein Leben lang grämen – größer werde ich davon aber nicht. Da ist nichts zu machen.
Will sagen: Sorgen und Sich-Grämen ändert nichts, ist also völlig nutzlos. Davon wusste auch Georg Neumark vor beinahe 400 Jahren schon ein Lied zu singen: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit“ (EG 369,2). Lass es bleiben, Du änderst damit nichts, sondern machst es nur noch schlimmer.

Das zweite pragmatische Argument: Sorgt nicht für morgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Die Aufgaben jedes einzelnen Tages sind doch schon genug für diesen Tag. Da muss ich mir nicht auch noch den Kopf über das zerbrechen, was morgen und übermorgen und überübermorgen zu erledigen ist. Mach heute den ersten Schritt und steh Dir nicht selbst im Weg, indem Du Dich um die nächsten Schritte sorgst.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“ lehrt Jesus im Vaterunser zu beten. Tag für Tag zu essen zu haben ist genug. Jesus knüpft damit an die Geschichte von der Wanderung durch die Wüste nach der Befreiung aus Ägypten an. Tag für Tag konnten die Israeliten das Manna sammeln – soviel wie ein jeder für einen Tag gebraucht hat.

Jesus argumentiert einerseits pragmatisch: Deine Verantwortung ist begrenzt. Manches kannst Du überhaupt nicht beeinflussen – also musst Du Dich auch nicht mit der sorgenvollen Grübelei darüber kaputt machen. Und manches hast Du heute noch nicht zu verantworten – also konzentriere Dich auf das, was zuerst, was heute dran ist. Das ist genug. Lade Dir nicht mehr auf, als nötig.

Damit komme ich zum theologischen oder inhaltlichen Argument: Gott sorgt für Euch und er weiß, was Ihr benötigt. Das Sorgen als Kreisen um die eigenen Bedürfnisse macht einerseits blind für die Sorgen und Nöte des Nächsten. Wer nur Augen hat für das Sammeln der eigenen Schätze, der versagt dem Nächsten die Hilfe und Unterstützung.
Dieses Sorgen macht aber auch blind dafür, dass ich in meinem Leben mit vielem beschenkt bin – angefangen damit, dass ich lebe. Das habe ich mir nicht selbst erarbeitet. Dass meine Bemühungen Früchte tragen – daran habe ich zwar mit meinen Entscheidungen und meinem Einsatz Anteil; aber wirklich garantieren kann ich das nicht. Und wie oft kommt es vor, dass etwas Gutes geschieht, ohne dass ich etwas dazu beigetragen habe: Ein wildfremder Mensch hilft mir auf der Straße. Jemand kommt neu in unseren Ort und engagiert sich in der Gemeinde.

Sorgen ist das Gegenteil von Vertrauen und von Hoffnung. Wenn ich mich sorge, dann rechne ich nicht mit der Möglichkeit, dass etwas Gutes in meinem Leben geschehen kann, ohne dass ich etwas dazu tue. Der Vergleich mit den Vögeln und mit den Lilien ist sicher zugespitzt und gilt auch nur begrenzt: Schließlich tragen wir für unser Tun Verantwortung, die Lilien nicht; aber Jesus erinnert damit bildhaft daran, dass auch in unserem Leben wertvolle und kostbare Dinge geschehen können, die wir nicht in der Hand haben.

Nicht sorgen um Dinge, die nicht in unserer Verantwortung liegen; aber mit dem, was in unserer Macht steht, dafür sorgen, dass es gerecht zugeht in dieser Welt und Leid gelindert wird – darum geht es. Jesus plädiert nicht für eine oberflächliche oder gleichgültige Sorglosigkeit; aber er weiß genau, dass wir unserer Verantwortung viel eher gerecht werden können, wenn wir sie gelassen und im Vertrauen auf Gottes Segen wahrnehmen. Deshalb erlaubt er uns diese Leichtigkeit im Blick auf das Leben: Schaut Euch die Vögel unter dem Himmel an. Gott sorgt für sie und für Euch. Schaut Euch die Lilien auf dem Feld an. Keine menschliche Mühe kann diese Schönheit erreichen – und Ihr seid doch noch viel kostbarer als die Lilien und die Vögel. Also entspannt Euch, damit Ihr tun könnt, was zu tun ist – nicht mehr und nicht weniger.

Den Traum vom Nicht-sorgen hat übrigens auch die 1970 ins Leben gerufene Glücksspirale (Fernsehlotterie) eine Zeit lang gepflegt. Ihr Motto war Anfang der 80er-Jahre „Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben“. Aber irgendwann war das den Verantwortlichen dann offenbar doch zu einseitig. Im Jubiläumsjahr 2020 hieß das Motto „40 Jahre gute Taten“, weil mit den Einnahmen ja auch karitative Zwecke unterstützt werden. Und heute steht auf der Website: „Glück ist: Wenn Fairness wirklich zählt. Mehr Chancen für alle“. Wenn die mal nicht von Jesus gelernt haben …

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